Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 14 (1.4.1910)
- Date
- 1910-04-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 14. mörderische Ohm Hamlets in die Ohren seines königlichen Bruders. Was? wirklich Gift, wie etwa der dumme Oberlientenant Hofrichter? O, so ein Stümper ist Lueger ebensowenig als Franz Mohr; denn der Plan ist fertig — schwer und kunstvoll wie keiner — zuverlässig — sicher — denn des Zergliederers Messer sindet ja keine Spuren von Wunde oder korrosivischem Gifte. Er infizierte die Masse einfach mir dem unwägbaren Gifte des Judenhasses. Was verschlngs, daß kurz vorher der berühmte Rechtslehrer Jhering seinen Bortrag: „Der Kamps ums Recht", an der Wiener Universität gehalten, bevor er sich nach Gießen, Böses voransahnend. zurückgezogen hatte? Was halfs, daß er darin gewarnt, auch nur einen Stein ans dem Bau des Rechts heranszulösen, der dann zilsammensallen müsse, daß er zu hedenken gab, eilt Staat habe es oft. wenn er das Rechtsgesühl seiner Bürger nicht pflege und fördere, mit einer Provinz zu bezahlen? Die Masse wollte durchaus einen Schritt näher zitrück zum Robot des Bauern, zum Leibzoll des Juden, und Lueger führte sie zurück in diese Richtung. Wo aber ist die verlorene Provinz? So tvird man fragen. Nun, das kann noch kommen. Narr, wir haben ja erst kürzlich Bosnien annektiert, nachdem wir es früher bloß okkupiert hatten. Ja, aber die vielen Millionen, die wir haben hergeben müssen, ans Angst vor Rußland, vor dem von Japan geschwächten Rußland! Die Millionen, die vielen; trotz der Millionen Deutscher Bajonette zur Seite! % * Hat man je von einem Genie gehört, das feig gewesen wäre? Lueger aber war feige. Ich selbst war Augenzeuge folgender Szene. Als man ihn in der Leopoldstadt zum Abgeordneten wählte, war er stundenlang in der Sperlgasse lvie ein Triumphator unermüdlich ans- und abgegangeu. Dann ging er ins Stiegenhans des Gemeindeamtes. Mehrere jüdische Wähler schaarten sich um ihn, hochgewachsene stramme Leute, sie beklagten sich wegen vorgekommener Wahlmißbräuche. Ihre Stimmen wurden drohend, Lueger erblaßte. Er zog sein Etui heraus, verteilte Zigarren, begütigte und besänftigte die Inden. Diese ließen sich beschwichtigen. „Es ist doch unser Dr. Lueger", so tönte es ringsumher. Da kamen die Partisanen Luegers herbei, und blitzschnell vollzog sich eine überraschende Metamorphose: „Geht^s doch fort, glanbt's, wir können alle Juden sein?" So klangen nunmehr seine Worte an die Lästigen. Rousseau, der schwächliche, kranke Rousseau, hielt tapfer aus, als ihn der Pöbel in Nens-Chatel an Leib und Leben bedrohte. Der hünenhafte, von Bauern stammende Lueger fürchtete sich vor Juden. Der furchtsame Lueger war kein Genie. * * * Sie rühmen seine Gartenanlagen, auch die am Kai. Mir tuts um die gefällten Bäume leid, mir war der Beserlpark lieber. Man sagt ihm lobend nach, er sei bedürfnislos, seine Hände seien rein gewesen. Mag sein! Hält eine solche Rechtfertigung aber vor einem höhern Richterstnhl stand? Genügt es, sich selbst vom Unrecht sernzuhalten, um die untergebene Schaar desto uneingeschränkter gewähren zu lassen? S. Bineta. Die Fortpflan;»ng von Fehlern. Von Rabbiner Professor M. Stark-Prag-Weinberge. Ich bemerke sofort, daß ick nicht über die physischen und psychischen Defekte, welche von den Eltern ans die Kinder übergehen. über die erbliche Belastung hier schreiben will, obzwar das auch ein für ein jüdisches Blau sehr passendes Thema wäre. Denn bei keinem Volke wurde ans die Abstammung so großes Gewicht gelegt, wie bei den Juden. Schon im alten Israel, in der Thora, spielen die Geburts- und Stammesregister eine Hauptrolle und nehmen in letzterer einen großen Raum ein. Der Ausspruch: „Er ahndet die Schuld der Väter an den Kindern", weist auch schon ans den geistig-moralischen Zusammenhang zwischen Eltern und Kindern hin, wenn auch durch das Hinzufügen der Worte: „an denen, die mich hassen", gesagt werden soll, daß die Kinder nicht notwendig in die moralischen Fußstapfen der Eltern treten müssen, sondern bei richtiger Erkenntnis und festem Willen ihren eigenen Weg gehen können. Bekannt ist. daß der Talmud (Jebamat 79 a) die