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Die Wahrheit · 1910-03-11 · Heft 11 (11.3.1910) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 11 (11.3.1910)
Date
1910-03-11
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 11. r a b b i n e r s wurde dem Vereinsvorstande wiederholt bedeutet, daß dem Kultusvorstande eine solche Anstellung eines neuen Gemeinderabbiners neben den jetzt finigiereiibeii 16 Gemeinderabbinern nicht akzeptabel erscheine. Auf Grund einer vorgelegten Berechnungstabelle lmtrbc seitens des Vereines pro 1910 eine höhere Subvention als die im Vorjahre bezogene heansprucht. Da jedoch die Prüfung dieser Rechnung ergab, daß die Jahreseinnahmen für Betsitze nur mit einem Zmöftel dev Betrages, die Ausgaben dagegen mit dem vollen Jahresbetrage eingestellt waren, hat das Plenum dem Vereine pro 1910 die erfahrungsgemäß bisher hinreichende Subvention von K 5000.— bewilligt. lieber die Klage des Vereines, daß ihm wiederholt Einladungen zu Besprechungen, sowie zu einem im Vereinstempel vorgenommenen Lokalaugenschein nicht zugekommen sei. war einigen Herren des Vereinsvorstandes vor wenigen Tagen die hieramtlich bescheinigte Expedition der Einladung vorgewiesen worden. Gegenüber den Ausführungen des eferentcn, daß der Brigitteuaucr Tempelverein seitens des.^ultusvorstandes nicht das gleiche Entgegenkommen fände, wie die anderen Tempelvereine, verweist der Präsident darauf, daß seinerzeit zur Erbauung des Bethauies ans den Mitteln der Knltusgemeiude K 50.000 gewidmet wurden, daß weiters dem Vereine seitens der Gemeinde ein Darlehen von K 30.000 und seitens eines Mitgliedes des Kultusvorstandes weitere L 20.000 darlehensweise zur Verfügung gestellt wurden. Wie schon erwähnt, erhält der Verein überdies eine jährliche Subvention von K 5000 und erhielt weiters zu Adaptierungszwecken im Vorjahre einen Betrag von K 630.—; der Rabbiner wird seitens der Kultusgemeinde honoriert; für die Bibelschule des Vereines wird alljährlich eiue Subvention von K 2500 votiert. Die Subventionen an die Wohltätigkeitsinstitutionen dieses Bezirkes betragen pro Jahr ca. K 13.000, und außerdem wird von allen, dem Kultusvorstande im Laufe des Jahres zur freien Verteilung überwiesenen Spenden und Legaten die Brigittenau mit Rücksicht auf ihre zahlreiche arme jüdische Bevölkerung jederzeit und reichlich bedacht. Berufung von Bethausvorstehern für den 18. Bezirk. Ueber Antrag des Vertreterkollegiums werden die Herren Jakob Grotte und Wilhelm Weiner zu Bethausvorstehern für den Währinger-Tempel berufen. In der hierauf folgenden vertraulichen Sitzung wurden eine Reihe von Steuer-, Stiftungs- und Personal-Angelegenheiten erledigt. Schluß der Sitzung 1 Uhr mittags. Gin jüdischer Bürgermeister in Johannesburg. Seit Ende vorigen Jahres besitzt die große Jndustrie- und Bergwerksstadt Johannesburg in Südafrika in der Person des Herrn Harry Grau m a n n einen jüdischen Bürgermeister. Da die jüdische Bevölkerung der emporblühenden Großstadt verhältnismäßig gering ist, muß man diese hoheAuszeichnuug einesJnden umso höher einschätzen. Einem Bericht aus Johannesburg entnehmen wir, daß die jüdischen Gemeinden zu Ehren des Nengewählten einen gemeinsamen Festgottesdienst in der großen Synagoge veranstalteten. bei dem alle Konsnle, darunter Baron R a m b e r g für Oesterreich-Ungarn, die Spitzen der Behörden, der gesamte Gemeinderat und Vertreter aller Zeitungen erschienen. — Gegen unsere sonstige Gepflogenheil wollen wir die glänzende Begrüßungsansprache des Oberrabbines Dr. I. L. Lauda n wegen ihres interessanten Inhaltes und wegen ihrer historischen Bedeutung in einer deutschen Uebersetzung wiedergeben: ' .,Meine lieben Freunde! Die ersten Worte, welche uns heute in diesen heiligen Hallen begrüßten, erläutern uns die Bedeutung dieses feierlichen Gottesdienstes: „Wie schön sind, deine Zelle, Jakob, deine Wohnungen, Israel! Ich betrete dein Haus, v Herr, durch die Fülle deiner G n a d e." Darin spricht sich der Gedanke an Gott ans, an seine unbegrenzte Macht und Barmherzigkeit, das ist unsere Zuversicht ans seine unerschöpfliche Liebe und Gerechtigkeit, welche uns fähig macht, gleich stark undanfrecht in allen Wechselfällen