Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1910-01-14 · Heft 3 (14.1.1910) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 3 (14.1.1910)
Date
1910-01-14
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3062972-3063520-3063523--06469-3073474
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 8. Nr. 3. «JE«!».!-. «Z. - - .1 Die Wahrheit Verfügung gestellt. Dankbarst gedachte die Vorsitzende der Tätigkeit des Damenkomitees, welche durch die Veranstaltung der Damenjours dein Vereine ein Erträgnis von K 5000 zugeführt hat. Mit lebhafter Befriedigung und in dankbarer Anerkennung wurde die Mitreilung ausgenommen, daß in Triest ein Komitee dank der Bemühungen des Herrn Connn. von R i ct> e t t i, Sekretär Dr. Julius Graf und Rabbiner Professor Dr. B r e t t h o l z durch wirksame Aktionen dem Vereine lv 12.000 in der Bcricknsperiode zngeführt hat. Ebenfo stndet die Bereitwilligkeit, mir welcher die Zeitungsredaklionen die Vereinsbestrebungen fördern, den Dank der Versammlung. Die Vorsitzende wies nun darauf hin, daß vor eineinhalb Jahren ans dem Schoße des Vereines Ferienheim der Verein „österr. Seehospiz" erstanden sei. Die vorbereitenden Schritte, die das Ferienheim zur Bereinsgrüudung unternommen hatte, waren von solchem Erfolge, daß der nengegründeleii Institution ein Betrag von K 100.000 zur Verfügung stand. Seither Hot sich das Vereinsvermögen auf K 168.000 erhöht, wobei die Ausgaben für die Kolonie Grado, welche im Jahre 1908 mit 30 Schützlingen und im Jahre 1909 mit 50 Schützlingen belegt war. bereits in Abrechnung gebracht sind. Das Kuratoriumsmilglied Frau Adele Zins hat es übernommen, für die 80 entsendeten Schützlinge vollständige und zweckentsprechende Bekleidung durch Naturalspeuden vou Gönnern aufzubringen, sodaß sich die Schützlinge in dem fashionablen Kurorte auch neit adjustiert zeigen konnten. Hierauf ergriff der Vertreter der israel. Knltnsgemeinde, Herr Max Frank, das Wort, um namens des Kultusvorstandes der Bewunderung und Anerkennung für die imposanten Leistungen Ausdruck zu geben, auf welche dieser Verein bei seinem kurzen Bestände Hinweisen kann. Es fei dies insbesondere der unermüdlichen Schaffenskraft und Tüchtigkeit der Frau Sofie Grünfeld zu danken. Das Judentum könne mit Stolz auf jene Persönlichkeiten blicken, dre mit so regem Eifer und so schönen Resultaten edle Bestrebungen erdenken und verwirklichen können. Redner versichert die Vereinsleirung und insbesondere die Vorsitzende, daß dem Vereine die Anerkennung und das Wohlwollen des Kltltusvorstandes in hohem Maße zuteil werden. Den Vorsitz übernimmt nun der zweite Vizepräsident Herr Generaldirektor Philipp Porges, der darauf hinweist, daß die Männer im Kuratorium der guten Sache wohl mit gutem Rate beistehen können, daß aber die eigentliche werbende und ansführende Tätigkeit den Frauen und insbesondere aber der Vizepräsidentin Frau Sofie Grünfeld znfällt. Der Schriftführer, Herr kais. Rar L i ch t e u st a d t, bringt einen ausführlichen und interessanten Tätigkeitsbericht zum Vortrage, dessen Drucklegung und Versendung an die Mitglieder beschlossen wurde. Den Kassenbericht erstattet der Kassier Herr Benno K a h a n e nnd der Revisor Herr Karl Freund berichtet Namens des