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Die Wahrheit · 1910-02-11 · Heft 7 (11.2.1910) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 7 (11.2.1910)
Date
1910-02-11
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 7 Seite 7. Die Wahrheit Zeit das Schicksal aller anderen politischen Wer' teilen: es wurde entwertet, es wurde korrumpiert. In Athen Und später auch in Rom ist es so lueit gekommen, daß die Rehner, nennen wir sie Rhapsoden oder Sophisten. Rhetoren oder Tribunen, sich iticht scheuten, für Geld und Schmeichelworte sozusagen irr einem Atemzug ebensowohl für wie gegen jeden Gegenstand einzutreten, und es ist keineswegs Zufall, vielmehr äußerst kennzeichnend, daß Demosthenes und Cicero, die beiden Repräsentanten der altklassischen, Beredsamkeit — der elftere der Bestechung angeklagt ins Gefängnis geworfen wurde, der zweite, von keinem Geringeren als Mommsen (Röm. Gesch. Band 3) als ein Manu hingestellt wird, dem Entschlossenheit und Charakterfestigkeit abgingen, in desfen Tun und Reden maßlose Eitelkeit und Selbstüberschütznng hervortreten. So etwas oder auch nur ähnliches hat es im Judentum nicht gegeben. Auch Israel war lange Zeit ein politischer Faktor gewesen, auch im Reich Inda haben politische Parteien in hartem Kampf miteinander gelegen, niemals jedoch haben die offiziellen Redner es über sich gebracht, die Gabe des Wortes für politische mib materielle Zwecke ansznnützen, die Kunst der Rede zu einem bezahlten Handwerk zu erniedrigen. Nein, in Israel und im späteren Judentum war das Wort kein politisches sondern ein ethisches Mittel, der einzige Weg nicht etwa zu Ruhm und Reichtum, sondern zur Stärkung des Volkscharakters, Erweiterung seines Anschannngskreises und zur Bereicherung seines Lebensinhaltes mit neuen, fruchtbringenden Ideen. Ja, es war noch mehr. Wie bei den Pytagoräern die Zahl, bei Hegel der objektive Gedanke, so bezeichnet im Judentum -cn „das Wort" zugleich im „die Sache", das Wesen der Dinge, deren Realität und Wahrheit. Daher kommt es, daß die Bibel sich nicht scheut, die Fähigkeit des Redens und der Rede ans Gott selbst zu übertragen. Der Gott Israels ißt nicht und trinkt nicht, wie etwa die Götter Griechenlands, der Gott Israels spricht, er redet die Wahrheit. Will man aber von dem nach jüdischer Auffassung einzig dastehenden Wert des gesprochenen Wortes eine recht anschauliche Vorstellung bekommen, braucht man bloß das erste Blatt der Bibel aufzuschlagen. Wodurch läßt diese Gott die Welt erschaffen, durch das Wort. Aber, nicht nur der Anfang auch das Ende dieser Welt wird in der heiligen Schrift als durch das Wort herbeigeführt dargestellt. „Und er wird strafen," heißt es im 11. Kapitel des Propheten Jesaias von dem Messias, „die Erde mit seinem Mund und mit dem Hauch seiner Lippen töten die Frevler." Indes, mehr noch als durch die sprechenden Beweise werden wir von der Bibel durch ihr Schweigen über diesen Punkt belehrt. Auf demselben ersten Blatt der Genesis, wo die göttliche Erschaffung des Menschen berichtet wird, fehlt seltsamer Weise jegliche Andeutung darüber, daß das wichtigste Sinnesorgan des Menschen, seine Sprache, gleichfalls göttlichen Ursprungs sei. Dieses Schweigen ist das Tiefste und Bedeutsamste, was darüber gesagt werden kann. In diesem Schweigen offenbart sich — mit Steinthal zu reden — eine wunderbare Tiefe der .jüdischen Anschauung, wonach die Sprache als Sache des eigensten menschlichen Wesens, als nicht wegzudenkender Bestandteil seines geistigen und sittlichen Organismus zu gelten habe. Was dem Menschen die Luft, dem Fisch das Wasser, das ist dem Judentum das belehrende, aufklärende Wort. Es ist sein lebenerhaltendes Element und wurde als solches von dem israelitischen Volk gleichsam bei dessen Geburt mit instinktiver Erkenntnis erfaßt. Der Beweis hiefür ist nicht schwer zu erbringen. Was äst denn, streng genommen, die Thora Moses? Würde ich nicht befürchten, mißverstanden und infolgedessen einer Blasphemie geziehen zu werden, ich möchte die Behauptung wagen: Der Selbsterhaltungstrieb Israels, sein atavistisches Verlangen nach lebendiger, unmittelbarer Belehrung haben ihm die Thora geschaffen. Mögen sich die Bibelkritiker die Stirne blutig reiben, um die unterschiedlichen Quellen aufzudecken, woraus jene angeblich ihre Weisheit geschöpft, wer unr fünf Zeilen in diesem Buch sine ira et studio zu lesen vermag, wird sich sagen müssen: Das ist nicht bloß geschrieben sondern auch gesprochen | worden, hier wird man allenthalben von dem warmen Hauch