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Die Wahrheit · 1910-04-01 · Heft 14 (1.4.1910) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 14 (1.4.1910)
Date
1910-04-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit Ni 13. unserem fröhlichen' und zur Freude stimmenden Purimfeste die Schwelle des Greifenalters betreten hat und im Kreise seiner gelehrten Söhne, seiner gesangskundigeu Schwiegersöhne, seiner Töchter, die wahrhafte riurox find, am schönen Purimfeste eine zweifache Freudenfeier beging, ist mir das aufgeworfene, scheinbar unlösbare Problem gelöst und der, oberflächlich betrachtet, so krasse Widerspruch, der zwischen den zwei zitierten rabbinischen Lehrsätzen obzmvalteu scheint, in nichts verflüchtigt. — Denn ist es die hehre Aufgabe des Pädagogen, den seiner Erziehung anvertrauten Zöglingen Jdealgestalten aus der Geschichte der Meuschheit in ihrem heiligsten Tun für das Wohl der menschlichen Gesellschaft vvrzuführen, damit der Geist dieser jungen Kinder, so er noch zart und für alles Gute empfänglich ist, mit dem Funken des Edelsten und Erhabensten für eine ideale Lebensauffassung geschmiedet wird, so hat unser Jnbilar Rabbi Mordechai Händler diese Aufgabe seinen Nachkommen gegenüber nicht minder, wie seinen ihm anvertrauten jüdischen Schülern gegenüber in den verschiedenen jüdischen Gemeinden, in denen er als Rabbiner und Religionslehrer segensreich gewirkt, in der edelsten und schönsten Weise erfüllt. Es gibt viele Rabbiner und sonstige Gelehrte, deren Kinder sonst begabt sind und doch nicht das geworden sind, was nach menschlicher Berechnung von ihnen zu erwarten wäre. Warum? Antwort: Die Thora ist kein Erbstück. Denn wenn der jüdische Vater, sei er nun Rabbiner oder sonstiger jüdischer Gelehrter, in seiner Lehrstube seine Zeit mit wissenschaftlichen Forschungen zubringt, ohne sich der Erziehung seiner Kinder im jüdischen Sinne und Geiste zu widmen, so können dessen Söhne, wenn sie begabt sind, eventuell getaufte Staatssekretäre werden, keineswegs jedoch Männer, die dem jüdischen Volke zum Ruhme und dem Stamm, dem sie entsprossen, zur Ehre gereichen, denn „die Thora ist kein Erbstück". Wenn aber ein Vater wie Rabbi Mordchai Händler trotz aller Gelehrsamkeit und trotz allen Fleißes in der Forschung der Thora liebevoll und voller Sorgfalt der Erziehung seiner Kinder sich widmet, daß sie, welchen Lebensbernf sie immer ergreifen, treue Söhne ihres Volkes bleiben, so kann er dessen sicher sein, daß des Judentums leuchtende Fahne sein Geschlecht für alle'Zeiten schmücken wird. Am Purim 1840 in Nemes-Bikk, Borsoder Komitat, als Kind frommer Eitern geboren, erhielt unser Jubilar den Namen des Pnrimhelden „Mordechaj hajehndi". Durch Fleiß und Begabung viele seiner Kollegen in den Jeschiboth von Szabadka und Preßburg weil überragend, glänzte er schon in seinem 26. Lebensjahr als weitbekannter Rabbiner der israel. Kultusgemeiude zu Ol'zä-d. Als ausgezeichneter ungarischer Kanzelredner, wovon auch seine 1887 erschienenen, patriotischen Festreden "rrobö ins,, goldenes Zeugnis ablegen, verschaffte er der jüdischen Kanzelrede auch außerhalb jüdischer Kreise ungeteilte Anerkennung. Anläßlich seines 4Ojährigen Amtsjnbiläums, das der geschätzte Jnbilar 1904 feierte, ward er Gegenstand vielfacher begeisterter Ovationen. Die drei Söhne des Jubilars gereichen nicht nur ihm, sondern auch der menschlichen Gesellschaft, besonders aber dem Judentum zu Ruhm und Ehre. Der älteste Sohn Dr. Rudolf Händler, ein vielbeschäftigter Rechtsanwalt in Lugos, ist ein strengreligiöser Jude von geradezu kindlich-naiver Gläubigkeit. Dr. Simon Hevesi (Händler), Rabbiner in Budapest, ist bekanntlich das verhätschelte Schoßkind aller modernen ungarischen Inden. In der Tat beherrscht dieser geniale ungarische Kanzelredner mit seiner poetischen Begabung das “rr\:zmabn* in ausgezeichneter Weise. Ein dritter Sohn des Jubilars, Dr. Elias (Händler) Heven, angesehener, schneidiger Rechtsanwalt in Budapest, ist in der jüdisch-rabbinischen wie in der modernen jüdischen Literatur so bewandert, daß man beim ersten Anblick den Eindruck geivinnt, daß mau es mit einem jüdischen Gelehrten zu tim hat, der das Budapester Rabbinersemiuar mit ausgezeichnetem Erfolg absolviert hat. Dr. Tänzer. Schwiegersohti des Jubilars und gegenwärtig Rabbiner in Göppiugeii, ist den Lesern