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Die Wahrheit · 1910-04-01 · Heft 14 (1.4.1910) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 14 (1.4.1910)
Date
1910-04-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Die Wahrheit Seite 5. Nr. 14 den Tod des großen, geliebten Lehrers habe er sich blnlige Wunden in das Fleisch gerissen und laute Klage erhoben. Nun weiß jeder auch nur halbwegs Talmndkundige, daß der Lehrer R. Akibas der berühmte R. Elieser beu Hyrkanos rvar und wo im .Talmud R. Elieser ohne nähere Bezeichnung steht, R. Elieser ben Hyrkanos gemeint ist. Dr. Perles aber nennt ihn R. Elieser, Sohn des Kisri. Daraus machte mich ein jüngerer Kollege, der einen Teil von Semacholh in deutscher Uebersetznng heransgegeben hat, aufmerksam^ Ich sagte ihm sogleich, daß Dr..Perles ganz sicher gewußt habe, daß der Lehrer R. Akibas R. Elieser ben Hyrkanos war, er habe aber diese Erzählung nicht ans dem Talmud selbst, sondern aus einem Buche, wo der Fehler schon steht, abgeschrieben. Und richtig fand ich schon nach einigen Tagen die Bestätigung für meine Behauptung. In Ascheri zum dritten Abschnitt von Moed-Katon findet sich säst alles vereinigt, was im Talmud und den späteren Schriften bis Ascheri über Tranergebränche zerstreut vorkommt. Auch die Erzählung von N. Akiba fehlt dort nicht. Aber ein arger Druckfehler hat sich in dieselbe eingeschlichen. Anstalt R. Akiba traf die Bahre des N. Elieser zwischen (ps) Kisri und Lud, steht, er traf die Bahre des R. Elieser. Sohnes (p) des Kisri in Lud. Dr. Perles hat also offenbar, um sich die Arbeit zu erleichtern, die Erzählung ans Ascheri (S. 140) abgeschrieben und nicht ans den Quellen, wo deutlich steht, daß man die Leiche von Cesaräa nach Lnd geführt hat und R. Akiba sie auf dem Wege von der einen Stadt zur andern traf. Um von der Schrift des sel. Münchener Rabbiners Dr. Perles zu einem Schulbuche zn kommen, brauchen wir keinen weiten Sprung sondern nur einen Schritt zn tun. Ich bemerke gleich, daß das Lehrbuch, ans dem ich jetzt ein Beispiel anführen will, sehr gut geschrieben ist und seinem Zwecke vollkommen entspricht und daß durch meine Bemerkung weder der Wert des Buches verkleinert, noch dessen verdienstvollem Verfasser in irgend einer Weise nahegetreten werden soll. Es liegt mir das ebensoferne, als R. Jesaia-Berlin bei seiner Bemerkung zu dem n-n im Beth-Joses und Ture-Sahab jede Herabsetzung in Bezug ans diese ferne lag. In dem fraglichen, seit vielen Jahren mit Recht an zahlreichen Schulen eingesührten Lehrbnche wird von Esra berichtet, daß er nach einer Tradition mit fünf Federn ans einmal habe schreiben können. Schon vor mehreren Jahren erfuhr ich das durch einen meiner Schüler, den ich über Esra ausfragte und der bei meiner Berivnndernng darüber mir zeigte, daß es so im Buche stehe. Mir fiel sofort der im Talmud (Joma 88 a und Sclielralhn) erwähnte Bar Kamzar ein, von dem berichtet wird, daß er gleichzeitig mit vier Federn — je einen zwischen zwei Finger haltend — habe schreiben können, weil er aber diese Kunst niemandem habe lehren wollen, der Fluch über ihn ausgesprochen wurde. Denn hätte er das getan, bemerkte der Verfasser der Tossasot-Jomtob, wäre man imstande gewesen, den heiligen Gotlesnamen, der aus vier Buchstaben besteht, ans einmal zn schreiben. Ich dachte nun nichts anderes, als daß da eine Verwechslung des Bar Kamzar mit Esra stattgefnnden habe, obgleich auch so die Sache nicht ganz stimmte, denn erstens war eine Feder zn viel oder Esra müßte sechs Finger gehabt haben und wenn das nicht der Fall mar, so hätte er sich die fünf Federn an die fünf Finger binden lassen müssen; zweitens wurde ja Bar Kamzar getadelt, weil er die Kunst nicht andere lehrte, um sie im Dienste der Religion anznwenden. In dem Falle hätte ja auch Esra getadelt werden müssen. Es ist noch nicht lange her, seitdem ich über die mir auffällig gebliebenene Sache zufällig einige Anfklärn.ng erhielt. Unter meinen vielen ungebundenen Büchern und Broschüren herumsuchend, entdeckte ich mehrere Hefte von Hamburgers Real-Enzyklopädie, von deren Besitz ich keine Kenntnis hatte, denn sonst hätte ich schon früher dort nachgeschlagen. Voller Erwartung, dort vielleicht eine mir unbekannte Talmud¬ oder Midraschstelle,. über Esra zu finden, las ich sofort den Artikel.'dieses