Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 12 (18.3.1910)
- Date
- 1910-03-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12. Die Wahrheit Seite 5. beit allerdings entarteten jüdischen Buchhändler derart über die Ohren, daß man sich fragen muß, ob es denn wirklich in geschäftlicher Hinsicht solch bodenlos dumme Juden gibt, wie Herr Isidor Cohn. Der Inhalt des Nomanes ist eigentlich kurz anzugeben. Der jüdische Inhaber einer großen, reichen Verlagsbuchhandlung. Herr Isidor Kohn, sieht bei einem Feste, auf dem lebende Bilder dargestellt werden und bei welcher Gelegenheil, er der reiche Mann znm erstenmale sonderbarerweise eine solche großstädtische Veranstaltung zu sehen Gelegenheit fand, die junge Reichsgräfin. Dora Holm, als „Mädchen ans der Fremde", und wird von ihrer körperlichen Erscheinung derart besangen, daß er sein ganzes Sinnen und Trachten darauf richtet, sie zum Weibe zu gewinnen. Das gelingt ihm, da die oben erwähnten adeligen Verwandten, Graf Holm und seine Schwester, sie ihm verkuppeln, dieselbe Komtesse Dora, die einen gleichfalls armen Vetter, Graf Trettach, liebt und bereit gewesen war, sich ihm — hinzugeben. In der Ehe weigert sich Dora Cohn, ihrem Manne anzngehören. Ans welch' infernalische Art Isidor Cohn (die Kalauer, die mit dem Vor- und Zunamen gemacht werden, sind sehr billiger Art!) schließlich doch ans Ziel seiner Sehnsucht kommt, nachdem ihn Dora mit Graf Trettach betrogen hat, und wie er seine Frau körperlich nnd geistig bricht, nimmt den Rest des Buches eiu. Als einzige Säule ans all der verschwundenen Pracht, als einziges Lichtbild bleibt Recha stehen, und für Isidor Cohn (merkwürdigerweise noch immer „Isidor Cohn" und nicht etwa Armin Carring >c.), bevor er das Fazit seiner verfehlten Spekulation mit dem Revolver abschließt, die Erkenntnis „wie der wahre Jude sich nie „zum Grafen Cohn" gewandelt, nie sich in hohe Kreise emgedrängt, sein Geld um fremde Schmarotzer willen vergeudet, nie einer Komteß sich verlobt und ihr zuliebe seinen Glauben abgeschworen hätte; eine Ahnung, daß Adel und Judentum nicht wie zwei anfeinanderprallende Gletscher knirschend, Brust an Brust, die Kraft ihres Stoßes aneinander messen, sondern für Ewigkeit aus weiter Ferne, aus steiler Höhe sich grimmig messend nur mit dem schmutzigen Schutt ihrer Moränen sich verächtlich streifen." (S. 345.) Bei dieser Ansicht, die offenbar jene des Autors ist, mutet uns die Aussicht am Schlüsse höchst seltsam an: „Regungslos starrt Recha auf das Neugeborene. In seinen Adern fließt Jndenblut nnd Aristokratenblut. Wird Isidors und Doras Kind den Zwiespalt überwinden? Wird es als Auslese zweier Rassen das Leben wahrhaft meistern? Wird es doppelt belastet, doppelt krank an seinem Erbe verbluten? Sonnenlicht bricht durch den Nebel. . . . Und aufschlnchzend, wie um Erbarmen flehend, hebt Recha den schlummernden, unschuldigen Knaben auf ihren reinen starken Armen empor, dem neuen Tag, der neuen Zukunft entgegen. ..." (S. 351.) Und so wird Bileam von einen Fluchenden zu einem Segnenden : „Hoho. . . . Schimpfen Sie nicht auf die Juden. . . . Das klingt semitisch." (S. 234.) — — Erwin Kaller. Zn Pani Heyses 80. Geburtstag. Am 15. März sind die Wortführer des literarischen Deutschland in München znsämmengeströmt, um dem Allmeister der modernen deutschen Novellistik, dem hervorragenden Dichter und glänzenden Jnterprelen aller .Kultursprachen, zu seinem 80. Geburtstage ihre Huldigung darzubringeu. Der Prinzregent von Bayern hat den gefeierten Dichter in den Adelsstand erhoben und die Kunststadt au der Isar hat ihrem berühmten Mitbürger ans diesem Anlaß das Ehrenbürgerrecht zu verleihen beschlossen. Freilich einer wird unter der Schar der Gratulanten fehlen, der T h e r s i t e s aus W e i m a r, der von der Höhe seiner wissenschaftlichen Unfehlbarkeit — recte seines maßlosen Dünkels — den „Halbjuden" Heyse überhaupt nicht als deutschen Dichter anerkennt. Hat doch dieser „Verderber der Jugend" es gewagt, die heiligsten Empfindungen der altdeutschen Hurragarde des Herrn Bartels zu verletzen, indem er offen gegen das Trinken nnd den Trinkkomment polemisiert hat! Das soll ein