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Die Wahrheit · 1910-04-01 · Heft 14 (1.4.1910) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 14 (1.4.1910)
Date
1910-04-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Redaktion imb Jlbminiftrnliou:!> SBieit, II,j Nvvaragasse 27 j! Telephon: Jhtoftion 5107/VU1. Administration 4938/U. K. k. öfierr. Postsparkassa- Schekk-Konro Sir. 1000.918. HnJ'trafe: Die viermal gesvaltene Nonvareille-Zeile Heller. Aboiinemeulsimb JnsertionS^ betröge find in Wien zahlvar und klagbar. naöhängige Aeitfchrift für jüöische Interessen. Erscheint jeden Kreitag. Uoiio: ,,Das LieZel Lottes ist Wahrheit!* * Ner»g»preis: |j Ganzjährig.K 14.— Halbjährig ....... K 7.— Für ffiiltuvbfiiuite: Ganzjährig.K U>. - Für "Ausland: Ganzjährig.8 Mark 6 Rubel oder 10 »?rc8. Ar. 14. Wien. 1. April 1910. Inhalt: Aphorismen. — Die Fortpflanzung von Fehlern. — Markus Händler, Oberrabbiner in Toris. — Das volkstümliche Bortragsweien im Jndenlnm. — Liberale Aenßerungen. — Literamr. — Verschiedene Nachrichten. Aie geehrten Kerren Abonnenten werden um umgehende Erneuerung des Abonnements für das am 1. April 1910 beginnende 2. Huartat ersucht, damit die regelmäßige Expedition des Malles keine Ilntervrechung erleide. Aphorismen. Sie wollen Lneger auch im gegnerischen Lager einen Zng ins Heroische nicht aberkennen, auch in sogenannten liberalen Zeitungen wird liebevoll ans so manche Eigenschaft seines Charakters nnd Intellekts hingewiesen. Woher rührt das? Etwa von dem 6s mortuis nil nisi bene? Ich denke nein! Die Handhabe znr Erklärung dürfte jedes Lehrbuch liefern, das über Massenpsychologie handelt. — „Das ist die Gewalt des Rhythmus, daß alles unwillkürlich mit muß". So lange er lebte, sang man ihm in allen Tonarten soviel Lobeshymnen, und jetzt, da er tot, erhebt sich die Wehklage in so vielstimmigem Chorus, daß unsere Männlein und Weiblein — suggestiv nnd nervös, wie sie nun einmal veratilagt sind — selbstvergessen mittun. Besonders die Weiblein! Heißt es doch schon bei Theokritos. dem Charakter-! schilderet' der Griechen, in dessen „Fest des Adonis": > Morgen dann tragen wir ihn, mit dem Frühtan Alle versammelt An das Gestade hinaus zu den uferbeschänmenden Wellen.! Alle mit fliegendem Haar und die Knöchel umwallenden Kleidern.! Alle mit offenem Busen, so stimmen wir hell den Gesang an: j „Holder Adonis, v du, wie es heißt, der einzige Halbgott ..."! * * | * . j Carlyle in seinem berühmten Buch „Ueber Helden und j Heldeuverehrnng" bezeichnet die Wahrhaftigkeit der Gesinnung, > die Treue zu sich selbst als roten Faden, als untrügliches Merk- , mal im Lebenslaufeines jeden großen Mannes, und dieser rote j Faden reißt in der Biographie Mohameds, Dantes, Shakespeares, j Nonsseaus, Cromvells und Napoleons tatsächlich niemals ab. > Lassen wir dies Kriterium gelten, so kommt es von vornherein ja gar nicht zilr Messung. Lueger, der ehemalige Liberale, war , alles andere mehr als prinzipienfest. Auch Wilhelm Ostwald, der Philosoph der Energetik, hat sich mit demselben Problem in seiner Schrift „Große Männer" beschäftigt. Mit kaum glaublicher Einseitigkeit will er als solche nur Naturforscher angesehen wissen nnd nur zögernd und indirekt klimmt er Bismarck in diesem geschlossenen Zirkel auf; nicht etwa, weil dieser eiserne Kanzler Deutschland geeinigt hat, sondern nur, weil dadurch „etwas wie Unfall nnd Invaliditäts- Versicherung, durch welches unermeßliches früheres Elend gelindert worden ist, ausführbar gewesen, was bei der denlschen Kleinstaaterei unausgeführt hätte bleiben müssen". Ich frage nun: hac Lueger seine Macht dazu verivendel. unermeßliches Elend, das doch in Wien und Niederösterreich nichl schwer anfznfinden ist, ans der Welt zu schaffen? Und doch spricht der mit dem Banernseldpreis gekrönte Franz Karl Ginzkey von Lneger, als dem „gewaltigen Toten." Grenzt dieser Begeisternngsransch nicht schon au Wahnsinn? Ein Dichter, einer, der Meister der Rede sein sollte, nennt einen Toten gewaltig, der. als er noch am Leben,' eher gewalttätig zu nennen war, nnd gewahrt nicht, daß er einen gar gewaltigen Unsinn spricht. Odysseus sagt zu Achilles in der Unterwelt: „auch nun, da du hier bist, herrschest im mächtig unter den Geistern", doch dieser erwidert: Preise mir jetzt nicht tröstend den Tod. ruhmvoller Odyss.ns. Lieber möcht ich fürwahr dem nndegüterren Meier, Der nnr kümmerlich lebt, als Taglöhner das Feld bauen. Als die ganze Schaar vermoderter Toter beherrschen. * * * „Und wenn der Mantel füllt, muß auch der Herzog nach." Muß nun der „ungekrönte Herzog von Niedervsterreich" wirklich nach, wenn wir den Mantel der Größe, tvomit man ihn drapiert, niedergezerrt haben? Nun, nicht ganz nnd gar. Seien wir, oder bemühen wir uns wenigstens gerecht zu sein. Im Lande der Blinden ist der Einäugige König. Sie sahen's nicht, die ewig Blinden, die damaligen politischen Führer, daß die Masse der Großstadt, betäubt vom Gerassel des technischen Fortschritts, geblendet von den Strahlen der jäh einsallenden Sonne der politischen Freiheit wieder einen Schritt zurück tun wollte in das heimliche Dunkel der mittelalterlichen Manlwurfshöhle, sie sahen's nicht, wohl aber Lneger, mit seinem scharfen, wenn auch schielenden Auge. Ein Genie war er nicht, sonst hätte er die widerstrebende Menge milfortzureißen gesucht ins Helle, ins Freie, dies wäre ihm, sein Genie vorausgesetzt, gelungen, als einem siegreichen Helden, oder aber mißlungen, dann wäre Lneger ein tragischer Held gervesen, ein zweiter Cola di Rienzi etwa. Er aber verstand sich nur darauf, den Puls und Herzschlag des Pöbels zu behorchen und sich darnach einzurichten. Also ein kluger Mensch, ein kniffiger Geschäftsmann, weiter nichts. Die Anderen aber waren ja nicht einmal das! * * * Und so begann er denn, Gift, melodisch tönendes Gift, eingehüllt in Wiener Mundart, in die Ohren seiner schlafenden, oder vielmehr schläfrigen Hörer zu träufeln, wie weiland der

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