Namens und wirklich fand ich dort das im Lehrbuche über, die Schreibgeschicklichkeit Esras Mitgeteilte. Dort wird aber auchdie. Quelle für das Mitgeteilte angegeben, nämlich Zlbotfi. des R. Nathan c. 84 und Midrasch-Rabbah zum 4. Bde. Parschah 3. Als ich diese Quellenangabe sah, war ich ganz frappiert, weil ich den Midrasch-Rabbah schon seit vielen Jahren fast jedes Jahr durchgehe und auch Abot des R. Nathan schon mehrmal durchgenommen und. alle geschichtlich bemerkenswerten Stellen in beiden Werken unterstrichen habe. Ich säumte selbstverständlich nicht, die angegebenen Stellen anfznsnchen, aber wie groß war mein Erstaunen, als ich an keiner von beiden auch nur das Geringste über die fünf Federn Esras von dem dort wohl die Rede ist. fand. So stehe ich denn jetzt vor einem noch viel schwerer zu losenden Rätsel als früher, und ich wäre jedem dankbar, der die Güte hätte, die richtige Quelle, ans welcher die sagenhaften fünf Federn geflossen, in diesem Blatte anzngeben. Ich zweifle aber sehr, ob sich eine solche findet, denn sonst hätte ja auch Esra, wie Bar Kamzar, getadelt werden müssen. (Schluß folgt.) Markus Händler, Oberrabbiner in Tolis Zn seinem 70. Geburtstag. Boa Dr. H. C Kaufmann, Birovmca. So sehr man sich der Mühe unterzieht, den Talmud als einheitliches Geisteswerk hinznstellen. io undankbar ist die Ausgabe derjenigen, welche solches Nachweisen wollen. Denn die Schulen zn Snra und Pampaditha waren anders geartet als die zu Uscha und Zäsarea (pnc'p-r pn). Und auch die Zeitalter, in welcher die Gesetzeslehrer lebten, wirkten und lehrten, waren in ihrem Kultnrbilde von einander so verschieden, daß von einer Einheitlichkeit der Weltanschauung und Lebensauffassung der Lehrer der verschiedenen talmndischen Epochen nicht die Rede sein kann. Daher ist es erklärlich, daß man im Talmud ebenso den Pessimismus wie den Optimismus, die alles verneinende Kritik, die Skepsis, wie nicht minder den klar ausgesprochenen Positivismns vertreten sieht. Soll es uns nun Wunder nehmen, wenn wir bei der talmndischen Lektüre gar oft ans verschiedene, in epigrammatischer Kürze gefaßte, didaktische Sprüche stoßen, die inhaltlich einander ganz ansheben und gegenseitig sich ansschließen? Will man der Askese das Wort reden, so kann man sie gewiß mit einer stattlichen Zahl talmudischer Lehrsätze und Anssprüche begründen, wie dies Elia di Vidas in seinem naan rvrsn in nicht allznkärglichem Maße tut. Die Kehrseite der Askese, die Freudigkeit des Lebens und seinen sinnlichen Genuß begründet Lazarus in seiner Ethik des Judentums (die Ethik des Judentums 1899 S. 284 ff). Als ich nun anläßlich des siebzigsten Gednrtssestes des hochgeachteten Tataer oder richtiger jüdisch ansgedrückt, Totiser Rabbi Mordechai Händler seine Familienmitglieder, besonders seine berühmteil und gelehrten Söhne vor meinem Geiste Revue passieren ließ, kamen in meinem Gedächtnisse ebenfalls zwei scheinbar sich gegenseitig ansschließende Sprüche, beziehungsweise Axiome des talmndischen Schrifttums zum Vorschein. Nach rabbinischer Anschuilung nämlich ist die Tora, die Gelehrsamkeit, keines derjenigen Güter, welche die Kinder von ihren Eltern erben können, wie sie materielle, bewegliche und unbewegliche Güter, ohne sich anstrengen zn müssen, erben. Dagegen lehrt Rabbi Jochanan, daß wenn Vater, Sohn und Enkel Gelehrte sind, bleibt die Gelehrsamkeit in der Familie und ist mehr keine Gefahr vorhanden, daß je ein Nachkommen dieser gelehrten Familie, dieses gelehrten Stammes kein Gelehrter sein werde (Babyl. Talmud Traktat Baba-Meziah Fo. 85 a). Diesem Lehrsätze des Rabbi Jochanan schließen sich noch andere Amoräer an. Es ist also ans diesen Meinungen klar, daß die Thora, die Gelehrsamkeit. sich doch von Geschlecht zn Geschlecht vererbt, und es scheint ausgeschlossen, daß wenn in drei Generationen die Gelehrsamkeit heimisch war, die vierte Generation ans sogenailnten crr-ixn bestehen soll, Gibt es etwas Widersprnchvolleres? Zuerst heißt es: Die Tora ist kein Erbstück, dann: die Thora, wenn sie in drei Generationen heimisch war, erbt sie sich in der Familie von Generation zu Generation fort! Wenn ich jedoch den ehrwürdigen Jubilar, Se. Ehrwürden Herrn Rabbiner Markus Händler, in seinem Wirken und Schaffen betrachte — der gerade an

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