Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 3 (14.1.1910)
- Date
- 1910-01-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Wahrheit Nr. 3. Serie 6. es'muß endlich ein Ende damit haben, daß gerade wir Inden so verschämt tun, wenn wir ob unseres Glaubensbekenntnisses öffentlich befragt' werden. Frei und offen -wollen wir unser Judentum bekennen, wir haben nicht nötig, uns wie einst in der Wüste, mit einer niedrigen Stiftshütte zn begnügen, sondern in unseren Wohnhäusern, ans öffentlichen Plätzen und auch in Palästen'halte der einstige jüdische Geist wieder seinen Einzug, auf den Dachgiebeln unserer Gotteshäuser wollen wir die Fahne hissen, die mit goldenen Leitern die Inschrift nach allen Wettenden träger „Heilig ist der Herr der Heerscharen, erfüllt die ganze Welt von feiner Herrlichkeit". Den Ausführungen des Vortragenden folgte stürmischer, langanhaltender Beifall. An den Vortrag knüpfte sich eine sehr anregende Diskussion, an welcher sich die Herren Professor Dr. Weiß, Rabbiner Dr. Rosen mann, Redakteur Jäger, Dr. Lifczics, Dr. Löhner, Gottlieb Bettelheim. Rabbiner Dr. F e n ch t w a n g und Dr. S ch ö n w a l d beteiligten. Mit herzlichen Dankesworten an den Vortragenden und die Redner schloß der Vorsitzende, kaiserl. Rat A n n i n g e r, zu vorgerückter Stunde die Versammlung. Ans der Wiener Knllnsgemernde. Wie bereits berichtet, fand in der öffentlichen Plenarsitzung vom 6. Jänner die Konstituierung des Kultusvorstandes statt. Präsident Dr. Alfred Stern und I. Vizepräsident Dr. Gustav Ko hu wurden einstimmig wiedergewählt; als II. Vizepräsident wurde Hosrat Dr. Benjamin R a p a p o r t mit 14 von 23 abzugebenden Stimmen gewählt, während 9 Stimmen dem Finanzreferenten Herrn Max Frank znfielen. Entsprechend dem Abstimmungsresultat im Vorstande, dürste auch in der Gemeinde die Wahl Dr. Rapaports, der, wie in weilen Kreisen behauptet wird, dem eigentlichen jüdischen Leben ziemlich fern stand, mit geteilten Gefühlen ausgenommen werden; aber anderseits gilt der neue Vizepräsident als ein wohl etwas harter, aber gerechter Mann, es darf auch seine langjährige Wirksamkeit in der Verwaltung der Gemeinde und im Versorgnngshanse nicht unterschätzt werden und namentlich der Umstand, daß er sich wiederholt als Anhänger der strengsten Sparsamkeit ans allen Gebieten der Gemeindeverwaltung bekannt hat, wird ihm manche Stimme im Vorstande verschafft haben. Die Neuwahl der Herren Professor Dr. Josef P o l l a k, kaiserl. Rat Leopold Sachs und Bezirksschulrat Dr. Markus Spitzer ins Vertreterkolleginm, wird allgemein sympathisch begrüßt; es sind durchwegs Männer, die Herz, Sinn und Verständnis für Betätigung jüdischen Lebens in der Gemeinde besitzen. Im Nachstehenden der Bericht: Nach Eröffnung der Sitzung begrüßt Präsident Dr. Alfred Stern den nach längerer Krankheit wieder erschienenen Vertreter Herrn Salo Cohn mit sympathischen Worten und beglückwünscht weiters Herrn Professor Dr. E h r m a n n zn seiner Ernennung als ordentlicher Universitätsprofessor. Im Einlauf werden bekanntgegeben an Spenden: Von Herrn Wilhelm K u f f ir e r. anläßlich der Verheiratung seiner Tochter: für die Armen-Anstalt X 500.—, für den Franenverein X 400.— für die Kinderbewahr-Anstalt X 300.—, für den Mädchen-Uuterstütznngsverein X 400.—, für den Theresien-Kreuzerverein X 800.—, für den Wöchnermnenverein K 300.—, für den Lehrmädchenhort K 300.—, für das Ferienheim X 200.—, für den Haudlungs-Krankeuverein X 200.—, für den Handwerkerverein X 200.—, für den Taubstummenverein X 100.—, für den Fraueuhort IX K 200.—, für das Blinden-Jnstitut X 1000.—, für den Ausspeisungsverein XVI—XVII X 200.—, zusammen X 4600.—. Bon Herren Heinrich und Fritz M e u d l X 3000.—, mit der Bestimmung, daß dieselben zur Beitragsleistung für Aktionen, die zur Herstellung von Existenzen von solchen Vereinen eingeleitet werden, welche der Zentralstelle für das jüdische Armenwesen angeschlossen sind, verwendet werden. Von Herrn Josef B a r b e r, anläßlich des Ablebens seiner Gattin Leonore Barber, für jüdische Arme der Stadt Wien, X 1000.