Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 4 (21.1.1910)
- Date
- 1910-01-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3063520-3063524--06480-3073486- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 6. Die Wahrheit Nr. 4. Hauses rund K 500.000 verausgabt, endlich wurden au den I verschiedenen Gemeiudebelhänsern umfangreiche, seil Jahrzehnten rückständige Renovierungen und Adaptierungen vorgenommen. Angesichts solcher Leislnngeu kann von einer Mißwirtschaft in der Finanzgebarnng der Gemeinde gar keine Rede sein. Endlich sei noch die Summe der Hypothekarschuld angeführt, mit welcher die Gemeinde belastet ist. Das eingangs erwähnte Darlehen der Bodenkreditanstalt ist Ende 1909 durch Rückzahlungen auf K 751.548 gesunken. Die von den ehemaligen Vorortegemeinden übernommenen Hypotheken betragen derzeit: Fünfhaus K 54.085, Ottakring K 12.200, Währing K 129.943, Floridsdorf K 56.000. zusammen Iv 252.228, ferner ist die vor kurzem angekanfte Realität für die neu zu erbauende Mikwah mit einer Hypothekarschuld von K 10.518 belastet. Nachdem an Zinsen und Amortisationen für fundierte Schulden jährlich rund K 65.000 erfordert werden, kann bei einem Ausgaben- und Einnahmen-Bndget von ca. K 3.000 000 jährlich, von einer Verschuldung, von einem schlechten Stande der Gemeindefinanzen keine Rede sein und der behauptete „Bankerott der Knltnsgemeinde" ist eine unsinnige lächerliche Phrase. Zweck dieser Auseinandersetzungen ist es durchaus nicht, die Finanzlage der Gemeinde im rosigsten Lichte darzustellen, es kann und soll vielmehr nicht geleugnet werden, daß angesichts der immer steigenden ordentlichen Ausgaben nnd der au die Gemeinde hänsig herantretenden außerordentlichen Anforderungen es durchaus nicht so leicht ist. mit den zu Gebote stehenden Einnahmen das Anslangen zu finden, daß möglicherweise sogar in nächster Zeit zur Aufnahme eines netten Darlehens behnss Deckung der Ausgaben für die Mikivah und des Beitrages für das Jnbilänms-Knaben-Waisenhans wird geschritten werden müssen. Dies berechtigt aber nicht im entferntesten dazu, dnrch unbegründete, den Tatsachen nicht entsprechende Ausstreuungen das Ansehen und den Kredit der Gemeinde zu untergraben und das — es kann ruhig gesagt werden — berechtigte Vertrauen zur derzeitigeit Gemeindeverwaltuitg zu erschüttern. Die Ausführungen des Präsidenten werden znstimmend zur Kenntnis genommen. Vertreter Salo Cohn bemerkt, daß in jüngster Zeit die Frankfurter jüdische Gemeinde eine Anleihe von 3 Millionen Mark ausgenommen habe. Selbst in diesem Falle, in dem es sich um eine weit kleinere Gemeinde handelt als die Wiener Gemeinde und um einen bedeutend größeren Benag als den der Hypoihekarschulden der Wiener Knltnsgemeinde, kann von einer Verschuldung der Gemeinde nicht gesprochen werden, geschweige denn von einem Baitkerotte der Wiener Gemeinde. Gegen das gegenwärtige Wahlrecht. Der Präsident bringt nachstehende, ihm soeben dnrch eine Deputation des innerösterreichischeu Distriktskomilees mitgeteilte auf dem innerösterreichischen Distriktstage einstimmig gefaßte Resolution zur Kenntnis: „Der am 15. d. M. versammelte Distriktstag. bestehend aus Vertretern aller innerösterreichischen zionistischen Organi- ' sationen. erklärt das in der Wiener israelitischen Knltnsgemeinde noch immer gellende Wahlrecht als den alljüdischen wie auch den modernen Anschauungen strikt zuwiderlaufend nnd fordert die Vertretung der israelitischen Knltnsgemeinde auf. dieses reaktionärste aller Wahlsysteme raschestens zu beseitigen." Hiezu bemerkt der Präsident, daß er der Deputatioil erwidert habe, daß er die in der Resolution niedergelegte Anschauung nicht teile und mit der Mehrheit des Kultusvorstaudes sich in Uebereinstimmung darin glaube, daß das derzeit in der Wiener Kultusgemeinde geltende Wahlsystem ein den Anforderungen der Gemeinde entsprechendes genannt werden müsse nnd eine Aendernng dieses Wahlsystemes derzeit kaum eimreten dürfte. Die Angelegenheit wird der geschäftsordnnngsmäßigen Behandlung zugewiesen. Aeuderung der Geschäftsordnung. Das