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Die Wahrheit · 1910-02-25 · Heft 9 (25.2.1910) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 9 (25.2.1910)
Date
1910-02-25
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 9. Die Wahrheit Sei'te 5. mußte sie sie maunigfach in ihrer Erwerbstätigkeit hemmen. So hatte das Gesetz über Erwerbsuiib Wirtschaftsgenossenschaften zur Folge, daß sich ein Netz von Borschnßkassen und Konsum- Vereinen über ganz Galizien ansbreilete. Die Borfchußkassen boten verhältnismäßig billigen Kredit für die Stadl- und Landbevölkerung und befchränklen, in Verbindung mit den Wuchergesetzeil, das bisher zum großen Teile in den Händen der Inden befindliche Darlehensgeschäft. Es wird wohl niemand darüber klagen, daß der jüdische Wucher auf diese Art, wenn auch nicht gauz ansgerottet, so doch kräftig unterbunden wurde; allein es soll konstatiert werden, daß eine der Erwerbsmöglichkeiten der Juden, die bisher von ihnen nur allzusehr benutzt worden war, eine sehr starke Einschränkung erhielt. Die Konsumvereine, insbesondere auf dem flachen Lande meist unter der Aegide der Geistlichkeit mit der ausgesprochenen Tendenz errichtet, die Inden zu schädigen, untergruben Tausende von Existenzen jüdischer Krämer, die in den Dörfern ansässig waren. Das Gesetz über die Sonntagsruhe mußte aus die Juden ebenfalls höchst nachteilig einwirken, da die meisten von ihnen dadurch gezwungen waren, am Sonntag zu feiern, während sie schon den Samstag und zum Teil den Freitag Nachmittag aus religiösen Gründen zur Arbeit nicht ausnützen konnten. Wenn auch dieses Gesetz dem jüdischen Handwerker gestattet, am Sonntag in seiner geschlossenen Behausung das Gewerbe auszuüben, so ist es doch eines der größten Hindernisse, daß Fabriken für jüdische Arbeiter errichtet werden können. Die Sonntagsarbeit in solchen Fabriken kann vorausgesetzt, daß nur Inden beschäftigt werden, bloß geduldet werden, und es ist klar, daß ein Unternehmer sich nicht leicht entschließt, einen Fabriksbetrieb, besonders mit teueren maschinellen Einrichtungen unter solchen Umständen zu errichten. Der Antisemitismus, der sich auch in Galizien mit den Nationalismus verquickt, suchte die Juden aus alle mögliche Weise durch List und Gewalt von verschiedenen Erwerbsquellen abzuhalten. Daß ihnen Beamten- und Lehrerstellen nicht zugänglich sind, und zwar nicht bloß solche, die der Staat, sondern auch solche, die das Land oder die Gemeinde zn vergeben hat, soll hier nur gestreift werden, da diese Tatsache nicht eine bloß für Galizien charakteristische ist, sondern auch in allen anderen Ländern Oesterreichs vorkommt. Die Juden werden aber auch als Arbeiter in staatlichen Fabriken nicht zngelassen oder es wird ihnen ans alle mögliche Weise die Arbeit und ihre Stellung dort verbittert! von öffentlichen Lieferungen werden sie, wenn es nur irgend augeht, ausgeschlossen. Das Salz, dessen Gewiuuung irr Oesterreich ein staatliches Monopol bildet, wird dem jüdischen Krämer in den staatlichen Salzniederlagen häufig nicht verabfolgt, während es der christliche Konsumverein ohne Anstand erhält. Den Ausschank von gebrannten Flüssigkeiten können die Inden infolge einer eigentümlichen Gesetzgebung und einer noch eigentümlicheren Handhabung dieses Gesetzes erst dann betreiben, wenn sie in Form eines Pachtzinses eine so hohe Abgabe an den adeligen Gutsbesitzer ihres Bezirkes leisten, daß der Nutzen zum größten Teil in dessen Taschen fließt. Im laufenden Jahre (1910), in dem in dieser Hinsicht das allgemeine Gewerbegesetz auch für Galizien in Wirksamkeit tritt, so daß die Schankkonzession von staatlichen Gewerbebehörden zu erteilen sein wird, wird es gewiß geschehen, daß ein großer Teil, vielleicht die meisten Inden, die jetzt als Schänker ihr spärliches Brot erwerben, eine solche Konzession nicht erhalten. Es ließen sich, sowohl in Hinsicht auf die soziale Gesetzgebung, als auch auf den Antisemitismus, noch manche Tatsachen anführen, durch welche die Juden in ihrem Erwerb benachteiligt werden, aber auch schon das Gesagte wird genügen, um erkennen zu lassen, daß die Lage der Juden Galiziens infolge dieser Umstände eine hart bedrängte geworden ist. Uebrigens erlauben wir uns daraus hinzuweisen, daß vor ungefähr 10 Jahren über die Lage der Inden in Galizien seitens der österreichischen israelitischen Union, deren Präsident. Herr Sigmund Mayer, gleichzeitig unser