Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 8 (18.2.1910)
- Date
- 1910-02-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Leite 4. Die Wahrheit Nr. 8. seinerzeit veröffentlicht hat, scheinen den vollsten Beifall aller I Judenschmäher gesunden zu haben, über die Juden Galiziens wird kräftig geschimpft, mit dem Hinweis auf die Serie von Artikeln über die Inden Galiziens, die doch sicherlich als zuverlässig erscheinen müssen, da sie doch von einem Juden in einer führenden jüdischen Zeitung veröffentlicht worden sind. Ich bin sicherlich der letzte, der alles, was in Galizien vorgeht, gut heißt, ich bin selber Galiziauer, bin mit den Verhältnissen meines Geburtslandes genügend vertrant und kenne genau die wirklichen Mängel und Fehler, die man mit Recht meinen engeren Landsleuten Vorhalten kann. Ich muß aber auch bemerken, daß ich der letzte bin, der diese Mängel zu rügen nur in der „camera caritatis“ vorschreibt; gewiß sind nicht alle galizischen Juden die idealsten Menschen, nicht mehr und nicht weniger als in den andern Ländern. L»at ja der schlagfertige Dr. Bloch als Reichratsabgeordneler seinerzeit den Schönerianern ans ähnliche Vorwürfe, die gegen die Inden Galiziens erhoben wurden, ein treffendes und geflügeltes Wort ansgerufen „Habt denn Ihr n n r das Recht. Lumpen zu haben, es darf sich auch gelegentlich einer bei uns verirren." Eines ist jedoch wahr, die Kultur in Galizien ist noch sehr, sehr zurück — es genügt der Hinweis auf die vielen Wunder-Rabbis — ferner ist auch wahr, obwohl sehr bedauerlich, daß da in Galizien mitunter ein Unterschied gemacht wird zwischen ethischen und religiösen Prinzipien; ich war auch vielleicht der einzige .Rabbiner, der seinerzeit den Wiener Rabbiner Dr. David in Schutz genommen hat. Was er mtt seiner Predigt seinerzeit haben wollte, war jedem Unbefangenen klar, man s o l l e m e h r F ü r s o r g e, liebevollere Teilnahme unseren Glaubensgenossen in Galizien z u w e n d e n. Damit hat e r v o l l st ä n d i g recht. Dr. David war damals ohne Grund und Ursache die Zielscheibe aller „national Fühlenden", die sich in Verbitterung und Verletzung und persönliche Kränkung hineingebissen. Man hat dem Manne damals wirklich bitteres Unrecht getan. Mit diesen Zeilen wollte ich nur bemerken, daß gegen gerechte Mängel — so tief sie mich auch kränken mögen — ich nichts einzuwenden habe. Aber was Dr. Lessing geschrieben hat — entspricht den Tatsachen und der Wahrheit nicht — mögen die Leser davon überzeugt sein, daß ein grelleres Zerrbild nicht einmal ein ad hoc bestellter Mitarbeiter einer antisemitischen Zeitung hätte malen können. Ich gehe sogar weiter und will zum Lobe des Verfassers hervorheben, Dr. L. habe keine Ahnung vom jüdischen Leben, von jüdischen Sitten und Gebräuchen, von den Einrichtungen und Vorschriften des Judentums. Aus Einzelheiten will ich mich da gar nicht einlassen, sonst müßte ich von vornherein den ganzen Artikel widerlegen. Wenn Dr. L. seine „Erlebnisse" nicht in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" veröffentlicht hätte — ich würde ihn, wie bereits gesagt, nicht für einen Juden halten. Wenn man aber gegen den verantwortlichen Redakteur Geiger heftige Vorwürfe erhebt, die auch in unzweideutiger Weise in diesem Blatte gegen ihn erhoben wurden, fügt mau ihm bitteres Unrecht zu, ihm dürfte man keine n n f a u b e r e n Motive z u s ch r e i b e n. Wenn ich auch nicht die Ehre habe, G. H. R. Geiger persönlich zu kennen, kann ich es ruhig — und dies ist man der Wahrheit gemäß verpsiichter — behaupten, Dr. Geiger wollte nicht den Juden Galiziens „eins" versetzen, er mag in der Tat im guten Glauben gehandelt haben, als er Dr. L.'s Artikel veröffentlichen ließ, zumal der deutsche Jude leider keine oder selten Gelegenheit hat, den besseren, seineren und intelligenteren Inden Galiziens kennen zu lernen, die wahren „Michnsim" sind ihm unbekannt, er kennt den galizischen Schnorrer. War ja selbst ein Mann wie Ludwig Aug. Frankl kein besonderer Freund der Galiziauer, und dies nur aus dem Grunde, weil er ' nur selten mit den besseren Klassen der galizischen Judenheit in Berührung kam; die Verantwortung trifft also ausschließlich Dr. L., der um interessant zu erscheinen, eine«unliebsame Probe von seiner merkwürdigen Dichtung und seiner durchaus weniger als schönen Phantasie gegeben, aber seine „Erlebnisse" haben ihn bei jedem Kenner der galizischen Verhältnisse in ein „merkwürdiges Licht" gestellt. Seine Wahrheitsliebe will ich nicht auf die Probe stellen, mir genügen seine „Stichproben". Im übrigen habe ich schon des öfteren