Rcvisionskomitees über die ordnungsmäßige Führung der Bücher und der Gebarung. Nach Erteilung des Absoluloriums wurden Ergäuzungswahlen in den Zentralausfchuß vorgenommen. Wiederberufen erscheinen die Revisoren Karl Freund. Ingenieur Adolf Schwadron nnd Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Ludwig Sachs, ferner als Ersatzrevisoren die Herren kais. Rat N. S ch e f f t e l Baumeister Edmund Melcher, Moris Graf. Als Mitglieder des Zentralausschusses die Herren Dr. Sigmund Ehrlich. Ernst S i m o n nnd und Dr. I. Lamberger. Vizepräsidentin Frau Sofie Grünfeld widmete dem Sekretär der Institution, Herrn Guido F u ch s g e l b, für die uneigennützige Versehung der administrativen Agenden, den Dank der Vereinsleituug. Mit herzlichen Dankesworten au alle Anwesenden, die mit reger Teilnahme den Verhandlungen gefolgt sind, schloß der zweite Vizepräsident. Herr Generaldirektor Porges, die überaus würdig verlaufene Versammlung. Josef der;meitc, Moses der dritte, Friedrich der vierte. Aus meiner Studienzeit. Von Dr. D. Leimdörfer, Rabbiner und Prediger zu Hamburg. (Fortsetzung.) Friedrich, der vierte. Nach Vollendung der vier Lateinschulen nnd genügender Vorbereitung in Talmndizis sollte ich das alte Jeschibaleben gründlich kennen lernen. Wie ein fahrender Schüler, notdürftig ausgestattet, halb zu Fuß nnd halb im Heuwagen, zog ich mit Empfehlungen von R. Josef, dem zweiten, von R. Moses, dein dritten und einer ersten Gelehrteukapazilät meines Heimatsortes, Ahron Ney, zur Talmudakademie nach Waitzen, eine Stunde von der Hauptstadt Ungarns. Dort in der alten Bischofsstadt an der Donau lehrte und blühte der weithin bekannte Oberrabbiner Rabbi Schalom, allgemein Friedrich U l l m a n n genannt, früher Seelsorger in Wann, der auch Hliniks neuen Tempel eingeweiht und als Redner sich eines glänzenden Rufes erfreut hatte. In seinem Bernfungsschreiben, Nabbonesbrief. hieß es, daß die Waitzuer Gemeinde ihm 50 Bachurim oder Talmudjünger halten, d. h. für deren Erhaltung sorgen wolle. Er war der Frömmsten einer, überzeugt strenggläubig, ehrlich und tief menschlich fühlend, das Prototyp eines vornehmen Gelehrten der alten Schule, dabei in Rappoports Geiste, in Prag aka-' demische Studien treibend, ein gebildeter Mann, kerndeutsch vom Scheitel bis zur Zehe. Aber merkwürdig, während seine Predigten tadellos deutsch gehalten wurden und auch im Verkehr der Jargon — die Sprache, des größten Teiles seiner 400 Gemeindemitglieder— sorgfältig von ihm vermieden wurde, seine glänzenden Talmndvorträge unterschieden sich nicht von denen der anderen Jeschibameister Ungarns' in diesen waltete das „Jiddische" vor in Ausdruck, Ton nnd Gebärde. Jeden Morgen, mit Ausnahme von Freilag nnd Sabbat, trug er im großen Schinrzimmer bei der Synagoge, etwa zehn Schritte von seiner Amtswohnung, drei volle Stunden wohlpräpariert das Hauptpensum scharfsinnig und klar bis zur Evidenz vor. und zwischen Vesper nnd Abendandacht den kursorischen Nebenschinr. Wie Moses ans dem Sinai, umgab ihn alltäglich eine Wolke, die sein Angesicht verhüllte, nur seine Stimme wurde weithin vernommen, rind kein Laut wurde vou der ihn verhimmelnden Jüngerschar überhört. Ans einem langen Pfeifenrohr qualmte' es gewaltig und die Feuernnd Wolkensänle