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Die Wahrheit · 1910-03-25 · Heft 13 (25.3.1910) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 13 (25.3.1910)
Date
1910-03-25
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 13. Am 30. März d. I. vollendet Herr Dr. -Gustav Kohn, Hof- und Gerichtsadvokat, Mitglied des k. k. ii. ö. Laudesschulrates, erster Vizepräsident der israelitischen Knltusgemeinde Wien und Präsident des Bethansvorstandes, sein 70. Lebensjahr. Herr Dr. Kohn hat sich in diesen und vielen anderen Ehrenstellungeu in jahrzehntelanger, hingebungsvoller Arbeit hervorragende Verdienste um die israelitische Kultusgemeinde Wien, um unsere Glaubensgenossen in Oesterreich und um das allgemeine Wohl erworben. Er weiht seine unermüdliche, selbstlose Tätigkeit und liebevolle Sorge der Erhaltung und Entwickelung aller Institutionen, die unserem Gottesdienste, den Unterrichtszwecken, der Unterstützung von Armen, Kranken, Witwen und Waisen gewidmet sind. Der Bethansvorstand hat daher die Anregung gegeben, daß die Freunde und Verehrer dieses von großer Herzensgüte, von liebenswürdigem Wesen und vornehmer Gesinnung ausgezeichneten Mannes anläßlich seines 70. Geburtstages ihre Gefühle aufrichtiger Sympathie und dauernden Dankes in würdiger Weise zum Ansdrucke bringen, durch Gründung einer „Dr. Gustav Kohn-Wohltätigkeits-Stiftung" deren spezieller Zweck von dem Gefeierten bestimmt werden soll- Wir können mit Recht erwarten, daß diese Art der Ehrung, die dem Wesen und der Persönlichkeit des Jubilars wohl am besten entspricht, in den weitesten Kreisen unserer Stadt Anklang finden wird. Wir bitten, sich an dieser Ehrung Dr. Gustav Kohn's durch einen Beitrag beteiligen zu wollen. Die Unterzeichneten Mitglieder des vorbereitenden Komites nehmen Beiträge entgegen. Karl Freu n d, Privatier, II., Praterstraße 70. Rudolf Kohn, Klavierfabrikaut, I., Himinelpsorrgasse 26. Kais. Rat Leopold Langer, Bancsuier, I., Kärnruerring 1. Obmann des Komitees. Dr. E. Münz, Hof- und Gerichtsadvokat, I., Rotentnrmstraße 13. Kais. Rat Leopold S a ch s I., Angustinerstraße 6. Adolf Achrame k, Kohlen En gros-Händler, k. n. k. Hoflieferanr. H., Novaragasse 21. Eine Pmimlietrachlnng. Wenn dies Fest bei uns einkehrt, löst es wie alle Feste Israels wundersame Gefühle in uns aus, das Losfest. Als ob es in Israel je ein besser Los gäbe, als kämpfen, leiden und ausharren? Das ist unsere Rolle, die wir nicht bloß lesen, sondern auch spielen und erleben. Hilf dir selbst wie Esther! Das versuchen wir wohl, doch allein sind wir zu schwach nud Freunde haben wir wenig. Wie viel wurde nicht schon beraten, beschlossen bezüglich der Hebung des jüdischen Fuhlens und Denkens, wie wenig aber erreicht! Die Not wächst innen und außen, und Hilfe winkt nirgends. Wenn wir in diesen Tagen des Purimfestes über den Niedergang unseres Glaubens, der guten jüdischen Sitte ein wenig Nachdenken, so müsseir wir einen großen Teil der Schuld der nicht wirksam genug sich bekundenden Vertretung unserer Interessen und der Vernachlässigung unseres Kultus seitens des Staates beimessen. Als die Negierung vor einigen Jahren alle Gehalte der Beamten und Diener erhöhte, da wurde auch die Remuneration für den israelitischen Religionsunterricht in den Hauptstädten erhöht, wir Religionslehrer auf dem Lande aber warten bis heute noch vergebens auf eine Erhöhung, die bei der traurigen Finanzlage der kleinen Gemeinden für die Religionslehrer aus dem Lande geradezu eine Erlösung bedeuten würde. In Einzelgesuchen wie durch Deputationen haben wir an den verschiedensten Stellen unsere traurige Lage geschildert, man versprach uns auch aufs bestimmteste Abhilfe — allein es blieb leider stets beim Versprechen. An dieser Vernachlässigung und Nichtbeachtung unserer gewiß nicht unbilligen Forderungen trägt vor Allem unsere Teilung in zahlreiche Verbände schuld, und dann will es mir scheinen, als ob dieses offenbare Unrecht der ungleichen Behandlung von Religionslehrern in Hauptstädten und auf dkm Lande weder der Regierung noch den Abgeordneten, noch