Präsident ist, eine eingehende Enquete abgehalten wurde, bei der alle diese Verhältnisse sowohl von jüdischen, als auch von christlichen Experten besprochen wurden. Diese die Erwerbsverhältnisse der Juden in Galizien äußerst schädigenden Umstände werden aber noch dadurch verschärft. daß der jüdische Knabe fast überall in Galizien der Votksschnlbitdnng entbehrt, da er im sogeuanlen Cheder unterrichtet wird, wo ihm bloß die Kenntnisse der Bibel, der Mischna und des Talmud beigebracht werden, während das Erlernen profaner Unterrichtsgegenstände geradezit verpönt ist. Mau wird daher leicht begreifen, daß derart vorgebildete Männer den Konkurrenzkampf, der noch durch die soziale Gesetzgebung und den Antisemitismus erschwert ist, mit der christlichen Bevölkerung nicht ansuehmen können, da deren Kinder in den Städten, wo eben die Juden wohnen, in der Regel den vorgeschriebenen Volksschulnnterricht genießen. Die Folge dieser wirtschaftlichen Bedrängnng der Juden war zunächst die, daß eine immer größer werdende Abwanderung der Inden vom flachen Laitde statlsand. Diejenigen, die dort ihren Erwerb als Schänker oder Krämer nicht mehr finden konnten, gingen in die Stadt und vermehrten aus diese Weise die Zahl der ohnehin in den einzelnen Städten dicht beisammen wohnenden Juden. Sie warfen sich ans die gleichen Erwerbszweige, die von diesen betrieben wurden, und es entstand ein geradeztl bespielloser Konkurrenzkampf zwischen den Juden selbst. Da aber die schon ansässig gewesenen Juden durch die Konkurrenz der Christen nur notdürftig oder gar nicht ihr Auskommen fanden, mußte diese Zuwanderung ihre Armut noch vergrößern. Dieser scharfe Konkurrenzkampf zeigt sich jedem Fremden schon in dem Augenblick, wo er einen galizischen Bahnhof verläßt. Mehr als die drei- oder vierfache Anzahl Fiaker — dieses Gewerbe liegt fast ganz in den Händen der Juden —, als seitens der Ankömmlinge benötigt werden, stehen auf dem Bahnhosplatze bereit uud auf jedeu Ankömmling stürzt sich ein Dutzend Kutscher, um eine Fuhre zu erhaschen. Dabei sind die meisten Wagen und Pferde in einem geradezu elenden Zustande. Das ist das Bild der Konkurrenz zwischen den Inden untereinander und ein eklatantes Beispiel dafür, wie es in den anderen von Juden ausgeüblen Berussarteu zugeht. Daß unter diesen Umständen die Armut der galizischen Juden immer mehr überhandnimmt, ist wohl klar. Die hauptsächlichen Bedürfnisse an Wohnung. Nahrung und Kleidung werden ans das Allernotwendigste eingeschränkt. Es würde zu weit führen, dies im einzelnen zn schildern, jedoch mag ans eine Tatsache hingewiesen werden, die geeignet ist, das Elend in Galizien in seiner ganzen Größe zit zeigen. Es ist die Sterblichkeit unter den galizischen Juden. Im Jahre 1900, dem jüngsten, für das genaue Zahlen über den Stand der Bevölkerung vvrliegen, da damals die letzte Bolkszählting in Oesterreich stattsand, starben unter 1000 Inden in ganz Oesterreich ohne Galizien 15 01 Personen, während in Galizien die entsprechende Ziffer 2009 war. In Schlesien, das an Galizien angrenzt, starben von 1000 Juden bloß 13.01, in Wien bloß 12.43. Da die jüdische Bevölkerung Galiziens im Jahre 1900 rnnd 811.000 betrug, so kann gesagt werden, daß in diesem Lande, verglichen mit der Sterblichkeit der Juden im übrigen Oesterreich, jährlich rnnd 4000 Juden durch Elend hinweggerafft wurden. Wird aber der Vergleich mit Schlesien gemacht, so erhöht sich diese Zahl ans rund 7600 und gegenüber von Wien ans rnnd 8000. Da der Mensch seine dringendsten Bedürfnisse unbedingt befriedigen muß und dies, wenn es nicht ans redlichem und anständigem Wege möglich ist, auch mit unredlichen und unanständigen Mitteln versucht, so ist es selbstverständlich, daß unter diesen Umständen das moralische Niveau eines Teiles der verarmten galizischen jüdischen Bevölkerung nicht ans der wünschenswerten Höhe stehen kann. Eine weitere Folge des Elends ist die Answanderung. Sie geht nach den westösterreichischen Ländern oder ins Ausland, nach Deutschland, England und Amerika. Aber zur überseeischen Auswanderung stehen nur verhältnismäßig wenigen Personen die erforderlichen Mittel zn Gebote; jedenfalls aber übt sie ans die Lage der Zurückbleibenden keinen Einfluß, da die 15.000 bis 18.000, die jährlich ungefähr in überseeische Länder gehen, durch die zahlreichen Geburten reichlich ersetzt werden.

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