des Geschickes zu bleiben — in den Tagen der Freude imb des Kummers, des Glückes und Unglückes. So ofl der Mut uns sinkt und Leid unser Bemühen zunichte macht, da suchen wir Trost im Hanse Gottes und schöpfen neue Kraft aus unserem Glauben an Gott. Und wenn der Erfolg uns lacht und Ehrgeiz unseren Pflichtenkreisvergrößert. da ist es wieder das Gefühl der Allgegenwarl Gottes und unser Dankgebet, das uns edle Regung einflößl. das uns die Stärke verleiht, die Bürde unserer größeren Verantwortung mit Leichtigkeit zu tragen. Dieser Dankgottesdienst, der ein goldenes Blatt in der Geschichte dieser gesegneten Stadt bilden wird, wird nicht allein unserem Bürgermeister zu Ehren abgehalten, dem jetzt die höchste bürgerliche Auszeichnung verliehen wurde, sondern auch zu Nutz- Frommen der ganzen Gemeinde. Warum es nicht eingesteheil angesichts dieser glänzenden Festversammlnng? Für uns Juden ist es der Ausfluß tiefer Freude, daß einer unserer Brüder diesen bedeutsamen Rang erlangte, dessen Reflex uns alle bestrahlt. — In unserem Gebetbuch steht ein kleiner Vers, der unser innigstes Wünschen und sehnsüchtigstes Verlangen ansdrücki: „Möge der Herr seinem Volke Stärke verleihen, möge der Herr sein Volk mit Frieden segnen." Kein Volk hatte je mehr Ursache um Stärke, physische und moralische, zu bitten als wir. Keine Einbildungskraft ist so lebendig, alle Prüfungen zu erfassen, bereit unsere Vorfahren ansgesetzt waren; keilte Zunge ist so beredt, all die Qualen zu schildern, ivelche unser Volk üi allen Ländern des Exils erdulden mußte; und doch war keine Gewalt so groß, unseren Willen zu brechen oder nur zu beugen. Der Jude fleht um Stärke und schöpft sie aus dem Glaubet» an Gott und an die gerechte Sache, die er mit seinem Leben verteidigt. Doch beten wir vielleicht um Macht zur Bekämpfung, unserer Gegner, um Krieg mit unseren Feinden zu beginnen, um Blut zu vergießen oder Recht zn verletzen? Nein! Der zweite Teil unseres Verses erklärt völlig den Sinn des ersten: Möge der Herr sein Volk mit Frieden segnen. Friede ivar stets das höchste Ideal ber Juden! — Der Friede, der ans Wahrheit und Gerechtigkeit entspringt, jener Friede, der den Sieg der Zivilisation verkündete Damals, als der erste Tempel niedergebrannt, unser Land verwüstet und das Volk in die Gefangenschaft getrieberl wurde, an den Wassern Babels saß und weinte, da prägte ihnen der Prophet Jeremias die Worte ein: „Suche den Frieden der Stadt, wohin Du verbannt bist, denn in ihrem Frieden wirst auch Du Frieden sinden." Und stets war es seit jenen Tageil des Unheils eines unserer liebsten Gebete: „Der Herr segne unser Volk mit Frieden!" — ein dreifacher Friede im Sinne unserer Rabbinen: Friede für die Stadt, für den König und den Allmächtigen. Unser größter Ehrgeiz mar es immer, loyale Bürger zn sein, das Werk der Zivilisation zu fördern und unserem Glauben treu zu bleiben. Das Maß des Friedens, dessen sich unser Volk erfreute, war stets das sicherste Zeugnis für den Knltnrznstand unserer Mitbürger. Eine je höhere Kulturstufe ein Volk erreichte, desto größer war das Ergebnis der friedlichen und nutzbringenden Werke, die unser Volk vollbrachte, desto größer war ihr Anteil an der Bürde ihres Nächsten. Wenige Jahrzehnte von Freiheit und Gleichheit haben genügt, um der Welt zu beweisen, daß friedliche und freisinnige Werke für den Fortschritt der Menschheit au uns die eifrigsten, unerschrockensten und selbstlosesten Mitarbeiter sinden. Daß dies frank und frei anerkannt wird, daß die Straße endlich frei wurde für alle Kämpfer im Gottesstreite, ist nichr nur ein glorreicher Triumph der Gerechtigkeit, sondern auch ein glorreicher Beweis für den Fortschritt unserer Mitmenschen, die sich vom "Vorurteil der Vorzeit befreiten. — Die Einwohner dieser jungen Stadt, die sich alle — Holländer, Engländer, Deutsche und Inden — vereinigten, ihre Grundfesten zu legen, ihre reichen Hilfsquellen zn öffnen, haben während der.letzten Dekade all die Greuel des Krieges, all die Folgen des Raffenstreites und der politischen Zwietracht erlebt. Jetzt sind wir erst imstande, die Segnungen des Friedens, des Zusammenwirkens

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