Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 7 (11.2.1910)
- Date
- 1910-02-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 7. spräche und Verordnungen befolgen, so dürsten wir unter keiner Bedingung beim Anlegen der Tesillin . die üblichen Benediktionen sprechen, da dies seinen kabbalistischen Ansichten nach verboten sei. — Ja, noch mehr, seiner Behauptung gemäß sei jeder, der am Halbfeste dieTefillin anlegt, ein Sünder, dessen ungeachtet legen alle religiösen Juden — die Chassidim ausgenommen — am Halbfest die Gebetriemen an. Ich rate dir, schließt Lurja sein diesbezügliches Gutachten, dich von diesen Frömmlern sernzuhalten, damit du dich weder mit ihnen noch mit ihrem Mystizismus befreundest, denn diese Leutchen geberden sich als Mystiker, denen allein die Pforten der göttlichen Geheimnisse erschlossen wurden, während die geoffenbarte, jedem Menschen in verständlicher Weise zugänglich gemachte Thora ihnen ein Terra incognita ist. (Resp. des R. S. Lm-ja 98.) Ein anderesmal wieder wurde Lurja befragt, ob einem, der oft von Kopfschmerzen belästigt wird, gestattet werden darf, unbedeckten Hauptes zu speisen. Für dieses Verbot, entgegnete Lurja, sinde ich nirgends einen Anhaltspunkt. Im Midrasch Rabbah 3, M. 27. heißt es wohl: Wenn irgend ein König eine Gesetzordnung in seinem Lande verkünden läßt, wie vernehmen die Untertanen dieselbe? Stehend, entblößten Hauptes, mit Furcht, Angst und Zittern. Der Allgütige aber spricht zu Israel: Leset das Schema, das meine Gesetzesordnung ist, aber ich verlange von euch nicht, daß ihr es stehend oder mit entblößtem Haupte tun müßt. Hieraus also folgt deutlich, daß unbedecktem Hauptes zu speisen oder zu beten vom religiösen Standpunkte aus gestattet werden konute, allein das Volk legt aus Lappalien immer mehr Gewicht, als aus die wichtigsten Satzungen. (Resp. 72.) Im zwölften und dreizehnten Jahrhundert scheint es in Frankreich Usus gewesen zu sein, in den Synagogen unbedeckten Hauptes die Thora-Lektion zu verrichten. Im Darke Mosche zu Tur O. Chajim 282 heißt es ausdrückliche nb*,;» tPK-a j-ipts nsns rSi Der berühmte französische Gel hrte R. Isaak b. Abba Mari ans Marseille, der im zwölften Jahrhundert geblüht, berichtet, daß selbst die Frommen des Morgens unbedeckten Hauptes gingen, bis sie den Talith über den Kops zogen, und daß sie auch im Laufe des Tages das Haupt bald bedeckten, bald entblößten.*) R. Salomon Lnrjas immense Gelehrsamkeit fand selbst bei seinen Gegnern, die sich seiner rücksichtslosen Aeußerungen halber in ihrer Ehre und Würde gekränkt und verletzt fühlten, die gebührende Anerkennung. Prog in Wohlhynien, wo er sich erst in seinem vierzigsten Lebensjahre niederließ, war der Schauplatz seiner segensreichen Tätigkeit. Seine Responsen „Sckoalot utesckubot", wie sein Kommentar zum Talmud „Jam schel Schelomo" beweisen klar und deutlich, daß er das große Meer des Talmuds mit geschickter Hand zu durchsegeln verstanden hatte. Zn den berühmtesten Zeitgenossen Lnrjas gehörte unstreitig R. Moses Jsserls in Krakau (geb. 1520, gest. 1572). Sein Vater R. Israel Jsserls, der als angesehener kenntnisreicher- und wohlhabender Mann das Vorsteheramt in der Krakauer Gemeinde bekleidete, war frühzeitig bemüht, seinem mit ungewöhnlichen Geistesgaben reich ansgestatteten Sohne eine treffliche Erziehung angedeihen zu lassen. Moses besuchte, nachdem er in Krakau von gediegenen Fachmännern tüchtig vorbereitet wurde, vorerst die Hochschule des rühmlichst bekannten Rabbi Meir Katzenbogen in Padna, mit dem er auch verwandt war. Später bezog er die berühmte Talmndschule des R. Schalom Schachna, dessen Schwiegersohn er geworden ist. Er stand fast noch im Jünglingsalter, als er in die Heimat zurückkehrte, wo er seiner tiefen Gelehrsamkeit halber zum Rabbinatsrichter ernannt wurde. Da er als Sohn wohlhabender Eltern recht gut situiert war, foimte er seine Zeit und Kraft, ohne von drückendsten Nahrungssorgen behelligt zu werden, ungestört seinen Studien widmen. In Polen galt er bald als eine der hervorragendsten rabbiuischen Autoritäten des Reiches. Selbst von seinem ehemaligen Lehrer R. Meir Katzenellenbogen in *) Wenn man übrigens bedenkt, daß es um jene Zeit