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Die Wahrheit · 1910-02-04 · Heft 6 (4.2.1910) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 6 (4.2.1910)
Date
1910-02-04
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 6. Die Wahrheit Seite 5. sie verurteilt waren, herausgerettet, zu nützlichen Gliedern der menschlichen Gesellschaft emporgehoben werden. Und wieder ist dies eine Schöpfung, welche »ms dem Initiator, unserem Ludwig August Frankl, dem edlen Glaubensbruder, dem Menschenfreunde zu unauslöschlichem Danke verpflichtet. Muß ich auch so vieles, was ich noch zum Ruhme des Gefeierten zu sagen hätte, seine Initiative zur Errichtung des Schillermonnmentes, der Hermen Lenaus und Anastasius Grüns, seine Tätigkeit als Präsident des Wiener Zweigvereines der Schillerstistung rc., mit Stillschweigen übergehen, so würde ich doch meinen Betrachtnngen eine zu enge Grenze setzen, wenn ich mich auch von dem Gebiete der Politik völlig fernhielte. Wohl blieb dieses Gebiet immer und bleibt auch heute ansgeschlosfen von allen unseren Verhandlungen und selbstverständlich auch von der Verwaltung unserer Gemeinde; liub dennoch ist es der genius loci, der mir mancherlei ans vergangenen Zeiten, die auch ich erlebt, zuflüstert. Hier in diesem Hanse waltete Jahrzehnte hindurch der Mann, dessen Werk, „Die Geschichte der Juden in Oesterreich", all den Jammer unserer Glanbensbrüder, eine laute Anklage gegen die österr. Gesetzgebung und Regierung, hinaus in die Oeffentlichkeit trug. In diesem Hanse waltete, wohnte und wirkte der ehrwürdige Mann, der den Ruf nach Recht für unsere Glanbensbrüder in dem ersten österr. Parlamente in Kremsier erhob. In diesem Hanse lebte der Mann, der an dem Morgen des erwachten Völkerfrühlings sich todesmutig in die Bresche stellte und zu dem in späten Jahren, als dem Weisen von Emmersdvrs, unsere Staatsmänner pilgerten. Ans diesem Hause drang hinaus die herrliche Freiheitsode unseres L. A. Frankl, »Das Lied an die Universität", welches braitsenden, begeisterten Jubel der gesamten studierenden Jugend der Wiener Universität erweckte. Wohl! Alt und verfallen ist dieses Hans, nicht ans Säulen ruht sein Dach, nicht glänzt der Saal, nicht schimmert das Gemach; aber es ist geheiligter Boden, ans dem wir stehen, wenn die erhabenen, edlen, herrlichen Erinnerungen, von denen die Steine dieses Hauses sprechen, in uns lebendig werden. Zu diesen Erinnernngen zählen wir das Gedenken an unseren edlen Glanbensbrüder, den Sekretär unserer Gemeinde, den lorbeergekrönten Dichter, den Patrioten, den Freiheilshelden, den Menschenfreund Ludwig August Frankl! Theobald Ziegler über de» Antisemitismus. Bon Dr. Kahan, Z n a i m. *) Zn den glänzendsten und vornehmsten Geistern des deutschen Volkes zählt unbedingt der Straßburger Gelehrte Professor Dr. Theobald Ziegler. Sein mit Recht bewundertes Werk „Die geistigen und sozialen Strömungen des n e u n z e h n t e n I a h r h u n d e r t s" (Berlin, Georg Bondi, 10 Mark) ist eben in dritter, umgearbeiteter Auflage erschienen und wird wohl wie bis jetzt jeden Leser mit Freude und Dank für das herrliche Werk erfüllen. Ist es doch mit seinem glänzenden Stil und dem überreichen Inhalt eine schier unerschöpfliche Quelle der Belehrung und des ästhetischen Genusses! — Was uns Inden aber betrifft, sind wir diesem geistvollen Gelehrten zu besonderem Dank verpflichtet für seine offene, mannhafte, unbedingte Verurteilung des Antisemitismus. Nicht etwa daß er die Juden mit den abgestandenen Redensarten von Menschenrechten mtb Nächstenliebe dem so schönen Gefühl der Duldung (!) empfehlen möchte. Nein! Mit großem Freimut würdigt er die unvergänglichen Verdienste so vieler Inden um die Kultnrwerte des 19. Jahrhunderts und zeigt so die Ungerechtigkeit und die — Gefährlichkeit der antisemitischen Tendenz aufs deutlichste. Er widmet dem Anti- *) Deni anonynie» Einsender aus Boskowitz, der in einer an mich gerichteten Karte auf meinen Artikel „Die Bibel" in voriger Nummer dieses Blattes Bezug nahm, diene folgende Antwort: Das verunglückte Pschätl Malbims zu Hiob 2, 9 ist mir wohl bekannt. Aber beide, Malbim und der Boskowitzer Anonymus haben an den Vers 5 desselben Kapitels