Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 12 (18.3.1910)
- Date
- 1910-03-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 12. wäre, heute noch. Aber die Ueberläufer mehreu sich. Der Zionismus, dem sich ein Teil der Aufgescheuchten in die Arme geworfen hat, enthält immer noch ein verschämtes Bekenntnis zum Deutschtum. Denn die Zionisten heißen sich Nationaljnden deutscher Kultur. Aber zahlreich sind doch schon die Söhne oentsch-jndischer Kanflenle in der Diaspora, die ans slawischen Mittelschulen slawischen Patriotismus eingesogen haben und nun, mit Freuden willkommen geheißen, ihre Intelligenz in den Dienst der Slawen stellen. Man braucht nicht zu glauben, daß die Slawen an sich jndenfreundlicher seien, als die deutsche Bevölkerung. Das Gegenteil ist der Fall. Der Slawe haßt den Juden doppelt, als Inden und als Deutschen. Aber die slawischen Politiker sind klüger als die deutschen und werben um das geistig-wirtschaftliche Kapital der Inden. Die deutsche Bevölkerung roiederum ist relativ frei von Judenhaß, sie verträgt sich mit der altausäßigen, vollkommen akklimatisierten Judenschaft ausgezeichnet. Aber der ganz gemeine politische Konkurrenzkampf der Parteien hat sich der antisemitischen Parole bemächtigt ttud mau hat sich gegenseitig überboten an „Reinheit und Unverfälschtheit". Es ist ein wahres Glück, daß die Juden instinktiv doch an dem Deutschtum festhallen, das ihnen ja doch mehr zu bieten hat und wesensverwandter ist als das noch tiefer in der Barbarei steckeilde Slawentum. Denn wenn die gesamte österreichische Jndenschast, was ihr an sich nicht verargt werden könnte, sich einmal völlig aus sich znrnckzöge oder gar dem agressiven Slawentum anschlöße, dann wäre es um das bischen deutsche Präponderanz in Oesterreich bald geschehen. Aber wenn bas einer der Unentwegten des Nationalverbandes selbst einsähe, hätte er doch den Mut nicht, es zu bekennen und dafür einznireten. So bleiben die Abg. Kn ran da und Ofner, von denen jeder einzelite mehr deutsche Kultur im Leibe hat als ein Dutzend der wohlgemästeten Reichsdeutschen, beides obendrein untadelige Männer nnd hervorragende Fachleute, außerhalb des Verbandes, und der deutsche Nationalverband umfaßt alle „freiheitlichen" Deutschen, nur die Vertreter der geistig höchststehenden Bezirke der Hauptstadt nicht. Daß der „Halbsozialist" und Begründer der „Freien Schule", Baron'Hock, nicht zum Eintritt ausgefordert wird, ist selbstverständlich. Das ist zwar kein Jude, aber noch etwas viel ärgeres; ein Deutscher nämlich, der es „mit den Sozialisten hält" und vor dem Nationalbeutschtnm von Fabrikanten gar keinen Respekt hat, die zwar deutschradikale Zeitungen halten, daneben aber slawische Arbeiter als Lohndrücker ins deutsche Gebiet ziehen, weil sie billiger tind — wehrloser sind. „Die wahre Armut kommt nicht von Gott", sagt ein Sprichwort; die hat der Mensch immer selbst verschuldet. Die Misere der Deutschen kommt auch nicht von Gott oder durch ein grausames, von außen auferlegtes Schicksal. Sie kommt von ihrem Mange! an Mannhaftigkeit, Großherzigkeit und Freiheitssinn. Es kann auch nicht besser werden, bevor nicht das geiamte Deutschtum sich der Verirrungen der letzten Jahre zu schämen beginnt, iuie einer bösen, selbstverschuldeten Krankheit. Heute ist nicht einmal der Anfang einer solchen Selbstbesinnung wahrzunehmen." Mu moderner Berliner „Indenroman". Jedermann kennt ja ans 4 Mos. 22—24 die Geschichte Bileams, der auszog, Israel zu fluchen, nnd damit endigte, es zu segnen. „Und Balak sprach zu Bileam: Meine Feinde zu verwünschen, berief ich Dich, und siehe, gesegnet hast Du nun drei Male." An diese vorbildliche Geschichte wird unwillkürlich die Erinnerung rege, wenn man den jüngst erschienenen Roman „Gras Cohn" von Paul Langetischeidt (Berlin 1910, IV. — 351 S. 4 Mk.) zu Ende gelesen hat. Er soll offenbar gleich Dessauers „Großstadtjuden"*) eine vernichtende Satyre sein aus die Großmannssucht reichgewordener Inden, ans ihr *) Großstadtjuden, Roman vou Adolf Dessauer, 1—3. Aufl. Wien und Leipzig, Wilhelm Brauumüller 1910 IV. — 461 S. K 3.60. Bergl. „Die Wahrheit" Nr. 10, vom 4. März 1910.) Bestreben, sich in Kreise einzndrängen, denen sie und die ihnen ihrer