Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 10 (4.3.1910)
- Date
- 1910-03-04
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. Die hryeit Nr. 10. / r- ■ : :; > : i , ■ , '' ' v-- i:- licher Kern geborgen liegt^ Rechts- Und Sittenlehre,-Geographie, Astronomie. Medizin,^Musik. Theater, esgibt kein' Gebiet, 8er Kultirr. worüber. 'im Talmud nicht gesprochen wird,' WöM gemerkt. gesprochen wird, denn diese Themata sind im Ta'lnnlb nicht bloß niedergeschrieben, sondern,-wie wir seit Zunz wissen, tatsächlich besprochen, in öffentlichen Vortragen mitnutdr in launiger nud witziger Weise erörtert worden. Und gerade die letzteren erfreuten sich' großer Beliebtheit -bei-dem Volk einer viel größeren als die rein religionswissenschastlichen, die wir mit dem Namen „Halacha" zu bezeichnen gewohnt sind. Und das ist auch ganz natürlich. Denn bei aller Hochachtung der Wissenschaft lautete die Parole des Volkes immer panem et circenses, verlangt die Grnndmaffe des Volkes vom Vortragenden Redner, nicht bloß belebri, sondern erbaut und in heitere Stimmung versetzt zn werden. Das war damals nicht anders wie es heilte ist. Oder klingt es nicht wie eine Stimme ans unieren Tagen, wenn der im dritten Jahrhundert lebende Rabbi Lewi sich zn dem Ruf versteigt: In früheren Zeiten, wo die Melischen leicht durch das Leben kamen, sehnte man sich nach streng rvissenschasllichen Erörterungen, heute jedoch, wo der Kamps um düs Dasein Uns das Leben erschwert, und materielle Sorgen sehr empsindlich drücken, will man erbaut und getröstet sein?) Diese Auffassung hat bei den Gelehrten Befremden erregt und nicht selten zwischen ihnen und den Volksrednern zn Rivalität und Eifersucht geführt. So wird im Traktat Sota erzählt: Rabbi Abnhn wußte durch seine geistreichen Vorträge die Zuhörerer dermaßen zn fesseln, daß sein Zeitgenosse Trabbi Chija, der durch ihn seine wissenschaftlichen Vorträge ans Mangel an Beteiligung einstellen mußte, sich darob sehr verletzt fühlte. Was tut Rabbi Abnhn. Staute pede hält er seinem Rivalen einen fingen Vortrag, wodurch es ihm gelingt, den eifersüchtigen Kollegen zn besänftigen. Wenn zwei Krämer nach einer Stadt kommen, sagte Rabbi Abnhn. von denen der eine Edelsteine, der andere Eßwaren seilbietet, welcher von beiden wird wohl mehr Zuspruch haben. Indes, wenn Rabbi Abnhn die volkstümlichen Vorträge mit seilen Eßwaren vergleicht, so sollte dies nur ein ilidirektes Kompliment für den beleidigten Rivalen sein, in Wahrheit jedoch wurden an den Volksredner nach jeder Richtung hin erhebliche Forderungen gestellt. Der Gelehrte, der im Lehrhans einen wissenschaftlichen Vortrag hielt, brauchte sich um seine Zuhörer gar nicht zu kümmern, sowenig, daß er sogar in einer fremden Sprache sprechen konnte. er hatte ja den Emora an der Seite, den Dolmetsch, dessen Amt es tvar, die Worte des Meisters allgemein verständlich zn machen. Nicht io der Volksredner. Dieser sprach nicht nur im Lehrhans, sondern, wie bereits erwähnt, auch ans der Straße, ans dem Markt, er stand mit seinen Zuhörern in enger Verbindung und mußte nicht allein verständlich, sondern auch schön und angenehm reden. „Wer Worte der Belehrung vorträgt," heißt es im Midrasch," und sie nicht wie seines Mehl gesiebt, den Zuhörern angenehm und mundgerecht darbietet, sollte besser tun, sie nicht zu sprechen." Wie ernst das gemeint ist, geht daraus hervor, daß die hervorragendsten Männer der Halachah sich oft vergeblich um den Lorbeer des Volksredners bemühten. Was suchst du bei der Hagadah, rief man dem Rabbi Akiba zu, gehe zu Oholoth und Negoim, dort kannst du das Licht deiner Gelehrsamkeit leuchten lassen. Ja man scheute sich nicht selbst anerkannten Gelehrten gegenüber, wenn sie als Volksredner auftraten und nicht gefielen, der Unzufriedenheit einen demonstrativen Ausdruck zn verleihen. So wird im Traktat Bezah erzählt, Rabbi Eliezer ben Hyrkanos, eine Koryphäe auf Halachischem Gebiet, hatte das Unglück, daß sich seine Zuhörer vom Vortrag allgemach wegschlichen. Anfangs hatte er die.Sache nicht sehr tragisch genommen, als er aber allein im Hörsaal geblieben war, verließ ihn die Geduld und er erging sich in heftigen Vorwürfen über die Undankbarkeit seines Publikums. Ein andermal begann Rabbi Akiba zu sprechen. Das Publikum schläft ein bei seinem Vortrag. Um das Interesse der Zuhörer zu erwecken, nimmt! 