um ihn zauberte eitie heilige Mystik hervor, die die Schärfe — Ckarifus — feiner haarspattenden Deduktionen stets begleitete. Dazu kam seine asketische Frömmigkeit, die sich in der Inbrunst seines Gebetes nnd den zu häufig vorgenommenen Onellbad-Untertauchungen — Mikwa — und nicht zuletzt in der bedürfnislosen Lebensweise offenbarte nnd auch äußerlich in der langen, abgezehrten Gestalt, dem schneeweißen Gesicht mit den seelisch verklärten Zügen in die Erscheinung trat. Nur im Familien» hause, an der Seite von Frau nnd Kindern, am Familientische, an dem stets Arme, Gelehrte mib Jünger saßen, sah mau ihn fröhlich mib liebevoll lächelnd, ebenso im amtlichen Verkehr mit seiner Gemeinde. Seltsam, dieser tintadelig Fromme wurde von Vielen verfolgt, angcfeiudet, ja mißhandelt — weil er sich weltliche Bildung angeeignet und fehlerlos deutsch sprach und schrieb. Man möchte es nie intb nimmer glauben, wenn man esnich t erlebt hätte. Znm ersten Male sah ich „Zeloten," lernte ich „Chassidim," jene Ueberfrommen kennen, von denen Grätz in seiner Geschichte bei aller dramatischen Lebhaftigkeit seines Stils nur eine gelinde Vorstellttng gibt. Ich sah im Gebet Verzückte, sah tanzende Beter, hüpfende, wild sanansierte Eiferer, die, als znm ersten Male Vorbeter nnd Chor flache Sammtkappen, sogenannte H ä n b e l - B r e t t l, d. i. H a u p t b a r e t t s, wie mau sie in der Samson Rafael Hirschsichen Religionsgesellschaft in Frankfurt immer getragen, anfsetzten, eine stürmische Revolution gegen den Rabbi in Szene setzten, wobei mitten im Gebet die Worte des Talmud laut mißbraucht wurden: „B’mokamn scliejesck chillul haschem en cliolkin kowaud le raw," „an der Stätte, wo man Gottes Namen so entweiht, da erteilt man dem Rabbi keine Ehre!" Diese Störung des Gottesdienstes und Schmähung des edlen, geistlichen Führers wiederholte sich oft,, insbesondere wenn man auf „Scholem" Ullmanns deutsche- Predigt hiitlvies, die am schwarzen Brett draußen angekündigb war, das war „unjüdisch," da schrien nnd zeterten die frommen. Feinde: „Es ist ein Rabbi für die Chasiresser." Welch ein Aerger, wenn dem Zeloten ein Geburtsschein ausgestellt wurde mit der Unterschrift: „Friedrich Ullmanu." Welcher fromme „Rabbi" darf „Friedrich" heißen? Die Anhänger dieser Partei erhielten einen Zuwachs durch die einstigen Verehrer von Ullmanns Vorgäitger R. Anschel Reumann, der nach Jerusalem ausgewandert war nnd der kurz vor dem Tode des Pester Oberrabbiners W. A. Meisel, dessen Talmud-Thora ich späterbesuchte, um M. Kayserlings Geschichtsvortrag zu hören, in Waitzen zu Besuch seines Freundes eingetroffen war. Vor der Lehrstube unseres Meisters verhöhnten Alt und Jung alle „Uebertreter" des Gesetzes, „Poschim," das sind die deutsck- -redenden; sollte das versteckter Hinweis auf den Waitzuer „Rabbi" sein? Gewiß, aber zugleich eine Einschüchterung der sogenannten „Fortschrittler." die znm Leichenbegängnis des Pester Oberrabbiners hinüber nach Pest zu reisen vorhatten. Ein Zelot aus der Anhängerschaft R. Anschel Neumanns erzählt mit einem Anflug von Freude einen soeben vernommenen Witz: „Pest hatte bis jetzt zwei unreine ,Schrozi<ti‘ ■= Kriechtiere, als Gemeindemein

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.