Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 5 (28.1.1910)
- Date
- 1910-01-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Selte 4. Die Wahrheit Nr. 5 das altjüdische Wahrwon? „Wer eine Makkoh, eine Wunde, hat, soll sie frei tragen." Die vollständige Indolenz, die religiöse Eiszeit, in der wir leben, erstarrt jede bessere Biegung und macht jeden Erfolg im Religionsunterrichte unmöglich. Benachlen wir unsere erwachsene Jugend. Die meisten Jünglinge wenden sich der nationalen Richtung zu. Schön. Sie prunken mit dem National-Jndenlum. Aber man macht da die Beobachtung, daß gerade die national Gesinnten von der Religion gar nichts wissen wollen. Und doch ist sie das herrlichste .Gut, das unsere Nation hervorbrachte. Wer national gesinnt ist, sollte doch — so könnte man meinen — mit einer gewissen Begeisterung dem Studium der hebräischen Sprache sich widmen. Oder ist man national, wenn man über die Religion schimpft, von Legenden spricht, wenil die Geschichte unseres Volkes vorgeführt wird, und von unseren religiösen Bräuchen, Ueberliefernngen und geschichtlichen Denkmälern nichts wissen will? Da hat der Lehrer einen schweren Stand und man darf es ihm nicht übel nehmen, wenn er, an seinem Erfolge verzweifelnd, zum Handwerker herabsinkt und froh ist, wenn seine Dauaiden-Arbeit ihrem Ende sich naht, da es ja doch ein Sisyphns-Schweiß ist, den er oergießl. Die Bedeutnng der Sabbathe, der heiligen Festeszeiten, der uralten Traditionen soll er einem Anditorinm erklären, das für al? dies nur den Hohn des Lez, des Spötters, besitzt. — Und dann die sogenannten Ässimilanten, diese, denen gar nichts mehr heilig ist! In der Literatur, deren Studium sie sich ergeben, wird ihnen der Jude in karrikierender Häßlichkeit vorgeführt. Es gibt kein Laster, das ihm nicht zngeschrieben würde. Und der Religwnslehrer soll nun einen Posten verteidigen, der längst verloren ist. Das Jüngelchen liebäugelt schon mit dem „Austritte". Solche Leute, die uns förmlich eine Gnade damit zu erweisen glauben, daß sie n o ch Inden sind, soll man in unserer Religion nulerrichten! Diese Halb- oder Ganz-Renegaten zur Religion erziehen! Utilitarier sollen Idealisten werden! Wer diese Arbeit vollziehen kann, der tue es, er wird aber bald erkennen, in welcher trostlosen Lage sich der Lehrer befindet, und vielleicht wird er dann zu schimpfen anshören .über Religionsunterricht und über Religionslehrer. „Was Ihr den Geist der Zeiten heißt, das ist im Grund der Herren eigener Geist, in dem die Zeiten sich bespiegeln, da ist's denn wahrlich oft ein Jammer!" Heiliger Goethe, wie recht hattest Du mit diesen Worten, die Du Deinem Faust in den Mund legst. Ein Jammer ist's! Da reden sie über Religion und deren Unterricht, und haben selbst keine Religion. Unterrichte man daun ihre Jugend darin. Kommt ein christliches Fest, sagen wir das Weihnachtsfest, dann erfüllen sie ihre Kinder mit ihren Anschauungen über die Poesie dieses Festes, über Bescherung und Christbaum, lenken die Jugend von dem Borne unserer Religion ab und wundern sich, wenn diese den Weg zu der Quelle nicht mehr zurnckfindel. Wieviele Eltern sprechen von der Poesie des Passahfestes, vom Seder und den wunderbar herrlichen Gestalteil und Gestaltungen unserer Religion? Schön ist's vom Sabbathe zu reden, wer aber gibt unserer Jugend die ganze Poesie wieder. die in der Sabbathrnhe liegt? Es sind nur Aeußerllchkeiteu, von denen wir jetzt reden wollen. Aber diese werfen ein Helles Licht auf das Dunkel, in dem wir wandeln. Wir sehen, wie unsere Alten und Jungen am Sonntage in den elegantesten Kleidern umherstolzieren. Man kann oft schwer unsere Kinder veranlassen, daß sie am Sabbathe, znm Gottesdienste, im Festgewande erscheinen. Der schmierige Werkeltag. zu dem für sie der Ruhetag gesunken ist. zeigt sich in dem Staube des Alltags, der ihrem Gewände anhaftet. Wir haben hier einige Gedanken ansgedrückt, die wohl imstande find, Licht zu verbreiten über einen Gegenstand, der in jüngster Zeit wieder viel Staub aufwirbelte. Doch sind wir uns dessen bewußt, haß diese Wahrheit über unseren Religionsunterricht vielleicht von Manchem wird