Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 12 (18.3.1910)
- Date
- 1910-03-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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AisIDaHrHsit ii Nkdaktion imb Adiniiiislraiioii: Wien, IX/, Nvvaragasse 27 Telephon: Redaktion 5107/VII1. Administration 4938/11. K. k. österr. Postsparkaffa- Scheck-Koiuo 3tr. 1000.918. Inleraie: Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. Abonncnieuls- »nd JnsertionSbeiräge sind in Wien zahlbar und klagbar. Inabhängige Aertfchrift für Misch, Mlere^e«. — ~ ~——— '"= II Gezilgspreis: ij Ganzjährig.K 14.—!l Halbjährig.K 7.— Für Sfiiltnsbeamte: : Ganzjährig.K 10.— Krscheinl jeden Krei 1 ag. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!41 Tvitv Ausland: Ganzjährig.8 Mark 6 Äinvel oder >6 FrcS. »r. 12. Wie». 18. Mär; i»io. Inhalt Die Deutschen und der Liberalismus. — Ein moderner Berliner „Judenroman". — Zu Paul Heyses 80. Geburtstag. — Die Lage der Juden in Galizien. — Verschiedene Nachrichten. — Kunst und Literatur. — Feuilleton: „Seilt Anteil am Jenseits". — Austritte ans dem Judentum. — Notiz. Die Deutschen und der Liberalismus. Während die großen Wiener freisinnigen Blülter die beliebte Vogelstranßpolitik spielen und so tun, als ob der Liberalismus an den sogenannten heutschfreiheitlicheu Parteien im österreichischen Parlamente noch immer einen aufrichtigen und unerschrockenen Beschützer fände, ist man in Deutschland über die trostlose Situation vollkommen im klaren, und so veröffentlichte jüngst die „Frankfurter Zeitung" folgende, ebenso treffende als bemerkenswerte Kritik der deirtscheu Parteien und ihres wahren Verhältnisses zum liberalen Gedanken: Wir haben jetzt einen Nationalverband der D e u t s ch f r e i h e i t l i ch e n, aber von der Freiheitlichkeit ist im Verbände wenig zu verspüren. Wäre die Bevölkerung so wie ihre parlamentarische Vertretung, müßte man verzweifeln an der Zukunft der Deutschen in Oesterreich. Da ist jetzt der Fall L e s ch a n o s s k y. Ein freisinniger Mittelschul-Jnspektor j wird gezwungen, binnen dreier Tage um seine Pensionierung j nachzusuchen, widrigenfalls ihm ohne sein Ansuchen der Stuhl vor die Türe gesetzt würde. Der Mann hat nichts anderes verbrochen, als daß er einem klerikaleil Anwärter ans seinen Posten im Wege steht. Ihm nach sollen noch in diesem Jahre die beiden anderen Inspektoren.Tirols folgen, weil die Klerikalen im Schulausschusse ganz unter sich sein wollen. Zweck des Ganzen: Besetzung aller Lehrstellen des Landes mit waschechten Klerikalen, schließlich Klerikalisierung der Universität Innsbruck. Es ist eben nicht mehr genug, daß die Landbevölkerung willenlos ben Kaplünen folgt; die Städte und insbesondere die von der Aufklärung angefaulten Mittelklassen sollen wieder ins klerikale Joch gespannt werden. Was tun die Freiheitlichen dagegen, die gerade jetzt sich zil einem Gewalthaufen von achtzig Mann vereinigt haben, um ans der parlamentarischen Wagschale schwerer ins Gewicht zu fallen? Sie erwirken, daß dem > schwer gekränkten tadellosen Beamten der Hosratstitel in die j Pension nachgeworfen wird. Darüber hinaus kümmern sie sich j nicht mit die Angelegenheit. Was Teufel schert die Ministrableu! die Klerikalisierung der Tiroler Schulen? In Mandaten! drückt sich ja das erst in zwanzig Jahren aus, und wer weiß, wer dann noch lebt. Heute aber stehen Ministerportefeuilles auf dem Spiele, die nur traitablen Leuten verliehen werden können, und der unsichtbare Regisseur aller Regierungshandlungen ist der Protektor des katholischen Schulvereines. Was soll man ans einem verlorenen Posten kämpfen! Das Land ist klerikal, der Hof ist klerikal, der Hochadel klerikal; was die | paar Judenblätter schreiben, liest ekst kein Mensch mehr; am j gescheitesten ist also, man gibt a' Ruh und wartet, bis wieder ein liberaler Wind von oben weht. Denn aller Segen kommt ja doch von oben. So lange die Oberen Jvsesiner waren, hat anch die Beamtenschaft josefinische Traditionen bewahrt, und weit, weit von der Hauptstadt, sogar anch in Klöstern und Pfarrämtern trifft mau immer noch so ein paar Ueberbieibsel aus der Ausklärnngszeit. Heute aber trügt man andere Moden. Ein frommer Angenausschlag und ein biegsames Rückgrat sind weit förderlicher für die Karrierre als Freimut und Freisinn. Und: Was will er denn, der deutsche Patriot? Ein Ordensbändchen und ein Stückchen Brot. Welch leichtes Spiel die zielbewnßten oder fanatischen Klerikalen mit einer so mollnskenhasten Gesellschaft haben, kann man sich vorstellen. Es ist zwar kein sicherer Gewinn, den sie dabei einheuwen; denn mit derselben wirbellosen Weichheit, mit der sich die fraglichen Schichten der klerikalen Mode unterwerfen, werden sie anch wieder eine liberalere akzeptieren; aber welche Opfer an Seele und Charakter werden bis dahin wieder gebracht werden müssen! Und dabei zu denken, daß das alles nicht nötig wäre, daß mit Mannhaftigkeit und vernünftiger parlamentarischer Taktik die Klerikalen ans allen ihreil Positionen geworfen ■ werden könnten, weil tatsächlich das Abgeordnetenhaus keine I klerikale, sondern eine, wenigstens dem Namen nach, freiheitliche j Majorität hat. Aber der Name tm's freilich nicht; es gehört 1 auch die Gesinnung und der Charakter dazu.! Ein ander Beweis: Der Nanonalverband und die Jude n. i Mau hat die zwei Vertreter der intelligentesten Bezirke der Hauptstadt nicht einmal ansgesorderl zum Anschluß an den Verband, weil sie ungetanste Inden sind. (Bei den getauften Juden Redlich und Licht drückt man ein Auge zu.) Der Antisemitismus ist in Deutschland nur eine Sünde an Moral und Menschlichkeit. In Oesterreich ist er ein Verbrechen am Deutschtum. Bei der intellektuellen Schläfrigkeit der bürgerlichen Deutschen in Oesterreich sind die Juden in weit höherem Maße als ihrem Anteil an der Bevölkerung znkäme, Träger der deutschen Kultur. Die deutschen Bühnen und Buchhandlungen, ja die meisten deutschen Zeitnngsredaktionen könnten zusperren, wenn die Juden einmal anshören würden, sich als Deutsche zu fühlen. In den gemischtsprachigen Gebieten ist das znm Teil schon der Fall. Die jüdischen Minoritäten, die in den mährischen und böhmischen Städten die Kerntrnppe eines opferwilligen Deutschtums gebildet haben, sind kopfscheu geworden. Von den Deutschen angefeindet und beleidigt, von den Slaven umschmeichelt, haben sie lange genug an der deutschen Tradition festgehalten und tun es in Prag, das ohne sie schon verloren