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Die Wahrheit · 1910-04-01 · Heft 14 (1.4.1910) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 14 (1.4.1910)
Date
1910-04-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 14 Die Wahrheil Seite 7. des Zunzschen Knlturvereines. Zunz ist sonach nicht nnr der Vater der modernen jüdischen Wissenschaft, sondern auch des modernen volkstümlichen Vortragswesens im Judentum. In einem seiner Essays sagt Nordan von unserer heutigen Zeit, daß ihr die Tendenz zur Nivellierung innewohne. Alle die großartigen, neuzeitlichen Erfindungen aus sozialem und technischem Gebiet lausen in ultima analysi daraus hinaus, die sozialen und ethnologischen Unterschiede der Rassen und Klassen anfzuheben, Menschen und Dinge einander gleichznmachen. Nicht nnr die Regierungssormen der Knltnrstaaten, die soziologische Struktur der Modernen Gesellschaft, auch die Wissenschaft zeige das Streben ans ihrer Exklusivität herauszutreten und demokratisch. d. h. volkstümlich zu werden. War die Wissenschaft früher die ausschließliche Domäne von Fachleuten und Fachgruppen, so ist sie jetzt im Begriff zum Gemeingut des Volkes und der Völker zu werden, der wichtigste Hebel znr Demokratisierung der Wissenschaft ist der volkstümliche Vortrag. Er ist die Nivelliernngsmaschine der heutigen Zeit. Diese Maschine ist aber, wie Ihnen meine schwachen Ausführungen gezeigt haben mögen, in ihren Hauptbestandteilen jüdischen Ursprungs. Denn, um einer alten, jüdischen Bvnragsregel entsprechend, zu schließen, womit ich begonnen, wir Inden sind und bleiben das Volk des Wortes. Es ist der xv°7va nn, der redende Geist, der in uns lebt und den wir frisch und lebendig erhallen müssen, um uns selbst zu erhalten. Mithin gehört das Judentum nicht zu jenen Dingen, von denen man am besten gar nicht oder so wenig als möglich spricht, sondern im Gegenteil: Je mehr darüber gelehrt und gesprochen wird, freilich die Wahrheit gesprochen wird, je besser, desto höher steigt sein Wert intra et extra muros. Und wenn Göthe seinen himmelstürmenden Faust in Bezug ans die Bibel sagen läßt: Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen, unser Lehrmeister, die jüdische Geschichte, lehrt das Gegenteil: nicht hoch genug Meine Herren, sprach der Waidoslawer Maggid, dies ist mein «Gleichnis, hören Sie noch die kurze Anwendililg. Unsere Religion stellt die erhabensten Forderungen an uns, ihre Bekenner. Unsere Väter erfüllten dieselben mit Begeisterung, sie brachten die größten Opfer für dieselben, denn die heilige Flamme der Glanbenstrene loderte in ihren Herzen.. Diese Glut wurde genährt durch die Satzungen und Bräuche, welche sie mit frommem Sinn erfüllten. Sie wollen jetzt einen großen Teil dieser nach -ihrer Ansicht religiösen Aeußerlichkeiten abgeschafft wissen. Sie möchten dem Jndentnme leichtere und gefälligere Formen geben. Ich hätte nichts dagegen, allein beachten Sie eines wohl, damit' es Ihnen und Ihrer Reformation nicht ergehe, wie dem Direktor -jenes Hüttenwerkes. Lassen Sie, während Sie die neuen Einrichtungen treffen, die heilige Glut des Glaubens im Herzen der -.Jugend nicht erkalten, nicht ersterben. Denn ist dies einmal geschehen, ist die Flamme jüdischer Glanbensinnigkeit erloschen, .'dann bleibt das kommende Geschlecht kalt und unempsänglich trotz aller Reformation und Verbesserung. Beachten Sie das eine wohl. Lassen Sie nnr das die zündende Glut nicht ersterben und dann schaffen Sie meinetwegen Blasebälge an, wie viel Sie wollen, reformieren Sie in Gottes Namen. Hiermit wären wir bei Mendelssohn und seiner Zeit angelangt. Was Mendelssohn und seine Nachfolger für die Hebung des Judentums in geistiger und sittlicher Hinsicht geleistet, ist viel zu bekannt, als daß es einer näheren Ausführung bedürfte. Mur das eine möchte ich bemerken, daß Hartwig Wessely es gewesen, der die Bedeutung des volkstümlichen Vortrages für das Judentum nach langer Zeit wieder sehr energisch betrat und sein .Hauptaugenmerk darum jenen Landgemeinden znwandte, die in Ermangelung von Kanzel und Rabbiner des belehrenden und Erbauenden Wortes um so dringender bedurften. Die Befriedigung dieses Bedürfnisses, dessen eifrigster Anwalt Jakobson geworden, sollte im Wege der jüdischen Religionsschulen erzielt! Wir Inden sollten und können das Wort werden. Die teils