Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 10 (4.3.1910)
- Date
- 1910-03-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 7 Die Wahrheit Nr. 10 1. Geldunterstützungen seitens derisr.Kultusgemeiude aus den in: der. Verwaltung derselben befindlichen. Stiftungen. und Widmungen für Wöchnerinnen an 3,4 Pet.entiunen mit dem Betrage von L 716, 2. Kindermilch seitens der .isr. Armen-, anstalt - an 92 Petentiunen im Ausmaße von 6Q40 Liter mit dem Kostenbeträge von L 1411. , , ... , . .S t a t i st is ch esIm Jahre 1909 sind. im .Geburtsbuche der isr. Kultnsgemeinde Wien 25Mim .Gemeiildegebiete der /Stadt Wien erfolgte Geburten -israelitischer-. Kinder., ein-: getragen. ., , Es beträgt somit die Zahl jener Gebnrtsfälle, rücksichtlich welcher seitens des Verbandes Unterstützungen bewilligt worden sind (unter Annahme von 547 Wöchnerinnen) rund 21-25% sämtlicher Geburten im Jahre 1909.; lieber Anweisung der n. ö. Landes-Geväranstalt wurden im Jahre 1909 93 israelitische Wöchnerinnen, welche in dieser Anstalt entbanden haben, mit dem Betrage von K 1845 von der israelitischen Kultnsgemeinde unterstützt. Der Verband zur Unterstützung armer israelitischer Wöchnerinnen ist eine Vereinigung der Wiener isr. Frauen-Wohltätigkeitsvereine zu gemeinsamer, planmäßig geregelter Pflege armer jüdischer Wöchnerinnen in einer den Anforderungen der Hygiene entsprechenden Weise. Hilfsbedürftige Wöchnerinnen erhalten Geldnnterstntzungen, Wäsche, Utensilien. Beistellung der Hebamme, erforderlichenfalls auch ärztliche Hilfe und Wartung durch eine Pflegeperson. Indische Frauen und Dt ü t t e r! Gedenket Eurer armen Glaubensschwestern zur Zeit ihrer schweren Stunde! Helfet den Armen in dem Momente, da sie hilflos in bedrängter Lage fremden Beistandes bedürfen! Geldspenden und für die Wöchnerinnenpflege geeignete Naturalien — außer Verwendung gesetzte Bett-, Leib- und Kindwäsche in hygienisch unbedenklichem, gebrauchsfähigen Zustande — werden erbeten an den Verband zur Unterstützung armer israelitischer Wöchnerinnen, I., Seitenstettengasse Nr. 2. Diese Gaben wollen mit Namensnennung oder anonym gewidmet werden. Naturalien werden über Wunsch auch abgeholt. Liberale Arnßernuge» hervorragender rabbinischer Autoritäten in Polen in früheren Jahrhunderten. Bon Dr. M. H. Friedländer. I. R. Salomo L ll r j a. (Fortsetzung.) Von seiner liberalen Gesinnung zeugt auch der Umstand, daß er den Chasonim seinerzeit sogar gestattete von Melodien, die in nichtjüdischen Belhäusern gesungen wurden, wenn sie keine konfessionelle Bedeutung hatten, beim synagogalen Gottesdienst Gebrauch zu machen, ana a'-iaiao a-oirja nraja 'naa a-naiav na 2'ini'a an» a^mn jmxa xpn tdk prw n»-u an^an rraa rai n'iaynb (vgl. Resp. des R. Joel Serkes 127.) Aus dieser Stelle ist wohl klar und deutlich zu ersehen, daß in frühereit Jahrhunderten die Chasonim in Polen, um ihr Auditorium ergötzeit zu können, der Kirche wie der Bühne entnommene Melodien beim Gottesdienste in der Synagoge verwerteten. die daun im Laufe der Zeit, da man deren Ursprung nicht mehr kannte, sogar sanktioniert und als echt jüdische aus uralter Zeit betrachtet wurden. „Die Synagoge des Mittelalters" schreibt Low, dienten nicht mehr, wie die des Altertuws, zum Unterrichts- und Gerichtslokale und gum Obdach .für Reisende; sie waren ausschließlich der gemeinsamen Andacht gewidmet. Aber die Gemeinden wollten sich bei ihrer gemeinsamen Andacht auch — unterhalte n! Die Andächtigen waren in Anschauung ihrer synagogalen Gesänge nichtsweniger als puritanisch gesinnt. Wie sie sich bei ihren Privatfesten landesübliche Musikstücke Vorspielen ließen, so ließen sie sich in ihren Gotteshäusern landesübliche Arien Vorsingen. Den hebräischen Texten wurden in den Synagogen des Ostens arabische und türkische, in denen des Westens