Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 5 (28.1.1910)
- Date
- 1910-01-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/3062972-3063520-3063525--06493-3073500- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die Wahrheit Nr. 5. rette 6. Suppenfleisch bekommen hatte. Die „schwarze Weiß" füllte immer den Teller von neuem für den hungrigen Bachur nnd als er fortgehen wollte, rief sie ihm feierlich zu: „Bocher, wissen Sie. wie piel Bohndl Sie henl anfgezehrt haben? Aber es macht nichts, Bocher, schämen Sie sich nicht, Bocher! Nehmen Sie dies znm Abend!" Sie übergab mir ein kleines Päckchen Tee, nicht russischen oder chinesischen, nein — Kamillentee. Ging das Geld ans, dann tauchte mancher Kamerad bei der „Tolmatschin" vereint mit mir ein Stück Soldatenbror in die nahen Donanwässer ein. damit es besser mrd leichter hernntergeschluckt werde. Aber das Essen war Nebensache wie der Schlaf, es galt zu arbeiten nnd das Wohlgefallen des strengen R. Friedrich zu erwerben und damit am Schluß den „Chower-" oder Morenntitel. Am Offenbarungsfeste. wo alles die erste Nacht anfblieb, war das große Verhören. Vorher blieben wir in der Lehrstnbe viele Nächte zusammen wach nnd lernten bis zum Morgengebete. Ans Polen, d. h. der Wasserpolakei bei Tokay, wo Ungarns süßeste Traube gedeiht, kamen viele arme Studenten, deren einem wir das Wächter- und Weckeramt übertrugen. Aus längst vergangener Zeit klingt es mir ins Ohr das heisere, unmelodiöse Weckerliedcheu, das wir allmorgeudlich zu hören bekamen: „Bockrim, Schmochrim, Kapzonim, Lumpen, Drapzonim! Uff! Uff! Lecht! Lechl!" d. h. Auf! Licht! woraus Kleider, Stiefel, Bücher der bei der Nachtarbeit Eingeschlummerten im Toku wabohu der Dämmerung durcheinander geworfen wurden, so daß wir nicht selten erst spät zur Morgenandachl kommend, vom Rabbi ausgescholteu wurden, dessen bitterer, vorwurfsvoller Blick genügte, uns an die Pflicht zn mahnen. Die Angst vor dem Examen in der Schabnotnacht wurde einmal durch ein glückliches Familieuereignis in der Familie unseres Meisters uns ans dem Herzen gescheucht: „Die Rabbinerin." so sprach der Meister, „bedarf der .Ruhe — das Verhören findet nicht statt." Großer Jubel in Jnngisrael. Als einem Freunde der Wissenschaften konnte es ihm nicht entgehen, daß etliche der Talmndbeflissenen, ° die so nebenher Schiller und Lessing lasen und sich auf akademische Studien vorbereiteten, in Gefahr geraten könnten, ihre „Pletten" zu verlieren, wenn die Bildungsfeindlichen es erführen. Er nahm sich natürlich aller Schüler an, mahnte aber, die profanen Bilduugsgegenstände heimlich und in der Stille zu pflegen, dies könnte nicht schaden; auch mir, der ich mich, ans die Prüfung der fünften Gymnasialklasse privatim vorbereitete, riet er solches. Aber ich hatte eine besondere Vorliebe für die Botanik und legte mir ein Herbarium an. dem ich eine schöne Sammlung der Waitzener Flora bei den sogenannten „sieben Kapellen" einverleibte. Nichts ahnend, besah ich draußen auf dem Felde die eingelegten Pflanzen im foliogroßen Herbarium und übte mich in der Linne'schen Analyse. Siehe, da kam ein Chassid schwärzesten Kalibers auf mich zn, ein mir wohlbekannter Gebettänzer, Bunem Eckstein, und fragte mich, was ich lerne. Ich antwortete im nichtssagenden Gestammel unverständliche Worte, die ihm aber wie mystische Exegesen erschienen nnd kaum ich michs versah, griff er nach meinem großen Folianten, in dem er einen Talmndtraktat oder den „Mahalschah" oder den „Rambam" vermutet hatte, blätterte darin und wutschäumend fluchend spie er ans vor dem großen Sünder, der es wagt, die Kosttische eines Frommen in Anspruch zn nehmen und so gotteslästerliche Dinge zu treiben, rvie Pflanzen zu trocknen nnd ihre lateinischen Namen anfznschreiben und zu lernen. Er werde dafür sorgen, daß ich keine „Plett" mehr bekomme nnd daß ich die Jeschiba verlassen müßte. „Christlich Deitsch und galchisch Lateinisch leieneu, anstatt Toire? Sie schöner Bocher!" Mit diesen Worten eilte er zum Rabbi nnd was geschah? Ich verlor alle Begünstigungen und gewann den verhaßten Namen: Lateiner. Niemand fühlte mit mir inniger als mein Lehrer, helfen konnte da weder die minutiöseste Beobachtung jedes traditionellen Brauches, noch Wissen nnd Fleiß. Nur des väterlichen Freundes warme Empfehlung an die „fortschrittlichen" Vorsteher, in