beu anderen maßgebenden Faktoren bekannt ist. Mögen also die Abgeordneten ohne Unterschied der Partei im Vereine mit allen recht und billig denkenden Faktoren den Schwächsten der Schwachen beistehen und ich bin sicher, daß bei entsprechender Darstellung dieser Tatsache auch die Regierung hier Gerechtigkeit walten lassen wird. Der israelitische Lehrerverein für Böhmen hat in seiner im vorigen Monate staltgehabten Vorstandssitznng eine neuerliche Aktion bei der hohen Regierung und den Abgeordneten der verschiedenen Parteien in Altssicht genommen, nachdem der jüdische Klub, wie wir mit tiefer Beschämung konstatieren müssen, es nicht der Mühe wert gefunden hat, auf die wiederholten Vorstellungen und Urgenzen des Vereinsvorstandes auch nur eine Antwort zu geben. Statt die Religionslehrer anzufeuern, zu begeistern und sie in ihrem schweren Arnte zu ermutigen, wltrde ihnen voll Seite derjenigeil, die sich immer als die berufensten Vertreter des Judentums deklarierten, völlige Nichtbeachtung zuteil. Sie haben wohl längst den schönen alten jüdischen Spruch vergessen : Noro rabboch kemore schomajim! Die Ehrfurcht vor deinem Lehrer sei wie die vor Gott. Unlängst erschien im Reichsrate eine Abordnung des deutschösterreichischen Lehrerbilndes, um behufs Regelung der Lehrergehalte vorstellig zu werden linb sie wurde von den Abgeordneten mit aller den Volksbildnern gebührenden Hochachtung empfangen. Wie ganz anders ist es uns armen jüdischen Religionslehrern auf dem Lande ergangen! Muß das nicht traurig stimmen? In unserer Bedrängniß wenden wir uns nun an unsere liebwerten Kollegen in Wien und den anderen Hauptstädten sowie an alle berufenen Vertreter der jüdischen Interessen mit der dringenden Bitte, das an uns begangene Unrecht gntmachen zu helfen. Was wir fordern, ist trotz der Ungunst der Verhältnisse und der leeren Kassen unaufschiebbar, sollen wir nicht im Elende nntergehen! Wir wollen treue Dieiler unseres Kaisers, Sendboten einer besseren Zukunft unseres großen Vaterlandes sein und der Jugend Kaiser- und Staatstreue, Opferwilligkeit und Hingebung als höchste Güter der Menschheit einprägen und sie zu Patrioten erziehen! Dafür aber wollen wir nichts, gar nichts als Gleichberechtigung. die uns eine gesicherte Existenz und unverdrossene Arbeit für Kaiser und Vaterland ermöglicht! Dem verehrten Vorstande des israelitischen Lehrervereines für Böhmen gebührt in jedem Falle großer Dank dafür, daß er diese wichtige Frage wirklicher Rechtsgleichheit wieder zum Gegenstände eifriger Diskussion und hoffentlich erfolgreicher Aktionen gemacht hat. Wir harren aus im schweren Kampfe und hoffen, daß auch uns ein besseres Pnrimfest, ein freudigeres Los denn bisher beschieden ist. Man kann von den kleinen Gemeinden keine größeren Opfer verlangen ohne Bedrohung ihres Bestandes, man darf aber auch gegenüber der Lehrernot nicht teilnahmslos sein, beides wäre unjüdifch. Wir werden den Verfall nur durch Selbsthilfe, Erkämpfung unseres Rechtes und unaufhörliche Arbeit in „leidenschaftsloser Beharrlichkeit" verhindern. Auch wir bedürften einer Roseggerstiftnng, eines Fondes zur Erhaltung jüdischer Gemeinden und Schulen. Möge die Zeit hier helfen, daß sich unsere Gesamtlage ans der Niederung zur Höhe und mit einem materiellen Sorgen enthobenen jüdischen Lehrerstande das Judentum gegen den Ab- und Verfall zum Siege und neuen Leben sich erhebe, wie es der innigste Wunsch aller Freunde jüdischen Lebens, Fühlens und Denkens ist imd bleibt. Dr. L. Hirsch, Krnmau. Knnstlerhans. Man hat es den Inden stets zum Vorwürfe gemacht, sie hätten "keine Kunst und nicht mit Unrecht. — Wir aber haben diesen Tadel ruhig ertragen, wir haben lange Zeit nicht versucht, ihn durch die Tat abznwehren. Lange schon hatten wir uns auf allen anderen Gebieten betätigt und Erfolge errungen, als erst das Streben entstand, auch in den bildenden Künsten gleichen Schritt mit den übrigen Kulturvölkern zu halten. Hastig suchten wir nachznholen, was wir versäumt, und daraus läßt iss®»?*aa

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