Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1910-03-11 · Heft 11 (11.3.1910) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 11 (11.3.1910)
Date
1910-03-11
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3063520-3063531--06566-3073579
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 11. Die Wahrheit^ Seite 7. Die bosnische Landes-Berfassung. Ich will Ihnen, meine Herren, ein kleines Resümee über ^eine Angelegenheit geben, die Ihnen allerdings zum großen Teil aus Zeitungs-Mitteilungen bekannt sein dürfte. Sie mögen daraus ersehen.. in welch intensiver '■ und zum Glücke erfolgreicher Weife das Präsidium der Kültnsgemeinde in dieser Sache bemüht gewesen ist. In dem ursprünglichen Verfassungsentwürf für Bosnien und Herzegowina war-geplant, ote Wahlen in den Landtag nach konfessionellen Kurien vorzunehmen, und zwar je eine Kurie für die Katholiken. Griechisch-Orthodoxen unv Mohamedaner. Bon einer jüdischen Kurie war nicht die Rede. In solchem Sinne hatte sich auch der Minister in der Delegation in Budapest geäußert. Das Präsidium der Kültnsgemeinde, sowie auch der öst.-isr. Bund, dessen Präsident ich zu sein die Ehre habe, und dem auch der Kultusvorstand angehörr, waren nun bemüht, von der bosnischen Judeuschaft es abznwehren, daß sie als minderwertig deklassiert werde und so gleichsam eine capitis deminutio erleide. Nachdem die bosnischen Inden .anläßlich des 60jährigen Negiernngsjnbiläums bei Seiner Majestät in Audienz erschienen waren, begaben sie sich zur Kultusgemeiude und hier in diesem Saale fanden die Versammlungen der bosnischen Juden statt, und zivar der sephardischen und der askenasischen Juden separat, sowie sie auch sevarat an verschiedenen ^agen ihre Huldigung Seiner Majestät unterbreiteten. Es war nun meine Aufgabe, sowie auch die Aufgabe des heute leider kranken Kollegen, Vizepräsidenten Dr. Gustav Kohn, den Herren zunächst ans Herz zu legen, daß, wenn sie getrennt marschieren, wohl getrennt oder vereint geschlagen werden, sie eine politische Gleichstellung jedoch niemals erlangen werden. Es ist mir gelungen, eine Vereinigung der Sephardim und der Aschkenasim zustandezubringen. Dieie in Sarajevo zustandegebrachte, hier in diesem Saale initiierte Vereinigung ist urknndmäßig festgestellt. Die segensreichen Folgen dieser friedlichen Vereinigung stellten sich auch bald ein, indem zu der von der Regierung .in Sarajevo veranstalteten Enquete über die Verfassung, in Vertretung der Judeuschaft forvohl der Präsident der sevhardischen Gemeinde. Bankier S a l o m. wie auch der Präsident der österreichisch-ungarischen Gemeinde Dr. Roth köpf zugezogeu ivurden. Den vereinten Bemühungen dieser beiden Vertreter der Judeuschaft in der Enquete war es auch zu .danken, daß über die Wahlrechtsfrage der Juden im Lande eine günstige Stimmung geschaffen wurde, eine Stimmung, die allerdings nicht lange anhielt. Denn als es sich um die .Kodifizierung der jüdischen Wahlkurie in dem Entwürfe handelte, und als die Absicht der Regierung bekannt wurde, den Juden, gleich anderen Konfessionen gewählte Mandate zuzubilligen, da erhoben die radikalen Serben sowohl in der Presse, wie auch bei der Regierung energische Proteste gegen dieses Vorhaben. Diese Proteste, die in Abschrift unseren Akten beiliegen, haben einen Umschwung in der günstigen Stimmung herbeigeführt. Was es aber zu bedeuten gehabt hätte, wenn in einer modernen Verfassung. gegeben im Jahre 1910 und aufgebant auf konfessionellen Wahlkurien, die jüdische Konfession ansgeschaltet worden iväre. brauche ich Ihnen wohl nicht auseinanderzusetzen Die Bekämpfer der jüdischen Wahlknrie hielten den bosnischen Juden vor. daß sie ja ohnehin in der Lage wären, in der Handelskammer und Advokatenkammer Mandate zu erlangen. Es ist jedoch klar, daß die Juden in der Handels- und in der Advokatenkammer, die nicht auf konfessionellen Kurien aufgebaut sind, dort auch nicht als Gewählte der jüdischen Konfession erscheinen und ihre eventuellen Mandate nicht als ein Aeqüivalent für die konfessionelle Wahlknrie der Juden aufgefaßt werden können. Alle diese und noch andere Schwierigkeiten wurden glücklicherweise