Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 8 (18.2.1910)
- Date
- 1910-02-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 8 Seile 7. Die Wahrheit nicht wagen, sv freisinnig zn erscheinen, wie der große Meharam Dadua es war. Einer Anordnung des Verfassers des Seser Chassidim -gemäß, darf der Sohn eines Apostaten nicht mit dem Namen seines Vaters, sondern mit dem des Großvaters zur Thora gerufen werden. Zur Zeit als R. Meir Katzenellenbogen das Nabbiuat in Padua bekleidete, lebten in Ofen, der Metropole Angarns, zwei achtbare Brüder, Abraham und Esraijim — Söhne eines Apostaten — die sich lange Zeit nicht zur Thora rufen ließen, um sich nicht der Gefahr anszusetzen, öffentlich blamiert zn werden. Mau wandte sich daher an R. Meir Katzenellenbogen, der als einer der hervorragendsten rabbinischen Autoritäten der damaligen Zeit galt, und frug bei ihm an, ob es gestattet sei, den Namen jenes Apostaten, wenn dessen würdige Söhne, die dem Judentum treu anhänglich geblieben, zur Thora gerufen werden, zu nennen? R. Israel Jsserlein, der infolge eines aus Seser Chassidim geschöpften Argumentes angeordnet hatte, daß eines Apostaten Sohn nicht mit dem Namen des Vaters, sondern mit dem des Großvaters zur Thora gerufen werde, ist nicht vermögend genug, mich zn bestimmen, ihm diesbezüglich beizupflichten. Ich erkläre es vielmehr offen, daß die beiden Brüder Abraham und Efrajim nach wie vor mit des Vaters Namen zur Thora gerufen werden dürfen, da weder aus Talmud, noch aus dessen Kommentarien gegen diese meine 'Behauptung etwas bewiesen werden kann. Der Talmud behauptet vielmehr, daß der Mensch sich eher in einen Kalkofen stürzen möge, als seinen Nebenmenschen öffentlich zn beschämen. Abgesehen von alldem, verdienen ja die hier erwähnten Brüder Abraham und Efraim, meint R. Meir, umsomehr besonders berücksichtigt und geschont zu werden, als ihr nunmehr getaufter Vater, in nichtjüdischen Kreisen als eine hervorragende einflußreiche Persönlichkeit „Sar 'Wetakif'* gilt und schon öfters von feinen judenfreundlichen Gesinnungen entsprechende Proben und Belege geliefert hat. Nachdem es nun, so schließt R. Meir Padua sein Gutachten, in allen Synagogen Israels Usus ist. daß der Vorbeter in dem Momente, da er die Thorarolle in der Hand hält, den Segen für den Landesfürsten und dessen Angehörigen spricht, warum sollte man nicht den Namen eines Apostateit, der dem Judentum sehr gewogen war und seinen mächtigen Einfluß oft zu Gunsten desselben geltend gemacht, bei der Thora nicht nennen dürfen? (Resp. des R. Meir Katzenellenbogen § 87.) II. R. Joel Serkes. Zu den angesehensten und bedeutendsten rabbinischen Autoritäten Polens im 17. Jahrhundert gehört ferner unstreitig R. Joel Serkes. Sein eigentlicher Familienname war Jafa. Der 'Name „Serkes" aber rührt von dem Namen seiner Mutter her. die wahrscheinlich Sarke oder Serka geheißen halte.*) Joel Serkes hatte ungefähr 1560 in Lublin das Licht der Welt erblickt. Er war der Sohn sehr frommer achtbarer Eltern, die ihn frühzeitig schon in Bibel und Talmud Unterricht erteilen ließen. Kein Opfer war ihnen zu groß, so es galt, das geistige und körperliche Heil und Wohl ihres heißgeliebten, hochbegabten Sohnes zu fördern. Den ersten Unterricht genoß Joel bei seinem Vater R. Samuel Jafa. der ein gewiegter Talmudist war. Obwohl R. Samuel mit Mangel und Not zu kämpfen hatte, pflegte er denn doch seinem Sohn Joel, als er noch ein junges Kind war. in den Synagogen des R. Salomo Lurja für teueres Geld „Maftir" zu kaufen. (Resp. des R. Joel Serkes 158.) Seine späteren Lehrer waren: R. Salomo S. Löbisch aus 'Lublin (dessen Hochschule zur selben Zeit auch Jesaias Hurwitz besuchte) und R. Zebi Hirsch Schor. Infolge seines Scharfsinnes und seiner staunenerregenden Gelehrsamkeit erwarb sich R. Joel Serkes bald einen bedeutenden Ruf in der jüdischen Gelehrtenwelt Die größten Gemeinden *) Ja früheren Jahrhunderten war es, besonders in Polen üblich, daß man den Söhnen zur besonderen Bezeichnung den Namen der Mutter als Epitheton beigelegt hatte. So z. B. Samuel Edels, gewöhnlich .