dieses geschätzten Blattes bekannt, da er zu feinen besten Mitarbeitern zählt, Zwei Schwiegersöhne des Jubilars sind Kantoren. Oberkantor Weißmann in PoLega ist in Fachkreisen weit über die Grenzen seines Vaterlandes durch seine ausgezeichneten Kompositionen auf jüdisch-liturgischem Gebiete bekannt, in der Tat sind seine musikalischen Schöpfungen von großer Zartheit, weichem Schmelz und hinreißender Wirkung. Der dritte Schwiegersohn des Jubilars ist Herr Jsak Freudes, Oberkantor in Virovitica. Sein schöne, melodiöse Bariionstimme, die das „Jüdisch" mit eigenartigem Reiz singt, hat ihm die Sympathie aller unserer Gemeindemitglieder zugeführt. Wenn nun der geschätzte Jubilar im Kreise der Seiuigeu einen Rückblick arff seinen bisherigen Lebenslauf wirst und der Kämpfe und der Sorge gedenkt, die ihn in feinem idealen Lebensberufe umringten und gar oft seine Tatkraft zu lähmen drohten, so kann er heute frohen Mutes dem himmlischen Vater Dankeshymnen anstimmen, da er rinn das Bewußtsein hat, daß sein idealer Lebenskampf erfüllt von materieller Sorge, ihm die schönsten Früchte gezeitigt hat. um die ihn so manch Sterblicher beneidet. Wir wünschen dem Jubilar viel Glück und Segen und 2'v' Das volkstümliche Dortragsrvesen im Indeiltum. Bon Dr. Armin Abeles. (Schluß.) In einem großen Reich, erzählt der Waidoslawer Maggid, herrschte einst eine hochherzige Regentin. Infolge vieler eingelaufenen Klagen faßte sie den Entschluß, die Lage der in ein weit entferntes Küstenland verbannten Sträflinge untersuchen und das ihr geschilderte Elend nach Möglichkeit mildern zu wollen Sie betraute damit einen ihr sehr ergebenen und als wahren Menschenfreund bekannten Beamten. Dieser trat die Reise an und fand überall, wohin er gekommen war, die traurigsten Zustände. Eitles Tages kam er in ein von Sträflingen betriebenes Hüttenwerk, tvelches einige Hundert solch unglücklicher Arbeiterbeschäftigte. Aber welch elende Jammergestalten traf er da! Die Bläffe des Todes lag auf ihren Zügen nnd wankenden Schrittes schlotterten sie einher. Auf die Frage des Beamten, weshalb die Leute alle so verfallen anssehen, erfolgte vom Hüttendireklor die Antwort. Das rührt daher, weil sie von Zeit zu Zeit einander ablösend durch die Kraft ihrer Lungen die Glut des ■ Feuers int Schmelzofen an fachen mußten. Der Beamte schlug entsetzt die Hände zusammen lind rief: Um Himmelswillen kennen Sie den einfachen Mechanismus des Blasebalges nicht? Der ist mir unbekannt, sprach der Direktor. Ich habe alljährlich so und so viel Tausend Zentner Metall an die Regierung abzulieferu nnd da gilt es dieLente zu strengeremFrohndienst anzuhalten. Aber es wäre mir selbst im höchsten Grad willkommen, wenn ich durch Ihre gütigelt Angaben eine Einrichtung kennen lernen würde, welche die aufreibende Plage meiner Arbeiter ersetzeil würde. Hierauf erklärte der Beamte die Instruktion mtb Verwendung des Blasebalges und versprach demnächst mehrere derselben dem Hülteilwerk zuznschickell. Erfreut voll dem sichtlich tiefen Eindruck, den das Versprechen auf die armen Sträflinge machte, trat der Beamte seine Heimreise an. Nach einem Jahr ging er im Allftrag der Kölligill abermals auf Reisen, um sich von dem Vollzug der Verbesserungen in der Lage der Sträflinge durch Augenschein zu überzeugen. Nicht überall .sah er die getroffenen Maßregeln verwirklicht und er mußte hin und wieder den strengsten Tadel aussprechen. In die Nähe jenes Hüttenwerkes gekommen, gab er sich den angenehmsten Erwartungen hin und glaubte dort die vollste Befriedigung zu findell. Aber zll seinem höchsten Erstaunen tras er auch hier die alten Uebelstände an. Es sah womöglich noch schlimmer aus wie bei dem ersten Besuch. Warum haben Sie meinen Befehlen nicht Folge geleistet, fuhr er den Direktor an. Wo sind die Blasebälge? Warum fetzen Sie die Arbeiter noch immer ben alten Qualen aus? Lächellld erwidert der Direktor: Herr, ich bin frei voll jedem Vorwurf, ich habe mich genali nach Ihren Angaben bei Aufstellung nnd Verwendung der seiiterzeit richtig empfangenen Blasebälge erhalten, allein alles war vergeblich, die erloschene Glut blieb erloschen, da half kein Blasen, kein Schüren. Ja, wenn Sie die Glut ersterben taffen, rief der Beamte, dann freilich nützt kein Blasebalg mehr, da muß die tote Glut tot bleiben.

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