vergessen, wo "P“Q' nur lästern heißen kann! Dr. Kahan. semitismus einen besonderen Abschnitt, ans dem wir Einiges wörtlich ansühren möchten. „Der Antisemitismus", heißt es da, „gehört fraglos zu den allernuerfreulichsten Erscheinungen und Stimmnngselementen fm de siede (die erste Auflage erschien 1898). Abneigung und Antipathien gegen die Juden hat es zu allen Zeiten gegeben, das mag jeder einzelne mit sich ansmachen; und auch das ist jedem zu überlassen, wie er sich persönlich und gesellschaftlich zu ihnen stellen will. Von Antisemitismus reden wir erst da, wo ganze Schichten und Parteien des Volkes gegen die Inden Stellung nehmen, sie von sich ansschließen und ans ihrer Antipathie ein Prinzip, aus dem Subjektiven ein Programmatisches und objektiv Gellendes machen." Nun gibt Ziegler einen lichtvollen Ueberbtick über die Entwicklung des Antisemitismus im 19. Jahrhundert von der. Romantik und den deutschen Burschenschaften bis ans Stöcker. Treitschke und D ü h r i n g. Den Stöcker charakterisiert er mit den Worten: „Daß ein auch in der Wahl seiner Mittel wenig ängstlicher, des öfteren der Doppelzüngigkeit beschuldigter und überfnhrter Agitator in seinem Amt als Hofprediger belassen wurde, hat damals freilich vielfachen Anstoß erregt und läßt sich auch mit dem Alter des Kaisers (Wilhelm I.) nicht entschuldigen." Von Treitschke schreibt er: „Machte er anfangs noch den Unterschied zwischen Judentum und jüdischen Auswüchsen und wetterte gegen diese mit sittlichem Ernst und nationalem Pathos, so beschimpfte und verhöhnte er schließlich den Inden sogar wegen feiner krummen Nase oder wegen seiner dünnen Stimme und gewann sich dadurch im Kolleg den Beifall radanlnstiger Studenten. Gelegentlich grame ihm freilich selber vor seinen antisemitischen Parteigenossen, dann dekretierte er schlankweg: „wenn wir ein unsauberes Antisemitemnm emporkommen sehen, so tragen die gemäßigten Parteien die Schnld! Das hieß die Verantwortung doch allzu kavaliermäßig von sich abwüizen!" — Eugen Dühring schließlich verweist Ziegler ans die Unvereinbarkeit seines Kosmopolitismns mit dem Antisemitismus. Ziegler ist nicht etwa Philosemit ans Passion, der für die Fehler der Juden blind wäre. Im Gegenteil! Er schreibt: „Man wird nicht leugnen können, daß die Inden allerlei Schnld ans sich geladen und zu Haß und Mißachtung oft wirklichen Anlaß gegeben haben — durch Wucher an der Börse und ans dem Land, durch die Frechheit jüdischer Journalisten und die kliquenhaste Zudringlichkeit und Betriebsamkeit in wissenschaftlichen und akademischen Verhältnissen. Dagegen Front zu machen haben wir alles Recht. Aber so, wie sie inszeniert, vergröbert und verallgemeinert wurde, ist die antisemitische Bewegung für uns Deutsche doch nur eine einzige große Schande: sie widerspricht unserem auf Toleranz gestellten Wesen, ist unduldsam und chauvinistisch, ist maßlos und ungerecht. — Daß die Bewegung in ihrer Skrupellosigkeit aber auch im höchsten Grade gefährlich ist, das ließen der Mordprozeß Bnschhoff in Tanten und die heillosen Vorgänge in Könitz in furchtbarer Deutlichkeit erkennen: wenn die Ungarn in Tisza Eszlar an das Märchen vom Ritualmord glauben, wonach Inden Kinder an sich locken und stehlen, um sie zu schlachten und ihr Blut zu Kultnszwecken zu verwellden, so rechnen wir das billig zu „Halbasien"; — (auch Polna in Böhmen? Dr. K.) — wenn aber dasselbe im heutigen Deutschland geglaubt und dadurch deutsche Städte in Aufruhr und deutsche Gerichte in Bewegung gesetzt oder durch wilde und lügenhafte Agitation an der Auffindung des Schuldigen gehindert werden, so verhüllt des Genius unseres an Lessing groß gewordenen Volkes ob solcher Dummheit und Gemeinheit beschämt das Haupt. Treitschke freilich, den man für die Ausbreitung der Antisemitismns in den Kreisen der akademisch Gebildeten besonders verantwortlich machen muß, hat beim Tode Kaiser- Friedrichs gemeint, dieser habe die Fühlung mit seiner gewaltig aufstrebenden Zeit verloren, weil er für die antisemitische Bewegung nur Worte zornigen Tadels gehabt habe! Wir anderen rechnen diese Worte gerade zu den erfreulichsten Kundgebungen des kaiserlichen Dulders."

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