Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 8 (18.2.1910)
- Date
- 1910-02-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3062972-3063520-3063528--06528-3073538- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 6. Nr 8. Die Wahrheit Nach Verlesung des Protokolles der letzten Geueralver-! saumilung durch den Schriftführer, Herrn Simon Wessely, und nach debatteloser Genehmigung des durch den Vereinsrevisor, Herrn Moritz Furt h, erstatteten Gebahrungsausweises wird dem Vorstand unter lauter Beifallsbezeugung das Absolutorium erteilt. Hierauf ergriff als erster Redner Herr Josef K o h n das Wort. Erbetonte die Wichtigkeit der Kenntnis des jüdischen Urtextes und suchte durch die Zitierung zutreffender Belegstellen darzutun, daß sich das Judentum nur durch Festhaltnng an dem angestammten Glauben trotz der vielfachen Bekämpfungen erhalten konnte. Diese Ausdauer und dieser Kampfesmut wurde eben durch die Gesetzeskenutnis gehoben und gekräftigt, weshalb also in den Sprach- und Bibelschitleu sowohl auf die geläufige Beherrschung als auch auf die Kenntnis des Urtextes Gewicht gelegt werden soll. Herr Samuel Adler dankt als Obmann der Schulsektion des Bethansvereines dem Vorredner für seine vortrefflichen Ausführungen und beleuchtet die Wichtigkeit der Kenntnis der religiösen Satznngen und Vorschriften vom Standpunkte des Konverlitentums, da der Abfall vom jüdischen Glauben Meistensteils in der Unkenntnis der in unserer Religion niedergelegten erhabenen Grundsätze und vortrefflichen Sittengesetze gelegen ist. Seine Ausführungen, daß die Gesetzesforschung den Vorrang genießt vor allen übrigen bedeutsamen Gesetzesvorschriften, worin sogar die Verehrung gegen Eltern enthalten ist, hat zündende Wirkung nicht verfehlt. Herr Dr. Moritz K o h n als Schriftführer der Schnlsektion hob hervor, daß der Vereinspräsident Herr Adolf S ch r a m e k im heurigen Jahre die dreißigjährige Wiederkehr seiner Obmannschaft in diesem Vereine feiert, und trug demselben unter Anspielung auf die in dem damaligen Wochenabschnitte „Jithro" enthaltene Offenbarung Gottes und Verkündigung der 10 Gebote die Ehrenbitte vor, seinen Einfluß dahin geltend zu machen, daß in diesem Bezirksteile ein würdiges Gotteshaus erstehe. Nachdem derselbe noch darauf hingewiesen, daß der Verein sich zur 25jährigen Obmaunschaft dadurch geehrt hat' daß er denselben zum Ehrenmitgliede ernannte, -möge der allseits geschätzte Vereinspräsident zu der 30jährigen Wiederkehr der Obmannschaft den Verein dadurch ehren, daß er Mittel und Wege ungeschenl lasse, um einen „Schramektempel" erbauen zu können, damit fein Name in goldenen Lettern auf der Marmortafel als weithin sichtbares Wahrzeichen für seine dreißigjährige Tätigkeit prange. Unter nie endenwollendem Beifall erhob sich die versammelte Menge zum Zeichen der Verehrung für ihren Präsidenten von ihren Sitzen. Weiters gedachte derselbe rühmend des Wirkens und des Schaffens des Vizepräsidenten des Vereines. Herrn Elkan Baue r, der ebenso selbstverständlich für die Gründung eines würdigen Gotteshauses seine nie rastende Tätigkeit eiusetzen wird. Sodann beleuchtete Herr Dr. Markus Spitzer, indem er in seiner glänzenden Rede die wichtigsten Stellen aus den früheren Reden zusammenfaßte, die Ursache, warum der Gesetzessorschnng der Vorrang vor so vielen im menschlichen Leben für so hochwichtig gehaltenen Handlungen eingeränmt wird. Er erntete für seine ausgezeichneten an der Hand jüdischer Zitate beleuchteten Ausführungen besonderen Beifall. Nicht minder geistreich und zutreffend hielt der Vereinsrabbiner, Herr I. L. A b e l e s, eine Ansprache au die Versammlung, in welcher er die ersprießliche Tätigkeit des Vereines und das einträchtige Zusammenwirken der Vereinssunktionäre hervorhob. Schließlich drückte Herr Adolf I u h n, Oberrevident der k. k. Nordbahudirektion, seine Freude darüber ans, daß das Banner des Judentums in diesem Vereine hochgehalten wird