Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 9 (25.2.1910)
- Date
- 1910-02-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 9 den Rang und die Würde. Sie werden nicht Offiziere, aber Offiziersdienste müssen sie verrichten. Wie wird der Jude eine „achtunggebietende Persönlichkeit"? Daß er das nicht ist, bleibt wunderbarerweise mitunter auch geraume Zeit den Besehlshabern verborgen. Sie entdecken den verhängnisvollen Mangel erst bei der Durchsicht der Papiere. Dann ist es für den Aspiranten zn spät. Es sei denn, daß er sich schnell einer schmerzlosen Prozedur unterzieht, gemeinhin Taufe genannt. Ja, Bauer, das ist etwas anders; ist der Jude getauft, dann eignet er sich zur achtunggebietendeit Persönlichkeit so gut wie jeder andere, datin darf er selbst eine etwas anstößige Nase haben, er braucht keine Zurücksetzung zn besorgen. Er kann dann sogar zu ganz hohen Staffeln der militärischen Hierarchie anssteigen. In vormärzlicher Zeit gab es im preußischen Heer wenigstens einen aktiven jüdischen Major Burg; im Kriege gegen Fratikreich haben eine ganze Anzahl Juden als Offiziere gekämpst und das Eiserne Kreuz erhalten — seit 1880 aber heißt es in Preußen: getauft wenigstens muß der Jude sein, sonst ist er keine achtunggebietende Persönlichkeit und kann nicht aktiver, noch Reserveoffizier werden. Und, sagt Herr v. Bethmann Hollweg, „man soll uns unsere preußische Eigenart nicht verkümmern". Der Kriegsminister im Kabinett Bülow indessen hat erklärt, es sei einfach ein Akt der Gerechtigkeit, einen jungen Mann, der tüchtig und geeignet ist, auch wenn er Jude ist, znm Reserveoffizier zn machen. Und aus die Dauer ist und bleibt die Gerechtigkeit die Grundlage der Reiche. Nachtrag;n meinen Keinerknnge» «der Dr. Lesstugs Erlebnisse in Galisten. In der letzten Nummer der „Wahrheit" habe ich die Vermutung ausgesprochen, daß man Unrecht tue, wenn man über den gegenwärtigen verantwortlichen Redakteur der „Allg. Ztg. d. Indent." Regierungsrat Prof. Dr. Geiger wegen der Lessingschen Artikel hersällt; sein ganzes Wirken während mehr als eines ganzen Menschenalters legt für ihn Zeugnis ab, daß er nach seinem b e st e n Wissen und Gewi s s e n für das Judentum arbeite. Irren ist möglich und eine falsche Ansicht, eine unrichtige Anschauung über manchen Punkt der Erziehung kann ein jeder von uns haben. In der nächsten Nummer hat auch der als liberal anerkannte Stetiner Dr. Vogelstein klar und deutlich feine Meinung geäußert und Prof. Geiger überzeugend geantwortet. Was nun die Ausnahme der Lessing-Artikel in der „Allg. Zrg. d. Indent." betrifft, wird uns ja klipp und klar erklärt, daß bereits der frühere Redakteur Dr. K a r p e l e s s. A. diese Serie von Artikeln angenommen habe. Diesem hätten allerdings die Verhältnisse in Galizien besser bekannt sein sollen. In dem vorige Woche in der „Allg. Ztg. d. Judentums" veröffentlichten Artikel „Zur Abwehr" wendet und dreht sich Dr. Theodor Lessing krampfhaft, um aus der unbequemen Situation herauszukommen, in die er infolge der Stellungnahme der „Wahrheit" gegen feine Artikel, allerdings durch seine eigene Schuld, geraten ist. Seine Entschuldigung klingt doch ein bischen komisch, und als Vorwand seiner Entstellung schiebt er seine Unwissenheit vor. Seine Schmähartikel sollen den Zweck verfolgt haben, die Welt aufmerksam zu machen, auf das .große und grenzenlose Elend, das in Galizien herrscht? Hand aufs Herz, Herr Dr. Lessing — glauben S i e selber dran? Ist Ihr Artikel, „Samuel zieht d i e B i l a n z," auch vom selben Geist der Verbesserung und Aufmunterung des Herrn Lnblinski geschrieben? Regen Sie sich nicht auf, wenn die „Wahrheit" im Interesse der Wahrheit gegen Sie rechtzeitig eingeschritten ist. Mögen Sie noch als „guter Jude" gellen in — Ihren Augen, in unseren nicht. Da Sie aber Galizien so „gründlich" kennen, wird Ihnen vielleicht auch das Witzwort nicht unbekannt sein: Wenn man einen mit „Jid" bezeichnet, genügt es, sagt man aber „a giter Jid" — na, da wissen Sie ja, was es bedeutet. m f * Prof. Dr. U. B r e t t h o l z, Rabbiner