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Die Wahrheit · 1910-03-25 · Heft 13 (25.3.1910) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 13 (25.3.1910)
Date
1910-03-25
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Nr 13. die zahlreichen Hüldignugsgeschenke entgegennahm. Am Sabbat I derselben Woche fand zn Ehren des neuen Exilsfürsten in der Synagoge ein feierlicher Gottesdienst statt. Am Sabbatmorgen begab sich der Exilarch, von den vornehmsten nnd angesehnsten Männern der' Gemeinde begleitet, ins Gotteshaus, wo lagsvorher ein sieben Ellen hohes nnd drei Ellen breites Gerüste für ihn errichtet und mit farbigen kostbaren Teppichen drapiert worden war. Am Fuße des Gerüstes standen vortrefflich g e s ch n l 1 e mit wohlklingenden Stimmen begabte Jünglinge, die von den Geuleinverepräsentanten gewählt" worden waren. Der Chasan (Kantor) begann „Bor nah sohsoruar" nnd der Chor fiel bei jedem einzelnen Satze dieses Lobliedes mit den Worten „Boruck liu" ein, nnd als der Chasan den Vers Mismor schir lajom hascliabbos rezitierte, respondierte der Chor Ishoäotz". Ebenso wurden auch die anderen Gebetstücke vom Chor respondiert" n. s. w. Wenn jedoch in späteren Zeiten der Choralgesang aus den Synagogen geschwunden ist, so war dies die Folge des unsäglich schweren Druckes und der grausamen Verfolgungen, denen die Inden in allen Herrenländern während des finsteren Mittelalters preisgegeben waren. Als einst die Babylonier den gefangenen Israeliten zuriefen: „Stimmet an die schönen herrlichen Lieder Zions!" entgegneten jene, „wie sollen wir auf fremdem Boden, wo wir geächtet nnd geknechtet werden, den Mut finden die erhebenden Lieder Zions anznstimmen?" Der Jude ist für den feierlichen religiösen Gesang begeistert in der Freiheit, nicht aber im Drucke. Dumpfe Klagetöne waren es, die während der Zeit des Mittelalters in Israels Gotteshäusern vernommen wurden. Es wurde nicht mehr nach Gesetz, Maß und Regel gesungen, sondern bunt durcheinander geschrieen. Von einem melodischen harmonischen Gesang war keine Spur mehr, daher herrschte oft in den Synagogen die größte Unordnung. Die Beienden rannten hin und der, schrien aus Leibeskräften nnd geberdeten sich zuweilen wie Besessene, wie man das noch heute in der chassidischen „Klans" sehen kann. Fortsetzung folgt. Das volkstümliche Uortragsmesen im Judentum. Bon Dr. Armin Abeles. (Fortsetzung). Mit dem Abschluß des Talmud und der sich daran schließenden gaonäischen Periode beginnt für die jüdische Geschichte das Mittelalter. Die Völkerwanderung, das fanatische Auftreten des Mohamedanismns und die daraufhin mit fürchterlicher Gewalt einsetzende christliche Propaganda haben den in Mitteleuropa wohnenden Inden Wunden geschlagen, welche bis zum heutigen Tage noch nicht gänzlich vernarbt sind. Nicht ihre systematische Knechtung nnd Bedrückung, auch nicht einmal die entsetzlichen Martern und Qualen der heiligen Inquisition waren das schlimmste Uebel gewesen. Viel verhängnisvoller für unsere Vorfahren in jener Zeit war, daß ihnen in den dunklen Mauern des Ghetto alle Quellen der zeitgenössischen Bildung und Kultur verstopft, jegliche geistige Lnstströmnng von ihnen serngehalten wurden. Darf es wnndernehmen, wenn sich der Kreis ihrer Weltanschauung gänzlich verschroben und verschoben hatte und ihr geistiger Aspekt ans die Befolgung einer einseitigen Richtungslinie eingestellt war. Was außerhalb dieser Linie, nämlich des Talmud, beziehungsweise der halachistischen Dialektik liegt, wurde mit Mißtrauen, ja mit Haß und Verachtung hingenommen. Es erging den Ghettobewohnern wie einem sein ganzes Leben hinter dunklen Kerkermauern fristenden Gefangenen, ein noch so schmaler Lichtstreif belästigt und blendet sein Auge. Daß unter solchen Verhältnissen ein frisches, wirkliches Leben atmendes Vortragswesen nicht gedeihen konnte, ist eine von selbst sich ergebende Erscheinung jener traurigen Zeiten. Wenn nicht anderes, schon die physische Angst und Not lähmten des Redners Zunge, der Gedanke erstarrte auf den Lippen und als einzige Hoffnung blieb ein stummer Blick nach oben. Was wir sonach ans jenem mehr als ein halbes Jahrtausend umfassenden Zeitraum an Vortrügen besitzen, besteht zum weitaus größten Teil in Klage- und