Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 12 (18.3.1910)
- Date
- 1910-03-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 12. Schätze gesehen, sondern die Tochter eines armen Landarztes zu seiner Frau gemacht, die bei seiner ältesten Schwester Marianne als Zofe im Dienst gestanden hatte. Sie war weder schön noch sonderlich gebildet, er aber folgte seinem Herzen, das ihn auch nicht betrog, und hatte es dieser Heirat wegen aus ein langes Zerwürfnis mit zwei anderen feiner Schwestern ankommen lassen, die ihm eine „ebenbürtige" Gattin gewünscht hatten und sich weigerten, diese ehemalige „Dienstmagd" als Glied ihrer Familie zu betrachten. Erst als die Frankfurter Schwester verwitwet und einsam geworden, von langem Siechtum heimgesucht wurde, kam eine Versöhnung zustande; denn Tante Emilie widmete sich der früheren Gegnerin mit so aufopfernder Treue, daß diese ihr tausendmal alles Unholde, was sie ihr angetan, abbat. Daß dies oft spät geschah, war begreiflich, wenn auch nicht verzeihlich. Diese Frankfurter Schwester meiner Mutter, Tante Clärchen, ihrer Mutter wohl von allen Geschwistern die ähnlichste, da sie dieselben großen schwarzen Augen und üppigen Wuchs hatte, war an einen reichen Frankfurter Bankier, Herz, verheiratet, einen großen, stattlichen, jovialen Mann, an den Mann, au den sich meine früheste Kindererinnernng knüpft. Ich war in meinem dritten Jahr mit den Eltern nach Frankfurt gekommen. wo der Onkel sich nicht zu gut hielt, meinen Spielkameraden zu machen. Er trug mich auf seinem breiten Nacken rm Galopp den langen Korridor hinauf und hinab, und wir rasteten von dem Ritt gewöhnlich in einer Speisekammer, wo allerlei süße Vorräte aufgespeichert waren. Ich durfte aber von einer gewissen Himbeermarmelade erst naschen, wenn ich „Esel Ä8iuu8" gesagt hatte, vielleicht das einzige Latein, über das der Onkel gebot, jedenfalls das erste, das über meine Zunge kam und sich mir mii Hilfe des süßen mnemotechnischen Mittels tief einprügte. In diesem vornehmen jüdischen Hause aber verkehrte nicht nur die Frankfurter Geldaristokratie, sondern auch die Blüten der B u n d e s l a g s g e s e l l s ch a s l, durch den Glanz der Empfangsabende, Bälle und Diners, die Liebenswürdigkeit der Hausfrau und die Schönheit der Töchter angezogen. Die älteste, Adelheid, heiratete einen Rothschild, die zweite und schönste, Helene, einen Attachs der französischen Gesandtschaft, Graf Saliguäc de Fsnelon, die dritte, Marianne, einen Baron Haber. Es war kein Wunder, daß Frau Clara Herz die Vermählung ihres ' Bruders mit einer armen, zum Dienen genötigten Landarzttochter für eine Mesalliance hielt, zu der sie ihre Zustimmung nichl geben könne. Sie hatte vergessen, daß sie von einem Vater abstammte, den der Hosmarschall, wenn er ihm schriftlich eine Bestellung zu machen hatte, mit „Lieber Jude!" anzureden pstegte. Die Lage der Inden in Gnlyien. (Schluß.) Es ist selbstverständlich, daß nicht d n r ch w e g s große Fabriken zu errichten sind. Die Größe der Fabriken hat sich nach der Art des Unternehmens und der Verschiedenhett der zu erzeugenden Waren zu richten. Die Fabriken müssen auch nicht sämtlich von Grund aus neu geschaffen w e r d e n; es wird manchmal genügen, schon bestehende fabriksmäßige Betriebe zu subventionieren, um deren Fortbestand und Entwicklung zu ermöglichen. Durch die Errichtung von Fabriken gelangt eine große Anzahl Personen auch außerhalb der Arbeitsstätte zu Erwerb, indem die Fabrik selbst häufig Heimarbeit ausgibt, ferner indem durch sie andere Gewerbe, z. B. die Kartonageerzenguug, Holzarbeit, die Lithographie, Bnchdruckerei u. s. w. mit Arbeit versehen werden. E s m ü s s e n also nicht für sämtliche arbeitslosen Person e n Fabriken errichtet werde n, und zwar auch deswegen nicht, weil eine gutgehende Fabrik für kapitalskräftige Leute den Anreiz bieten wird, ihr Geld ebenfalls in Fabriken anznlegen; sobald galizische Kapitalisten sehen werden, daß in Industrien mehr zu verdienen ist, als mit Eskomptegeschöften, werden sie Industrielle werden. Daß eine große