Barmherzigkeit, Schamhaftigkeit und Wohltätigkeit als die 'drei ererbten Stammestngenden des jüdischen Volkes bezeichnet. Ein Mann mit Namen Sabbathai kam einmal nach einer babylonischen Stadt. Da er subsistenzlos war, wandte er' sich an deren reiche jüdische Bewohner, ihm Gelegenheit zur Erwerbung seines Lebenslinterhaltes zu geben. Doch diese waren hartherzig und schlugen ihm seine Bitte ab. Als er dann sogar zu hungern anfing, verlangte er von ihnen Nahrung. Aber auch diese verweigerten sie ihm. Nunmehr konnte er nicht mehr an sich halten und sagte den Reichen und Vornehmen ins Angesicht, daß sie ganz bestimmt nicht von den Nachkommen Abrahams, Jsaks und Jakobs, sondern von dem fremden Mischvolke (Ereb-Rab) abstammen, welches sich den Israeliten beim Auszüge ans Egypten angeschlossen, denn von Israel heißt es in der Thora: „Gott wird dir Erbarmen geben", daraus folgt: Wer sich über seinen Nebenmenschen erbarmt, der ist von den Nachkommen Abrahams, bei wem aber solches Erbarmen nicht zu finden, der ist es nicht (Bezak 82 b). Dieses Thema will ich indes jetzt nicht fortsetzen, obgleich es sich vielleicht interessanter gestalten ließe als das, welches ich bei der Ueberschrift des Artikels im Auge hatte, nämlich die Fortpflanzung von Fehlern des einen — Buches in ein anderes, später geborenes. An einigen Beispielen ans älterer und neuerer Zeit soll hier gezeigt werden, daß selbst berühmte talmudische Autoren älterer Zeit Geburtshilfe bei der Fortpflanzung eines aus Mißverständnis oder ans einem Mißgriff des Setzers entstandenen Fehlers leisteten, weil sie denselben nicht bemerkten und ohne Prüfung nachschrieben. Ganz am Elide seines Kommentars zum Traktat Peßachim (Sg. 42), sagt Ascheri, daß der Segen vor dem Omerzählen stehend gesprochen werden nuiß, „denn so haben die Rabbinen gelehrt": (*rrn) Bakamah tachel lispor, lies nichtBakamah (stehende Saat), sondern Bakomah (in ansrechter Stellung). Da nun jeder Ausspruch im Talmud, der mit -rrn eingeleitet wird, aus eine Boreitha sich bezieht, so wäre die von Ascheri angeführte Belegstelle eine Boreitha. Dazu bemerkt nun R. Je- -saia Berlin, der, mie vielleicht kein zweiter das ganze jüdische Schrifttum beherrschte und im Gedächtnisse hatte, daß sich nirgends eine solche Boreitha findet und erklärt daher, daß ursprünglich im Ascheri geschrieben war *vm (die Rabbiner haben ihre Meinung, daß der Segenssprnch beim Omerzählen stehend gesprochen werden muß. auf den Bibelvers gestützt); der Setzer aber, dem die Bedeutung des Samech nicht gleich einfiel, habe willkürlich das Samech in ein Saw verwandelt, was ihm um so näher lag, als beide Buchstaben nicht nur in der Anssprache, sondern auch in der Form ähnlich sind und -rrn nnzähligemale im Talmud vorkommt. R. Jesaias Berlin weist zur Bekräftigung seiner Behauptung ans Keßef-Mischnah.Hilchoth Temidin-Umnßafin 7, 13 hin, wo dieser R. Jsak Jbn Geuth anführt, der ausdrücklich sagt, daß die Rabbinen ihre Ueberliesernng ans den Schristvers gestützt haben. Nichtsdestoweniger hat der Verfasser des Keßef-Mischnah in seinem Werke Beth-Joses zu Tnre- Orech-Chajim V 489 die Stelle ans Ascheri mit dem fehlerhaften -rm zitiert. Dasselbe tat nach ihm der Verfasser des Tnre-Sahab (Schulchan Arnch-Orach Chajim 489, 2) und der Verfasser des Beer-Hagolah, der die Quellen zu den Satzungen des Schulchan Arnch angibt, sagt sogar ausdrücklich „die Boreitha von Kamah". Machen wir nun einen weiten Sprung, von den genannten Koryphäen des 16. und 17. Jahrhunderts bis zu dem gelehrten Dr. Perles, der vor etwa zwei Jahrzehnten als Rabbiner von München gestorben und unter anderem auch eine Schrift über Trauergebräuche verfaßt hat. In dieser Schrift (Titel und Seitenzahl kann ich nicht genau angeben, weil ich die Schrisl nicht besitze) wird auch das Benehmen R. Akibas beim Anblicke I des Sarges seines Lehrers R. Elieser geschildert. Im Talmud (Synhedrin 68 a und Abot des R. Nathan 25) wird nämlicli berichtet, daß R. Akiba, der nach Sabbathausgang von Lnd (Lydda) nach Kisrin (Cesaräa) ging, um seinen schwerkranken Lehrer zn besuchen, schon dessen Leiche, die von Cesaräa nach i Lydda überführt wurde, ans dem Wege traf. Vor Schmerz über