innersten Natur nach fremd sind. Der Zweck einer solchen Satyre kann unseres Erachtens ein zweifacher sein, entweder die Unmöglichkeit einer solchen Vermischung darzulegen oder zn zeigen, wie sie erreicht werden kann. In diesem zweiten Falle sollten unbefangen Mittel und Wege dazu angegeben werden. In beiden Fällen aber muß man die Verhältnisse von einer höheren Warte aus betrachten, als von der einer Bnchhändlerspeknlation oder der einfachen Sensation, die beide bei diesem Thema im Zeitalter des Äutisemitismns ans ihre Rechnung zu kommen glauben. Die Stellung der Inden zu dem Volke, unter dem sie leben, meist seit vielen Jahrhunderten, deren Sprache, Sitten und Gewohnheiten sie trotz allem und allem, wenn auch zum Teile entstellt und umgemodelt angenommen, haben, läßt sich nicht durch einige öde Späße nnd antisemitische Witzeleien, durch bloße Darstellung von jüdischen Karikatitren im Handumdrehen lösen. Es gibt neben Isidor Cohn, dem „Grasen", doch noch andere Inden unb Jüdinnen, wie Herr Paul Langenscheidt selber ganz wohl weiß, indem er neben Isidor, mit den schwarzen unsicheren Angen, dem schmalen gelblichen Gesicht, mit den kurzen Beinen, mit der Haltung und Art, wie er die linke Schulter ein wenig hebt und das rechte Ohr gesenkt hält, (!! sic!!) als ducke er sich noch vor den Peitschenhieben, die seine Vorfahren als Willkomm gewöhnt waren." (S. 1.) Es gibt neben solchen Inden auch Mädcheit derselben Rasse „mit braunen, sanften Angen und der klaren Stirne, mit frischem roten Mund und einer feingewölbten Nase", deren Anblick erinnert „an das Köstlichste, Herzbezwingendste des Judentums, das dieses aus den Zeiten des alten Testaments in unsere Tage hinübergerettet hat. Es gibt Frauen, Judas Töchter, die als Gattinnen der Sonnenschein ihres Heims sind, fleißig nnd schlicht, selbstlos nnd treu, Frauen, vor denen ein jeder sich huldigend beugen darf". (S. 73.) Das ist Recha, die Schwester des so schmeichelhaft geschilderten Isidor, den seine hochmütigen Mitschüler nur „Lazarus" riefen. Beiläufig gesagt, der seit Lessings Nathan so beliebte Name Recha für schöne Jüdinnen, ist wenn wir nicht irren, überhaupt nicht jüdisch, keineswegs aber bei den Inden üblich. Er gehört zn dem fundus instructus aller jener, die ohne eine Ahnung von Juden nnd dem Judentum zu haben, über Inden nnd Judentum schreiben nnd so in den natürlichen Fehler verfallen, einerseits Zerrbilder, anderseits Ideale zn schildern, niemals aber wirkliche Menschen von Fleisch und Blut. Der Referent ist mit den vornehmen Adels- und Offizierskreisen zn wenig bekannt, im Hosleben, sei es dem Berliner oder einem mittelstaatlichen, wohin die Geschichte sonderbarerweise verlegt wird, zn wenig vertraut, um ein Urteil darüber abgeben zu können, inwieweit die geschilderten Offiziers- und Hofkreise der Wirklichkeit entsprechen. Sie. machen auf uns den Eindruck von Kleiderstöcken, die mit entsprechenden Kostümen bedeckt sind und wie Schachfiguren, die von dem Schriftsteller hin- und hergeschoben werden. Es ist mutatis mutandis dasselbe Rezept, das in Familienblättern Backfische nnd anderes Lesevolk einnehmen. Hluiatw rnutandis d. h. in unserem Falle ohne die ausstachelnden lüsternen, derb-erotischen Szenen, die in unserem Romane durchaus nicht spärlich und schüchtern angebracht sind. „Der Kaviar wird mit Löffeln gegessen" (S. 33), wie sich der Lentenant Baron Sternau sehr zartfühlend und geschmackvoll in Gegenwart eines Mädchens wie die oben geschilderte Recha, deren Gast der verschuldete Offizier überdies ist — ansdrückt. Und zwar Kaviar der gesalzensten Art, oder um in ehrlicher deutscher Prosa zu reden, die schwülsten, sinnlichsten Szenen, zum Teile widerlichster Natur, wie sie deutschen Lesern oder Leserinnen znzumnten, man vor zwei bis drei Jahrzehnten noch nicht „vorgeschritte n" genug war. Ob ferner der Hofmarschall Graf Holm und die Hofdame Gräfin Thekla Holm, ob der Herr von Sternau, ob der Hofprediger wirklich eine Blüte der deutschen Nation darstellen, ob sie nicht vielmehr richtige „nichtjüdische" Gegenbilder des Isidor Cohn sind, mag der Leser selbst entscheiden. Der Herr Hofmarschall Graf Erich Holm. Major der Reserve des Leibhusaren-Regiments, haut wenigstens