Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 11 (11.3.1910)
- Date
- 1910-03-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 11. Die Wahrheit Seite 5. in Posen" oder zn Johannisburg gestanden habe — Herr Lessing wisse das nicht so genau. Dies „knixende", „watschelnde", : „trippelnde" und immer wieder mauschelnde „Gebürtchen" oder „Talmndgebürtchen mit hypertrophisch entarteten Schreib- und Redezentren", das „sein liebes Väterchen an einem schönen Schabbes ans Versehen statt eines rabbinischen Traktätchens erzeugt" habe und das von seinem Schwesterleiu gepäppelt, au den hohen Feiertagen wohl auch einmal gewaschen werde — es „känt", „speit" und „kollert" „Literatur"; es gibt „ein Literatnrsvntänchen", „Spruchbänder" von sich mit..Symbolismus", „Neuromantik". „Idealismus", mit „differenziert", „eigene Note" und „Persönlichkeit", mit „Erdscholle", „Wnrzelständigkeit" und „Lokalkolorit"; es „schnüffelt nach literarischen Gelegenheiten, an denen es sein Wasser abschlagen" könne, es „hebt das literarische Beinchen", um Ibsen „den Magus ans Norden" und Bismarck „die Eiche im Sachsenwald" zn nennen; es mauschelt dem würdevollen Herrn Lessing, den solche Leute natürlich im tiefsten befremden müssen, beständig vor, was für Dramen es zn schreiben gedenke und „wie übrigens die meisten Dichter", die Herr Lessing „kennen gelernt" hat (ich gratuliere!), beginnt dies krasse Produkt seiner Gestaltnngskrast auf das leiseste Stichwort hin sofort von den Perioden seiner Entwicklung zu faseln. So geht es mit läppischen diminutiveli. mit heimelnden „gar sehr", „gar wohl" und „gar gern", mit stumpfsinnig-unermüdlichen Wiederholungen des Wortes ..mauscheln" acht Seiten lang fort. Am Ende erscheint die „mißratene maurische Synagoge" Herrn Lessing im Traum, teilt sich in viele kleine mauschelnde Mißgeburten, die nicht sehen, nicht hören und nicht riechen können, sondern Herrn Lessing, sehr euphemistisch, einen „Nachzügler der Neuromantik" heißen und ihm, vollkommen mit Recht, die Existenzberechtigung absprechen, woraus er sie ernstlich ermahnt, „doch endlich" seine philosophischen Werke zu lesen. Das Ganze aber, gibt Herr Lessing uns zu verstehen, sei erstens das Porträt des Herrn Samuel Lnblinski und bedeutet darüber hinaus den „schreibenden Typus", den Herr Lessing den „espritjüdischen" nenne. Man errät, daß all dies „gar gern" für witzig, boshaft, grotesk, für diabolisch und visionär gelten möchte: manch übeldnstend lyrisches Detail des Artikels läßt keinen Zweifel an den dichterischen Ambitionen des Herrn Urhebers. Es ist aber das Ganze so schlecht, so dumm, so falsch gesehen, so liederlich-willkürlich, es hat mit Lnblinskis menschlicher und schriftstellerischer Persönlichkeit so durchaus gar nichts zn schaffen, daß man nicht weiß, ob man mehr über die bildnerische Ohnmacht oder über die bodenlose Unfeinheil des Winkelpamphletes erstaunen soll. Auch bin ich mit dem Verfasser des „Ausgangs der Moderne" das eine und andere Mal zusammengetroffen und meine Eindrücke weichen von denen des Herrn Lessing wesentlich ab. Ich sah den Mann seiner Werke: einen ernsten, ja starren und nicht ohne Mißtrauen ans seine Würde bedachten Menschen, der sich die Zunge zerbisse, ehe er das ranzige Geschwätz, das Herr Lessing ihm znlügt, über seine Lippen brächte — es wirkte auf mich eine wenig glückliche, wenig musisch-graziöse, theoretisch befangene und überstrenge, aber unbestechlich, ans das Rechte und Große gerichtete Natur, deren bisherige Lebensleistnng diejenige ihres Vernnglimpsers ganz unvergleichlich überragt. Lnblinskis Analyse der zeitgenössischen Literatnr mag manchem freudlos und bitter erschienen sein — mich hat sie nicht abgestoßen. Nichts habe ich immer gefunden — nichts von brennenderem Interesse, tiichts fruchtbarer und stimulierender zit guter letzt, als die Kritik der Modernität. Es fehlt in Deutschland an Psychologie, an Erkenntnis, an Reizbarkeit, Gehässigkeit der Erkenntnis, es fehlt an kritischer Leidenschaft. . . . Der Kampf gegen die Zeit und gegen das, was sie im Trinmphe emporhebt, braucht nicht notwendig ans persönlicher Verbitterung hervorzugeheu. Große Beispiele lehren, daß er dem Willen zur Selbsterkenntnis, zur Selbstüberwindutig entspringen und Selbsterkenntnis der Zeit, ihre Selbstüberwindung fördern kann. Auch braucht sich von einer Polemik, welche gegen die Zeit gerichtet ist, der einzelne ja nicht getroffen zu suhlen: .Im