Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 8 (18.2.1910)
- Date
- 1910-02-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 8. Die Wahrheit Seite 5. anstalten der Alliance anvertrauen. Erst jüngst hat sogar die türkische Regierung die Zulassung von sechs muselmanischen Zöglingen in die Ecole Normale Orientale, die Lehrerschule der Alliance in Auteuil bei Paris, beantragt und das Zentral-Komitee hat die Aufnahme bewilligt. Der Bericht konstatierte ferner zur allgemeinen Befriedigung, daß es der Alliance Jsraslite Universelle in Marokko gelungen ist, den Versuchen ein Ende zu machen, die früheren landesüblichen Bedrückungen der jüdischen Bevölkerung wieder auflebeu zu lassen. Sobald sich die Ordnung der inneren Verhältnisse in Marokko gefestigt haben wird, soll auch die Einführung d e s d e u t s ch e n U n t e r r i ch t e s in den marokkanischen A l l i a n c e s ch u l e n erfolgen. Die besondere Tätigkeit der deutschen Konferenz-Gemeinschaft gehörte unverändert auch im abgelanfenen Jahre der Fürsorge für die durchwandernden russischen Israeliten, sowie für diejenigen unter ihnen, die von der Behörde ausgewiesen werden und demgemäß anderwärts eine Zuflucht suchen müssen. Daß die Deutsche Konferenz-Gemeinschaft der Alliance an allen jüdischen Hilfswerkeu in Deutschland hervorragend mitgewirkt hat, ist selbstverständlich. Die Feier des fünzigjährigen Be st ehe ns der Alliance wird Anfang Mai vom Zentral-Komitee f e st l i ch begangen werden. Das Programm, das die Beteiligung aller Länder, in denen die Alliance vertreten ist, vorsieht, wird rechtzeitig veröffentlicht werden. Am Schluß der Tagung gab Geheimrat Goldberger unter herzlichstem Bedauern der Versammlungsteilnehmer bekannt, daß er einen längst gefaßten Entschluß verwirkliche, indem er aus d e m Z e n t r a l - K o m i t e e a u s s ch e i d e und damit nach ungefähr fünfjähriger Amtierung das Präsidium der D e u t s ch e il K o n f e r e n z - G e m e i n s ch a f t niederlege. Auf dringendes und wiederholtes Ersuchen der Versammlung, erklärte sich Geheimrat Goldberger bereit, die Geschäfte bis längstens nach der Jubiläumsfeier weiterzusühren. Das Zentral-Komite wird inzwischen eine Anzahl deutscher Mitglieder kooptieren. Alsdann soll die Neukonstituieruug des Vorstandes der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft erfolgen, in der Herr Justizrat Max F u ch s-Berliu als einer der beiden stellvertretenden Präsidenten in der gestrigen Versammlung gewählt worden ist. Gin religiöses Turnier. Am 31. Januar und 1. Februar hat sich, wie wir der „Allg. Ztg. des Judentums" entnehmen, in Berlin ein merkwürdiges Ereignis vollzogen, das seinesgleichen kaum seit dem Mittelalter und den erregten Zeiten der Reformation gehabt hat. In jenen Epochen fanden vielfach religiöse Disputationen zwischen Inden und Christen statt; im Reformationszeitalter stritten Katholikeil und Protestanten. In den genannten Tagen wurde mm in den Ausstellungshallen in Berlin ein religiöses T n r n i e r abgehalten. Pros. Arthur D r e w s ans Karlsruhe hielt am ersten Abend einen ausführlichen Vortrag über die Frage: „Hat Jesus gelebt?" Er nimmt als eigentlichen Stifter des Christentums Paulus an, der Jesus nicht gekannt hat, und setzt, nach einem Referat der „Bossischen Zeitung", folgendes auseinander: „Dieser Stifter des Christentluils bei Paulus ist der Sekteugott des synkretistischen Judentums. Alles, bis auf den Tod am Marterholz und das Kreuz als Symbol des Sieges, war lange vor dem historischen Jesus vorhanden. In einer gedrückten Zeit löste Paulus mit diesem Evangelium die gewaltige Spannung aus, die auf allen Gemütern lastete. Einen Menschen Jesus hat er nicht gekannt, wie er selbst zngibt. Drews verweist auf die Heimat des Paulus, die griechische Stadt Tarsus in Cilicien, die orientalischen Charakter trug, aber mit den religiösen Strömungen der Zeit vertrant war. Paulus hat jene jüdischheidnische Erlösergottheit Jesus nur in den Mittelpunkt seiner religiösen Weltanschauung gerückt und auf eine Stufe religiösethischer Betrachtung erhoben. Er kannte den Kultus des syrischen Adonis, des vhrygischen Attis; diese Selbstopfer eines Gottes, der sein Leben für die Welt hingibt, setzen sich ihm um im Bilde der Makkabäerkämpfe und des leidenden Gottesknechts in Jesaja, in die Anhängerschaft der von ihm zuerst verfolgten Jesussekte. Mit Eduard v. Hartmann