in Triest. Die Lage der Inden in GaUsten. Vor wenigen Tagen hat der „Hilfs verein für die notleidende jüdische Bevölkerung inGalizie u", der seit einer langen Reihe von Jahren von Wien ans eine umfassende Hilfstätigkeit für Galizien eingeleitel hat, an die „Jewish Colonization Association“ (I. C. A.) in Paris, auf deren Wunsch ein Promemoria gerichtet, das eine Darstellung der gegenwärtigen Lage der Inden in Galizien enthält und die Maßnahmen bezeichnet, die nach Ansicht des Vereines zn ergreifen sind, um diese Lage nach der materiellen und kulturellen Seite hin in absehbarer Frist zn heben. Ans der Lektüre dieser Denkschrift wird sich die Berechlignug, ja sogar die Notwendigkeit des Bestandes des „Galizischen Hilfsvereines" ergeben und der westösterreichische Leser, der sich vergegenwärtigt, daß die traurigen Verhältnisse der Juden in Galizien die Jndenheit in den übrigen Ländern Oesterreichs vielfach beeinträchtigen, wird sich der Erkenntnis nicht verschließen, daß die Unterstützung des Hilfsvereines nicht bloß den galizischen Juden zn Gute kommt, sondern auch in seinem eigensten Interesse gelegen ist. Die Denkschrift an die „I. C. A." hat folgenden Wortlaut: In allen Ländern Europas, in welchen sie im Lause der Zeit eingewandert sind, haben die Juden, freiwillig oder durch Gesetze genötigt, ihren Lebensunterhalt durch Bernfsarten gewonnen, die in diesen Ländern spärlich oder gar nicht vertreten waren. Wenn dann die christliche Bevölkerung allmählich sich diesen Bernfsarten selbst zuwandte und hiebei überall auf ihren Wegen Juden fand, begannen Anfeindungen und Verfolgungen; was man sich vom Christen gefallen lasseit mtlßte, wirtschaftliche Konkurrenz, nahm man vom Juden nicht gleichmütig hin und bemühte sich, diese Konkurrenz auch durch die grausamsten Mittel einzuschrünkeu oder ganz zu beseitigen. In den westlichen Ländern Europas war die christliche Bevölkerung schon früher in diese Lage gekommen und es begannen daher die Judenverfolgungen verhältnismäßig schon sehr früh, und zwar in den romanischen Ländern eher als in den germanischen. Aus letzteren wanderten infolgedessen die Juden nach den östlichen, slawischen Ländern ans. Hier genossen sie bei der Rückständigkeit der dortigen Bevölkerung lange Zeit eine gewisse Ruhe, die allerdings nur eine relative war. Als aber auch dort im 19. Jahrhundert die christliche Bevölkerung in ökonomischer Hinsicht weiter vorgeschritten war und Handel und Gewerbe zn treiben begonnen hatte, singen die Drangsalierungen der Juden, wenn auch durch den allgemeinen Fortschritt in ihrer Form etwas gemildert, ebenfalls an. Was insbesondere die galizischen Inden betrifft, so läßt sich behaupten, daß sie bis über die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts hinaus, etwa bis znm Jahre 1870, in Handel und Gewerbe von ihren christlichen Mitgliedern unbehelligt Erwerb und Nahrung fanden. Bis dahin bestand diese Bevölkerung im großen und ganzen ans Gutsbesitzern. Beamten, Bauern und landwirtschaftlichen Hilfsarbeitern; der Bürgerstand war nur spärlich vertreten. Erst nach nnd nach wandten sich aitch Christen dem Gewerbe nnd Handel zu und je mehr dies geschah, je stärker der bürgerliche Mittelstand bei den Christen auwucbs, desto heftiger entwickelte sich zwischen Juden und Christen, die denselben Bernsen angehörten, der Konkurrenzkampf. Dabei mußten selbstverständlich die Inden den Kürzeren ziehen, da durch alle Mittel der Propaganda die christlichen Konsumenten den jüdischen Gewerbetreibenden und Kanflenten abwendig gemacht nnd den christlichen zugetrieben wurden. Daß hiebei die Behörden den Bestrebungen der Christen das größte Wohlwollen entgegenbrachten nnd sie ans diese Weise gegenüber den Inden aufs nachhaltigste unterstützten, braucht nicht erst ausgeführt zu werden. Dazu kamen noch zwei Umstünde von besonderer Bedeutung, die soziale Gesetzgebung einerseits und anderseits der ans Deutschland importierte Antisemitismus. Was die soziale Gesetzgebung betrifft, so hat sie von vornherein keine Spitze gegen die Juden, aber in ihrer Wirkung