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Die Wahrheit · 1910-02-04 · Heft 6 (4.2.1910) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 6 (4.2.1910)
Date
1910-02-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Inhalt: Ludwig August Frankl. — Theobald Ziegler über den Antisemitismus. — Emigrantenfürsorge der israelitischen Allianz. — Die Mensa des Vereines „Einheit". — Israelitischer Tempelverein sür die Bezirke Wieden und Margarethen in Wien. — Das Hamburger Heine-Denkmal. — Liberale Aellßernngen. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Ein neues Licht. — Austritte ans dem Judentum. — Die Stellung der Kantoren Deutschlands zum neuen Organisations-Entwurs. — Anregung. Sndwig Anglist Frankl. Zu seinem 100. Geburtstage am 3. Februar 1910. Auch die Hnnderljahr- und Jubiläumsfeiern, die in unseren Tagen so zahlreich begangen werden, haben ihr Gutes. Sie lenken uns von den oft sehr kleinlichen und vergänglichen Erscheinungen der Zeit ab und bringen Persönlichkeiten in die Erinnerung der Gegenwart, die nahezu verschollen sind. Und doch verdient es gar manche dieser Gestalten, ans dem Schutte der Vergessenheit ans helle Licht des Tages gezogen zu werden. Besonders wir Juden werden gut daran tun, der wirklich Großen unseres Stammes eingedenk zu sein, in einer Zeit, die nicht immer Weizen von der Spreu zu scheiden versteht, in der Gestalten und Gestaltungen an der Oberfläche erscheinen, die von den wilden Wogen der Zeit emporgetragen, ebenso rasch zu verschwinden verdienen, als sie in der Erscheinung getreten sind. . . . Der 3. Februar dieses Jahres erinnert uns nun an einen solchen Mann, der sicherlich für die allgemeine deutsche, besonders deutsch-österreichische Literatur von Bedeutung ist, obgleich er gewiß sein Lebenswerk darin sah, die große Vergangenheit unseres Stammes in epischen und lyrischen Dichtungen uns vorznführen. Es ist dies der uns Aelteren in seinem Wirken und Schaffen noch lebendig vor Angen stehende Ludwig August Frankl (geb. 3. Februar 1810 zu Chrast in Böhmen, gestorben am 12. März 1894 zu Wien.) — Gar mancher geht vor dem Schiller-Denkmal in Wien vorüber, ohne dessen zu gedenken, der recht eigentlich der geistige Schöpfer, der eifrigste Förderer dieses Werkes gewesen ist. 34 Jahre sind es her, daß dieses Monument, zu dessen Errichtung Fra n k l die Anregung gegeben und dessen Vollendung er mit rastlosem Eifer förderte, vor den Augen einer jubelnden Menge erstand. Noch andere seiner großen Werke leben vor uns ans. Was er für die armen, blinden Kinder getan, daran erinnert das K i n d e r - B l i n d e n i n st i t u t aus der Hohen Warte. Vor 37 Jahren hat er den ersten E u r o p ä i s chen Kongreß der Lehrer und Leiter von Blindeninstituten ins Leben gerufen, dessen Präsident er war. Mit Recht verdiente er den Adelstitel „Hochwart", den ihm der Kaiser 1876 verlieh. Doch nicht von der sozialen, humanen Tätigkeit des Mannes soll in diesen Zeilen die Rede sein, so sehr sie eine Heiligung des Judentums darstellt. — Auch nicht von dem, was er in dem unvergeßlichen Freiheitsjahre 1848 geleistet hat, dessen wechselvolle Erscheinungen, soweit sie Wien betreffen, er so lebhaft beschrieben. Der 12. März 1894 war sein Todestag. 46 Jahre vorher, an dem denkwürdigen 14. März 1848, erschien sein Gedicht „D ie U n i v e r s \ t ä t", das erste nicht zensurierte Lied in Oesterreich, ein Hochgesang ans die Freiheil, der in einer halben Million Abdrücken allgemeinste Verbreitung fand und nicht weniger als 17 mal komponiert wurde. Wir denken, schon deshalb hätte der Name der Dichlers nicht in einem Werke fehlen sollen, das Anspruch ans wissenschaftlichen Wert erhebt und die „Deutsche Nationalliteratnr seit Goethes Tode bis zur Gegenwart" behandelt. Es ist das Buch des Literarhistorikers Adolf Stern, das gar manchen weniger bekannten Namen enthält, aber von Frankl, dem Dichter des „Christoforo Colombo", des „Don Juan d’Austria" nichts erwähnt. — Und hat es Frankl nicht verdient, einen Ehrenplatz in der demschen Literaturgeschichte einzunehmeu, er der literarische Förderer von Größen, wie: Anastasius Grün. Hebbel. Lenau. Grillparzer, Raimund? Er der die „Sontagsblätter" herausgegeben hat, dieses erste Kunstblatt in Oesterreich? Manchem Literarhistoriker sticht da wohl der Jude Ludwig August Frankl in die Augen. Wir wissen es am besten, wie die Konfession bei der Beurteilung der Kunst, wo es am allerwenigsten geschehen sollte, subjektiv gefärbte Kritiken schafft. Es ist richtig, Frankl hat sich als Jude gefühlt, da er die Geschichte unseres Volkes in herrlichen Dichtungen an unserem geistigen Auge vorüberziehen ließ, in seinem „Primator", den „Ahnenbildern", „tragischen Königen", das Helden- und Märtyrertum, das Kämpfen, Ringen, Leiden. Dulden nuferes Stammes in epischen und lyrischen Klängen besang. Aber, wir können mit Recht behaupten, Gedichte, wie „der Hohepriester" gehören der allgemeinen Literatur an. Ein großer Gedanke, wie das Dulden, Kümpfen und Enden unteres Volkes, das hier in herrlich, schöner Sprache besungen wird, ist aber nicht vom nationalen Standpunkte allein, sondern vom allgemeinen, menschlichen auszusassen. Frankl, der Jude, hat gezeigt, wie unsere jüdische Geschichte und Dichtung ein Teil ist der Geschichte und Dichtung aller Zeilen nnd aller Völker. Deshalb verdiente er es, daß, nicht nur jüdische Literaturgeschichten, die ihn übrigens stiefmütterlich genug behandeln, sondern auch Werke über die allgemeine, besonders deutsche Literatur, seinen Namen wenigstens erwähnen und nicht über ihn ganz hinweg gehen, wie es in dem Werke Sterns geschieht. Als im Jahre 1856 Frankl sich nach dem Lande der Väter begab, um im Namen der edlen Frau von Herz Lämel in Jerusalem eine Kleinkinder- Lehr- und Bewahranstalt zu stiften itud einzurichten, und er diese Reise, begleitet von den Segnungen der Glaubensgenossen Oesterreichs und Deutschlands,

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