—. Von Frau Fanny Taubers. A., für die Abhaltung ihrer Jahrzeit in der Versorgungs-Anstalt, X 203.40. Von Frau Hermine Raubitschek in Prag, für das Asyl für arme kranke Israeliten in Meran, X 200.—. Von Frau Philipine Samson, für Arme, X 100.—. Von Herrn Dr. Hermann Bardachs für die Max Bardach- Stiftung, X 100.—. Von T. W.. XX.. Jägerstraße, für die Jeiteles-Pfründuerinnen- Stiftung, X 10.— ' ‘ ’ Nach Verlesung des Einlaufes wird zur Wahl des Präsidiums geschritten. Als Präsident wird einstimmig der bisherige Präsident Dr. Alfred Stern gewählt. Dr. Alfred Stern.dankt in herzlichen Worten für die neuerlich auf ihn gefallene Wahl, welche er als' eine Ehre und Auszeichnung betrachte und gerne annehme. Auf den Tag seien es heute 20 Jahre seit seinem Eintritte in den Multusvorstand und zum dritten Male werde ihm die Ehre zuteil, zum Präsidenten gewählt zu werden. Als ein Beweis, wie sehr er diese Anszeichnnng zu schätzen wisse, möge sein unausgesetztes Bestreben dienen, mit aller Kraft im Interesse der Gemeinde zn wirken und an deren großen Aufgaben mitznarbeiten. Ein Rückblick auf die Zeit, in welcher er unmittelbar im Dienste der Gemeinde tätig war, läßt die ungewöhnliche Entwicklung erkennen, welche die Gemeinde gerade in der letzten Zeit durchgemacht hat. Ans einer verhältnismäßig kleinen Gemeinde ist die Wiener Knltusgemeinde zn einer größten Gemeinde Mitteleuropas, mit einer Seelenzahl von nahezu 200.000 emporgebluht, und aus einem Budget von weniger als 100.000 fl. ist heute ein Budget mit nahezu 3 Millionen Einnahmen und Ausgaben geworden. Am deutlichsten aber zeigt sich der außerordentliche Aufschwung der Gemeinde in dem rapiden Anwachsen der der Knltusgemeinde zur Verwaltung und Verfügungübertragenen Stiftungen, welche derzeit ein Gesamtkapital von4 über 14Y2 Millionen Kronen repräsentieren. Nicht allein die Höhe dieses Betrages beweist das Vertrauen, das man der Knltusgemeinde, beziehungsweise ihrem dermaligen Vorstande entgegenbringt, sondern vielmehr auch die Tatsache, daß gerade in der letzten Zeit Beträge von ansehnlicher Höhe dem Vorstande oder dem Präsidinin zur Verwendung nach freiem E.unessen überlassen und daß auch interkonfessionellen Stiftungen in ansehnlicher Summe der Kultusgemeinde zur Verwaltung übertragen werden. Aus dem jährlich erscheinenden Rechnungsabschlüsse ist zu entnehmen, daß alljährlich ein Betrag von K 600.000 seitens der Gemeinde wohltätigen Zwecken zngesührt wird. Rechnet man hiezu die Erträgnisse der Stiftungen, so ergibt sich, was für wohltätige Zwecke geschieht und es ist angesichts der großen Notlage unter unseren Glaubensgenossen unbedingt notwendig, nach dieser Richtung hin das Möglichste zn leisten. Dies darf aber nicht veranlassen, jene allerwichtigsten Agenden, welche einer Knltusgemeinde obliegen, zu vernachlässigen oder zn beeinträchtigen; es muß vielmehr mit allem Nachdrucke darauf gesehen lverden, daß zn allererst die religiösen Institutionen der Gemeinde, Gottesdienst und Schule, gestärkt und aufrecht erhalten werden und daß auch den rituellen Anforderungen Genüge geleistet werde. In diesem Sinne sind wir gerade in der letzten Zeit in größerem Maße tätig gewesen, in diesem Sinne werden wir auch iu Hinkunft zur Stärkung und Anfrechterhaltnng der Einheit der Gemeinde uns betätigen, auch wird es Aufgabe des Präsidenten sein, dem Vorstände die entsprechenden Vorlagen zn unterbreiten. Der Präsident schließt seine Ausführungen mit dem erneuerten herzlichsten Danke für das ihm entgegeugebrachte Vertrauen. (Lebhafter Beifall.) Als I. Vizepräsident wurde gleichfalls mit Einstimmigkeit Herr Landesschulrat Dr. Gustav Kohtt wiedergewählt, der für das ihm durch die Wiederwahl erwiesene Wohlwollen dankt nnd in gleicher Weise wie in den abgelanfeuen 25 Jahren seine Kräfte dem Dienste der Gemeinde widmen will. (Lebhafter Beifall.) Bei der Wahl des H. Vizepräsidenten werden 23 Stimmen abgegeben. Als gewählt erscheint Hofrat Dr. Benjamin Rapaport mit 14 Stimmen, in der Minorität bleibt Herr Max F r a n l mit 9 Stimmen.