2) vgl. Traktat Soferim 16. 4. Jalkut Exod. 78 b. Akiba.zueruerkochffaletlUchert.reibttng.WilüZnstncht7Ererzählt, es habe iit -Aegypteneme-Fran gegeben,ichse -000.000 Kinder gebarr diese., Frau-warWtzchebed^>chte. Miltteß;Woses^ Da rs,chAi den^cholkstiMlicheU VortragÄr tanew Mekt.chbgeseheu war,; wprdxtl^MlestHebcnMibuugen aM Phantasmagorien. vouMiiemanbein,>Mst gchloutpleii - ntid,>nm Bosheit. und WpeMchich; vermvWeMHqrgnsHe/MexechtWyK zur Schmähung des Talmud; herzuleiten., Und nup? möchte^ich einige dieser Vorträge selbst chortragrn, doch!- müssen Sie mirmeine Werten, noch eine kurze Vorbemerkung gestalten. Von dem vor einigen Jahren verstorbenen Professor Bickkell, der sich auch mit dem talmndischen Schrifttum eingehend beschäftigte, hörte ich die Aeußernng: Der Talmud ist am besten mit einer Zeitung zu vergleichen, er hat seinen Leitartikel, sein Feuilleton, seine Neuigkeiten, an Chronik und auch einen Teil, für welchen die Redaktion nicht verantwortlich ist?) Das ist nicht nur geistreich, sondern auch im gewissen Sinn wahr, jedoch mit einer Einschränkung. Zeitungsberichte erscheinen in der Regel, wenn nicht am selben Tag, jedenfalls aber kurze Zeit, nachdem sich die Ereignisse vollzogen, über welche berichtet wird. Nicht so verhält es sich mit dem Talmud. Hier gähnt zwischen den Erlebnissen und Vorgängen und der über sie erfolgten Bericht- , erstattnng eine Kluft von mehreren Jahrhunderten, während dieser Zeit sind die Berichte durch unzählige. Hände gegangen Mtd gekürzt oder erweitert, vereinfacht oder ausgeschmückt woiden. Wollen wir demnach bei dem erwähnten Gleichnis bleiben, tverden wir sagen müssen: Der Talmud stellt nicht eine Zeitung, sondern eine Sammlung vielhnndeitjäbrigei Berichte dar, die ans Promptheit und Exaktheit in der Wiedergabe der Vorgänge naturgemäß keinen Anspruch erheben. Ans unseren Gegenstand angewendet, heißt das: Was wir i'.n Talmud besitzen, sind nicht die Vorträge, wie sie in Wirklichkeit gehalten, wurden, sondern nur die Ansätze, die Materialien dazu und es wäre nach meiner unmaßgeblichen Ansicht eine höchst lohnenswerfe, bisher noch nicht -gelöste Ausgabe, diese Materialien zu sammeln und aus solche Weise den . Anteil des Talmud an der zeitgenössischen Kultur quellenmäßig festznstellen. Dafür möchte ich einige Beispiele anführen. Auf Seite 77 b des Traktates Ketubotli wird berichtet: Rabbi Jochanan machte eines Tages öffentlich bekannt: Hütet Euch vor den Fliegen der Schleimflnßkranken! Was hat Rabbi Jochanan veranlaßt, biefen Warnungsrnf ergehen zn lassen? Einige Zeilen weiter auf derselben Seite lesen wir: R. Jochanan hatte die Frage aufgeworfen, weshalb es in Babylonien weniger Aussätze gebe, als in Jerusalem, und sie dahin beantwortet, daß die Babylonier mehr Gewicht auf das Baden legen. An einer dritten Stelle: Beraelioth 40 a, wird von demselben R. Jochanan erzählt, ei habe ait einer bestimmten Gemüsegatlung die Vorzüge bei vegetabilen Ernährung gepriesen. Glauben Sie wirklich, daß das bloß gelegentliche, nnzusammenhängende Aenßernngen sind. Mit nichten! Alle die angeführten Stellen, die ich noch um viele vermehren könnte, sind vielmehr versprengte Reste von volkstümlichen -Vorträgen über die wichtigsten Kapitel der Volkshygiene, für welche gerade R. Jochanan der geeignete Mann gewesen. Denn dieser scharfsinnige Halachist und Dialektiker war zugleich auch ein sehr gewandter Volksredner, ein Mann, dem das Wohl und Wehe seiner Brüder außerordentlich nahe ging und der sich, als Mann des Volkes, verpflichtet fühlte, diesem die vielen Erfahrungen mitzuteilen, welche er durch den Tod seiner sämtlichen Kinder auf dem Gebiete der Hygiene gesammelt hatte. Im Traktat Babah Mezia 107 b wird an den Bibelvers „Und Gott wird von dir fernhalten alle Krankheiten Mizraims" die Frage geknüpft, welche die am meisten verbreitete Todesursache bei den Menschen sei. An der Erörterung beteiligen sich die hervorragendsten Aerzte der Zeit, Samuel, R. Chaninä bar Choma, R. Jose ben Chanina Rab und andere. Der eine gelangt zu dem Ergebnis, daß unter hundert Menschen nur einer eines natürlichen Todes stirbt. Der > 3) Bon Herrn Dr. I. S. Bloch wurde ich nachträglich aufmerksam I gemacht, daß er in einem im Jahre 1882 gehaltenen Vortrag „der j Arbeiter bei den alten Völkern" den Talmud gleichfalls mit einer Zeitung j verglichen habe.