überwunden. Um dies zu erreichen, haben wir uns mit allen größeren Gemeinden Oesterreichs in Verbindung gesetzt und im Namen der gesamten Judenschaft, also im Namen von 1V4 Millionen Inden sind wir mit Eingaben und Protesten gegen die geplante Zurücksetzung unserer Kyufessiou bei der Regierung, sowohl der österreichischen, als der gemeinsamen, ^vorstellig geworden. Wir haben auchalle jüdischen Reichsratsabgeordneten zur Mitarbeit in dieser, uns alle iin gleichen Maße berührenden Sache ringelnden, sie sind auch alle erschienen und haben — - ohne Unterschied ihrer Parteizugehörigkeit —. ihr Bestes getan. Wenn ich einen von diesen Abgeordneten, Herrn Hofrat Dr. Kura nda. besonders hervorhebe, so geschieht dies deshalb, weil derselbe zu jener Zeit als Mitglied des Annexionsansschuffes des österreichischen Abgeordnetenhauses naturgemäß daselbst besser Gelegenheit hatte, der Sache zu dienern Parallel mit unserer Aktion haben die leitenden Kreise der Judenschaft Ungarns, welche allerdings eine mit nns gemeinsame Aktion aus politischen Gründen ablehnten, bei der ungarischen Regierung interveniert. Wir haben schließlich eine Virilftimme für den jeweiligen Chacham-Baschi von Sarajevo und ein gewähltes Kurienmandat für die Juden erlangt. Unmittelbar nach der Publikation der Verfassung in Bosnien und der Herzegowina ist an mich das folgende Telegramm eingelangt. (Liest:) ..Anläßlich der Gewährung zweier Mandate an die Judenschaft znm bosnischen Landtage erachten wir es als unsere Pflicht, Ihnen, hochverehrter Herr Präsident, für die wackere Unterstützung unserer Sache tiefempfundenen Dank zum Ausdruck zu bringen. Vorstände der sephardischen und öfterreichischen-nngarischen Cultnsgemeinden." Eine wirksame Lehre für uns. iuie durch Einigkeit vieles erreicht werden kann, ivährend es außer Zweifel steht, daß bei anhaltender Uneinigkeit zwischen den sephardischen und aschkenasischen Inden in Bosnien dieser Erfolg nicht hätte erzielt lverden können. Bei dicsem Anlässe muß ich hier in öffentlicher Sitzung meinen besondern Dank abstatten dem Sekretär des „Allg. Oesterr. Israel. Bundes", Herrn Jakob Kransz, der in musterhafter Weise diese Angelegenheit durchgeführt hat. Es ist ja klar, daß es sich hierum ivichtige und oft sehr sclnvierige Fragen handelte, deren Behandlung bedeutende Sachkenurnis und Takt erforderte, und ich kann mir wiederholen, daß wir allen Grund haben, mit den Leistungen des Herrn Kransz zufrieden zu sein. (Bravo!) Brigittenauer Israel. Ternpelverein. In den am 4. März d. I. erschienenen Nummern der jüdischen Blätter wird ein Bericht über die am 28. Februar d. I. stattgehabte außerordentliche Generalversammlung des Brigittenauer Tempelvereines publiziert, ans welchem zu entnehmen ist, daß in dieser Versammlung von dem Schriftsührerftellvertreter, Herrn Jakob K o h n. ein Referat erstattet ivurde, dessen Inhalt teils den Tatsacheli widerspricht. teils durch die Art der Darstellung zu irrigen Auffassungen Anlaß geben muß. Herr K o h n führte einleitend aus. daß der einzige Grund der Mandatsniederlegnng ..die Art und Weise, wie der Knltusvorstand die Eingaben des Vereines behandelt habe"! gewesen sei. Es wird im Referate darauf hingewiesen. daß am i. Mai 1908 seitens des Temvelvereines in Angelegenheit der vom Knltnsvorstande beabsichtigten Statutenänderung eine Eingabe anher gerichtet worden sei. die bis heute noch keine Erledigung gefunden habe.! Dazu bemerkt der Präsident, daß dem Knltnsvorstande eine Reihe von Eingaben vorliegen, welche die verschiedenartigsten und divergierendsten Wünsche hinsichtlich Statuteuände ung beinhalten. Es sind alle derartigen Eingaben dem Komitee, welches sich mit dieser Frage befaßt, zngewiesen worden. Die Statutenänderung befindet sich dermalen noch im Stadium der Beratung und es konnte naturgemäß eine Erledigung der vom Bethausvereine Brigittenau zitierten Eingaben ebensowenig erfolgen, wie der sonstigen in dieser Angelegenheit vorliegenden Anträge. Gegenüber dem oft erhobenen Begehren des Brigittenauer Tempelvereines um Bestellung eines eigenen Gemeinde-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.