und daß er selbst, obwohl er dem streng gesetzestrenen Judentume nicht augehört, dennoch durch die zündenden Reden begeistert und derart gerührt worden ist, daß er der Bibelschule als Mitglied beitritt. Hierauf wurde zum nächsten Punkte der Tagesordnung „Wahlen" übergegangen. Der turnusmäßige Austritt traf im heurigen Jahre die Vorstandsmitglieder Simon B a n d l e r, Wilhelm Bandl e r, Julius B e ck, Ignatz F r rundlich, Jakob Singer und Simon Wessely. Nachdem Herr Ignatz Freundlich infolge Kränklichkeit ans die Wiederwahl verzichtet hat, wurden die ansscheidenden Herren wieder- und Herr Samuel Adler als Vorstandsmitglieder neu gewählt. Zum nächsten Punkte der Tagesordnung „Anträge" hob der Vereinspräsident Herr Adolf Schrämet die bedeutenden und hohen Verdienste des Präsidenten und des ersten Vizecträsidenten der israelitischen Knltnsgemeinde der Herren Doktor- Alfred Stern und Dr. Gustav K o h n, hervor und beantragte in Würdigung ihrer hervorragenden Leistungen dieselben zu Ehrenmitgliedern des Vereines zu ernennen, was unter rauschendem Beifalle einstimmig angenommen wurden. Ebenso wurde auch der Antrag gestellt, die beiden Vorstandsmitglieder des Vereines, die Herren Salomon Beck und Hermann Kaiser, die dem Vereine seit dessen Bestand angehören und für die Interessen desselben sich stets bemüht haben, ebenfalls zu Ehrenmitgliedern zn ernennen, was gleichfalls einstimmig angenommen wurde. Sodann wurde die Generalversammlung geschlossen und allseits der würdige Verlauf der mehr als zweistündigen Generalversammlung betont. Bei der am 10. Februar 1910 statlgehabten konstituierenden Borstandssitzung wurde Herr Adolf S ch r a m e k als Obmann, Herr Elkan Bane r als Obmann-Stellvertreter. Herr Dr. Moritz K o h n als Schriftführer. Herr Julius Beck als Schriftführer-Stellvertreter und Herr Josef Fischer als Kassier gewählt. Auch die Bethansvorstände, Herr Wilhelm Bäudler, Herr David K o h n und Herr Josef Werner wurden wieder gewühlt. Liberale Aentzermrge» hervorragender rabbinischer Autoritäten in Polen in früheren Jahrhunderten. Bon Dr. M. H. Friedländer. I. R. S a l o m o L u r j a. (Fortsetzung.) Wie durch tiefe Gelehrsamkeit zeichnete sich R. Moses Jsserls auch durch Bescheidenheit, Anspruchslosigkeit, Herzensgüte, Seelenadel und Charakterfestigkeit aus. Als er am 33. Omertage des Jahres 1572 das Zeitliche gesegnet hatte, wurde sein Hinscheiden nicht nnr von der Krakauer Gemeinde sondern auch von der Gesammtjudenheit aufs innigste betrauert und bedauert. Unter den zahlreichen Schülern Jsserls ragte besonders hervor R. Jnsa Falk Koheit in Lemberg (gest. 1614), dessen Kommentar zum Clioscheii Mischpat „Sefer meirat Enajim" (Sema) genannt, und zu den l'u.rirn allgemeine Anerkennung gefunden hatte. Wie Moses Jsserls in Polen, wurde fein Verwandter R. Meir Katzenellenbogen in Italien als erste rabbinische Autorität hochgeschätzt und verehrt. Selbst die entferntesten Gemeinden appellierten in den wichtigsten religiösen Fragen an ihn, was aus seinen Response» zur Genüge entnommen werden kann. Trotz seiner rigorosen Frömmigkeit war er tolerant und milde. Folgende Tatsachen zeigen von seiner liberalen Gesinnung : In Candia war es nämlich Usus, daß die Haftara zn Mincha des Versöhnungstages, mit Ausnahme der ersten drei Verse, nicht im Urtexte, sondern in griechischer Sprache gelesen wurde. Diesen Brauch wollte nun R. Elia Kapsali aus religiösen Gründen abrogieren. Er richtete daher an R. Meir Katzenellenbogen in Padua die Frage, ob dieser Brauch gesetzlich gestattet werden kann oder nicht. R. Meir nahm diesen Brauch in Schutz und sagte: Allerdings erscheint dieser Usus höchst sonderbar, allein man muß sich Mühe geben, um ihn rechtfertigen zn können. (Resp. Meharam Padua 78.) Ob die Neu orthodoxen eine solche Reform gestatten würden, ist sehr fraglich. Sie würden es schon aus Furcht vor den Altorthodoxen, mit denen sie so gern liebäugeln und fraternisieren.