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Die Wahrheit · 1910-02-18 · Heft 8 (18.2.1910) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 8 (18.2.1910)
Date
1910-02-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Februar Inhalt: Der Schiedsrichter. — Einige Bemerkungen zu den „Erlebnissen" Dr. Lessings in Galizien. — Siebente Tagung der Deutschen Konferenz- Gemeinschaft der Alliance Jsraelite Universelle. — Ein religiöses Tournier. — Israelitischer Bethansverein „Am Bolkerc". — Liberale Aenßernngen. — Das volkstümliche Bortragswesen im Judentum. — Verschiedene Nachrichten. — Literatur. — Feuilleton: Ein neues Licht. — Austritte ans dem Judentum. Der Schiedsrichter! von * * * Nennen wir die Dinge beim rechten Namen: in der Leopoldstadt sind jüdische Mandate zu vergeben und die fortschrittliche freisinnige Partei: präsentierte Fremde. Daß sie nichts vergessen hat, sagen wir nicht; denn sie hat nichts gelernt — den jungen Freisinn meinen wir — sie hat nur etwas den Christlichsozialen nbgeguckt: je weniger Juden, desto gesünder. Der alte echte Liberalismus handelte und dachte anders, aber der ist längst mausetot und die überlebenden Palladine werden verdrängt. Eine traurige Tatsache — aber Tatsache. Liberalismus an sich ist keine Marke mehr — ist einfach ein Schimpfname — ein Stigma — ein Kainszeichen. Solange der Liberalismus ein Faktor im Leben der österreichischen Völker und speziell der Stadt Wien war, wurden die jüdischen Interessen in den allgemein menschlichen geschützt, wurde ibr Besitzstand in den öffentlichen Körperschaften gewahrt, wurden die Würdigsten, Tüchtigsten nuferer Glaubensgenossen von der öffentlichen Meinung nominiert und gewählt. Heute lebt der Wiener bürgerliche Fortschritt von der Gnade des Herrn Dr. Viktor Adler; er ist nur ein Anhängsel der Sozialdemokratie. Wir wissen es alle, daß die freisinnigen Abgeordneten des IX. und des H. Bezirkes ihre Wahl den Genossen zu verdanken haben. Eingeklemmt zwischen Sozialdemokratie — Christlichsozialen — und Rassenantisemiten fristet der Freisinn seine Scheinexistenz nur durch stillen, höflichen, eleganten, vornehmen Parkettantisemitismus! Jüngster Beweis: Die zu nominierenden Kandidaten der Leopoldstadt — und Baron Hock: der Schiedsrichter. Ein Zeichen der Zeit! Gibt es keine Juden, die diese fast ganz jüdische Angelegenheit entscheiden können? Baron Hock wurde von den — unter einander streitenden Inden als Schiedsrichter anfgernfen — und er entschied — nein, rätden Inden der Leopoldstadt — vor den Wühlern des IX. Bezirkes „sie sollen sich stets als ein Teil der freiheitlichen Bevölkerung ohne jede Betonung des konfessionellen Standpunktes fühlen, weil sie durch Abseitsstellung den antisemitischen Standpunkt fördert", weiter sagte der freisinnige Hofrat vom Verwaltungsgerichtshof: „Aber solange man die Einigkeit so versteht, daß man sich nur fügt, wenn man vom Schiedsrichter selbst Recht bekommt — solange ist ein wirklicher Sieg im gemeinsamen Kampfe kaum möglich." Bürgerlich ausgedrückt: Manschet tritt ab, verbirg dich; Moses friß Stroh oder krepiere. So sieht der jetzige Freisinn aus. Unsäglich traurig. Wir sind verlassen — vereinsamt — allein — mutterseelenallein. Zwei arme verlassene Waisen treiben sich jetzt in Oesterreich und vornehmlich in Wien herum: der Liberalismus und das Judentum. Wie wäre es, wenn man die zwei Hascherl miteinander vermählte? Ohne Phrasen. Es ist höchste Zeit, daß die Inden als Judell frisch und kräftig aufs neue das. Banner des Liberalismus aufpflanzen: nicht im Schlepptau anderer Parteien — sondern in gleichberechtigter Kooperation — nicht als Geduldete — sondern als Gleichwertige. Ein alter bewährter Liberaler, eine Zierde des Liberalismus und Führer des Judentums, hat dem Baron Hock erwidert, daß für die jüdische Wählerschaft eine gewisse Wahrung des Besitzstandes nötig sei, weil sie sonst in den öffentlichen Körperschaften gar keine Vertreter ihrer speziellen Interessen haben. Schlichte, einfache, vorsichtige, aber wahrhafte, echte Worte aus der Seele jedes ehrlichen Liberalen, jedes ehrlichen Juden gesprochen, die umsomehr Wirkung haben müssen, weil sie sich von jeder Einseitigkeit, von jedem Chauvinismus und „Bramarbas" fernhalten — weil sie sich vom Boden der Erfahrung keinen Schritt entfernen. Solche Männer braucht das Judentum, braucht der Freisinn, braucht die Kultur, braucht Wien, das sich doch bewegen muß. Wir rufen daher diesem alten Führer zu: erhebe öfters deine Stimme, sie wird gehört werden, entfalte aufs neue das Banner — des Liberalismus, des Judentums, sammle die Verirrten und Zerstreuten, führe uns: wir werden folgen — dem echten Schiedsrichter. Einige Bemerkungen zu den „Erlebnissen" Dr. Kesftngs in Galicien?) Es gibt gewisse Probleme im Judentnm, zn denen man, ob man will oder nicht, Stellung nehmen muß. Schneider ein Unberufener dieselben an, der mit den Verhältnissen gar nicht vertraut ist, übergeht man sie mit Stillschweigen, in der Erwartung und Voraussetzung, sie werden vom großen Publikum übersehen und es verlohne sich nicht der Mühe, sich in Kontraversen einzulassen. Dieser Umstand war es einzig und allein, der mich abgehalten hat, die längste Zeit Dr. Lessing entgegenzutreten. In meiner Annahme habe ich mich geirrt, die „Erlebnisse", die der Verfasser in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" *) Inzwischen ist schon in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" eine kräftige Erwiderung von Prof. Kalischer erschienen.

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