ans das grenzenlose Elend, auf die bittere Nor, die in Galizien herrscht, die maßgebenden Faktoren aufmerksam gemacht. Es müßten gerade in Galizien zielbewußte Hebel angesetzt werden, denn da hat man beinahe mit einem Zehntel aller Juden zu rechnen. In keinem Lande hat der Jude mit so viel Hindernissen aus Prügeln, die ihm gelegt werden, zu kämpfen, als in Galizien, wo erstens der Jnde verachtet, verspottet wird und zu allerletzt, was bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts nicht der Fall war, auch verhaßt ist. Die bewußten „Kölka rolnicze„, die Propinationsablösung, vertreiben die Juden schon gänzlich aus dem flachen Lande und den elenden Luftmenschen wird durch den nenen Zuzug in den Städten die Luft noch enger. Dazu kommt noch, daß keine tatkrästigen Unternehmer Industrien errichten und, wo sie es wollten, werden sie von den Agrariern, respektive Schlachzizen verhindert, die alles in der Hand haben und auch vor keinem Mittel zurückschrecken, da sie ja auch direkt durch Errichtung von Fabriken geschädigt werden. Woher daun die billigen Arbeitskräfte? Dazu kommt noch die Uneinigkeit und das Zerwürfnis im eigenen Lager. Ein unversöhnlicher Kamps herrscht da zwischen Chassidim und Maskilim, den beiden und den sogenannten Intelligenten, zwischen Orthodox-Konservativen und den Fortschrittlern, zwischen all den Parteien und den Zionisten, die natürlich alle bekämpfen und befehden, die nicht national fühlen, denken und handeln, dann zwischen Zionisten, Assimilanten und Sozialisten, die ja im Sozialismus das Heil und das Glück der Menschheit erblicken. Eine kleine Probe der Uneinigkeit und der geschlagenen Blindheit haben wir ja beim „Parteitag" gehabt, und es bleibt ein dunkles Blatt in der Geschichte des Judentums, für das einzig und allein die Schuld und Verantwortung die Führer der galizischen Juden trifft, die die hilfreich angebotene Hand in unvernünftiger Weife zurückgewiesen haben. Ans den kurzen Andeutungen wird der intelligente und d e n k e n d e L e s e r ersehen, daß ein Ausländer, der sich k u r z e Z e i t i u G a l i z i e n a u f h ä l t. sich unmöglich ein r i ch t i g e s B i l d über die Verhältnisse der Juden verschaffen n n d n o ch wenige r e i n w a h r e s U r t e i l ü b e r d a s i n n e r e L e b e n der Juden Galiziens a b g e b e u könne. M. Brettholz, Triest. Deutsche Konseren^-Gemeinschast der AUinure Ijravlite Universelle. Am Dienstag, 8. Februar, hat die Deutsche Konferenz-Gemeinschaft der Alliance Jsraslite Universelle, die ans den deutschen Mitgliedern des Zentral-Koinitees der Alliance besteht, ihre siebente Jahrestagung in Berlin im großen Sitzungssaal im Verwaltungsgebäude der Jüdischen Gemeinde gehalten. Ans allen Teilen Deutschlands waren die zur Teilnahme Berechtigten mit den Mitgliedern des Berliner Lokal-Komitees erschienen oder hatten legitimierte Vertreter entsandt. Das Zentral-Komitee hatte seinen Geschäftsführer delegiert. Den Vorsitz führte der Präsident der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft. Geheimer Kommerzienrat Goldberger, der den ausführlichen Rechenschafts- und Arbeitsbericht für 1909 erstattete und den Arbeitsplan für 1910 darlegte. Nicht weniger als 27 Lokal- Komitees sind 1909 geschaffen worden. Die Mitgliedschaft der A l l i a n c e i n D e u t s ch l a n d h a t sich feit b e r Reorganisation der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft, d. i. seit vier Jahren, um 46°/g, die B e i t r a g s l e i st u n g e n haben sich um 73% gesteigert. Wie im vergangenen Jahr. Hai auch 1909 die Alliance Jsraslite Universelle in mehr als 140 Schule» etwa 45.000 Zöglinge unterrichtet, zum Teil gekleidet und gespeist. Die Alliance hat dafür im vorigen Jahr 1% Mill. Francs int ordentlichen Etat ausgegeben, sie hat etwas mehr für das laufende Jahr ansgeworfen. Für Schul-Nenbauten sind außerdem 380.000 Francs bewilligt, nämlicli 80.000 Francs für Neubauten in Tripolis, 60.000 Francs in Tiberias. 100.090 Francs in Haskeny-Konstantinovel. 60.000 Francs in Teheran. 50.000 Francs in Jspahan und 30.000 Francs in Senneh (Persien). Die landwirtschaftlichen und die H a n d w e r k e r s ch u l e n. sowie die I n st i t u t e für Lehrlinge aller Art, haben an Umfang gewonnen, die glücklichen Ergebnisse der Erziehung zeigen sich allerorten. Beliebtheit und Ansehen der Allianceschnlen werden nicht zum wenigsten dadurch offensichtlich, daß namentlich die vornehmen und wohlhabenden Mohamedaner, die höchsten Beamten voran, ihre Kinder den Unterrichtsan R. di> be wi es sic jü de E m T in 1 gt T H tu 2 v h e i ii d l i c l