bestätigt werden, aber es wird — beim Alten bleiben. Es wird vielleicht noch schlechter werden. Gegen den Strom ist schwer zu schwimmen. Eines aber werden vielleicht diese Zeilen bewirken. Man wird erkennen, daß mau schweres Unrecht begeht, wenn man die totale Resultatlosigkeit des Religionsunterrichtes n n r auf die Sollseite der Lehrer schreibt. — Und wenn wir bei diesem kaufmännischen Bilde schon bleiben, wollen wir es uns nicht verhehlen, daß es der Geist der Zeit, der Herren eigener Geist ist, welcher die Unterbilanz des Religionsunterrichtes meist verschuldet. Darum halte man sich, wenn man wieder von diesem spricht, an das alle Wort im Frankfurter Rathause: „Eines Mannes Rede, ist keines Mannes Rede, Man muß sie willig hören B e e d e." Willig, aber auch billig, füge ich hinzu. Ha-Maskil. Die Distel, imsgewiihlt.*) Im jüdischen alten Testament, dem Buche von der göttlichen Gerechtigkeit, gibt es Menschen, Dinge und Reden in einem . so großen Stile, daß das griechische und indische Schriftentnm ihm nichts zur Seite zu stellen hat. Man steht mit Schrecken und Ehrfurcht vor diesen ungeheueren Ueberbleibseln dessen, was der Mensch einstmals war, und wird dabei über das alle Asien und sein vorgeschobenes H.stbinselchen Europa, das durchaus gegen Asien den „Fortschritt des Menschen" bedeuten möchte, seine traurigen Gedanken haben. — Der Geschmack am alten Testament ist ein Prüfstein in Hinsicht auf „Groß" und „Klein". — Also sprach der große antireligiöse Nits ch e! Also erstarrt vor Ehrfurcht und Bewunderung für die heilige Schrift der Juden ein Mann, der alle Kraft seines gewaltigen Geistes aufbol, um die Religion ans den Herzen der Menschen zu reißen! Denn unsere heilige Schrift ist nicht bloß Religionsbuch. Es ist ein Literatnrwerk ersten Ranges, es ist das schönste, das erhabenste Buch der Weltliteratnr, es ist das Buch der Büche r. wie sich der große Heide Goethe ansdrückt. Es ist ein Buch, zu dem auch der nichtreligiöse Mensch in seinen Mußestunden sich flüchten sollte, eher als zu irgend emem „Klassiker", um von seiner unvergleichlichen Erhabenheit erbaut und gehoben zu werden. Solche Gedanken mögen in letzter Zeit viele bestimmt haben, die Bibel dem gebildeten Volke nicht als Religionsbuch — die Religion ist ja für gewisse Kreise ein überwundener Standpunkt — sondern als Literatnrwerk, als Klassiker vorznführen. Das Volk soll nur erst znm Lesen der Bibel kommen, es wird schon ihre Schönheit gewahr werden und ihren Geist auf sich wirken lassen! Und so begrüßen wir mit Freuden die vom Insel-Verlag heransgegebene Bibel (ansgewählt) und bedauern nur, daß die Herallsgeber, Alfred und Palst Georg Grotjahn, den Lutherischen Text, wie es scheint kritiklos, benützt haben. Luther hat ja seine unvergänglichen Verdienste, aber geirrt hat er doch, und sogar gewaltig geirrt, so daß seine Uebersetznng einer gründlichen Revision unterzogen werden mußte. Den gewaltigen Ausruf Abrahams: „Sollte denn der Weltenrichter keine Gerechtigkeit üben" (Gen. 18, 25) verwässert Luther mit seiner falschen Uebersetznng: Das sei ferne von Dir, der Du aller Welt Richter bist! Du wirst so nicht richten. — Er verwechselt hier die Fragepartikel mit dem bestimmten Artikel! — Ebenso verwechselt Luther (Gen. 27, 33) das hebräische Wort kibk — denn im Fragesatze mit na'K wo? und übersetzt sinnwidrig: Wer? Wo ist denn der Jäger u. s. w. — Unsere Herausgeber lassen das „Wer?" weg und schreiben: Wo ist denn der Jäger — als ob Isaak den Jäger s u ch e n wollte und nicht vielmehr darüber entsetzt war, daß überhaupt jemand sich für ben Jäger Esau ansgegeben! Krasse Unkenntnis des hebräischen Sprachgebrauchs zeigt Luther bei der Uebersetznng von Hiob 1, 11 und 2, 9. Dort soll der Satan zu Gott gesagt haben: Taste an alles, was er (Hiob) hat; was gilrs, er lvird dich ins Angesicht segnen? Hier soll Hiobs Weib zu ihm gesagt haben: Hältst du noch fest an deiner Frömmigkeit? Ja, s e g n e Gott und stirb. — Beide Stellen sind nach dieser Uebersetznng ganz unverständlich. Satan will ja Hiobs Frömmigkeit verdächtigen, und da soll er *) D i e Bibel, ausgewählt. Jusel-Berlag, Leipzig. 2 Mark.