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Die Wahrheit · 1910-02-04 · Heft 6 (4.2.1910) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 6 (4.2.1910)
Date
1910-02-04
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 6 umernahm, feierte H. Zirndorf den Dichter in einem schwungvollen Gedichte, in dem es heißt: „Was Du uns oft erwecket im Gedichte, Heraufbeschworen aus des Grabes Nacht, Du fchaust's von Angesicht zu Angesichte. Nicht wahrer, nur in reicherer Lebenspracht." In diesen Worten wird ganz vortrefflich die literarische Tätigkeit Frankls gekennzeichnet, der uns auch die erste, wahrheitsgetreue, lebendige Schilderung von Aegypten und Palästina geliefert, die noch heute lesenswert ist. Auch in dieser Reisebeschreibung hat er gar manches herrlich-schöne Lied gesungen, das aus dem Quell unserer Legende emporsprudell und mit Macht die Gemüter ergreift. Es erregt gewiß auch umerJnteresse zu lesen, heute. 41 Jahre nach der Eröffnung des Suez-Kanals, wie Frankl erzählt, daß in Kairo und Alexandria die Durchstechung der Landenge damals, vor 54 Jahren, das Tagesgespräch bildete, dieses Wunder der Gegenwart, das Goethe zu erleben wünschte, wie er es einmal in seinen Gesprächen mit Eckermann sagt, und das auszusühren schon der Pharao des Exodns, Ramses der Große, 1400 Jahre vor unserer Zeitrechnung, plante. . . . Wie sagt doch Goethe: „Alles, was je geschieht, Heutiges Tages. Trauriger Nachklang ist's Herrlicher Ahnherrntage." An diesen Vers werden wir erinnert, wenn wir Frankls literarische Tätigkeit betrachten und uns mm seinem Sammelwerke „L i b a n o u" znwenden, das zuerst vor 55 Jahren, 1855, erschien. In Wahrheit, dieses Buch ist ein vortreffliches zu nennen. Innigste Pietät und Liebe zum Judentum haben es geschaffen. Es stellt alles zusammen, was in Jahrhunderten „die Dichter der gebildeten Nationen zur Verklärung des Jndentnms gesungen haben". Mit diesen Worten bezeichnet Frankl selbst den Inhalt seines Werkes. Man liest es noch heute mit schmerzlichen und freudigen Gesühleit und es regt sich in uns der Stolz, Jude zu sein. Wenn wir dieses Buch lesen, dann erfüllt uns das heilige Bewußtsein. daß wir es mit einem Werke zu tun haben, dessen Geist unsere Schmerzen lindert und unsere Freude erhöht. Hier hören wir nicht allein Inden über das Judentum sprechen, sondern auch die Urteile hervorragender Geister unter den Nlchtjnden. Es sprechen hier die Vorurteilslosigkeit und Liebe, bereit wir Jtldeu so oft entbehren müssen, wenn über unsere Religion geredet wird. Und es ist die Offenbarung der Dichtkunst, welche begeistert und begeisternd, das hohe Lied der Menschenliebe kündet. Dieses Buch, das seit dem Jahre seines Erscheinens, in mehreren Auflagen vorliegt, sollte tatsächlich zu einem jüdischen Familienbnche werden, das heißt in keiner jüdischen Familie fehlen. Wir geben heute viel Geld ans. um Werke anznschaffen. die „modern" geilannt werden und in denen der Jude als Karrikatnr uns entgegentritt. Kausen wir auch Werke, die uns den Juden als Helden und Märtyrer darstellen. Eine Volksausgabe des „Libano n" sollte man stellen, bestimmt dazu, in die Hände unserer Jugend gelegt zu werden, die vielfach des Selbstgefühls bar ist. Unsere Jugendliteratur ist so arm an trefflichen Werken. Der „Libanon" führe unserer Jugend in dieser traurigen Gegenwart „herrliche Ahnherrntage" vor. In Zeiten der Verkleinerung des Judentums sehnen wir uns danach, seine Größe verherrlicht zu sehen durch den Ton ewiger Poesie. In dem ernsten Lebenskämpfe, den wir anszukämpsen haben, lasse die Sonne heiterer Kunst ihre Strahlen gleiten aus das Ditnkel, das uns umgibt. Noch mancher andere Sang aus unserer Vergangenheit tönt durch Frankls Mund in unsere düsteren Zeiten herüber. Hat er doch schon 1842 die biblisch-romantische Dichtung „Rache l" heransgegeben. Der Dichter des „H a b s b u r gliede s". einer Reihe chronologisch geordneter Balladen, wurde, nach Verdienst, von seinem Kaiser geehrt. Es ist an der Zeit, daß auch sein Volk ihm Ehre erweise. Dies kann geschehen, wenn billige Ausgaben seiner Dichtungen veranstaltet