Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 8 (18.2.1910)
- Date
- 1910-02-18
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 8. rührung mit der babylonischen Kultur und das bald darauf erfolgte Einströmen des Hellenismus hat sich der Anschauungslreis der Inden wesentlich erweitert, ihre religiösen und ethischen Vorstellungen haben sich vertieft und mit auswärtigen Elementen vermengt. Darüber hinaus hatten sich in den letzten drei vorchristlichen Jahrhunderten zahlreiche Heiden in die Gemeinschaft Israels gedrängt, die in religiöser und sittlicher Hinsicht eine ganz andere Behandlung erheischten als die Glaubens- und Stammesgenossen. Alle diese Umstände mußten auch dem jüdischen Vortragswesen ein von der Vergangenheit abweichendes Gepräge verleihen. So lesen wir bereits an mehreren Stellen bei Philo, daß in den Synagogen zu Rom über die väterliche Philosophie, in Antiochien, Damaslns und Ephesus über Klugheit, Mäßigkeit, Unerschrockenheit und andere bürgerlichen Tugenden Belehrungen erteilt wurden. Aber nicht nur in der griechischen Diaspora, in Palästina selbst wurde das Vortragswesen von seinem engen Zusammenhang mit dem Gottesdienst losgelöst und ans eigene Füße gestellt. Dies geschah durch die von Esra ins Leben gerufene Institution „der Männer der großen Versammlung." Gewiß, die Männer der großen Versammlung waren in erster Reihe eine religiöse oder religivnsgesetzliche Behörde gewesen, doch erheben mancherlei glaubwürdige Zeugnisse zur höchsten Wahrscheinlichkeit die Vermutung, baß von dem Wirkungskreis jener Behörde die Abhaltung volkstümlicher, alle Fragen des zeitgenössischen Wissens umfassender Vorträge einen beträchtlichen Teil bildete. Unt sich davon zu überzeugen, braucht man nur die rrsK •’pnss, „die Sprüche der Väter" zur Hand zu nehmen. Gleich zu Beginn des ersten Abschnitts heißt es: Simon der Gerechte (fromme), eines der letzten Mitglieder der Männer der großen- Versammlung, sagt: aus drei Dingen beruht die Welt, Lehre, Gottesdienst und Wohltätigkeit. Wie soll man sich die Entstehung dieses Lehrsatzes vorstellen? Glaubt man etwa. Simon Hazzadik habe sich eines Tages an den Schreibtisch gesetzt und die Verordnung hinausgegeben, wonach die Welt ans drei Dingen zu bestehen habe. Das wird wohl nicht gm anzunehmen sein. In den Worten Simons ist vielmehr in epigrammatischer Kürze das Ergebnis eines oder mehrerer Vorträge ausbewahrt, über die auch im heutigen Judentum aktuelle Frage, welcher von den beiden Aeußerungsormen des religiösen Lebens, der theoretisch Doktrinären oder der praktischen der Vorzug einznränmen sei. Ist unter Religion bloß ..glauben" oder „religiös handeln" zu verstehen? Ein so wichtiger, in das religiöse Leben einschneidender Gegenstand kann doch unmöglich durch einen kurzen Ausspruch erledigt werden. Das ist auch nicht geschehen, denn nicht das zur Erörterung gelangte Thema, sondern bestensalls nur der Schlußsatz desselben ist es, was uns in den Epigramm Simons mitgeteilt wird. Noch klarer liegt die Sache in einem zweiten deti „Sprüchen der Väter" entnommenen Lehrsatz. Antigonos aus Socho sagt: „Seid nicht wie Diener, die ihrem Herrn um des Lohnes willen dienen, sondern wie Diener, die dem Herrit dienen, ohne Belohnung zu empfangen; die Furcht des Himmels sei über euch." Wie oft an heißen Sabbathtagen haben wir diesen Spruch vor uns hergesagt, ohne zu ahnen, daß darin eines der wichtigsten Probleme der jüdischen Sittenlehre erörtert ist. Um die Bedeutung dieses Ausspruchs richtig zu beurteilen, braucht man bloß ein beliebiges Werk der protestantischen Bibelkritiker zur Hand zu nehmen. In allen Tonarten kehrt daselbst der alte Vorwurf wieder, daß das Judentum weit entfernt eine Religion des Herzens, der sittlichen Empfindung zu sein, als ein Erzeugnis der Furcht vor Strafe und der Aussicht auf göttliche Belohnung zu gelten habe. Zn einem inneren Erlebnis und zur sittlicheu Tat sei die Religion Israels erst durch das Christentum erhoben worden. Wie viel Unheil dieser Vorwurf der Minderwertigkeit des Jndentsms in unserem eigenen Lager angerichtet, braucht in diesem Kreis nicht erst bewiesen zu werden. Ich kann mir aber nicht helfen. Bei aller Hochachtung der Herrn Wellhauien, Bonsset und Harnak, bei aller Wertschätzung ihrer glänzenden Darstellunsgabe, bin ich dennoch genötigt, dem allen Antigonos aus Socho mehr Glauben zu scheitken, wenn er, der zwei Jahrhunderte vor der Entstehung