romanische, germanische und slavische ,,Gesangswelsen nnterlegt.Diese Rezeption fremder Musik erregte nun. bei Wenigen Anstoß, stiud fand an Meuachem di Lonsano, dem. orthodoxen Gegner aller Philosophie, einen warmen Wer- .teidiger^ Die .Karäer! waren hierin ebensowenig skrnpelos. als die.Nabbanitest: sie saugen, in ihren Synagogen hebräische Texte .nach tartarischen Melodien." .Diese, von Dukes. Jeflinek und. Steinschneider eruierten Tatsachen werden von einer aus Polen stammenden Nachricht bei weitem überholen. Den zu Vermögen. Einfluß und Ansehen gelangten Polnischen Juden gefielen nicht nur die Tracht und der aristokratische Stolz des Polnischen Adels, sondern auch — der christliche Kirchengesang! Um nun diesen musikalischen Genuß nicht zu entbehren, entschlossen sie sich, die Gesangsstücke, die ihnen gefielen, aus der Kirche in die Synagoge zu verpflanzen!! „Und erhoben die polnischen Rabbiner nicht einstimmig Protest dagegen?" — Nein! Die Verpflanzung der Kirchenmusik in die Synagoge hatte sich sogar einer schriftgelehrten Rechtfertigung zu erfreuen. Die entlohnten Gesangsstücke, so lautet die Rechtfertigung, sind Erzengnifse der musikalischen Kunst. Sie wurden nicht für christlichen Kultus komponiert. Sie sind daher nicht spezifisch christlich, und ihre Rezeption unterliegt nach den Grundsätzen des Talmuds keinem Bedenken. Der Urheber dieser überraschenden Distinktion ist der 1640 verstorbene Polnische Rabbiner Joel Serkes. (Lebensalter S. 313.) Muß daher nicht jeder Unbefangene es zngeben, daß sehr viele Melodien, die heute noch, besonders in den Synagogen der Orthodoxen, hochgehalten und als aus grauer Vorzeit, vom Sinai stammende Reliquien betrachtet werden, vor Jahrhunderten der Kirche entnommen und in der Synagoge verwendet wurden. Nichtsdestoweniger wird der moderne Choralgesang von den Hochfrommen unserer Zeit entschieden verurteilt, als „Chukat ha Goj" der alte „polnische Gesang" aber als echt jüdisch bezeichnet. Diese Behauptung aber ist grundfalsch, denn gerade der harmonische Choralgesang gehört, was wohl jeder Kenner des jüdischen Schrifttums weiß, zu den ältesten Institutionen des Judentums. Schon das erste Freiheitslied am 08 doschir Nosohe uwene Jisroel wurde nach Bemerkung unserer Weisen nach Gesetz. Maß und Regel im Chore gesungen. Bezüglich der Vortragsweise des wichtigsten Gebetes in unsere Liturgie, nämlich des „Schemagetes" heißt es im Nickr. radha zum Hohenliede: „Wenn Israel das Schema in seinen Gotteshäusern harmonisch, melodisch und andachtsvoll liest, so ruft Gott: Die ihr wohnet in Gärteit, lasset euere Stimmen hören, so aber Israel mit zerstreutem Sinne liest, so daß der Eine früher mit dem Gebete zu Ende ist als der Andere, se makdim wese meacher, ruft der heilige: fliehe mein Freund „heraoh doch". Das Schema soll demnach verständlich, 'melodisch im Chore vorgetragen werden. _ (Fortsetzung folgt.) Das volkstümliche Norlragswelen im Indentnm. Bon Dr. Armi« AbeleS. (Fortsetzung). Wenn der Grieche im Zirkus oder auf der Rennbahn seine Muskeln stärkte, der Römer in den Senat ging, um sich politisch auszuleben, den im Zeitalter des Talmud lebenden Juden führte sein Weg in das Lehrhaus, um dort einen Vortrag anzuhören oder einen solchen abzuhalten. Das ganze damalige Leben war gleichsam durchsetzt von Vortrag und Belehrung. Wenn man einander besuchte, sich verabschiedete, bei freudigen und traurigen Anlässen, im Gotteshaus und Lehrhaus, auf der Straße, am Marktplatz, immer und überall trat das volkstümlich gehaltene, belehrende Wort als das wesentliche hervor. Gewiß, auch hier sind in erster Reihe Vortrüge religiösen oder religionsgesetzlichen Inhalts gemeint, dem Talmudkenner braucht jedoch nicht erst bewiesen zu werden, daß das religiöse Moment in vielen Fällen nur die Hülle darstellt, in welcher ein welt-