werden, in denen er unsere Vergangenheit, unsere Geschichte besaiig. Auch seine Reise „nach Jerusalem", zuerst 1858 erschienen, verdiente es, besonders in unseren Tagen, in einer volkstümlichen Ausgabe zu erscheinen. Wir haben demnach noch manches zu tun, um diesen hervorragenden jüdischen Dichter und Schriftsteller nach Gebühr zu würdigen. Sein zum hundertstenmale wiederkehrender Geburtstag, gibt uns Anlaß seiner zu gedenken und eine Schuld abzntragen gegen diesen Mann, der leider heute vielfach schon vergessen ist. Was er, im Jahre 1859, als Alexander von Humboldt starb, von diesem Mächtigen gesungen, gelte auch von ihm: „Wir klagen nicht beim Klange der Posaunen, Die in Dein glorreich Grab Dir nachgetönt, Uns füllt die Brust ein tiefgerührtes Staunen, Wenn wir Dein Leben seh'n, sind wir versöhnt." Dr. Max G r ü n f e l d. * * * In der öffentlichen Plenarsitzung des Wiener Knltnsvorstandes vom 2. Februar feierte Präsident Dr. Adolf Stern das Andenken Ludwig August Frankl's mit folgender Ansprache: „Nicht zu einer Totenklage, zu einer Geburtstagsfeier haben wir uns hier versammelt; allerdings zu einer hundertjährigen Geburtstagsfeier für einen, der nicht mehr unter ben Lebenden weilt, für Ludwig August Frankl, den Sekretär unserer Gemeinde, den lorbeernmkränzten Dichter, den Mann, dessen noch heute blühende Schöpsilngen uns zu unauslöschlichem Danke verpflichten, den Mann, der noch die alten Zeiten hat gesehen, die im verklärenden Schimmer der Vergangenheit zu uns herüberleuchten, aber für uns keineswegs die guten Zeiten waren. „Nichts als die Gruft".so klagt der Dichter in seinem Poem: „Der alte und der neue Friedhof der Juden" „Nichts als die Gruft war unsern Vätern eigen, Auf steter Flucht gejagt zu allen Zeiten, Wie konnten Mausoleen sie bereiten, Mit heit'rem Blumenschmuck die Gruft umzweigen? Nur ein Erbarmen wurde menschlich ihnen, Wenn die Geächteten zu Sterben sagen, Mit ihnen still zu beten und zu sagen Ist fromm die „heil'ge Bruderschaft" erschienen." Hier in diesem Hanse, in den Räumen nebenan, welche heute Präsidialbureau genannt werden, war die Stätte seiner Wirksamkeit, die nicht allein das damals so engbegrenzte Gebiet der Verwaltung der kleinen Judeugemeiude umfaßte, sondern weit hinaus über diesen Kreis, über diese Stadt, über unser Vaterland helleuchtend erglänzte. Es ist hier nicht der Ort, und es kann auch nicht meine Aufgabe sein, über Ludwig August F r a n k l's literarische Bedeutung zu sprechen: die Würdigung seiner Bedeutung nach dieser Richtung gehört der Publizistik, der Literaturgeschichte an. In seinen poetischen Schöpfungen, insoweit sie Bilder aus unserer Geschichte, ans unserer Vergangenheit oder Gegenwart bringen, weht der Hauch warmer Liebe zu den Glaubeusdrüdern; ebenso in der schönen, von ihm heransgegebenen, auch mit eigenen Dichtungen geschmückten Aniologie: „Der Libanon." Gern und willig folgt er dem au ihn ergangenen Ruf nach dem heiligen Lande unserer Väter, und dort war es, wo über seine Initiative von einer edlen Frau, Elise Herz geb. von Lämel, eine Volksschule, die Lämelschule, geschaffen wurde, eine Schule, welche noch heute als eine Musteranstalt blüht, der Patronanz der österreichischen .Regierung sich erfreut und wohl die einzige derartige österreichische Schöpfung im heiligen Lande ist. Diese Schule, aus welcher seit ihrem Halbjahrhundert langem Bestände Tausende unserer Glaubensbrüder, herangebildet zu tüchtigen Menschen, hervorgegangen sind, sichen unserem Ludwig August Frankl gleichwie der Stifterin ein dauerndes Gedenken. Vielleicht waren es die bekanntlich im Oriente so häufig vorkommenden Angenkrankheiten, der Anblick dieser Leiden, die ihn dazu veranlaßten, bei einem unserer reichen und wohltätigen Glaubensbrüder, dem dahingeschiedenen Jonas Freiherrn von Königs wart er, die Errichtung eines israelitischen Blindeninstitutes anzuregen, auf daß den armen lichtberaubten Kindern, wenn auch ^nicht die Nacht des Auges, so doch die Nacht des Geistes erhellt, sie ans dem dumpfen Dahinbrüten, zu tvelchem

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