des Christentums gelebt, mir nnd meinen Glanbensblüdern znrnft: „Ihr seid nicht Diener um des Lohnes willen, dienet dem Herrn auch ohne Aussicht auf Belohnung, die reine, durch keinerlei Nebenrücksichten getrübte Gottesfurcht sei auf euch." Freilich gilt auch hier das vorhin gesagte, durch einen Lapidarspruch können derartige Probleme nicht gelöst werden nnd sind auch nicht gelöst worden. Vielmehr haben wir auch hier bloß Reste ausführlicher Erörterungen über einen Gegenstand, der zu jener Zeit, wo die wichtigsten religiösen und ethischen Vorstellungen noch in Gärung begriffen waren, sicherlich die Geister lebhaft bewegt hatte. Hier sind wir aber auch in der Lage, die Richtigkeit unserer Behauptung quellenmäßig zu beweisen, denn in der Ergänzungsschrift der Sprüche der Väter, in den Aboth di R. Nathan, wird berichtet, daß der erwähnte Lehrsatz des Antigonos von seinen Schülern Zadok und Boethos mißverstanden wurde, indem sie daraus schließen zu können glaubten, daß es weder eine Auferstehung noch eine Vergeltung nach dem Tode gebe. Aus diesem Mtßverständnis sei dann die Gründung der beiden Sekten, der Sadduzäer und Boelhäer erfolgt. Wie soll mati sich das denken? Hat man schon jemals gehört, daß Schüler ans einem einzelnen, abgebrochenen Spruch ihres Lehrers die Berechtigung zu einer Fronde gegen dessen Weltanschauung ableiten. Das wäre ein Unikum in der Kulturgeschichte. Hier ist es sonach ein geschichtliches Ereignis, welches zu der Annahme drängt, daß der Ansspruch des Antigonos nur eine kurz gefaßte Formell darstellt für Anschauungen mit) Begriffe, welche in jener Zeit gewissermaßen in der Luft lagen und in Antigonos aus Socho einen beredten Anwalt gefunden habet!. Ein drittes Beispiel aus denselben Sprüchen der Väter: Schemajah lehrt: Liebe die Arbeit, vielleicht besser gesagt, das Handwerk und hasse die Herrschaft. Palästina war bekanntlich ein Agriknltnrstaat. Nach der Rückkehr aus dem babylonischen Exil wurde der Staat aitf die alte Grundlage ausgerichtet und doch hatten sich die Verhältnisse sehr wesentlich geändert. Der fast ein Jahrhundert brach gelegene nnd vernachlässigte Boden hat sicherlich nicht mehr die alte fruchtbringende Kraft gehabt, die Bevölkerung zu ernähren. Es schien daher geboten, nach neuen Ernährungsmöglichkeiten Umschau zu Hallen nnd vom Ackerbau zum Handwerk überzngehen. Dieses soziale Problem wurde von Schemajah angeschnitten nnd zum Gegenstand volkstümlicher Erörterung gemacht. Als würde er den ein Jahrhundert später erfolgten Untergang des Staates voransgeahnt haben, macht Schemajah seinen Volksgenossen eindringliche Vorstellungen sich nicht ans den heimatlichen Boden zu verlassen, sondern bei Zeilen zu anderen Erwerbszweigen, vor allem zum Handwerk' zu greifen. Sein kurzer Spruch ist sonach bloß ein Stichwort, das gerade wegen seiner Prägnanz geeignet schien, sich tief in das Herz des Volkes einzugraben. Und Schemajah hatte auch Erfolg mit seinen sozialert Anregungen. Denn nach seinem Auftreten und infolge desselben ist nicht nur in den unteren Volksschichten, sondern auch in den oberen Klassen eine allgemeine Wertschätzung der manuellen Arbeit wahrzunehmen, die so weit geht, daß die Erlernung eines Handwerks ztir religiösen Pflicht erhoben wurde, von der selbst die Gelehrten nicht ausgenommen waren. Und das war ein Glück für die damalige Judeuheit. Denn als nachher die Katastrophe hereinbrach nnd der heimatliche Boden in den Besitz der Römer gelangte, war der Uebergang vom Ackerbau zum Handwerk längst vollzogen und die nach allen Windrichtungen Verjagten vor dem Schlimmsten, dem Hungertod, gerettet.^) Mit Schemajah sind wir bei jener Epoche angelangt, die für unseren Gegenstand die wichtigste ist, die mischnisch- *) vgl. Ben Chananja, Jahrgang VIII., S. 279, wo an diesen und anderen-Beispielen der katechetische Charakter der Pirke Aboth und anderer damit damit verwandter Schriften — soweit ich sehe — zum ersten Male dargetan wird. Wenn Prof. Klein in seiner jüngsten Schrift „der älteste christliche Katechismus nnd die jüdische Propagandaliterätur" den Ursprung dieser Lehrsätze in Tugend- und Lasterkatalogen findet, so ist das bloß eine andere Bezeichnung, durch welche die hier ausgestellte Behauptung erst recht bekräftigt wird, denn diese Kataloge sind nicht vom Himmel heruntergesallen, mußten den Heiden vielmehr erst im Wege volkstümlicher Erörterung klar und muubgerecht gemacht werden.