vertritt Drews die Meinung, daß ohne Paulus die christliche Bewegung ganz ebenso wie die vieler anderer jüdischer Sekten im Sande verlaufen wäre, um höchstens noch als eine historische Kuriosität die Geschichtsforscher zu beschäftigen — und dieser Paulus kennt Jesus als historische Persönlichkeit nicht! Die Entstehung und Entwicklung der christlichen Religion hat lange vor dem Jesus der Evangelien begonnen und sich unabhängig vom „geschichtlichen" Jesus der historischen Theologie vollzogen. Was die Evangelien schildern, ist nicht die Geschichte eines wirklichen Menschen, sondern gleichfalls ein Mythus in geschichtlicher Form. Beiträge zu dieser Legende haben nicht nur die ifraelitlschen Propheten geliefert und die alttestamentarischen Vorbilder des Messias, als ein Moses, Elias, Elisa, es sind daran ebenso beteiligt gewisse mir dem Glauben an die Erlösergottheit verknüpfte mythische Vorstellungen der heidnischen Nachbarvölker." Drews leugnet die Abfassung der Evangelien durch die Apostel, hält die Nachricht des Tacitns über Ehre st u s, die in Gemeinschaft mit Christenverfolgungen unter Nero erwähnt wird, für eine christliche Fälschung vom Ende des vierten Jahrhunderts zur Verherrlichung der Kirche und kommt, indem er sich besonders ans das Schweigen des Josephus stützt, zur vollen Verueinnng der von ihm aufgestellten Frage. Die Versammlung, in der die Entgegnungen und Zustimmungen auf Drews Rede vvrgelragen wurden, war eine imposante. Es fand nicht eigentlich eine Tispulalion statt, in der jeder das Wort ergreifen konnte, sondern einige vorher fest bestimmte Redner verschiedener Parteien legten ihren Standpunkt dar. Am entschiedensten opponierte Herr von Soden. Er hielt die heidnischen Zeugnisse des ersten Jahrhunderts für genügend, um die Geschichtlichkeit der Person Jesu zu erweisen; er will weder den vorchristlichen Sagen noch der Phantasie der Juden die Fähigkeit zugestehen, das Bild Jesu gestaltet und ausgeschmückt zu haben. Er hält die in den Evangelien znsammengestelllen Sprüche in ihrer Einheitlichkeit für ausreichend, um einen Verfasser notwendig zu machen. Soden wurde von Pfarrer Holl m a u n und Dr. Fischer unterstützt. Drews, der selbst nochmals das Wort ergriff, fand Helfer in den Pastoren Stendel und L i p s i n s aus Bremen, sowie Dr. Theodor K a p p st e i n und anderen. Uns liegt es fern in dieser Frage eine Entscheidung zu treffen oder auch nur eine Ansicht anszusprechen, aber wir hielten es für Psticht, auch in diesen Spalten ans das religiöse Turnier hinzuweisen, das Tausende von Menschen beschäftigte und bewegte und von dem starken Interesse innerhalb der christlichen Gemeinde Zeugnis ablegte. Israelitischer Hetsiansverei» „Am Uotkert." Die 33. Generalversammlung des Bethausvereines „Am Volkert", die Dienstag am 25. Jänner 1910, abends 8 Uhr, unter dem Vorsitze des besonders verdienstvollen Vereinspräsidenten und Kultusvorstehers, Herrn Adolf Schrämet, statlfand, erfreute sich eines zahlreichen Besuches und wurde vornehmlich durch die im letzten Vereinsjahre ins Leben gerufene Sprachuud Bibelschule, in welcher ein Barmizwaknrs ebenfalls geschaffen wurde, beeinstnßt. Nachdem der Vereinspräsident die erschienenen Gäste, und zwar in erster Reihe den würdigen Repräsentanten der löblichen Kultusgemeinde, das Mitglied des Vertreterkolleginms, Herrn Dr. Markus Spitzer, der seit Jahren auch Ehrenmitglied des Bethausvereines ist, und sodann die beiden Vertreter des Tempelvereines im XX. Bezirke, Herrn Joses W ü n s ch und Herrn Joses K o h n, letzteren als Obmann der Sprach- und Bibelschnle des XX. Bezirkes, sowie die zahlreich erschienenen Mitglieder begrüßt hatte, gedachte er wehmutsvoll der im heurigen Jahre aus ihrem ausgezeichneten Wirkungskreise abberufenen Herren und widmete vorerst dem verstorbenen Vizepräsidenten der Knltusgemeinde, Herrn Theodor Ritter von G o l d s ch m i d t, sodann dem Kultusvorsteher Herrn Karl S e l i g m a n n, der der vorjährigen Generalversammlung als Repräsentant der verehrlichen Kultusgemeinde beigewohnt har und weiters dem kürzlich verstorberen Kultusvorsteher, Herrn Emil Horner, einen ihr Wirken und Schaffen würdigenden Nachruf. Gleichzeitig erbat er sich, da die ganze Versammlung sich behufs Ehrung des Andenkens von den Sitzen erhoben hatte, die Ermächtigung, diese Trauerkundgebung dem Protokolle der Generalversammlung einverleiben zu dürfen.