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Die Wahrheit · 1910-01-28 · Heft 5 (28.1.1910) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 5 (28.1.1910)
Date
1910-01-28
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 5. Die Wahrkett Seile 5. behaupten, Hiob werde Gott segnen, wenn ihm sein Hab und Gut genommen wird?! Ebenso will Hiobs Frau, daß ihr Mann vom qualvollen Leben durch den Tod erlöst werde. Hat es nun einen Sinn, wenn sie sagt: Segne Gott und stirbt? Aber wie 1. Buch der Könige 21, 10, 13 das Zeitwort ya euphemistisch siebt für Laste r e, so auch hier. Aber unsere Herausgeber schreiben ahnungslos Lnlher nach: Segne Gott und stirb! Getreu ihrem Prinzip, eine Allswahl des Schönsten ans der Bibel zu bieten, haben sie vieles ansgelassen, was ihnen nicht schön genug dunkle. Aber nnjeres Erachtens dursten sie die Anslassnllg mir ans ganze Stücke anwenden, nicht aber innerhalb eines Stückes einzelne Worte oder ganze Verse eliminieren und so den Charakter des biblischen Stückes sälschen! Wir würdell es noch schließlich verstehen, wenn in der Erzählung der Hochzeit zu Cana (Joh. 2) die lteblosen Worte Jesn zu seiner Mutter: „Was habe ich mit Dir zu schassen, Weib?" weggelassen sind, da sie nicht gilt zum Gölte der Liebe passen. Aber warum in aller Welt silid im Liede am Noten Meere die Verse 7 und 9 ansgelassen? Namentlich bilden die Verse 9 und 10 ein zusammenhängendes Galizes. ohne 9 bleibt 10 in der Llift hängen! — Sollte da nicht Absicht, sondern vielmehr Nachlässigkeit im Spiele gewesen sein? Das ist wirklich schade, denn nur das Allerbeste ist für das Volk gut genug! Dr. K a h a n. Znaim. Der Einfluß des Indenlnms anf Shakespeare. Mancher Leser wird bei dem Titel, den ich den solgendeu wenigen Zeilen gebe, wohl ironisch die Lippen kräuseln und an Effekthascherei denken, denn wer hat jemals etwas von jüdischem Einfluß, oder um sich bezeichnender anszndrücken, von jüdischer Beemflnssnng auf das Wirken des großen englischen Dramatikers gehört? Dennoch hat es mit dieser Sache seine vollkommene Richtigkeit und dies nicht nur in übertragener, sondern in buchstäblicher Bedeutung. Auch derjenige, welcher nach dieser Versicherling etwa vermutet, dieser Einfluß sei nur ein zufälliger, nebenherlaufender, keineswegs aber ein richtunggebender und charakteristischer gewesen, wird sich zu enttäuschen gezwungen sehen, denn das letztere ist in weitestem Umfange der Fall. Ich bin mir dessen allerdings bewußt, daß ich die Bezeichnungen „jüdisch" und „Judentum" in folgendem in vulgärer Weise anwende, als wären sie Synonima. Jude und jüdisch möchten sich indessen noch so ziemlich decken, nicht so Judentum und jüdisch. Mau kann ein Jude linb jüdisch gesinnt sein, ohne doch den Leitideen des Judentums besonders nahe zn stehen. Man müßte, um eine reinliche Begriffsscheidnng durchzuführen, das Adjektiv „judentürnlich" bilden, was aber mißlich wäre, da es erstlich dem Worte „dentschtümlich" nachgebildet erschiene und zweitens dessen odiose Nebenbedeutung im Gefolge hätte. Bleiben wir also am klügsten bei der Terminologie unseres Widersachers, des Antisemitismus, der alles, was ein jüdisches Genie geschaffen, verächtlich darznstellen bemüht ist, der an dem Lorbeerkranz eines Juden so lange mit affenähnlicher Behendigkeit hernmzern, bis er ihn gänzlich zerpflückt hat und der sich der Frage gegenüber, ob es sich dabei um spezifisch jüdische, oder allgemein menschliche Knlturwerte handelt, vollständig gleichgiltig verhält. Nun, mau muß den Feind mit seinen eigenen Waffen schlagen und dessen Taktik sich anzueignen suchen, ansonst würde ich niemals die Sünde gegen den heiligen Geist des Fortschrittes begehen, stolz auf etwas zu pochen, was ein Jude geleistet. Kulturgüter nimmt ein Volk unbedenklich und dankbar von anderen an und spendet dieselben hinwieder ohne Selbstüberhebung, je nachdem, den Nachbaren, oder einem weiteren Kreise. Viel, unendlich viel hat die alte hebräische Kultur der phönizischen, ägyptischen und