deren Familien ich Lektionen gab, bewirkte, daß ich mein Auskommen hatte und mich redlich durchschlug, bis ich nach bestandener Prüfung aus der 5. Lateiuklaffe, die Vorstudien zur 6., 7., 8. bis zur Matura in Angriff nehmen konnte — alles in möglichst heimlicher Stille. In den theologischen Disziplinen ging es . täglich vorwärts, ich lernte viel und gern und kein Mensch wagte meine Frömmigkeit auznzweifeln, hierin war ich eins mit Rabbi Scholom Ullmann, der mich magisch anzog und zn freudigen wie leidigen amtlichen Anlässen znzog, damit ich auch etwas praktische Theologie kennen lerne. Trauungen. Chaliza- und Scheidungsakte, neben den Dezisionen über Rein und Unrein im Genüsse sah ich öfters. Die meisten Trauungen hielt mein Meister unter freiem Himmel vor dem Tempel ab, die frommen Bräutigame hatten über den Hochzeitsauzügen den Totenkittel an, und über das weiße Barett wurde Asche gestreut. Die erhabenste Feier für Alt nnd Jung erlebte ich am 7. Adar, Moses Sterbetage, die Feier des Beerdignngsnnd Wohltätigkeitsvel eines „Ckewra suda." Im großen Gemeindesaale, der schwarz drapiert und in dem Geräte vom „guten Ort" als memento mori vor allen großen und kleinen Mitgliedern der heiligen Gemeinschaft ausgestellt waren, fand nach einer erschütternden Predigt ein Festessen statt, wie ich es großartiger auch nicht in Wien an der Seite meines größten Lehrers Jellinef erlebt habe. Da stand vor mir zu allererst ein „jüdischer Jngendbmld" namens „NUadsokss" — vom slavtschen m 1 a d y, b. h. jung — mit brennenden, reichgeflochtenen Wachskerzen in der Hand und in aller Augen leuchtete das Gelöbnis, im Tod und Trauer die Wohltätigkeit zn üben, für die es keine Bezahlung gibt, die auf Wahrheit beruhende Liebe „Okssssd sckel emes." Weigerte sich ein Jüngling mitzulnn, so rief man ein Spottgedicht ihm zn: „Bocher ohne ckes, holen soll dich der Schüttest, d. h. Jüngling mit Geistes- und Herzensleere (ohne n ist MN2---N2) dich hole Satanas!" Ueberhanpt gabs dort zn Laude eine Volkspoesie, die aus Unterungarn nach der Hauptstadtgegend durch fahrende Talmndjünger verpflanzt worden ist. Am Purim, dessen Feier alljährlich zuerst beim Rabbi und dann bei den Vorstehern acht Tage durch ein Festspiel mit Musik, Gesang und Tanz unter Teilnahme der ganzen Gemeinde, begangen wurde, lernten wir diese Poesie besonders kennen. Es wurden da die Zustände in der Kehilla mit Witz und Behagen gegeißelt, die Laster der Vorsteher und die Entsagungskämpfe der Geistlichen nnd Lehrer, die Ansprüche der Frauen nnd die Kultur nnd Bildung der Jugend, vorzrigsweise aber die damals auf der Tagesordnung stehenden Streitigkeiten zwischen den Ueberfrommen nnd Neuerern, Orthodoxen und Neologen. Da wurde nach dem Alphabet eine poetische Polemik im Purimspiel znm Besten gegeben zwischen einem altmodischen Rabbi und einem neumodischen Prediger, wovon ich nur zwei Strophen: Gimel und Dalet, d. i. mit dem Anfangsbuchstaben 6-, D wiedergebe: Gr. Groj gomur, ganzer Heide, willst vor mir dich produzieren, Tust dich wie ein Pfarrer (Galloch) führen, Trägst lange Haar bis auf die Erd', Wie ein großes, polnisch Pferd. D. Das verlangt die heutige Welt, Ich predig', Ihr heult und bcllt. Wie kann ich tragen Käppi wie Ihr, Boll Langsam spaziere vor und für — Es war der Niederschlag der wilden Kämpfe vor dem Landeskongreß in Ungarn nach Entstehung der „Schomre b. ad 9.8," der Partei der G es etzes h al ter gegen die „F o r tschrittsjnden." Letztere witzelten bei leichtfertigem Kartenspiele: „Was soll uns die Sckomre dass, besser ist uns Klabbriaß." Eilie Genugtuung gab diese Partei der Gesetzeshalter unserem Meister, die Anerkennung verdient: Sie, die ihn bis aufs Messer verfolgt hatten von deren zelotischen Führern — darunter der Vorsteher David Hermann — man sich erzählte, daß sie ihn nach einer Abendversammlung durch gedungene Bauern schlagen ließen, was eine Zerrüttung seines Nervensystems und lange Krankheit zur Folge gehabt haben soll, diese Partei kam zur Einsicht, daß er, der Manu des Friedens, hoch über alle Parteiungen stehend, es verdiene, als Abgeordneter für Waitzell in den Kongreß gewählt zu werden. Wie einst Maimonides, gerade von der Seite, die ihn verketzert hatte, als der ..Adler" der Synagoge gerühmt und verherrlicht wurde, so ist Rabbi Ullmann mit seinem Namen Friedrich von beit Ueber-