Vertreterkollegium beantragt eine Aendernng der Ge- 14)8^50^101119 nach der Richtung, daß einzelne Bestimmungen, wonach den externen, dem Vorstande der Knltnsgemeinde nicht augehörigen Mitgliedern der Fachkommissionen nur beratende Stimme zusteht, eliminiert werden sollen. Der Vorsitzende motiviert diese Aendernng damit, daß es für beu Vorstand von Interesse sei, in manchen Dingen auch das Votum der externen Mitglieder kennen zu lernen nnd daß dies am einfachsten nur durch eine Einräumung des Stimmrechtes geschehen könne. Vertreter Dr. Spitzer begrüßt den Antrag des Vertreterkollegiums, durch welchen ein größerer Kontakt mit den Gemeindemitgliedern hergestellt werde. Er halte dies für sehr notnotwendig nnd im Interesse der Gemeinde gelegen und betrachte diesen Antrag nur als eine Abschlagszahlung. Es iväre wünschenswert, daß den größeren jüdischen Organisationen, den Bezirkskommissionen, Vereinen rc., in irgend einer Weise auf die Verwaltung der Knltnsgemeinde ein größerer Einfluß als bisher eingeräumt werde, und Redner gibt der Ansicht Ausdruck, daß größere Kreise der Gemeindemitalieder an der Verwaltung der Kultusgeuieiude. als derzeit einzigen jüdischen Organisation, teilnehmen sollen. Je mehr Personen an der Gemeinde unmittelbar beteiligt sind, desto mehr werde dies zur Stärkung dieser Organisation beitragen. Der Antrag des Vertreterkolleginms wird angenommen. Tempelverein im IX. Sesirk. Die Generalversammlung des Tempelvereines „Chewra Bet-Hatfilah" im IX. Bezirke, die Sonntag den 16. d. M. */,,ll Uhr vormittags unter dem Vorsitze des verdienstvollen Vereinsprüsidenten, Herrn Gottlieb B e t t e l h e i m, stattfand, erfreute sich eines stärkeren Besuches seitens der Mitglieder nnd wich in ihrem Verlaufe auch sonst von der gewöhnlichen Schablone ab, indem einzelne Fragen erörtert wurden, die nicht nur für den Verein selbst, sondern für das gesamte Wiener Kultuswesen von aktuellem Interesse sind. Es wäre dringend zu wünschen, daß die Anregungen, die hier gegeben wurden, in den maßgebenden Kreisen würdigende Berücksichtigung fänden. Im nachstehendenden der Bericht: Präsident Gottlfeb Bettelheim begrüßt die erschienenen Gäste und Mitglieder und bringt ein Schreiben des Präsidenten der Knltnsgemeinde, Dr. Alfred Ster n, zur Verlesung, in welchem dem Bedauern Ausdruck gegeben wird, daß infolge einer zu gleicher Zeit stattsindenden öffentlichen Plenarsitzung des Kultusvorstandes diesmal kein Mitglied dieses Kollegiums in Vertretung desselben zur Generalversammlung delegiert werden konnte. Ans dem gleichen Gründe entschuldigten 1. Vizepräsident Landesschulrat Dr. Gustav K o h n nnd Vertreter Max Frank ihr Fernbleiben von der Generalversammlung. Begrüßungsschreiben sind ferner eingelangt vom Verein „F r a ne n h o rt" im IX. Bezirk, der gleichzeitig für die seitens des Tempelvereiues ihm zuteil gewordene Förderung seiner Humanitären Bestrbnngen dankt, vom „Vereine zur Hebung der Geiverbe in Wien" und anderen. Nach Verlesung des Protokolles der letzten Generalversammlung durch den Schriftführer, Herrn Jg. S i m o n. erstattet der Präsident nachfolgenden Bericht: „Sehr geehrte Generalversammlung! Indem wir unserer Verpflichtung, ein naturgetreues Bild der Entwicklung unseres Vereines im abgelanfeneu Jahre vor Ihnen zu entrollen, Nachkommen, müssen wir mit Bedauern bekennen, daß es uns und Ihnen nicht vergönnt ist auf wesentliche Erfolge zurückzublicken. Wohl hat es auch im abgelaufenen Jahre an unseren Bemühungen nicht gefehlt, um unter Mithilfe des Vorstandes unserer Knltnsgemeinde die Existenzbedingungen unseres Vereines und seiner Beamten zu verbessern und Einrichtungen unserer Gemeinde, welche uns auch im allgemeinen Interesse der Reform bedürftig erscheinen, einer Neuregelung znzuführen. Allein ein Resultat haben wir bisher nicht erreichen können. Noch immer werden die Trauungstaxen vielfach nicht nach bestimmten billigen Normen, sondern je nach Konknrrenzrücksichten bemessen, die Eheschließungen werden nicht dort ausgeboten, wo etwaige Ehehindernisse am sichersten enthüllt, sondern