Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 7 (11.2.1910)
- Date
- 1910-02-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 7. Die Wahrheit Seite 5. Stewart M. Samuel, der einen großen Einfluß im Londoner Eastend besitzt. * Ä * Ans Newyork wird der „N. I. K." von ihrem dortigen Korrespondenten geschrieben : Im Monat November 1909 sind im Newyorker Hafen 7692 jüdische Emigranten eingetroffen (statt 3426 in demselben Monat des Vorjahres). Von den Einwanderern waren 5484 Personen ans Rußland. 1105 aus Oesterreich, 377 ans England, 215 aus Ungarn, 185 aus Rumänien, 153 ans der europäischen Türkei und 56 aus der asiatischen Türkei. Von den im November vorigen Jahres eingewanderten Juden haben sich 5685 Personen im Staate Nerv- Iork niedergelassen. — Die Eiuwanderungskommission hat dem Kongreß einen Bericht über die Verhältnisse ans den Emigrantenschissen zngestellt. Danach läßt die Ordnung auf diesen Schiffen sehr viel zu wünschen übrig. Die Behandlung der Zwischendeckpassagiere, insbesondere der Frauen, ist nach vielen Aussagen eine geradezu empörende. Die Kommission schlägt deshalb vor, für jedes größere Emigrantenschiff einen amerikanischen Beamten zur Inspektion zu bestimmen. Moderne Wohltätigkeit. Wohltnn nach der Mode! Wie rätselhaft das klingt. Und doch ist dem so. Ein flüchtiger Blick in das moderne jüdische Leben und das Rätsel ist gelöst. In früherer Zeit zog man es im Judentittne vor, Wohltätigkeit nur im stillen zu üben. Die Devise der Philanthropen lautete: stirr Geben im stillen und verborgenem. Man gab und hals, nicht um damit zu prtlnkeit und zu flunkern, sondern lediglich, um eiue Menschenpflicht zu erfüllen, eine Menschenpflicht, für welche man keinen Dank und keine Anerkennutig, am allerwenigsten aber eine Entschädigung beanspruchte. All erdings gab es seinerzeit auch eine öffentliche Wohltätigkeit, ein Widmen und Spenden vor dem Forum der Oesfentlichkeit, doch diese Art Wohltnn kam nur au geweihter Stätte, nur im Gotteshanse zum Vorschein. Wurde nämlich daselbst ein Philanthrop zur Thora gerufen, da ließ er sich die Gelegenheit nicht nehmen, auch hier seinem Herzensbedürfnisse Genüge zu leisten; er bedachte die verschiedenartigen Wvhlsahrtseinrichtnngen der Gemeinde mit Spenden in dem Maße, als es seine Verhältnisse gestatteten. Ganz anders heuizittage. Die stille Wohltätigkeit ist nahezu ganz außer Mode gekommen und die öffentliche, das altherkömmliche sogenannte Schnodern bei der Thora, das hat ebenfalls in jüngster Zeit bedeutend nachgelassen. Man hat eben statt des Gotteshauses eine andere Stätte gefunden, woselbst der Wohltätigkeitssinn in modernerer Form Geltung erlangen und ins Werk gesetzt werden kann. Will man heutzutage die Oesfentlichkeit für ein notleidendes Humanitätsinstitut, oder eine unglückliche, hilfsbedürftige Familie begeistert!, dann muß dafür ein Aequivaleut, ein Kunstgenuß, oder eine Unterhaltung geboten werden; es muß das Nützliche mit dem Angenehmen verbunden, die Wohltat mit einem Amüsement entlohnt werden. Man schreckt auch davor nicht zurück, zur Gründung oder Förderung von Instituten und Vereinen, die rituellen Zwecken dienen, ja selbst zur Erbauung von Synagogen und Bethäuseru, Theatervorstellungen und Konzerte zu veranstalten, und dies alles nur, weil ausschließlich diese Musenräume derzeit den Boden besitzen, woselbst die Keime der Wohltätigkeit üppig in die Halme schießen. Was aber diesen Zug der Zeit besonders charakterisiert, das ist das Bestreben der Eltern, für denselben auch den jugendlichen Nachwuchs zu präparieren. Natürlich. Man muß ja doch wie in allem anderen auch in der Kindererziehung mit dem Zeitgeist, mit der Mode gehen und darum sollen es auch die Kleinen schon in ihrer frühesten Kindheit begreifen lernen, daß man aus dem Wohltuu auch Nutzen und Vorteile ziehe, daß man sich vorher amüsieren und unterhalten kann, ehe der Armut und Dürftigkeit die heißersehnte