Trostreden, Lehren der Buße und Askese- und allenfalls-in kabbalistisch-mystische Schwärmereierl. Nirgends ein freier Ausblick, nirgendwo auch nur ein Versuch zum Verlässen der ausgetretenen Geleise, allesamt so gehalten, daß darin das talmndisch-didaktische Element vorherrscht. So weit war die Uebetschätzung des Talmndstildittms getrieben, daß selbst diese für Volksmassen bestimmten Erbannngsreden nach der halachistisch-dialektischen Methode gearbeitet wurden. Um es kurz zu sagen, biefe unter dem Namen wv-in bekannten Reden und Vorträge sind Kinder ihrer Zeit, zerrissen nnd zerfahren wie diese, einseitig nnd stets nach innen gekehrt. Uebrigens hat es in jener Zeit auch in der christlichen Kirche nicht viel besser ausgesehen, man braucht nur eine der vielen Streitschriften Luthers zu lesen, um sich von dem Tiefstand der damaligen christlichen Predigt zn überzeugen. All das Gesagte gilt nur von den Inden in den mitteleuropäischen Staaten. Ganz anders lagen die Dinge in Italien, Spanien und den Ländern, wohin die Inden ans Spanien geflohen waren, nämlich Holland und der Türkei. Denn selbst in den schlimmsten Zetten der Not war hier der Verkehr der Juden mit der Außenwelt niemals unterbrochen, der Fortschritt des Zeitgeistes und der Kultur nicht ans dem Auge verloren worden. Diese Bewegungsfreiheit in Wissenschaft nnd Leben spiegelt sich im volkstümlichen Vortragswesen ab. Die uns erhaltenen Reden von Almonsinv und Mnscato, eines Asarjo Figo, Katzenellenbogen oder Leon de Modena zeigen eine solche Fülle von Ideen nnd eine derartige Beherrschung des gesamten zeitgenössischen Wissens, daß, wenn nicht die Ueberschriften und eingeflochtenen Bibel- Verse ihren gottesdienstlichen Charakter erkenntlich machten, man ohne weiteres geneigt wäre, sie für populärwissenschaftliche Abhandlungen zn halten. So znm Beispiel wird die Predigtsammlung „Nefnzoth Jehnda" des Jehnda Mnskato. Rabbiner zu Mantua, 1590, mit einer Rede eingeleitet, in welcher die Musik verherrlicht und deren Bedeutung nnd Wertschätzung in Bibel und Talmud nachgewiesen wird. Bei Figo finden wir die verschiedenen Negiernngsformen juristisch Uiib staatsrechtlich beleuchtet, in den Reden Katzenellenbogens Anssprüche von Hippokrates und Galenns ansgesührt und daran bedeutsame Reden geknüpft. Auch bezüglich der Bezahlung der Vorträge und der Redner herrscht bei den Italienern eine idealere Auffassung. Während die deutschen, österreichischen nnd polnischen Volksrednern infolge ihrer Armut auf das Wohlwollen ihrer Zuhörer angewiesen, vor keinem, noch so drastischen Mittel znrückschreckten, um sich die- Volksgnnst zn erhalten, ruft Leon de Modena in gewohnter launiger Weife seiner Gemeinde zn:5) „Wenn Ihr mir meine Reden bezahlt, werdet Ihr diese stets nur als Ware betrachten, mit der Ihr nach Gutdünken schalten nnd walten könntet, darum schenke ich Euch meine Vorträge und hoffe, daß wenn nicht anders, schon die Höflichkeit Euch schon gebieten wird, sie in Ehren zn halten." Die materielle Not, wodurch zahlreiche deutsche und österreichische Gemeinden außerstande waren, einen eigenen Rabbiner zn bestellen und anderseits der Hochmut nnd die Hartnäckigkeit, mit denen manche Rabbiner sich weigerten durch Abhaltung volkstümlicher Vorträge znm Volke hinabzusteigen, hatten im 17. und 18. Jahrhundert zur Errichtung der Mochichin und Maggidim, der sogenannten Wanderprediger, geführt. Von Ort zn Ort und Land zu Land ziehend, verstanden die Wanderredner eine Gemeinde oft monatelang durch ihre Vortrüge zn fesseln und sich ans diese Weise die Mittel zn ihrem eigenen und den Lebensunterhalt ihrer daheim darbenden Familien zu beschaffen. Wir können uns heilte oft eines ironischen Lächelns nicht erwehren, wenn wir von diesen Männer lesen oder hören. Doch mit Unrecht. Denn abgesehen von dem hohen sittlichen Ernst, der sie allesamt anszeichnet, von der exzellenten, in ihrer Art unerreichten Vortragsweise, womit sie ihre Zuhörer bezauberten — diese Magidim waren die einzigen Kulturträger nnd Knltnrvermittler der damaligen Inden gewesen. Denn was ihren Vorträgen Originalität nnd 5) Vergleiche Zunz, Gottesdienstliche Vorträge, S. 436, c. *rse>'a’-x--z;^aiKs*

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