frischer, lebendiger Rede angewehr. Dieser von mir als atavistisch bezeichnete Trieb war indes viel zu mächtig, als daß er für die Dauer mit den fünf Büchern der Thora das Auslangen gefunden Härte, er suchte vielmehr nach neuen Anlässen und Gelegenheiten, befriedigt zu werden. Demgemäß gewahren wir schon m der biblischen Zeit ein Vorlragsweseu sich entwickeln. Allerdings es bewegt sich zunächst nur im Nahmen der Religion, es darf jedoch nicht übersehen werden, daß die Religion, der Ursprung aller Kultur und Zivilisation ist und daß geschichtlich sich auch das Theater ans der Religion entwickelt hat. Aehnlich verhält es sich mit dem jüdischen Vortragswesen. Ursprünglich um den uralten, mächtigen Stamm der Thora sich aufrankend, weichen die Vorträge allmülig vom Stamm ab, verästeln sich, um mit ihrem Gezweig schließlich alle Gebiete des sozialen Lebens und Denkens zu umfassen. Um mich klarer anszndrncken: Es ist ein Irrtum zu glauben, daß im Judentum stets nur gepredigt, ausschließlich über religiöse und religionswissenschastltche Themata gesprochen wurde, es kann vielmehr als feststehende Tatsache hiugenommeu werden, daß namentlich im jüdischen Altertum, desfen Grenzen ich in diesem Fall bis in das achte nach christliche Jahrhundert ausdehue. alle wichtigen, das praktische ebensowohl wie bas wissenschaftliche Leben berührenden Fragen, in der Form öffentlicher, volkstümlicher Vorträge zur Erörterung gelangten. Diesem Tatbestand entsprechend tragen die volkstümlichen Vorträge anfänglich einen rein religiösen, beziehungsweise gottesdienstlichen Charakter. Sie erfolgten in der Weise, daß au den allsabbatlich verlesenen Urtext der Schrift mündliche Erläuterungen in der dem Volk verständlichen Sprache geknüpft wurden. In Palästina war damals das Aramäische Volkssprache und den Niederschlag der in dieser Sprache gehaltenen Vorträge besitzen wir in den aramäischen Bibelübersetzungen. den Targumim. Diese sind keineswegs bloß Uebersetzuugen, sie stellen vielmehr die älteste Form des volkstümlichen Vortragwesens dar. Was aber in Palästina in aramäischer, das ist in Egypten in griechischer, im östlichen Babylonien in persischer und später in Westarabieu in arabischer Sprache geschehen. Wie gern selbst jene primitiven Borträge vom Volk gehört wurden, geht daraus hervor, daß ihre schriftliche Fixierung lange Zeit verboten war. da man befürchtete. der Urtext selbst könnte dadurch verdunkelt und das Interesse für ihn in den Hintergrund gedrängt werden. Einer ähnlichen Erscheinung begegnen wir bei den volkstümlichen Vorträgen der heutigen Zeit. Sie erfreuen sich oft einer größeren Popularität als die Personen und Gegenstände, über welche vorgetragen wird, und es klingt vielleicht wie eine Paradoxie, ist aber keineswegs eine solche, daß z. B. Vorträge über Kant. Ibsen n. a. zumeist von Leuten besucht werden, die von den Werken dieser Geisteshelden in ihrem ganzen Leben auch nicht elne Zeile zu Gesicht bekommen. (Fortsetzung folgt.) Uerschiedene Uachrichleu. Wien. Predigt im Leovoldstädter Tempel Freirag abends, den 11. Februar. Wien. lBortrag aus j ü d i s ch e r G e s ch i ch te, Literatur und K u l r n r.) Donnerstag, den 17. Februar 1910. präzise 1ji8 Uhr abends, findet im Festsaale des Ingenieur- und Architektenvereines, I.. Escheiibachgafie 9. ein Borrrag des Herrn Rabbiners Dr. I. M. Back statt. Thema: „Kaiser Friedrich II. von Hobenstaufen und die Juden." Eintritt frei, vbne Karren. Wien. (D e st e r r e i ch i i ch - I s r a e l i r i s ch e U n i o u.) Samstag den 12. Februar, vräzise halb 8 Uhr abends, findet im Festsaale des Niederösterreichischeil Gewerbevereines. I., Eicheubachgasse 11, eine Bereinsversammlung der „Desterreichisch-Jsrael>tischen Union" starr, in welcher der Schriftsteller Herrn Dr. Hugo Ganz, emeil Bortrag über „Lessing und das Judentum" starr. — „Die Oesterreichisch-Jiraelitische Union" har für das Wiener Lessurg-Denkmal unter der der Devise. „D e m D i ch r e r d e s N a r h a n n n d d e m F r e n n d e Mendels o h n s" einen Beitrag von K 100— gewidmet. Wien. (Ber - H a m idraich Talmud-Thora. Mal zg a s s e 16.) Freitag, den 11. Februar 1910. findet daselbst ein Bortrag abends 1lß Uhr, von Herrn Rabbiner Schenk statt. — Samstag, den 12. Februar, nachmittags 3 Uhr. Borrrag des Herrn Rabbmatskandidaten Bela Fischer. Thema: „Salomo Jbn Gabirol". Wien. Der iirael. Religionslehrerverein „E s r a" veranstaltet Samstag, den 12. d. M.. um 1/a8 Uhr abends, tm Sitzungssaale der

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