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Die Wahrheit · 1910-03-25 · Heft 13 (25.3.1910) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 13 (25.3.1910)
Date
1910-03-25
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 13. DieWahrheit Seite 7. Reiz verliehen, ist eben, daß sie die originellen Gleichnisse mtb j -treffenden Beispiele, welche den Kern ihrer Reden bilden, ans allen Gebieten menschlichen Denkens und Wissens holten nnd -dadurch diese selbst ihren Zuhörern vermittelten?) Ein Beispiel von vielen. Es ist eine Rede des Waidoslawe.r Maggid. Im Jahre 1870 war der Waidoslaver Maggid ans seiner Wanderung -nach Berlin und sogar in den Freundeskreis von Mendelssohn rmd David Friedländer gekommen. Eines Tages wurde er daselbst wurde er daselbst, um seine Änsicht über den Wert der reformistischen Tätigkeit David Friedländers befragt, von der sich dieser bekanntlich alles Heil für das Judentum versprochen hat. Hören wir seine Antwort. (Fortsetzung folgt.) Das Motiv der indischen Geschichte. Es gibt bekanntlich zwei Arten Geschichte zu betreiben. «Entweder man verfährt nach Chronistenart. indem man die merkwürdigsten Begebenheiten nnd Wechselfälle, wie sie sich in der 'Aufeinanderfolge der Zeiten abgesponnen haben, nacheinander betrachtet, oder man wühlt aus der Jdeenfülle der Gegenwart einen bestimmten Gesichtspunkt, um von diesem ans die Wechsel der verschiedenen Gestaltungen zu überschauen. Ist die erste Betrachlnngsart eine trockene Gelehrsamkeit, die den historischen Stoff ohne lebendige Beziehung zu unserem inneren Menschen registriert, so lauert ans dem Wege der zweiten die Gefahr der lustigen Hypothese. Dem Subjektivismus ist ein weiter Spielraum gegeben, und der Geist mag sich leicht in dem Labyrinthe vorgefaßter Meinungen verirren. Aber doch würden wir die wahre Synthese nnd Deduktion jener zweiten Art vorziehen, denn die wahre Synthese ist kein Vorurteil, sondern das durch mühsame Betrachtung gefundene Endnrteil. Während der induktive Forscher sein Ziel nicht kennt, hat der deduktive Forscher sein Ziel gesunden. Der historische Gesichtspunkt darf nicht als eine fertige Hypothese hingestellt werden, sondern er muß. ans einer tieferen Betrachtung derGeschichte. als innererTrieb ans welchem der kausale Zusammenhang der Ereignisse recht klar und verständlich wird erfaßt werden. Welches nun war das Motiv und die treibende Kraft der jüdischen Geschichte?? Sehen wir uns einmal das Judentum der Gegenwart an; denn nur ans der Gegenwart können wir die Vergangenheit verstehen. Dieselben Gesetze des Werdens, welche henle herrschen, müssen immer geherrscht haben, dieselben Ursachen der Umgestaltungen in der Geschichte, die wir heute wirksam finden, müssen immer wirksam gewesen sein. Das Judentum der Gegenwart — und diese Gegenwart datiere ich von Beginn der Mendelssohn'schen Zeit — nimmt plötzlich einen völlig anderen Charakter an. als in allen vorangegangenen Zeiten. Mehr als tausend Jahre hindurch bewahrt die Geschichte des jüdischen Volkes einen im großen nnd ganzen gleichmäßigen Charakter. Da tritt Plötzlich ein weltgeschichtlicher Umschwung in dem Charakter des Judentums ein. Alle Verhältnisse verschieben sich, nene Bestrebungen, neue Ziele, neue Kämpfe, nene Parteibildnngen leiten einen neuen Weg im Judentum ein. Woher dieser plötzliche, gewaltige Umschwung? Woher Dieser verändele Charakter in der Geschichte des Judentums? Nun, die Ursache, die innere Triebkraft liegt hier so deutlich vor Augen, daß man mit Sicherheit behaupten kann: die Ursache der neuen Gestaltungen in der jüdischen Geschichte liegt in dem Zllsammenstoße der jüdischen mit der europäischen Kultur. Es ist dies eine unbestreitbare Tatsache, jede bedeutsame, wirkungsvolle Bewegung in der Geschichte entwickelt sich nur aus dem Wechselspiel zwischen fremdem nnd einheimischem Geiste. Denn so reich auch die ursprüngliche Kraft eines Volkes ist. es kommt doch ein Tag, wo die Knlturkraft sich erschöpft hat. Das sehen wir au dem reich begabten Volke der Griechen und an all den Völkern, die nicht in der vollsten Blüte standen, deren Kraft 6) Vergleiche die Allsfuhnuigeil Dr. Bäcks in Winter-Wünsche: die rabbi'.lische Literatur. Seite 575 ff, woraus auch die nachstehende Rede Lntuommen