Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 10 (4.3.1910)
- Date
- 1910-03-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3062972-3063520-3063530--06550-3073562- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4. Die Wahrheit Nr. 10 schelude, das Selbstgefühl verletzende Aeußeruugen iit derz Mund zu legen und den Inden typisch als/'hinterlistigen Verführer und Feigling darzustellen, das kann doch nicht rnhtg hmgenymmen werden. Wir halten es für unsere Pflicht, das Indische Publiknin aus diese Ge—schmacklosigkeit mifiuerffniii zu mächen und es darüber aufzuklären. daß es sinnlos ist. wenn die Juden ihr gutes Geld hintragen, nni sich dafür verlogene Sotiien und Beleidigungen sagen zu lassen. * Das offizielle Organ der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft der .Alliance Israelite Universelle „Ost nnd West" bringt in der Märzuummer folgende Bekanntmachung: Wir haben den deutschen Mitgliedern der Alliance die erfreuliche Mitteilung zu machen, daß es dem seitherigen Präsidenten Herru Geheimrat Goldberger gelungen ist, die Neukonstituiernng des Vorstands der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft vorznbereiten. Nach seinem Vorschlag wurde bereits, wie aus dem Bericht über die siebente Tagung vom 8. Februar ersichtlich, Herr Justizrat Max Fuchs -Berlin einmütig znm Mitglied des Präsidiums gewählt. Jetzt ist es Herrn Goldbergers herzlichem Bemühen geglückt, in Herrn Justizrat Berthold T i m e n d o r f e r -Berlin einen hervorragenden Kandidaten für die Prüsidentschast der D. K.-G. zu gewinnen. Bou den zwanzig stimmberechtigten Mitgliedern der D. K. G. haben achtzehn sofort telegraphisch freudig zngestimmt. Der Kooptierungsvorschlag in das Zentral-Komitee ist zur Beschlußfassung für die nächste Sitzung nach Paris geleitet ivorden. Herr Time nd o r s e r ist Mitglied des Vorstands der Jüdischen Gemeittde Berlin, Großpräsident der U. O. V. B.-Logen, einer der stellvertretenden Vorsitzenden des Hilfsvereines der deutschen Jndeit nnd war schon immer ein Mitglied und treuer Freund der Alliance. Sein ausgezeichneter Charakter, seine volle Sachkenntnis, große Klugheit und Arbeitskraft haben ihm allseitige Anerkennung nnd Liebe gebracht. In der neuen Stellung, die das öffentliche Vertrauen der Glaubensgenossen ihm znweist, wird er, wie in ben anderen von ihm verwalteten Aemteru, im Verein mit Herrn Justizrat Max Fuchs, den Geist der Brüderlichkeit bewähren, zum Segen für die Alliance Israelite Universelle nnd für ganz Israel. M» moderner Wiener „Indenroman". ) Eigentlich sollten die Juden sehr stolz sein, nicht daraus, daß sie ihre Eigenart per tot discrimina rerum erhalten haben, nicht daraus, daß sie der Welt den Montheismns in der Gestalt des Mosaismus und des Christentums gebracht haben, nicht daraus, daß sie, getauft und nngetauft, nach kaum hundertjähriger Emanzipation (?) den Völkern, unter denen sie wohnen, in Wissenschaft, Literatur und Kunst eine unverhältnismäßig große Zahl hervorragender Männer geschenkt haben, sondern fast mehr noch darauf, daß man sich mit ihnen, die man doch der Vordringlichkeit so gern beschuldigt, sehr gegen ihren Willen im öffentlichen Leben und in der Literatur unaufhörlich beschäftigt^ daß sie eines der wichtigsten Probleme des politischen und sozialen Lebens bilden. „Die Unduldsamkeit jeder Nation gegen die Juden ist — wie eben Israel Zangwill in den „Kindern des Ghetto" so treffend sagt, eine Art Huldigung. „Moses gab der Welt ihre Moral, Jesus ihre Religion, Jesaias ihre Visionen vom tausendjährigem Reich. Spinoza ihre Weltphilosophie, Riccardo ihre Nationalökonomie, Lassalle und Mar-x ihre Sozialdemokratie, Heine ihre lieblichste Poesie, Mendelssohn die rnhsamste Musik, die Rache! die höchste Schauspielkunst," Seit Lessing und Mendelssohn sind außerordentlich viele Schriftsteller und nicht wenige von hervorragender Bedeutung, Juden und Nichtjuden (H. Heine, B. Auerbach, L. Kompert, K. E. Franzos, K. Spindler, G. Freytag, A. Stifter, *) Großstadtjuden. Roniau von Adolf Dessauer. Erste bis dritte Auflage. Wien und Leipzig. Wilhelm Brannmüller, 1910, UL, 461 S. W. Hanfs, Wilhestn Müller, A. Droßte-Histshoff n. a.) diesem Probleme'nährgetreten und