„Meharscha" genannt, der die Rabbinate zu Posen, Lublin und Ostrog bekleidete und zum Talmud vorzügliche Novellen geschrieben hatte. Ferner Moses Ribkes, Verfasser des „Beer Hagoloh", Josef Chaneles, Moses Hendeles u. a. m. erbaten sich von ihm in wichtigen religiösen Angelegenheiten sein Gutachten. Selbst von Amsterdam aus wurde er um Erteilung religiöser Bescheide angegangen. Serkes stand überhaupt mit den meisten Gemeinden Polens in Verbindung und mit den hervorragendsten rabbinischen Autoritäten in Korrespondenz. Er hatte seine ganze Zeit unb Kraft dem Studium der jüdischen Wissenschaft gewidmet, was aus seinem, zu den vier Turim in vier Teilen bearbeiteten Werke „Bajifc Chadosah", wie aus seinen Responsen zur Genüge erhellt. Seiner immensen Gelehrsamkeit halber, wurde er von den größten Gemeinden Polens zn ihrem Rabbiner ernannt. So z. B. begegnen wir ihm 1601 in Lubmila (Resp. S. 3), dreizehn Jahre später treffen wir ihn in Bels, wo er ungefähr vier Jahre das Rabbinal inne hatte. Im Jahre 1618 wurde er zum Rabbiner der Gemeinde Brzez (Brisk) in Lithanen ernannt. (Resp 70.) Kaum hatte er dieses Amt ein Jahr inne. als er 1619 einem ehrenvollen Rufe nach Krakau, einer der größten und würdigsten Gemeinden Polens, wo 47 Jahre früher R. Moses Jsserls als Rabbiner wirkte, folgte. Daselbst wirkte Serkes bis zu seinem im Jahre 1641 erfolgten Tode überaus segensreich. Er erwarb sich in solch hohem Maße die allgemeine Hochachtung und Verehrung, daß er öfters nach Lublin zur Messe berufen wurde, um die wichtigsten religiösen Angelegenheiten, wie es damals in Polen üblich war, daselbst zu ordnen und die etwaigen Prozesse zu schlichten. Ein besonders hohes Verdienst hatte sich I. Serkes in Krakau um das Schulwesen erworben. Auf seine Veranlassung wurde daselbst nn Jahre 1628 eine Talmud Thora Schule neu kreiert. Der für diese Lehranstalt, unter seinem Vorsitze, verfaßte Lehrplan, zeugt von seiner liberalen Gesinnung. So z. B. lautet in demselben ein Passus: „Ober- und Unterlehrer des Schul- Vereines haben den Kindern, wenn dieselben in der Anstalt treten, zuerst das Alphabeth und das Lesen des punktierten Textes beizubringen. Hierauf folgt das Lesen des Gebetbuches, dann der Pentateuch, aber attsschließlich mit dem Kommentar des Beer Mosche, oder (wenn der Schüler begabter ist) mit dem des Raschi. das liturgische Ritual, wie es eben je nach der Jahreszeit an.der Ordnung ist; ferner sind die Schüler über die Gesetze des A n st a n d e s und der ehrbare n Aufführung zu belehren tlsw. Die Schüler müssen unterwiesen werden im E r k e u n n e n der n i ch t h e b r ä i s ch e n (also deutschen und polnischen) S ch r i f t z e i ch e n, wie sie für die Veröffentlichung der in nichthebräischer Sprache erscheinenden Werke verwendet werden, damit sie im Stande seien, solche S ch r i f t e n z u l e s e n, woraus sie T n g e n d l e h r e n und redlichen Lebenswandel erlernen. Auch s o l len sie geübt w e r d e n im Schreibet! der nichthebräischen Schriften und in der Landessprache, die hier üblich ist. Die begabten Schüler sollen die P a r a d i g m e n des hebräischen Zeitwortes einüben. und sich das Wesen der hebräischen Grammatik aneiguen rc. Sie sollen ferner die R e ch e n k lt lt st lernen u. z. Additiv u, Subtraktion, M u l t i p l i k a t l o n. D i v i s i o n rc." Wenn heute ein Krakauer orthodoxer Rabbiner sich für die Gründung einer s o l ch e n Volksschule einsetzen würde, möchten ihn die Chassidim nicht mir dem Bann bedrohen? Der selbst von den heutigen Chassidim noch hochgefeierte Rabbi Joel Serkes, „Bach" genannt, hingegen nahm vor dreihundert Jahren keinen Anstand, seiner Gemeinde es ans Herz zu legen, dafür zu sorgen, daß die Jugend frühzeitig schon nicht nur m Bibel und Talmud, sondern auch in profanen Wissenschaften unterrichtet werde. _ (Forts, folgt.) Das volkstümliche Uortragsmelen im Indentnm. Bon Dr. Armin Abeles. (Fortsetzung). Nach der Rückkehr aus dem babylonischen Exil haben sich wie alle anderen so die Verhältnisse des jüdischen Bortragsweseu allmälig geändert, da ist eben jene Umbiegung wahrzunehmen, von welcher ich vorhin gesprochen. Durch die Be-