ist. dahinwelkte, und die altersschwach in die Gräber der Geschichte stiegen, weil ihnen, entweder die Kraft oder die Gelegenheit fehlte, sich durch Befruchtung mit fremdem Geiste wiederznbeleben. Dem Judentum aber war beides gewährt: die wunderbare Fähigkeit sich die Kraft anderer Völker anzneiguen, ohne dadurch die eigene ursprüngliche hinzngeben, nnd das wunderbare Schicksal, überall da gegenwärtig zu sein, wo eine neue Knltnrmacht ans der Weltbühne erscheint. Die älteste, uns aus der Geschichte bekannte Kultur in die babylonische. Im Tale Sincar Halle sich in ältester Zeit eine blühende Kultur entwickelt. Und dort wohnten die ersten Stammväter unseres Volkes. In Aegypten, dem Zweitältesten Kulturreiche der Geschichte, verlebte Israel seine Kindheit. Dann zog Israel in das Land seiner Verheißung in Palästina ein. Es begann nun die Zeit des Verarbeitens fremden Einflusses mit ureigenem Kern nnd Wesen, eine Zeit langsamen Reifens und stillen Wachstnmes, ans welcher der Riesenbaum der gigantischen biblischen Kultur emporwnchs. Nicht ganz 150 Jahre nach Abfall des Zehnstämmereiches, welches angeblich durch Verschmelzung mit den assyrischen Siegern in der Geschichte spurlos nnterging, wurde durch Nebukadnezar das Reich Inda zerstört und der Kern der jüdischen Nation nach Chaldäa geführt. So schien der Kreislauf des jüdischen Volkes vollendet und seine Rolle in der Geschichte ansgespielt. Aber in der Tat war es nicht so. Anders als die Exulanten ans dem Zehnstämmereiche sprachen die Hinweggeführten ans dem Reiche Inda: „Wenn ich dein vergesse, Jerusalem, erlahme meine Rechte". Sie rvaren zu stark, um sich ganz hinzngeben, sie hatten zu viel Individualität, um sich an den Siegern zu verlieren. Unter dem Einfluß des gewaltigen Stromes der Propheten erlangte das jüdische Volk sein Nationalbewnßtsein, welches so tiefe Wurzel in seiner Seele schlug, daß alle Stürme der Weltgeschichte sich vergebens mühten, es zu zerstören. Der Schauplatz der jüdischen Geschichte war nun, als der Perserkönig Cyrns den Inden die Erlaubnis zur Rückkehr nach Palästina nnd zum Wiederaufbau des Tempels gegeben hatte, iviedernm Palästina lind blieb es während der tausendjährigen Periode, in welcher die Hanptereignisse der alten Geschichte fallen. Zunächst floß die jüdische Geschichte ruhig nnd einförmig dahin. Die zwei Jahrhunderte von Cyrns bis Alexander dem Großen waren eine Zeit lang dauernder Ruhe. Es war. als sollte sich das Judentum festigen für die kommenden Stürme, als sollte es sich geistig konsolldieren, ehe es in den Wirbel der neuen Kämpfe hineingerissen wurde. Denn ein gewaltiger Sturm brauste über dle Gefilde Asiens einher. Es war dies der Kriegszug Alexanders des Großen. Die weltgeschichtliche Bedeutung dieses Kriegszuges liegt darin, daß sich in seinem Gefolge ein breiter Strom griechischer Bildung nnd Kultur ergoß. So schnürte rings um Jndäa fest und immer fester Griechenland seine Ringe und erstickte mir seiner übermächtigen, geistigen Kraft die Jndivldnalitüt aller Völker Vorderasiens. — Es war damals für das Judentum eine ähnliche Zeit, wie für unsere Vorfahren im vorigen Jahrhundert. Nach einer längeren Periode beschaulichen Stilllebens nnd geistiger Isolierung stieß das Judentum plötzlich mit einer großen geistigen Knltnrmacht zusammen. Wie aber ward es fertig mit dieser großen, geistigen Macht, der es auf seiner Wanderung durch die Weltgeschichte begegnete? Im ersten Rausch der Neuheit scheint das Judentum der neuen Kultur sich widerstandslos hingegeben zu haben. Bald aber machte sich eine mächtige' Aktion gegen das Griechentum gellend und erzeugte innerhalb des Judentums eine klaffende Spaltung zwischen den Hellenisten, d. h. denjenigen, die das Judentum mit dem Griechentum zu verschmelzen trachteten, nnd denjenigen, die das Judentum eigenwüchsig und originell erhalten wollten. Die leidenschaftlichen, inneren Kämpfe, die der Zusammenstoß beider Kulturen zur Folge hatte, spielten sich auf zwei Hanptschauplätzen ab, nämlich in Alexandria nnd Palästina. Und namentlich in Palästina, dem Zentrum des jüdischen Lebens, wehrte sich der Kern des jüdischen Volkes mit einer Heldenkraft, wie sie kaum die Geschichte wiedergesehen.

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