Unterstützung zuteil wird, ehe ihr der von der Wohltätigkeitsvorstellung ergatterte, karge Ueberschuß in den Schoß fällt. Wir fragen nun: Sind solche Mittel nicht geeignet, den Zweck, dem sie dienen, zu profanieren und namentlich bei der zarten Jugend den Gedanken zu reisen, daß es ein Wohltun ohne Entschädigung überhaupt gar nicht gibt? Können denn zwei so heterogene Begriffe, wie Wohltun und Genußsucht mir einander verbunden und verschmolzen werden, ohne dap. der ideale Teil beeinträchtigt, profaniert und entwertet würde; In dieser Form Wohltätigkeil üben, ist einfach nnj.Hisch, denn sie entspricht nicht dem Geiste unserer heiligen Schrift, die diesem Gebot der Menschenliebe nur ideale, ethische Motive zugrunde legt. Soll die Liebe zur Wohltätigkeit bei unseren Kindern schon frühzeitig geweckt und auch im öffentlichen Leben zur Betätigung gelangen, dann muß der hiezu lvichligste und geeiguelste Ort, die geweihten und heiligen Räume der Andacht, das Gotteshans ansersehen werden. Wie dies aber zu bewerkstelligen wäre, daß auch jugendliche Kinder im Golkeshanse Werke der Wohltätigkeit üben könnten, diesbezüglich möchten wir einen einfachen Vorschlag machen. In sämtlichen Wiener Bezirken werden unsere die Schule besuchenden Kinder dazu verhalten, au deu sabbatlicheu Vor- und Nachmittagen im Goileshause zu erscheinen, um dem eigens für sie veranstalteteten Jugeudgottesdienste anznwohnen, Man kann da regelmäßig die Wahrnehmung machen, daß die zur Thora gerufenen Kleinen zumeist Konfirmanden sind, Knaben, die anläßlich ihrer Barmizwa zum erstenmale bei der Thora erscheinen und eiue öffentliche Funktion ausüben. Wie würs nun, wenn es ihnen gestattet würde, bei Erteilung des Segens, über Auftrag ihrer Eltern oder aus ihrem eigenen Sparkörbchen fih irgend ein Wohltätigkeitsiustitut einen bescheidenen Geldbetrag zu spenden? Wäre das nicht der geeignetste und würdigste Moment, wo das in dem jugendlichen Herzen des Kindes sich regende Gefühl: auch öffentlich Werke der Wohltätigkeit üben zu dürfen, zum Durchbruch kommen und konkrete Formen annehmen würde? Und gewiß, das Beispiel würde anregend wirken, und die meisten dieser jugendlichen Humanisten würden mit ihrem ersten Debüt ans dem Gebiete öffentlicher Menschenliebe zufrieden und nicht wenig stolz darauf sein, ihrem Barmizwatage, ihrem Eintritt in die religiöse Selbständigkeit mit einem Akte der Wohltätigkeit die Weihe gegeben und einen Baustein mitgewidmet zu haben zu einem Werke, das der Menschheit nützt und frommt und ihr zum Heil und Segen gereicht. Daniel Skntezky _ Retigionslehrer. Liberale Aenßerungen hervorragender rabbinischer Autoritäten in Polen in früheren Jahrhunderten. Bon Dr. M. H. Friedländer. I. R. Salomo L n r j a. (Fortsetzung.) Eines Tages wurde er von einem Talmudisten gefragt, ob denn die Hochfrommen, die nicht stehend, sondern sitzend die Teffillin (Gebetriemen) anlegen, korrekt Vorgehen? Lurja entgegnete: „Wisse, mein Freund, daß diese neuen Frömmler, die seinwollenden Kabbalisten, die sich stets aus den Sohar berufen, denselben überhaupt nicht einmal zu lesen verstehen. Alle unsere Vorfahren haben gestützt auf Talmud und spätere Dezisoren die Tefillin stets in stehender, niemals aber in sitzender Weise angelegt. Glaube mir, daß selbst im Falle R. Simon b. Jochai*) hier stünde und den in Rede stehenden Brauch uns oktroieren wollte, wir ihn, den hochverehrten Tanaiten, doch nicht beachten würden, da wir ohnedies ihm in den meistert Fällen keine Berücksichtigung schenken; denn müßten wir alle seine Aus- *) Bemerkt muß werden, daß der eigentliche Verfasser des „Sohar" nicht R. Simon b. Jochai, der im zweiten Jahrhundert gelebt und als Mystiker galt, sondern Moses de Leon 1360 war, was selbst R. Jakob Emden zugegeben hatte. Man wollte nämlich dieses kabbalistische Werk mit einem gewissen Nymbus umgeben, so schrieb man es fälschlich dem allgemein gefeierten Tanaiten R. Simon b. Jochai zu.