Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 9 (25.2.1910)
- Date
- 1910-02-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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ahrcheit Redaktion 1111b Admiiiisiialioii: Wien, II/, Nvvaiagasse 27 Telepbon: Redaktion 5107/VIU. Administration 4938/ll. K. k. österr. Posisparkassa- Scheck-Konto Ilr. 1000.918. JiiJVrate: Tie viermal gespaltene Iionpareille-Zeiie 25 Heller. Slbonnenienis- »nd Jnscrtionsbcträgc sind in Wien zahlbar und klagbar. «abhängige Heikschnst für jüdische Mlere^en. tzrscheinl jeden Areitag. Uoiiv: „Orrs 8i6L6l (^ot.rvs ist .Wahrheit!1 Gerngspreis: ■; Ganzjährig.K 14.— / Halbjährig.Iv 7.— Fiir ftnltiirbeamte: ipanzjährig.Iv 10. - Tviit* 'Jlnelaub:;! '»austährig.8 Mark [ 6 Rubel oder IN FrcS.! Ur. 9. Wien. 23. Felrrnar 1919. Inhalt: Achtunggebietende Persönlichkeiten — Nachtrag zn meinen Bemerkungen über Dr. Leisings Erlebnisse in Galizien. — Die Lage der Inden in Galizien. — Hartwig Wessely, der Vorkämpfer einer zeitgemäßen Jngendbildung. — Bodenreform in Alt- und Neu-Jfrael. — Verschiedene Nachrichten. — Literatur. — Warnung. — Feuilleton: Ein neues Licht. — Austritte anS dem Judentum. Die geehrten Herren Abonnenten werden! dringendst ersucht, die restlichen Abonnementsi betrage umgehend entsenden zu wollen, da die! Einhebung Per Postauftrag mit Kosten und Mühe! verbunden ist. j Achlnnggebietende Persönlichkeiten. j Anläßlich der Beratung des Militäretats im deutschen Reichsl tage, in welcher von freisinnigen Abgeordneten die systematische! Zurücksetzung der Inden in der deutschen Armee zur Spruche l gebracht wurde, veröffentlicht die „Vossische Zeitung" folgenden! bemerkenswerten Artikel: „Ich halte es einfach für einen Akt der Gerechtigkeit, daß - man einen jungen Mann, auch wenn er Jude ist, wenn er j sonst tüchtig ist und im übrigen geeignet, auch znm Reserve-! offizier machen soll." So hat der frühere Kriegsminister, j General v. Einem, erklärt. Aber das war zn Bülows Zeit. Es j ist anders geworden, seit Herr v. Bethmann Hollweg die ' preußische „Eigenart" pflegt. Da stellt sich der neue Kriegs-! minister, General v. Heeringen, im Reichstag hin und versichert: j „Wir müssen nicht allein verlangen, daß der Betreffende Können! und Wissen und auch Charakter hat, fonderu wir müssen znm Vorgesetzten auch etwas'anderes verlangen. Die ganze Persönlichkeit des Betreffenden, so wie er vor die Front, vor die j Truppen tritt, muß er achtunggebietend sein." Nun also weiß man's.; Unter all den jüdischen Einjährig-Freiwilligen, die seit 1879 , gedient haben, war auch nicht eine einzige achtunggebietende! Persönlichkeit.! Der Ministerpräsident v. Bethmann Hoüweg hat versichert, - daß seine Bemerkungen keine Spitze gegen die übrigen deutschen Einzelstaaten haben sollten. Wir wissen nicht, ob ihm auch die j planmäßige Ausschließung der Juden vom Offizierkorps als l berechtigte „preußische Eigenart" erscheint. Jedenfalls werden die > Worte des Kriegsministers im Süden ebenso als verletzend empfunden werden, wie die Worte des Ministerpräsidenten vom Rückgang der Kultur unter einem demokratischen Wahlrecht. Denn geht ein Jude, der es innerhalb der schwarz-weißen Grenzpfähle schlechthin nicht zu den Epaulettes bringen kann, nach Bayern, so wird er, sofern er sonst seine Pflicht tut, als „achtunggebietende Persönlichkeit" anerkannt, gewählt und befördert. Meint der preußische Kriegsminister, für die Bayern sei ein Mann noch lange achtunggebietend genug, der in Preußen der Zugehörigkeit zum Offizierkorps nicht würdig ist? Wenn er das nicht meint, wie war es möglich, die Zurücksetzung der Juden im preußischen Heer nicht als beschämende Ungerechtigkeit zu verurteilen, sondern mit der Wendung von der „achtunggebietenden Persönlichkeit" zn beschönigen? Müssen nur im Frieden oder auch im Kriege bloß „achtunggebietende Persönlichkeiten" Offiziere sein? Oder können die Verantwortung vor dem Feind, im Ernstfall, auch Personen tragen, die für die Parade und für die Manöver und für militärische Spielereien nicht die Anerkennung „achtunggebietend" zu sein, erringen können? Der Kriegsminister mag diese Frage beantworten, sich aber dabei erinnern, daß jüdische Einjährige, die Vizeseldwebel oder Vizetvachtmeister geworden sind, im Frieden nicht -Offiziere werden, am Tage der Mobilmachung jedoch zum Offizierdienst im Heere sich zn stellen haben. Der Kriegsminister mag auch die Frage beantworten, woher es kommt, daß der erste Offizier, der in unserem Feldzug in Südwestafrika für Kaiser und Vaterland sein Leben ließ, ein Jude war, ein Jude aus Berlin, aber natürlich nicht preußischer, sondern bayerischer Offizier. Er mag sagen, woher es kommt, daß es in Frankreich, England, Amerika Hunderte und Tausende jüdischer Offiziere gibt. Vielleicht hat er einmal davon gehört, daß der deutsche Kaiser einem italienischen Kriegsminister, bei später kommandierender General wurde, das Grvßkrenz des Roten Adler-Ordens verliehen hat. Der Mann war Jude, ganz nagetauster Jude. Oder weiß er nicht, daß es in Oesterreich-Ungarn einen Feldmarschall-Leutnant gibt, der Jude ist? Glaubt er, daß diese Männer nicht ebenso achtunggebietende Persönlichkeiten sind wie er selber? Wenn ein Leutnant, kaum das Kadettenhans verlassen hat, aber schon mit der Stimme zn schnarren und ein Stück Glas ins Auge zn klemmen gelernt hat, wird er als „achtunggebietende Persönlichkeit" angesehen. Ein Jude aber kann musterhaft in Leistung und Haltung sein, kann in jeder Hinsicht Achtung verdienen, er wird in Preußen seit einem Menschenalter nicht Offizier. Und weshalb nicht? General von Einem gab es freimütig zu: weil er Jude ist. Aus diesem einzigen und keinem anderen Grunde. Der General v. Heeringen dagegen regt sich aus: „Sie werden uns doch nicht zumuten wollen, daß wir jemand, wenn wir im Einzelsalle die Ueberzeugnng haben, daß er der Stellung als Vorgesetzter nicht gewachsen ist, in die Stellung eines Vorgesetzten hineinbringen!" Nein, das har dem Kriegsminister und dem Lffizierkorps kein Mensch zugemntet. Aber auch diejenigen Juden werden in Preußen nicht Offiziere, denen ausdrücklich bezeugt ist, daß sie der Stellung gewachsen seien. Im übrigen werden sie auch alle Tage „in die Stellung eines Vorgesetzten hineingebracht", in die Stellung, nur nicht in