haben je' nach Ptlbung. Wissen und Charqkler SteÜnng dazu MomjnelU Wähch'nd Öjr Zeit gemäß die jüdischen Schrlststeller,^ stach dem Vörgange des leider zu früh verstorbenen Jakob Kaufmann, L. Kompert und seines Schülers E. Knlke, Franzos, Bernstein das deutsche nn^ polnische Ghetto znm Schauplatz ihrer Darstellungen wählten, ist der Boden, ans dem die neueren und neuesten Romane, die sich mit Inden beschäftigen, wieder der Zeit gemäß, die Großstadt, die mit ihrem Menschengewühl und ihrem Interessengegensätzen, ihrer großen Beeinflußbarkeit durch die Presse, dem leichteren Sichtbarwerden des Großkapitals, das man sich ja mit Vorliebe in der Hand der Juden vereinigt denkt, in der Tat die Aufgabe nahe legt. Nim hat gerade ein Vertreter des Kapitales, ein Bankdirektor, und zlvar ein jüdischer Bankdireklor einen Wiener „Jndenroman" geschrieben und es ist anziehend zu betrachten, wie er sich zu der Sache stellt. Um es gleich vorwegznuehmeu, Dessaner glaubt seinen Gegenstand sine ira et. stndio zu behandeln, wie vielleicht auch Arthur Schnitzler in seinem „Weg ins Freie". Doch müssen rvir offen gestehen, daß wir über diesen Weg ins Freie ganz und gar im Unklaren geblieben sind, indem die Inden darin zumeist Karikaturen ans einer gewissen Gesellschastsschichte sind, die mit dem Judentum sehr wenig zu tun haben, und unseres Erachtens die ganze Geschichte sich nur darum dreht, wie, wann und wo Anna Rosner entbitnden wird nnd wie der junge Baron, der uneheliche Vater ihres Kindes, den Weg ins Freie findet, d. h.' sich von besagter Anna Rosner lossagt. Anders Dessaner. . . . Da gibt es noch Lenle," dachte Gschmeidler, „die von unversöhnlichen Rassengegenstäuden sprechen. Die Narren!" . . . Wie schön belohnt sich's doch, ivenn der Mensch keine Vorurteile hat. Gschmeidler aber, der christliche Kanfmannssohn der Leopoldstadt nnd Lotti seine jüdische Frau, die Tochter der braven Eheleute Kästner, sind in glücklicher Ehe verheiratet. Das ist wohl die Quintessenz, d. i. der Grundgedanke des Buches nnd soll die Ansicht der Mntter Lottis Frait Kästner: „Ein Jud und eine Christin, das gibt keine richtige Ehe. — So eine Ehe tut im Leben kein gut. . . Es tut keilt gut, es kann kein gut tun" — widerlegen. Allerdings die beiden anderen Mischehen, die eine in mittleren bürgerlichen Verhältnissen, die andere ztvischen dem Sohne der Frau Sektionschef Baron Hebenstreit und der Tochter des reichen Unternehmers Jordan tun wirklich kein gut, aber nicht wegen des Religionsnnterschiedes, den man beliebter Weise als Rassenunterschied bezeichnet, sondern wegen des niedrigen Charakters der Fritzi Hebenstreit einer- und des Karl Hebenstreit des Sohnes der Baronin anderseits. Allerdings müssen wir gestehen, daß wir dem Verfasser mit seiner Ansicht über die Mischehe nicht beistimmen können. Man hat bekanntlich Lessings Nathan vorgeworfen, daß er Licht und Schatten zwischen Christen und Nichtchristen gar zu ungleichmäßig verteilt hat, daß er in dem einfältigen Klosterbruder allein uns einen durchaits sympathischen Christen geschildert hat. Fragen wir nun, wie ist hell und dunkel bei unserem Autor verwendet, so müssen wir sagen, daß was das wahre innere Wesen des Menschen betrifft, die Juden besser wegkommen. Die Eheleute Kästner, ihre Tochter Lotti mtb zuletzt auch der reuige Leopold, der Großhändler Jordan sind durchaus sympathische Gestalten, deren einziges Gegenbild ans christlicher Seite Gschmeidler und einige episodische Nebenfiguren sind. Die anderen jüdischen Personen, der naiv unverschämte Jakob, das schlampige Fräuzchen, die ewig jammernde Frau Margnlies, selbst „Richelieu" mit seinen beiden Töchtern Hortence und Ivoue, selbst Frau Jordan mit ihrer Tochter Elvira (bezeichnend sind schon die französischen Namen, dieser sogenannten besseren Juden)^wirken eigentlich nur komisch. Aber nur komisch, wenn auch höchst charakteristisch ist die Sucht dieser letzteren, von Schnitzler mit „e—soi—Juden" bezeichnenden Gestalten, in blinder Verehrung zu allem empor zu schauen was christlich ist, der Wunsch und das Bestreben, dem verachteten Judentnm und dem, was Gutes nnd Schönes im jüdischen Wesen liegt, den I Rücken zu kehren. Ans die Schilderung dieser Charaktere ha: M