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Die Wahrheit · 1910-02-11 · Heft 7 (11.2.1910) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 7 (11.2.1910)
Date
1910-02-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 7. jüdischen Kandidaten auch zwei christliche anfstellt. Wir hoffen, daß solche von reiner Gefühlsduselei und nicht von praktischer Politik erfüllten Erwägungen seitens der jüdischen Wähler keine Unterstützung finden werden und Herr Dr. Vogler, der in der „N eile« Freien Pres s e" vor einer neuerlichen Spaltung der liberalen Partei warnte, möge überzeugt sein, daß falls eü. r der anderen Bezirke noch irgendwelche Vertreter der liberalen nnd freiheitlichen Partei in den Gemeinderat entsenden sollte, diese gewiß seitens der jüdischen Gemeinderäte energische Verfechter der liberalen Ideen finden werden. Wie wenig Schutz die jüdischen Staatsbürger bei den andersgläubigen sogenannten Vertretern des Freisinns und Fortschritts finden, das zeigte erst jüngst ein drastisches Beispiel im deutschen Reichstage. In der Sitzung vom 26. Januar wurde daselbst über das Verhalten des Kriegsministers gesprochen. Alle möglichen allgemeinen, dieses Ressort betreffenden Fragen wurde erörtert; niemand streifte die gerade auf diesem Gebiete so offensichtliche Zurücksetzung der Juden, die schweren Ungerechtigkeiten, unter denen sie leiden. Sollte denn wirklich bemeUt hiezu die „Allg. Ztg. d. Jnd." für die Freisinnigen, nicht nur für die jüdischen sozialdemokratischen Abgeordneten kein Anlaß vorhanden sein, solcher Verletzungen der Rechte von Staatsbürgern zu gedenken? Man erwidere nicht: es nutzt ja doch nichts; die Vertreter des Freisinns haben die Pflicht, stets und ständig Rechtsverknmmerungen zu erwähnen und ans ihre Abhilfe zu dringen. In der folgenden Sitzung (am 28. Januar) .wurde der Mangel nicht gntgemacht, denn der Abgeordnete M n g d a u, der vieles in der Heeresverwaltung tadelte, wagte nur folgenden schüchterneti Versuch (bei Gelegenheit der Sanitätsoffiziere — Militärärzte): „Und dann, weshalb schließt man die Juden ans? Früher gab es doch jüdische Militärärzte, und es ist ein bedauerlicher Rückschritt, daß sie jetzt ausgeschlossen werden." Sehr richtig! links.) Aber der Abgeordnete Liebermann v. .Sonnenberg, der vieles in der Rede Mngdans bewitzelte, ging aus diese Stelle gar nicht ein, und der preußische Kriegsminister erwiderte auf die aufgeworfene Frage nicht ein Wort. * * * Ueber die schrecklich triste Lage in Rußland wird der „N. I. K." von ihrem Korrespondenten in Kowno geschrieben: Die jüdische Bevölkernng in den russischen Westgonvernements, namentlich in den Klein- und Mittelstädten, bietet gegenwärtig ein erschütternd düsteres Bild. Hunderttausende stehen einfach dem gänzlichen Ruin gegenüber. Handel und Gewerbe, Industrie und Handwerk liegen darnieder. Ein paar Mühlen in einem Orte — das ist die ganze „Industrie"; einige jüdische Schuhmacher und Schneider — das sind die Handwerker. Man begreift es nicht: wovon leben denn eigentlich alle diese armen Inden? Womit fristen sie ihr trauriges Dasein? Woher bekommen sie auch nur die unentbehrlichsten Existenzmittel, um tiicht zu verhnngerti? Auf solche Fragen erhält man die Antwort: ans Amerika, Afrika, Australien. Die dorthin ansgewanderten Verwandten schicken den Zurückgebliebenen das Geld für ihren Unterhalt — bis diese selbst hiufahren. Das Streben der meisten zu Hause verbliebenen ist — ebenfalls nach der „neuen Welt", hiuüberznkommen. Dieser Zug hält mit ununterbrochener Stärke an. Der größte Teil der jüdischen Bevölkernng in diesen Gouvernements fühlt sich immer in Bewegung, an der Schwelle der Emigration. Dadurch wird naturgemäß jeder Unternehmungsgeist gelähmt, jede soziale und gesellschaftliche Initiative unterbunden, die das Bewußtsein sicherer Stetigkeit der persönlichen 'und wirtschaftlichen Verhältnisse zur Voraussetzung hat. Gegenüber dieser Kraft- und Mutlosigkeit im Innern steht ein fortwährender, zielbewußter, mit reichlichen Mitteln und maßloser Brutalität organisierter und durchgeführter umfassender Angriff von außen her. Es ist der von der polnischen Intelligenz und Geistlichkeit organisierte Boykott der jüdischen Händler und Gewerbetreibenden, der sich über das gesamte Westgebiet Rußlands erstreckt. Die nationalpolnischen Kooperativgesellschaften und Konsumgenossenschaften, die den gesamten Einkauf der nichtjüdischen Bevölkerung au sich gerissen haben, tragen nicht so sehr den Charakter wissenschaftlicher Selbsthilfe als vielmehr die ausgesprochene Tendenz des Kampfes gegen die Juden, die statutenmäßig ausgeschlossen sind, während in den wenigen derartigen jüdischen Genossenschaften auch Nichtjnden Mitglieder sein können und es auch häufig sind. Dieser feindlichen Uebermacht vermag die niedergedrückte jüdische Bevölkernng nicht den geringsten Widerstand eutgegenznsetzen. Und so bleibt ihr nur eine Hoffnung: die Auswanderung. Es ist ein Bild von tragischer Wucht: Ein ganzes Volk ans der Wanderung. Manche Ortschaften sind wie ansgestorben. Menschenleere Straßen, verschlossene Häuser; kein Handel keine Betätigung, keine Regsamkeit. In den Schulen fehlen Schüler jeden Tag aufs neue — sie sind mit ihren Eltern ausgewandert. Immer entvölkerter werden die von den Juden bewohnten Städte und Städtchen dieses Gebietes. Wer sich retten kann, -der tut es, ungeachtet aller Leiden und Mühseligkeiten, Hindernisse und Schwierigkeiten, die sich dem Emigranten auf seinem dornenvollen Wege entgegentürmen. Hier ist die Lage für die Inden geradezu unhaltbar geworden! Das hat die russische Regierung mit ihrer „Politik", die Juden und die Polen gegeneinander zu hetzen, und die Inden in dem famosen „Ansiedlnngsrayon" znsammenznpserchen, glücklich erreicht. Wie aber nun weiter? .... Der Deputierte Nisselowitsch beabsichtigt in der nächsten Zeit ein Gesetzprojekt über die Abschaffung des jüdischen Ansiedlnngsrayons in die Duma einzutragen. Diesen Schritt unternimmt Nisselowitsch aits eigener Initiative. Er hat eine große Zahl von Unterschriften gesammelt und zwar von der ganzen Dnmaopposition. Von der oklobristischen Fraktion haben 75"/^ das Projekt nnterzeichnet, von den rechten Parteien — sehr wenige. * * * Mit welcher Intensität der Wahlkampf in England auch auf jüdischer Seite geführt wurde, das zeigt der nachstehende Bericht des Londoner Korrespondenten des „M. I.": „Vom Wahlfieber, heißt es daselbst, das zur Zeit den ganzen englischen Volkskörper mächtig schüttelte, blieb selbst das Eastend nicht verschont. Die Beteilignng und das Interesse an den Parlaments-Wahlen ist im jüdischen Viertel äußerst rege, da sich die Zahl der englischen Bürger und somit der Wahlberechtigten, auch hier von Tag zu Tag vermehrt. Es verdient noch erwähnt zu werden, daß nach dem englischen Wahlgesetze der Vorsitzende verpflichtet ist, für jüdische Wähler den Stimmzettel ansznfüllen, wenn was gerade bei den diesmaligen Wahlen oft genug der Fall ist, die Wahl an einem Samstage stattfindet. Bei den jetzigen Wahlen kämpften 32 jüdische Kandidaten, von denen 16 der liberalen und 16 der konservativen Partei angehören. Bei den letzten allgemeinen Wahlen haben 33 Juden kandidiert und zwar 17 Liberale und 16 Unionisten. In dem eben aufgelösten Unterhause saßen 14 Inden und zwar 12 Liberale und 2 Unionisten. Sämtliche früheren jüdischen Mitglieder des Unterhauses mit Ausnahme des Honorable W. de Rothschild (Unionist), an dessen Stelle ein Verwandter Lionel de Rothschild kandidiert, haben auch in diesem Wahlkampfe ihre Kandidatur aufrecht gehalten. Nach den bis jetzt bekanntgewordenen Wahlresultaten befinden sich unter den Siegern folgende jüdische Kandidaten: Capitain H. M. I e ff e l, Sir Philipp Magnus, der bei den letzten Wahlen die Londoner Universität repräsentierte; Sir Edward Sasoon, der Chef des berühmten anglo-indischen Geschäftshauses, ein guter Frennd König Edwards, dessen Tätigkeit besonders während der „Entente-cordiale hervorlrat; Sir Harry Samuel und von den neuen Kandidaten der junge Mr. Lionel de Rotschild. Unter den Siegern auf der liberalen Seite sind die beiden hervorragenden jüdischen Kandidaten Herbert Samuel, Kanzler des Herzogs von Lancaster und Mr. Rnfns I s a a c s, Kings C o u u c i l, ferner Edwin S. Montag u, der Privatsekretär des Premierministers, Sir Manrice Levy und

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