von Jakobson selbst, teils durch seine Mit-! schätzen Wirkung errichteten Schulen von Seesen, Wolsenbüttel, Dessau, | -Kassel, erwiesen sich als ebensoviele Stätten, wo von hervvrraj genden Lehrern, volkstümliche Vorträge für die Jugend sowohl wie auch für die Erwachsenen gehalten wurden, eine Entrichtung, die dann von Mannheimer in Kopenhagen und von Lilienthal in Mew-Iork eingesührt wurde. Wir besitzen eine ganze Reihe solcher Schnlvorträge von Weil, Büdinger, Auerbach und Ereizenach, die Zeitgnis von den Triumphen ablegen, welche das volkstümliche Vvrtragswesen durch Vermittlung der Schulen in den erwähnten Gemeinden gefeiert hatte. Wenn den preußischen Schullehrern nachgerühmt wird, daß sie es waren, die das Deutsche Reich begründet, so kaitn mit demselben Recht von den jüdischen Lehrern jener Zeit gesagt werden, daß sie das arg daniederliegende volkstümliche Vortragswesen und dadurch das Judentum selbst vor dem Untergang retteten. Freilich war unter jenen Lehrern auch ein Leopold Zunz gewesen. Bekanntlich hat Lunz es sich znr Lebensaufgabe gestellt, die Ueberzengung festznlegen, daß dem Judentum nur durch die Kenntnis und die Erkenntnis seines Wesens, seiner Geschichte und Literatur geholfen werden kann. Wie er diese Ausgabe theoretisch in seinen unsterblichen, wissenschaftlichen Werken zu erfüllen suchte, so praktisch in den von ihm im Verein mit Gans und Moser im Jahre 1819 gegründeten Verein für Kultur und Wissenschaft der Juden ^), zu deren Mitgliedern bekanntlich auch Heinrich Heine gehörte. Neben anderen zuweilen hochfliegenden Plänen, die naturgemäß nicht verwirklicht werden konnten, wurde in diesem Verein das volkstümliche Vortragswesen gepflegt, worin sich Zunz selbst sehr eifrig betätigte. War auch dem Knltnrvereine infolge der traurigen politischen Verhältnisse nnr ein kurzes Dasein beschieden, der Gedanke, daß dem volkstümlichen Vvrtragswesen auch außerhalb des Gottesdienstes ein gebührender Platz einzuräumen sei, war gegeben und lebt und wirkt fortzengend bis in die Gegenwart. Alle im Laufe der letzten Dezennien entstandenen jüdischen Literatur- und Vortragsvereine, die gleich einem Riesennetz die gesamte Jndenheit der Gegenwart umspannen, sind Kinder G) vgl. -S. 167 Z. ff. Philippsohn: Neueste Geschichte de» jüdischen Volkes Liberale Aenßernngen hervorragender rabbinischer Autoritäten in Polen in früheren Jahrhunderten. Bon Dr. M. H. Friedländer. (Fortsetzung.) Allerdings wurde diese Art „Andacht" von den hervorragendsten Rabbinern getadelt. So z. B. schrieb R. David Simri (Rvdbas) in seinen Responsen: „Wenn Israel in seinen Gotteshäusern lärmt und poltert, wenn die Gebete laut bunt durcheinander gescbrien werden, so daß der Eine mit seinem Gebete früher zu Ende ist als der Andere, ensernt sich sogleich die Schechina (Resp. Rodbas 474). R. Esroim Lenezgez ruft in seinem Werke „Ämude scheseh" ans: Wir werden zum Gelächter und zum Spotte in den Augen der Andersgläubigen, die oft unsere Synagogen zu besuchen pflegen, um zu sehen, wie Israel seinen Gott anbetet und verehrt. Wenn sie nun Augenzeugen der hier obwaltenden Unordnung und Anstandslosigkeit sind, so machen sie sich lustig über Israels Gottesdienst und suchen unsere Sillen und Bräilche ins Lächerliche zu ziehen. Kann man sich nun einen größeren Chillul haschem öenlen? n7ö awn bfrrr kt* -n (Am. schesch S. 21) Auch R. Joiaias Hnrwitz tadelt in seinem Werk? „Schene Luch. rr*yv 214 die Unordnung wie das laute Schreien im Gotteshanse : „Den in einigen Gemeinden üblichen Brauch des lauten Schreiens während des Gebetes am Neujahrsfeste, wie am Versöhnnngstage finde ich als höchst abgeschmackt und absurd. Wer aber in stiller Andacht sein Gebet verrichtet, ist besonders lobenswert ' nni' nruwa wrrto bbana© 'Qi Uebrigeus wird ja schon im Talmud (Berach. 31) den Betenden ans Herz gelegt, ihre Gebete in würdiger, r lt h i g e r und andachtsvoller Weise zu verrichten, wie es die fromme Channa getan, von der es heißt (1. B. Samuel 1): Channa harte nämlich immer in ihr Herz hinein geredet; nnr ihre Lippen bewegten sich, aber ihre Stimme wurde nicht gehört inbara 1^12 jmsr abv bbsnab jxaaraüab nbipt Ans diesen hier angeführten Daten — die noch bei weitem vermehrt werden könnten — wird wohl jeder für den Glauben

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