Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 13 (25.3.1910)
- Date
- 1910-03-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3063520-3063533--06586-3073601- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
ahrcheit Redaktion nnd Ildininislration: Wien, n/j Nvvaragasse 27 Telephon; Redaktion 5107/VU1. *Anakhängige Aeitschrift für jüötsche i; Aerngsprels: j: Ganzjährig.K 14.—!' Halbjährig.K 7.— Administration 4938/11. K. f. österr. Postsparkassa- Scheck-Koino Nr. I0ÜV.S18. Jtrfereffett. i. Für Kiillnsdeainte: Ganzjährig.X 10. - Inserate: Die vierinal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. Erscheint jeden Kreitng. Für Ausland: Abonnementsnnd Jnsertions- Ännzjähriq.8 Mark i benage sind in Wien zahlbar nnd klagbar. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" 5 Rubel oder 10 Frc«. j 1: ... . _! Ar. 13. Wie». 23. Marz i»io. Inhalt: Gustav Kohu. — Eine Purinrbetrachtung. — Künstlerhaus.^— Liberale Aeußeruugen. — Das volkstümliche Borcragswesen im Judentum. — Das Motiv der jüdischen Geschichte. — Verschiedene Nachrichten. — Literatur. — Feuilleton: „Sein Anteil am Jenseits". — Die Misere der Kultusbeamten. — Ein frommer Wunsch. — Purim im Unionkalender. — Austritte ans dem Judentum. Die geehrten Kerren Aöonnenten werden um umgehende Erneuerung des Aöonnements für das am 1. April 1910 öeginnende 2. Huartal ersucht, damit die regelmäßige Expedition des Blattes Keine Unterbrechung erleide. Dr. Gustav Kahn I. Vizepräsident der Wiener Kultusgemeinde. Zu seinem 70. Geburtstag.! Für die Wiener Judenschaft ist der 30. März ein Fest- , tag. Ein Mann, trotz der Krone des Alters, frisch an Körper! und jung an Geist, dessen Herz von glühender Begeisterung für i Judentum nnd jüdisches Wesen erfüllt ist, vollendet an diesem! Tage sein 70. Lebensjahr. Und wenn wir aus diesem Anlasse j dem gegenwärtig zu seiner Erholung im Süden Weilenden die j Grüße und Wünsche seiner großen Verehrerschaar überbringen,! die für den nach ernster Erkrankung Wiedergeneseuen mit dop-! pelter Herzlichkeit erklingen, so können wir ruhig sagen, daß; unter unseren Wiener Glaubensgenossen sich kaum einer befindet. > der nicht an diesem Tage mit freudiger Innigkeit des Mannes! gedächte, der den Traditionen seines Hauses, seines Stammes - folgend, seine seltene Arbeitsfrendigkeit und seine ganze Persönlich-; feit in den Dienst des Judentnms gestellt hat.! Dr. Gustav K o h n ist einer jener wenigen Männer im! öffentlichen Leben, die bei allen, ohne Unterschied der Partei-! richtung, Liebe, Hochachtung und Verehrung finden. Im Jahre! 1885 in den Kultnsvorstand berufen, hat er es durch sein! reiches Wissen und durch seine seltene Begabung bald zu einer! führenden Stellung gebracht und überall, in der Gemeinde wie? in den jüdischen Institutionen, eine segensreiche Tätigkeit entj faltet. Ueberall, wo es galt, Großes, Edles und Schönes zn schaffen,! finden wir seit Dezennien den Namen Dr. Gustav Kohn. Ein Freund j der Armen und Bedrückten, hat er keine Gelegenheit versäumt, für sie mit seiner ganzen Kraft, mit seiner ganzen Energie und mit dem ihm angeborenen Wohlwollen einzustehen. Ob einer im Wirrsal der Großstadt seinen Halt verloren, oder ob er aus der Fremde kommend in dem großen jüdischen Gemeindewesen seine Fähigkeiten verwerteil wollte, jeden führte der Weg zu diesem Manne, der mit vollem Rechte das gute Herz der Wiener Kultusgemeinde genannt werden kann, und keiner hat vergebens an seiner Türe angeklopft. So hat sich Dr. Gustav Kohn jetzt schon in den Herzen Tausender ein Denkmal gesetzt, dauernder als Erz ilnd Stein, und in späten Generationen wird sein Name als Wohltäter der Menschheit fortleben. Er selbst ist nicht mit irdischen Glücksgütern gesegnet, aber durch den liebenswürdigen Zauber seiner Persönlichkeit versteht er es, wie Wenige, die Herzen der Reichell für die Armen und Leidenden zn erwärmen. Seine einfache, schlichte — manmöchte fast sagen — burschikose Art, ist ein mächtiger Faktor, der die Herzen im Sturme erobert und getreu der Devise seines Stammes: „Auhew Scholaum weraudef Scliolanma, war seit jeher Friede nnd Wohltun seine Lebensaufgabe. Deshalb jubeln ihm heute alle zu mit dem Wunsche, daß ihm ein recht hohes, ungetrübtes Alter beschieden sein möge! Ans allen Gebieten der Gemeindeverwaltung hat sich Dr. Gustav Kohn hevorragend betätigt und man müßte eine Geschichte der Wiener Kultusgemeinde der letzten Jahrzehnte schreiben, um sein Wirken vollauf zu würdigen. Aber nicht davon wollen wir heute sprechen, sondern nur von dem Menschen Dr. Gustav Kohn. Und diesen guten, edlen Menschen mit dem warmsühlenden Herzen werden alle bewundern und in Verehrung zu ihm anfblicken. Noch nie hat ein Mitglied des Wiener Gemeindevorstandes sich einer solchen Volkstümlichkeit erfreut wie er. Der Vorstand der Gemeinde verzeichnet in seinen Annalen eine ganze Reihe hervorragender, hochverdienter Männer — aber keiner war in den breiten Schichten der jüdischen Bevölkerung so populär und beliebt, wie Dr. Gustav Kohn. Und worin war seine Volkstümlichkeit begründet? Er ging nicht in die Versammlungen, Schlagworte waren ihm fremd, er trieb keinerlei Propaganda, er hatte keine Arrangeure nnd Claqueure, er buhlte nicht um die Volksgnnst. Er war nur und ist es heute noch in derselben jugendlichen Begeisterung wie am Beginne seiner Laufbahn — ein Arbeiter für das allgemeine Wohl. Alles, was er wußte und konnte, gab er für die Gesamtheit. Es ist kein bloßer Zufall, daß ihm bei der Geburt zu seinem Namen Naftali, der Name Herz beigelegt wurde — denn Herz ist der Gruudton seines Wesens, die Triebfeder seiner Handlungen, die Quelle seiner Taten. Ein edles, echt jüdisches, warmfühlendes Herz für seine Glaubensgenossen. Möge der Segen, den unser großer Moses dem Naftali gab, an unserem Naftali in Erfüllung gehen: Naftali hat des Ewigen Gnade und seines Segens Ueberfluß. * * * Im Bethausvorstande ist zur Ehrung Dr. Gustav Kohns anläßlich seines 70. Geburtstages die Gründung einer Dr. Gustav Kohn Wohltätigkeits-Stiftung angeregt worden und das zu diesem Behufe gebildete Komitee erläßt nachstehenden Aufruf: