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Die Wahrheit · 1910-02-04 · Heft 6 (4.2.1910) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 6 (4.2.1910)
Date
1910-02-04
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Die Wahrheit Nr. 6. Seite 6. Auch iu einem früheren Abschnitt über Friedrich Julius S t a h l ergreift Ziegler die Gelegenheit, um den Antisemitismus der Kreuzzeilungsparlei gebührend zu geißeln. — „Es ist nicht zu leugnen." schreibt er, „daß die konservative Partei damals iu der Presse und im Landtag wirklich ihre hohe Zeit hatte und geistig nie besser vertreten war. Das verdankte sie, die von Haus ans ein antisemitisches Gepräge trug und nie hat verleugnen können. — gehörte doch die Emanzipation der Juden mit zu den Forderungen des jungen Deutschland und den Errungenschaften des Jahres 1848, die sie nicht anerkannte, außer soweit sie mußte. — sie verdankte das einem getauften Jude ii, dem Berliner Staatsrechtslehrer Stahl; und da sie über die Gedanken und Ideen jener Tage auch heute noch nicht hinausgekommen ist, so wuchert sie noch immer mir jüdischem Geisteskapital. Es gehört das zu jener Ironie, in der sich die Weltgeschichte zmveilen gefällt und die stets etwas ganz besonders Reizvolles hat." — Und so wird Ziegler nicht müde, den Antisemitismus in seiner Lächerlichkeit und Gefährlichkeit bloßznlegen. Es verdient auch verzeichnet zu werden, was dieser edle Gelehrte, der von seinem Standpunkt es nicht ungern sehen möchte, wenn die Inden durch Uebertritt zum Christentum sich mit den Deutschen völlig verschmelzen würden, dennoch von den heutigen Jndentausen denkt. „Und so erscheint uns," schreibt er, „der Uebertritt eines Inden zum Christentum Heine nicht als eine indifferente, sondern — ganz besondere Fälle abgerechnet — schlankweg a l s eine verächtliche Sache." Wir werden kaum fehl gehen, wenn wir annehmeu, daß dies die Meinung aller anständigen Christen sei, und können den Wunsch nicht unterdrücken, daß dies auch die Meinung aller anständigen Inden werde! Gnrigranlenfnrsvrge der Israelitische» Miau;. In jüngster Zeit gelangten an die „Israelitische Allianz zu Wien" von den an der russischen Grenze eingesetzten Schutzkomitees Nachrichten, wonach armen Emigranten beim Uebertritt auf österreichisches Gebiet ähnliche Schwierigkeiten gemacht wurden, wie sie seit vielen Jahren an der preußisch-russischen Grenze hauptsächlich im Interesse der norddeutschen Schiffahrtsgesellschaften eingesührt sind. Aus Nowosielitza wurde gemeldet, daß solche Emigranten, die Schiffskarten der Anstro-Amerikana via Triest besitzen, anstandslos, auch wenn sie keine regelrechten Reisepässe besitzen, hereiugelassen werden, während Personen, welche Schiffskarten der Hamburg-Amerika Linie oder Prepsids der anderen ausländischen Schiffslinien besitzen, zurückgewiesen wurden. Aus Podwoloczyska wurden verschiedene polizeiliche Maßregeln gemeldet, durch welche besonders arme Juden, die nicht imstande waren, sich den kostspieligen Gouvernementspaß zu erwerben und ohne offizielle Dokumente die Grenze passierten, mit Strafen belegt und sonstigen Unannehmlichkeiten ansgesetzt wurden. Die Leitmtg der „Allianz" intervenierte im Ministerium des Innern. Der Referent im Ministerium erklärte, daß wenn auch in der Theorie ein Unterschied in der Behandlung ausländischer Emigranten in der Weise denkbar wäre, daß man hinsichtlich der Durchreise durch österreichisches Gebiet, sowie in sanitätspolizeilicher Beziehung bei der Uebernahme der Emigranten durch eine österreichische Schiffsgesellschaft die erforderlichen Kautelen in höheren Maße als gegeben erachten könnte und gegenüber Personen, die nicht von inländischen Gesellschaften unter ihrer Verantwortung dirigiert werden, strenger Vorgehen würde, so seien doch die österreichischen Behörden weit davon entfernt. Reziprozität durch eine praktische Unterscheidung zwischen den Besitzern in- und ausländischer Karten zu üben; etwaigen lokalen Maßnahmen, die an einzelnen Grenzpunkten znm Schaden der von der „Israelitischen Allianz" protegierten mittellosen Durchreisenden von polizeilichen Organen getroffen sein sollten, würde nachgeforscht werden. Daß überhaupt in jüngster Zeit häufig russische Emigranten Schiffskarten der Hamburg-Amerika Linie besaßen, hängt damit zusammen, daß die Preise der Anstro- Amerikana wesentlich teuerer waren. Wie nun von den Grenzkomitees nnchträglich gemeldet wird, haben die Schikanen ausgehört und es wird in der Behandlung der Emigranten kein Unterschied mehr gemacht. Die „Israelitische Allianz" hat sich außerdem an das „Zentralkomitee" in St. Petersburg mit dem Ersuchen gewendet, nach Möglichkeit dahin zu wirken, daß die von den russischen Komitees expedierten Emigranten regelrechte Gonvernementspässe besitzen, damit nicht der geringste gesetzliche Anhaltspunkt für irgend eine Belästigung oder eine polizeiliche Strafe bei der Ueberschreitnng der Grenze gesunden werde, ebenso daß es kein Emigrant versäume, vor der Abreise seinen Paß durch den österreichischen Konsul vidieren zu lassen. Die Mensa des Deeeines „Einheit." Wir haben sie und wir sind froh, daß wir sie haben. Aber die idyllischen Zustände der ersten Zeit sind vorüber. Man findet nicht immer Platz wie früher, man wird auch nicht sofort bedient wie früher — weil eben der Nanm zu eng wird. Sie sind bald daraufgekommen, daß die koschere Kost gut ist, besonders wenn sie billig ist. 40 Heller für ein Mittag — das ist wirklich billig und man bekommt ja so unglaublich viel dafür. Einen vollen Teller Suppe — und sie ist gut diese Suppe — sie kann auch einem verwöhnten Geschmack, wie mir, genügen; Fleisch, Erdävfel mit Saft oder Reis, noch eine Zuspeise, Brot und eine Papierserviette gehören dazu. Fleischzulage erhält man um 10 Heller, Mehlspeise um 12 Heller. Das Nachtmahl kostet 30 Heller und bietet dasselbe wie zu Mittag, mit Ausnahme der Zuspeise. Freitag Abend und Samstag bekommt man um 60 Heller (die man einen Tag zuvor bezahlen muß), Barches, Kiddnsch, Fische, Suppe, Fleisch und Gurke. Kompot und Mehlspeise l Da ist es kein Wunder, wenn der Besuch immer größer und der Platz immer kleiner wird. Gut und billig essen — das ist für jeden und besonders für einen Studenten sehr viel wert. Und sie wissen es ja noch nicht alle, daß es eine jüdische Mensa gibt. Und wenn sie es alle wissen, und wenn sie alle kommen werden, wo sollen sie in dem Zimmerchen, das kaum fünfzig Leute faßt, Platz finden? War es nicht ein Fehler, daß der Verein „E i n h e i t", der uns gewiß ein großes Entgegenkommen zeigte, einen so kleinen Raum für die Mensa zur Verfügung stellte? Und da gibt es noch Leute besseren Standes, die keine Studenten sind und die auch essen wollen. Wo sollen sie Platz finden, da doch in der Mensa — nicht ohne Grund — die Legitimation verlangt wird? Im großen, allgemeinen Speisesaal, wo die ärmere Klasse alle Plätze besetzt hält, können sie schwerlich ihr Mahl einnehmeu, weil ' sie vermöge ihrer Stellung jedenfalls eine passendere Umgebung suchen. Wenn aber ihre Börse keine größere Ausgabe erlaubt und sie auch keinen Platz in der Mensa finden —' dann ist Schmalhaus Küchenmeister. Und sie sollen bloß deshalb Hunger it, weil der Verein „E i u h e i t" zu wellig Platz hat? N o ch e i n Zimmer wäre s e h r e r w ü n s ch t. Der Verein „E i n h e i t" ist ein Wohltätigkeitsv er ein imd darf den Vorwurf nicht aus sich laden, daß er Leuten, die gern Koscher essen würden, keinen Platz bieten kann, weil er eben keinen hat. Der Verein, an dessen Spitze der allverehrte Herr Bernhard Hof bau er stehr, hätte es voraussehen müssen, daß die schönen, lichten und reinen Speisesäle in der Malzgasse mehr Zuspruch finden werden als das frühere kleine, düstere Lokal in der Floßgasse. Schon jetzt, einige Wochen nach der Eröffnung, werden die Räume zu klein und da muß der Verein, nicht allein den Studenten zuliebe, sondern allen, die koschere Kost genießen wollen, den Raum zu vergrößeren trachten. .Es ist sogar anstoßend an den großen Speisesaal ein Lokal frei; warum wird dieses nicht dazu genommen? Hat der Verein keine Mittel, daun sollen andere beisteuern. Arme Leute, Angestellte, Studenten wollen billig, wollen koscher essen und sie sollen nur deshalb abgewiesen werden, weil kein Platz da ist? — — Der Verein „Einheit" h a t d a s W o r t! A. H. L. Israelitischer Tempelverein fnr die Kesirke Miede» nnd Margarethen in Wien. Soulltag, den 30. Januar fand im Sitznngssaale des neuerbauten Tempelgebändes, V., Siebenbrnnnengasse 1, die 86. ordentliche Generalversammlung des Vereines bei zahlreicher Beteiligung seiner Mitglieder statt. Der Versammlung wohnten als Ehrengäste bei: Herr Knltusvorsteher kais. Rat Siegmnnd K anders, in Vertretung der israelitischen Kultusgemeinde, Herr Knltusvorsteher kais. Rat Wilhelm P o l l a k, Sr. E hrwürden Herr Rabbiner H. L. Reich, der Obmann des Tempelvereines für den X. Bezirk Herr Jakob Straßberg, der Obmann des israelitischen Hnmanitätsvereines für den X. Bezirk Herr Emamuel S ch i d r o w i tz, das Vorstandsmitglied des israelitischen Tempelvereines für die Bezirke Mariahilf und

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