in den französischen Kirchen Usus war, nur bedeckten Hauptes zu beten, so wäre man versucht anzuuehmen. daß die französischen Juden vielleicht aus religiösen Rücksichten unbedeckten Hauptes in den Synagogen erschienen sind. Padua wurde er als erste talmudische Größe Polens anerkannt und gewürdigt. (Jsserls Resp. 9.) Sein Lehrhaus wurde omi zahlreichen wißbegierigen Jüngern frequentiert, die mit gespanntester Aufmerksamkeit seinen Vorträgen lauschten. Trotz seiner aszetischen Lebensweise beschäftigte er sich doch in seinen Mußestunden mit philosophischen und astronomischen Studien, worüber ihm R. Salomo Lnrja Vorwürfe machte. Jsserls entschnldigte sich damit, daß er die Philosophie nicht von den Griechen in ihrer Sprache, sondern aus den Schriften äußerst hochgelehrter Glaubensgenossen gelernt habe. Aus seinem trefflichen Werke „Tliorat haola" ist klar und deutlich zu entnehmen, daß er ans dem Gebiete der Religivnsphilosophie heimisch war. Seine Anerkennungen zu Zacntas Chronik (Joachsin) beweisen, daß er auch historischen Sinn hatte. Einer besonderen Popularität erfreuten sich bei seinen Zeitgeuossen seine praktischen Ergänzungen „Hagahot" zu R. Josef Karos „8dm1ch.au. Aruch", die heute noch von allen streng konservativen Inden angeblich als ein heiliges Gesetzbuch hochgehalten werden. Ob die Nenorthodoxen in allen Fällen die Vorschriften des R. Moses Jsserls „Rema" genannt streng beobachten, ist sehr fraglich. So z. B. beachten selbst die Hochfrommen nicht die Mvndesphase zur Zeit der Schließung einer Ehe, wie es der Rema vorschreibt, hingegen sind sie bezüglich der Sephirah skrupulöser als der Rema. Daß man in der Sephirah keine Trauung vollziehen soll, haben die spanischen und italienischen Rabbiner angeordnet, Jsserl aber erleichtert und erlaubt von naya rb weiter Trauungen rc. vorzunehmen. So heißt im (O. CH. 493) ausdrücklich: -frai nayn i.tü n» Wenn aber ein moderner Rabbiner, wäre er auch der gelehrteste und srömste Manu, gestützt aus Jsserls Ausspruch es wagen würde, zwischen Lag bomer und Rösch ckodesch Trauungen zu vollziehen, welch ein Zetergeschrei würden die Orthodoxen erheben! Ja selbst in vielen Fortschrittsgemeinden dürfen es die modernen Prediger nicht wagen, von der hier erwähnten Erleichterung des Rema Gebraitch zu machen. Und da klagt mau noch über den Verfall des Judentums. (Fortsetzung folgt.) Das volkstümliche Uortragsmesen im Judentum. Bon Dr. Armin Abeles. Unter den verschiedenartigen Bezeichnungen, mit denen wir, Bekenner des Judentunis, im Laufe unserer geschichtlichen Vergangenheit von Freund und Feind bedacht wurden, ist eine nicht gerade der unehrenhaftesten für uns, wonach wir ein Volk, oder das Volk der Schrift genannt werden. Soll dadurch der religionsgeschichtliche Charakter des Judentums ansgedrückt werden, wird sich dagegen kaum etwas einwenden lassen. Will man aber unsere volkspsychologische Eigenart in eine prägnante Formel fassen, so wird man vielleicht besser sagen müssen: Wir sind ein Volk des Wortes, des lebendigen, lebensfrischen und lebenswarmen Wortes. Bei keinem Volk hat das unmittelbar gesprochene Wort einen so durchgreifenden Einstuß auf die Gestaltung von Kultur und Sittlichkeit ausgeübt, nirgends eine dermaßen eigenartige Bedeutung innegehabt, wie bei dem jüdischen. Betrachten wir, ilin die Richtigkeit dieser Behauptung zu erproben, die alten Griechen mib Römer vom Standpunkt des Gesagten. Niemalld wird bestreiten, daß Athen und Rom im Altertum die klassischen Stätten der Rede und Beredsamkeit gewesen. Die rednerische Ausbildung galt daselbst als die höchste Stufe der bürgerlichen Erziehung, die von jenen Staaten durch Gründung und Erhaltung zahlreicher Rednerschulen mächtig gefördert lvurde. Die Gabe der Rede mar nicht nur der Weg zur Macht und Ehre sondern auch der einzige Schutz gegen I jegliche Unbill. Wer dieser Wehr entbehrte, war jedem feindlichen Angriff so schutzlos preisgegeben, als hätte er sich ohne Schild und Schwert in das Getümmel einer Schlacht gestürzt. Um es kurz zu sagen, in Rom und Athen war das gesprochene Wort ein eminent politisches Machtmittel. Was war aber die Folge davon? Als politisches Machtmittel mußte das Wort mit der