Gegenteil, es ist anszeichnend, von einem Richter der Zeit als symptomatisch, als repräsentativ besonders anss! , Korn genommen zu werden und in Lnblinskis Hosmannsthal- Polemik zum Beispiel, die ärgern könnte, findet sich manches heiße Wort, welches darauf hindentet, daß er den Reiz dieser modernen Persönlichkeit vielleicht leidenschaftlicher empfunden hat, als mancher „Bewunderer". — Mich freilich hat er, mit Maßen, gelobt und darum nehme ich ihn in Schutz? Nein, nicht so. Nicht, weil er mich gelobt hat, trete ich für ihn ein und weil ich. durch gescheites Lob so wenig wie durch gescheiten Tadel verwöhnt, also ans unmittelbarer Erfahrung weiß, daß er die idiotische Charge nicht ist. die ein niedriges Ressentiment ans ihm machen möchte. — Herr Lublinski ist kein schöner Mann und er ist Jude. Aber ich kenne auch Herrn Lessing (wer kann für seine Bekanntschaften!) und ich sage nur soviel, daß wer einen Lichtalben oder das Urbild arischer Männlichkeit in ihm zn sehen angübe, der Schwärmerei geziehen werden müßte. Im Ernst: Nltr der vermag die herausfordernde Unmöglichkeit des Schanbühnenartikels völlig zn würdigen, der zufällig weiß, welch ein „Gebürtchen" als Autor dahinter steht. Es ist nicht zu sagen, wo überall Herrn Lessings Wiege gestanden haben könnte, gesetzt, daß er eine gehabt hat. demütigende Lebenserfahrungen, denen man sich selbst gegenüber nicht als Waffe bedienen mag, sollten ihn, was Mangel an körperlichem Liebreiz betrifft, altruistisch gestimmt haben und der gräßlichen Anekdote, er habe einmal mit anderen schwabinger Ekstatikern beiderlei Geschlechts ganz nackend ein Feuer nmtanzt, kantl ich mich nicht ohne schwere Gefährdung meines Wohlbefindes erinnern. Wer im Glashanse fitzt, lehrt das Sprichwort, sollte nicht mit Steinen werfen; und wer sich als Schreckbeispiel schlechter jüdischer Rasse durchs Leben duckt, verrät mehr als Unweisheit, verrät schmutzige Selbstverachtung, wenn er sich für Pasquille bezahlen läßt, deren drittes Wort „mauscheln" lautet. Im Stile des wild gewordenen Provinzseuilletons über den' „espritjüdischen" Typus zu satirisieren, steln prächtig den, zn Gesicht, der selber in aller Welt nichts weiter als das schwächste und schäbigste Exemplar dieses in einigen Fällen doch wohl bewunderungswürdigen Typus vorzustellen vermag! Nachdem er als Mediziner, als Schullehrer falliert, als Lyriker. Dramatiker und in jenen von ihm so dringlich empfohlenen „philofophischen Werken" seine weichliche Unfähigkeit erwieien. hat unser Held sich in Göttingen als theaterkritischer Volontär, in München als Zionist und Conferencier für Damen versucht; hat, als jedermann so weit war. Kiilissenresorm getrieben; wird neuerdings, ein alternder Nichtsnutz, vom Pvlitechniknm zn Hannover als Privaldozent geduldet und gibt dortielbst das Organ des viel belachten Anti-Lürm-Vereines, „Das Recht auf Stille" oder „Der Anti-Rüpel" heraus — eine Notbeschäftigung, in der man ihn sympathisch gewähren lassen könnte, wenn nicht gar zu viel dabei von dem köstlichen Nervensystem des Herrn Lessing die Rede wäre. — Woher aber nimmt dieser benachteiligte Zwerg, der froh sein sollte, daß auch ihn die Sonne bescheint, die Silit, das innere Recht zur Aggressivität und zur lyrischen Unverschämtheit? Woher die Selbstgefälligkeit, mit welcher er sein verfehltes Ich einer erstaunten Leserschast anfzndrängen sucht? Niemand will wissen, in welchen „weltverlorenen Häuschen" er gewohnt und daß er vor ..Herrschaften" Vortrag über ,.transzendentale Analytik" gehalten habe, als Herr Lnblinski ihn, 15 Jahre sind's her. besuchte — welche Herrschaften „stupefait“ (ohne s) über das Talmnd-Gebürtchen seiner zweifelhaften Phantasie gewesen seien. Niemanden interessiert es, in welchem Kaffeehaus er seine Jahre „verdüstert" oder daß er. ein prachtvoller Urmünchner, seine Gäste anfznsordern pflegte, ihn „halt a bisserl" ins Hofbrän zu begleiten. Und man ist -stupekait^, um mich so herrschaftlich wie Herr Lessing anszudrncken. wenn dieser ewig namenlose Schlucker, dem die Trauben der Dichtung zu hoch hängen, von Liliencroti sagt, er sei „nicht viel dümmer" gewesen, „als znm Ansübetl edler Dichtkimst nun einmal nötig ist". Mag er übrigens sein ärmliches Leben fristen, seine Nichtigkeit in Szene setzen so gut er kann. Da er beu Versuch wagte, einem Schriftsteller, dessen bedeutendes Streben Achtung verdient, dessen Wirkung auf die Zeit aber ohnedies durch spröde Eigenschaftetl