Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 9 (25.2.1910)
- Date
- 1910-02-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3063520-3063529--06541-3073552- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr 9. Die Wahrheit Seite 6. Bon den nach der Volkszählung im Jahre 1900 vor- I handenen 811.183 Juden in Galizien, gehören 512.488. also 63-2% der Industrie, dem Gewerbe, dem Handel und dem Verkehre an. Unter dieser Anzahl sind auch die Familienmitglieder der in diesen Berufen tätigen Personen enthalten. Die übrigen, der Landwirtschaft, den liberalen Berufen, dem Lohndienste, llsw. angehörigen Juden können hier außer Betracht bleiben. Aus dem früher Gesagten ergibt sich, daß von jenen 512.488 Personen der größte Teil sein Auskommen nicht finiten kann; Industrie besteht nur in spärlichen Ansätzen, das Gewerbe steht auf sehr tiefer Stufe und der Handwerksmeister ivird wegen seiner prekären Lage in Galizien verachtet. Die Angehörigen des Handels finit zumeist Makler, die durch Geschäfts- Vermittlung wöchentlich ein paar Kronen verdienen, sogenannte Lnftmenschen. die des Morgens noch nicht wissen, wovon sie tagsüber leben werden. Und wie es mit dem Verkehr bestellt ist, hat das Beispiel, das wir von Bahnhossiakern brachten, gezeigt. Es kann ruhig gesagt werden, daß von den 512.488 Personen, die den erwähnten Bernssarten zugezählt wurden, 400.000 am Hungertnche nagen. Dazu kommen ttvch jene. Personen, die sich bei der Volkszählung als Almosenempfänger ausdrücklich bekennen, was allerdings nur selten der Fall ist, da ein solches Bekenntnis gerne vermieden wird. Es besindet sich also mehr als die Hälfte der jüdischen Bevölkerung in Galizien in den denkbar traurigsten Verhältnissen. (Schluß folgt.) Hartwig Wessely, der Vorkämpfer einer zeitgemäßen Ingendbildnng. Bon Dr. Joses Hoff, Rabbiner in Bisenz. Die Juden des Mittelalters, stets gewohnt ein eigenes Leben zu führen, wurden von den Veränderungen um sie her nur wenig bewegt. Sie besaßen die Ruhe und Sicherheit, den Frieden des Herzens, sowie die Klarheit des Kopfes, die sich die fremden Nationen erst erkämpfen sollten. Was gingen sie, die in ihren alten Ueberzengnngen fest wurzelten, die Illusionen an, denen die sie umgebenden Völkerschaften in den verschiedenen Jahrhunderten nachjagten? Sie nahmen weder Teil an dem religiösen Wahnsinn des Mittelalters, noch an der beschränkten Spitzfindigkeit der Scholastik, sie kümmerten sich auch nicht später um die Verehrung des klassischen Altertums im 15. und um die christliche Reformation im 16. Jahrhundert. Erst als eine selbständige, nicht ans theologische Basis ruhende Philosophie erstand, begann die Teilnahme der Inden atich an dem äußeren Medium, und der glänzende Name Spinozas, von dessen Kraft noch Schelling und Hegel gezehrt haben, bezeichnet diese Epoche. Diese neue Wissenschaft war jedoch noch in strenge Schulsormeit gekleidet und konnte daher nur einem geringeren Teile des Publikums zugänglich werden. Erst im 18. Jahrhundert, dem Jahrhundert der Aufklärung, begann itie. aktive Teilnahme der deutschen Juden an dem europäischen Leben. Zum ersten male seit vielen Jahrhunderten wurden in Westeuropa allgemein menschliche Ideen proklamiert und wen ging diese Verkündigung der Toleranz näher an, als die so ungerecht Verachteten und hart Bedrückten? Moses Mendelssohn bezeichnet diesen Zeitabschnitt, da das alte Judentum in die äußere Welt hinaustritt, um sich in edlem Wettbetverb an ihrer geistigen Arbeit zu beteiligen. Von dem ivohltätigsten Einfluß ans die politische Emanzipation der Inden im allgemeinen und aus die Gestaltung der Jugenderziehung im besonderen sollte jedoch der Erlaß des sogenannten Toleranzediktes Kaiser Josef II im Jahre 1781 sein, der anfangs freudige Hoffnungen in den Gemütern der vorwärts strebenden Juden erweckte. Doch gleichwie dieser sreisinuige, äußerst wohlwollende Kaiser mit seinen Reformbestrebungen aus den heftigsten Widerstand derjenigen stieß, die lieber iu dem alten aber gewohnten Unwesen des Herkommens verharren wollten, so erfuhren auch die Anordnungen des Toleranzediktes, insbesondere in Bezug auf alles, ivas von den