Anzahl Juden tit Galizien zu einem besseren Erwerb gelangt, wenn ihnen ein billiger Kredit zur Verfügung steht, ist schon früher erwähnt tvorden. Die bisher errichteten Vorschußkassen der I. C. A. haben sich in dieser Hinsicht ausgezeichnet bewährt. Sie reichen aber für den Bedarf bei weitem nicht ans. Wenn uns die Mittel zur Verfügung stünden, hätten wir ebenfalls schon längst solche Vorschußkassen gegründet; durch die Hochherzigkeit eines in Wien wohnenden Galizianers sind wir jetzt in die Lage versetzt worden, eine solche Anstalt in bescheidenem Umfang zu errichten. Ueber ganz Galizien muß sich aber ein dichtes Netz solcher Vorschußkassen erstrecken, wenn den in Handel, Gewerbe und Verkehr tätigen Juden überall ausreichende Hilfe geboten werden soll. Dadurch würde auch bewirkt werden, daß den Eskomteuren die Möglichkeit, ihr Geld zu einem hohen Zinsfüße an Juden zu borgen, wenn schon nicht ganz benommen, so doch eingeschränkt wird, und es würden diese Eskomptenre geradezu gezwungen werden, ihr Geld auf indnstriellem Wege zu fruktifizieren. Wenn einmal eine größere Anzahl von Vorschußkassen besteht, würde es sich auch empfehlen, für diese Kasse eine Zentralbank zu schaffen, durch welche diese Vorschußkassen miteinander in Verbindung gebracht werden, so daß durch sie das überschüssige Kapital der einen Kasse der anderen, minder kapitalskräftigen zusiießen könnte. Ein Teil der jungen Leute könnte auch dem Handwerke zngeführt werden. Wir haben bisher galizische Knaben nach Wien gebracht, um sie hier bei Handwerksmeistern unterzubringeu. Es ist dies eine große Wohltat für diese Knaben, jedoch ist damit für Galizien selbst nur wenig getan. Solche Knaben bleiben, wenn sie das Handwerk erlernt haben, zum allergrößten Teile in Westösterreich und sind füe Galizien verloren. Empfehlen würde es sich, die Knaben zu tüchtigen Handwerksmeistern in Galizien in die Lehre zu geben. Da jedoch die Zahl dieser Meister in Galizien sehr dünn gesäet ist, wird es nötig sein, tüchtige, wenn möglich ans Galizien stammende Handwerksgehilfen durch Subventionen und Darlehen zu veranlassen, ans den westlichen Ländern nach Galizien zn gehen, sich dort niederznlassen, ihr Handwerk auszuübeu und Lehrlinge heranzubilden. Wir müssen bemerken, daß wir auf Grund von Gutachten kompetenter Persönlichkeiten die Lehre beim Handwerksmeister dem Unterrichte in gewerblichen Fachschulen bedeutend vorziehen, und zwar, von anderen Gründen abgesehen, schön deshalb, weil der Knabe unter denselben Verhältnissen, unter denen er künftighin als Gehilfe und Meister tätig sein wird, seine Lehrzeit verbringt. Es darf aber nicht verschwiegen werden, daß ein tüchtiger jüdischer Handwerkerstand in Galizien sich so lange nicht entwickeln kann, als die materielle Lage der Inden dortselbst eine traurige ist. Kundschaft des jüdischen Handwerkers ist in der Regel der Jude und jener kann demnach so lange nicht prosperieren, als seine Kundschast nicht die Mittel besitzt, ihn auskömmlich zu beschäftigen. Das wirtschaftliche Programm ist übrigens zum großen Teile in unseren Statuten enthalten, in deren § 2 als Mittel zur Erreichung des Vereinszweckes, der dahingeht, „die materielle Lage der Inden in Galizien zn verbesseren und deren Kulturnivean nach Möglichkeit zu heben", insbesondere angegeben werden: 1. Schaffung von Arbeit und sonstigem Erwerb, Errichtung von Hausindustrien, Zentral-Ein- und Verkaufsstellen für gewerbliche und landwirtschaftliche Erzengnisse, Subventionierunng von neu zu gründenden Jndustrieunteruehmungen; 2. Errichtung von gewerblichen Fachschulen, Kreierung von Stipendien für Handwerkslehrlinge und Veranstaltung von Vorträgen durch Wanderlehrer; 3. * Verschaffung eines billigen Kredites für das Gewerbe, den Ackerbau und den Handel durch Errichtung von Vorschußkassen. Dieses Programm läßt sich noch in mancher Hinsicht vervollständigen; wir erwähnen hier nur die Errichtung von Analphabeteuschulen für Erwachsene, von Kursen für Maschinschreiben, Buchhaltung und Stenographie, von Fraueuerwerbschulen in größeren Städten rc.