babylonischen zu verdanken. Diese Anleihen haben reichliche Zinsen getragen, die unser Stamm nicht eifersüchtig für sich behalten hat — übrigens nicht hat behalten können — und von denen zahlreiche Generationen dunkler Jahrhunderte ihre geistige Nahrung bezogen. Doch zur Sache! In einer der letzten Nummern des „Neuen Wiener Tagblatt" berichtete Leon Kellner über ein Buch des Schotten I. M. Robertson über Michael Montaigne und Shakespeare. Robertson weist nämlich in seinem im verflossenen Jahr erschienenen Buche nach, daß das Jahr 1600 einen Wendepunkt im Dichten und Schaffen Shakespears darstelle, daß von da ab seine gereiftesten Werke, nämlich Hamlet und die Römerdramen, entstanden sind. Montaigne halle ein Jahr vorher seine berühmtesten Essays drucken lassen mit) von Plntarch im Tone höchster Begeisterung gesprochen. Robertson weist nach, daß die gedankentiefsten Stellen im philosophisch gehaltenen Hamlet fast wörtlich den Essays des Montaigne entnommen, daß Shakespeare auf diese Weise znm Studium Plntarchs angeregt wurde und in weiterem Verfolge eben seine Römerdramen schuf. Daß Shakespeare seine Stoffe nahm, wo er sie fand und wenig skrupulös früher Erschienenes bearbeitete, war seit jeher bekannt, nicht aber, daß er zuweilen einfach abschrieb. Zn seiner Entschuldigung kann freilich angeführt werden, daß erst die Gegenwart den Rechtsbegriff des geistigen Eigentums formuliert hat. Und schließlich beraubt uns selbst diese neuere Erkennlnis menschlicher, im Zeitgeist begründeter Schwächen nur unerheblich unserer fast ehrfürchtigen Scheu vor der gewaltigen Bedeutung des größten abendländischen Dramatikers nach den alten Griechen. Das Faktum aber bleibt bestehen: Ohne den berühmten Messire Michel, seigneur de Montaigne, den bekannten Skeptiker und einen der berühmtesten Schriftsteller Frankreichs, ein süßer Schwan von Awon. der nur halb so viel nlld halb so unvergänglich Schönes gesungen hätte, jedesialls kein Dichter, von dem Carlyle behauptet, die Engländer würden, wenn vor die Wahl gestellt, Shakespeare oder Indien zn verlieren, unbedenklich das letztere vorziehen. Ja aber, wird man fragen, war denn der Bürgermeister von Bordeaux ein Jude? Strenggenommen allerdings nicht, seine Mutter nur war Jüdin. Den Lehren des modernistischen Antisemitismus gemäß, können wir ihn jedoch für uns reklamieren. Montaigne verrät uns in seinen Schriften die jüdische Herkunft zwar nicht, obwohl er in Rom die Synagoge besucht, um — eigentümlich genug — die Zeremonien bei einer Beschneidnng kennen zn lernen, aber neuere literaknrgeschichtliche Forschungen haben es an den Tag gebracht. Warum sollten wir aus deu Anspruch der Zugehörigkeit Montaignes znm Judentum verzichten, da wir dann ja auch in Bezug auf jene Spinozas das Gleiche tun müßten, der die — nicht jüdische Mutter, die Montaigne fehlte, hatte, eine Maurin nämlich und den uns glücklicherweise niemand streitig macht. Das Feuilleton Leon Kellners hat mich also sehr gefreut und diese Freude überwog den Aerger darüber, daß der jüdische Forscher sich über das Judentum Montaigne» gründlich, ausgeschwiegen. 8. Vineta Josef der zweite, Moses der dritte, Friedrich der vierte. Aus meiner Studienzeit. Bon Dr. D. Leimdörfer, Rabbiner und Prediger zn Hamburg. (Schluß.) Bei Knkuruzkucheu. Male und süßen Danziger-Likör, bei Kartoffelschnitten, die wir selber am Oeselchen brieten, arbeiteten wir Tag und Nacht, um das, was „der Rebbe ansgeredt," und manches andere beim Verhör so gut wiederzugeben, daß wir bald in den Rang von Instrukteuren oder Korrepetitoren der Neulinge, genannt „Chaser bocherim" oder „Wiederholende Jünger" erhoben,, besonderes Ansehen erlangten. Die Mittagsbrote waren reichlich, aber nicht selten widerfuhr mir, daß sich eine und dieselbe Speise drei-, viermal wiederholte. So aß ich bei einer häßlichen Witwe, „der schwarzen Weiß," jeden Donnerstag Bohnen, nachdem ich oft von Sonntag bis Donnerstag auch keine andere Zuspeise zum

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