Juden selbst betreffs der Reform des Schulwesens gefordert wurde, hemmendes Eutgegenwirken, erblickten die rabbinisch Gesinnten der damaligen Zeit in der Eiltsührttltg der deutschen Jugenderziehung eine drohende Gefahr für das Judentum. Mendelssohn hatte wohl noch das Glück das Erscheinen des Tolerauzediktes zu begrüßen, allein er wollte nicht in den Streit der Gemeinden erngreifen, die in heftiger Aufregung teils für die neuen Anordnungen Partei ergriffen, teils sie wiederum bekämpften, und da er von jeher jeder offenen Polemik auf religiösem Gebiete abhold war, entschloß sich sein Freund und Gesinnungsgenosse Hartwig Wessely, als Kämpfer für die Sache einer zeitgemäßen Jugendbildung seiner Glaubensbrüder anszutreren. Angeregt durch das Toleranzedikt veröffentlichte er im Jahre 1782 ein Sendschreiben unter dem Titel „Worte des Friedens und der Wahrheit", das an die Triester Gemeinde gerichtet war. In dieser Schrift beweist er klar und deutlich die Notwendigkeit der Verbesserung des Elementarunterrichtes, schildert die unglücklichen Folgen des bisherigen schlechten Standes der „Chederschnlen" und tritt nachdrücklichst für die Gründung von geordneten Elementarschulen ein. Für diese fordert er: Unterricht und Uebnng in der deutschen Sprache, gründliches und geregeltes Verständnis der Bibel und der hebräischen Grammatik, wogegen er das Talmndstndium ans der Elementarschule verweist und für das reifere Alter bestimmt. Der Eindruck seiner Schrift, die mit warmer Begeisterung die gute Sache verfocht, war namentlich in den westlichen Gebieten Oesterreichs, zunächst in Triest und in den Provinzen Oberitaliens, ein ättßerst güllstiger, dagegen erhoben sich auf der anderen Seite die konservativ gesinnten Rabbiner der allen Schule, die in jeder Neuerung eine Gefahr für das Judentum witterten, darunter in erster Reihe der hochangesehene, einflußreiche Prager Oberrabbiner E z e ch i l Landau, der Wessely der Zurücksetzung und der Herabwürdigung des Talmud und des Verrates an der heiligen Sache des Judentums beschuldigte. Wohl verteidigte sich Wessely mutig und mannhaft gegen die heftigen Angriffe und argen Verdächtigungen, die seine Gegner gegen ihn erhoben, doch tobte der Kampf lange unentschieden fort, bis demselben von den Rabbinern zu Triest, Venedig, Ferrara, Reggio nnd anderell zu Wesselys Gunsten ein Ende bereitet wurde. Das siegreiche Ende dieser Polemik hatte zur Folge, daß Wessely nunmehr die Absicht hegte, sich ganz der Reformation des Erziehnngswesens znznwenden; freudig nahm er daher den Antrag an, die jüdischen Schulen in den italienischen Gebieten Oesterreichs zu organisieren und zeitgemäß zit gestalten, doch gelangte dieser Plan nicht zur Ausführung. Von nun an sehen wir ihn svrtan sich ausschließlich mit der lyrischen Poesie beschäftigen. In der Geschichte der jüdischen Aufklärung aber wird der Name Wessely — durch sein tatkräftiges Wirken für die Umgestaltung der Jugenderziehung — in erster Reihe genannt werden. Kodenreform in Allnnd Uen-Ijrael. Mit immer größerem Staunen blickt die Kulturmenschheit ans die uralte Bodengesetzgebnng der heiligen Schrift. Denn immer klarer wird es, daß diese wunderbaren Gesetze als der tiefste Ausdruck des jüdischen Geistes die Richtung bezeichnen, in der eilt gerechter Ausgleich der sozialen Gegensätze zu finden ist: keine Volkskraft, keine Sittlichkeit kann bestehen, wo nicht Jedermann c t u Recht an G r n n d n it b Boden als unverlierbares Gut besitzt. Ein halbes Jahrtausend vor Solon, ein ganzes vor den Gracchen. wurde durch Moses die Bodenreform in Alt-Israel eingeführt. Die Siedlungsgen o s s e n s ch a s t in P a l ä sti n a, das bedeutet die Bodenreform iu Nen-Jsrael in neuer Form, wie sie Jahrtausende sozialen Leides heransgebildet haben. Wir haben gelernt, die Gleichheit des Grundeigentums wirksamer zu bewahren, als es durch die Gesetze über das Jobeijahr möglich war. Die Genossenschaft, der genossenschaftliche Gemeinbesitz an Grund nnd Boden läßt es garnicht erst zu den verhängnisvollen V e r s ch i e d e u h e i t e ti des Eigentums kommen, die das Jobeljahr alle halbe Jahrhundert einmal ausgleicheti wollte.