deutscher Dichter sein, der soll aus dem deutschen Parnaß wohnen dürfen, der folgendes zu schreiben wagte?: „Daß man sich beim Genuß des edlen Rebensasies einem Komment unterwerfen, sich diktieren lassen sollte, w a u n und wieviel man trinken müsse, auch gegen seine Neigung, hielt ich für eine Beschränkung der Freiheit, durch welche junge Leute, die eben erst dem Schulzwang entronnen waren, sich das Zeugnis ausstellten, daß sie von persönlicher Freiheit keinen Begriff nnd überhaupt kein Bedürfnis danach hätten, abgesehen von den verderblichen Folgen für ihre leibliche Gesundheit. Ich begriff nicht, daß ein Beweis von Männlichkeit darin liegen sollte, seinen Magen an die Ausnahme von ungeheueren Mengen Wein oder Bier zu gewöhnen, oder daß es der Ehrgeiz geistig strebender Jünglinge sein könne, sich um den V e r st a n d z n trinken — ein so absurder Ehrgeiz, daß wir uns vor unseren romanischen Nachbarn zu schämen Hütten, bei denen die Jugend sich ihrer Vorrechte dock auch ausgiebig erfreut, ohne durch unmäßigen Weiugenuß sick dazu anfenern zu lassen. Daß schon unsere altgermanischen Vorfahren diesem Laster gesröhnl nnd sich damit gebrüstet hätten, vor anderen Nationen trinkfeste Männer zu sein, die das Zechen so gründlich betrieben, daß sie oft mehrere Tage brauchten, ihren Rausch auszuschlasen, konnte es in meinen Angen nicht rechtfertigen, daß trotz aller znnehmenden Gesittung die Trnnkinchi sich auch heute noch einer pietätvollen Pflege zu ersrenen hat." Mit solcher Pietätlosigkeit von den altgermanischen Vorfahren sprechen, kann nur ein Mann wagen, der semitisches Blut in seinen Adern hat. Und Heyse ist sogar noch st o l z ans den jüdischen Einschlag in seinem Blute. In der „Deutschen Rundschan" hat er genau vor 10 Jahren — Mitte Mürz 1900 — seine Ingenderinnernugen veröffentlicht, in denen er mit besonderer Liebe seiner Mutter nnd ihrer Geschwister gedenkt. Von Mutters Seile, so berichtet Paul Heyse. sei er ein richtiges Berliner Kind, da seine Mutter am 12. Januar 1788 als die jüngste Tochter des Königlich Preußischen H o f j u w e l i e r s S a l o m o n Jacob S a l o m o n und dessen Ehefrau Helene, geb. Meyer (gest. 1811 > zur Welt kam. Fünf Geschwister, zwei Brüder und drei Schwestern, gingen ihr voran, sämtlich von der Natur glücklich ansgestattel mit lebhaftem Geist und einer leiblichen Schönheit, wie man sie in gewissen aristokratischen jüdischen Familien findet. Nur die Züge des ältesten Bruders. Simon, und einer der Töchter. Klara, erinnerten an den bekannten semitischen Typus. Den anderen war ihre Abstammnng nicht an den seinen geraden Nasen zu lesen, so wenig wie an den großen blauen Augen unter breitgeschwungenen Lidern. Wann diese sechs Geschwister znm Christentum übergetreten sind und ihren jüdischen Namen Salomon gegen den nicht allzuchristlichen Saaling vertauscht haben, weiß Heyse nicht anzngeben. „Von dem nicht übergroßen Reichtum des Vaters war, da das Erbe in sechs Teile ging, aus das einzelne Kind nur ein mäßiger Anteil und Einiges an Juwelen gekommen, immerhin genug, daß die Geschwister sorgenfrei leben konnten. Der älteste Bruder starb, noch ehe ich geboren wurde. Der zweite. Louis Saaling, brachte es in kaufmännischen Stellungen zu einem etwas ansehnlicheren Vermögen, das er sorgfältig durch eine wunderliche Sparsamkeit zu vermehren suchte. Während er eine offene Hand hatte, wo es galt, seinen Schwestern oder guten Freunden Liebes zu erweisen, kehrte er u. A. die Kuverte empfangener Briefe um, sie zu den Antworten zu benützen, kaufte auf einmal mehrere Dutzend Ausschuß-Handschuhe und rauchte Zigarren, die fein nicht eben verwöhnter Neffe standhaft verschmähte. Dabei war er ein weichherziger, heiterer, allgemein beliebter Mann, der es zu hohen Jahren brachte und bis zuletzt die drei steilen Treppen feiner Wohnung an der Schönen Aussicht Frankfurt a. M. nachts hinaufstieg, nachdem er in der Ressource stundenlang dem Kartenspiel der Anderen zugesehen hatte . . . Und doch hatte auch er, da er sich zu heiraten entschloß — in schon etwas vorgerückten Jahren, doch immer noch ein ansehnlicher Freier, — bei seiner Erwählten nicht auf goldene