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Die Wahrheit · 1910-01-14 · Heft 3 (14.1.1910) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 3 (14.1.1910)
Date
1910-01-14
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 3. Die Wahrheit Lette o. die Uebertritte von der Umgebung der Täuflinge und von der ganzen Gemeinschaft ausgenommen und beurteilt werden. Diesem ewigen stillen Zuschanen, wie sich von dem uralten Bauwerke nach und nach die Steine lösen, wie einst einflußreiche und feste Stützen des Judentums sich von demselben abwenden, müsse endlich einmal ein Ende gemacht werden. Jede Nation setze einen gewissen Stolz ans ihre Geschichte, ihre Literatur und ihre alten Sagen. Wir Juden aber machen uns mit Vorliebe selbst über viele unsere alten religiösen Gebräuche und über unsere Sprechweise lustig, wir setzen nniere Religion in Gegenwart der Jugend herab und schädigen dadurch ihre Lehrer und Erzieher in ihren ehrlichen Bestrebungen. (Beifall.) Sogar die wichtigsten Bildntlgsmittel: die Presse und die Kunst, werden oft von Juden zu unserer Glvfsifiziernug und Ironisierung mißbraucht. Oder sind etwa die Konversationen in gewissen Journalen während der Sominersaison keine Glossifiziernng unseres Stammes? Bieten zahlreiche Varietes noch zu wenig Stoff uns vor uns und nuferen Gegnern lächerlich zu machen? (Lebhafter Beifall.) Anstalt den Jargon und die äußerlichen Unterscheidungsmerkmale durch ethische Bildung, bei welcher die Frauen eine sehr wichtige Rolle übernehmen könnten, ans der Welt zu schaffen, geben wir uns mit einer gewissen Frivolität dazu her, unsere Ghettogeschichten zu illustrieren und laden zu solchen Aufführungen noch unsere Gegner ein. Wie könne da die Jugend an Achtung für unsere Heiligtümer gewinnen? Wollen wir ernstlich unsere alte ehrwürdige Tradition in höchsten Ehren halten, wie es andere Religionsbekenner mit ihren Formen tun, dann müssen wir erst an unsere eigene Erziehung Hand anlegen und durch Wort und Beispiel unsere Kinder in Glauben unserer Väter erziehen. Allerdings ist es hiebei sehr wichtig, die Formen in der Ausübung unserer Religion dem Fortschritte der Zeit vernünftig anznpassen. Wissen und Bildung müssen Hand in Hand mit dem Glauben gehen, sonst sei unsere aufgeklärte Jugend nicht zu gewinnen und noch weniger der Gemeinschaft für die Dauer zu erhalten. Wir müssen von den anderen Religionsgenossenschasten, denen nur einst den Gottesgedanken und die Kultur zugesührt haben, lernen, wie sie den Geist der Religion schon dem zarten Kindesgemüte einimpfen. Redner verweist diesbezüglich ans die Einrichtitngen der Katholiken und Protestanten und erinnert an das göttliche Gebot „Du sollst sie lehren Deinen Kindern, mi: ihnen davon zu sprechen, wenn Du sitzest zuhause, wenn Du auf dem Wege bist, Du sollst die Worte des heiligen Glaubens au ihre Herzen binden, an ihrem Kops befestigen, ja an alle Pfosten des Hauses und der Tore." Eindringlicher noch als die Errichtung eines Gotteshauses hat Mts die Ueberliefernng die Errichtung des Lehrhauses zur Psticht gemacht. Und tatsächlich habe sich diese Tradition durch Jahrtausende in den kleinsten Gemeinden und in allen jüdischen Familienhäusern vererbt, so daß Hans und Schule wie ein heiliger Ehebuud zusammenstanden. Das wichtigste Mittel zur Verhütung des Abfalles sieht daher Redner in der Bemühung, es den anderen Glaubensbekenntnissen gleichzntnn, die ihr Augenmerk darauf richten, in den ersten Jahren d e r. V o l k s s ch u l e den religiösen Sinn der Jugend unausgesetzt zu beleben. Hiezu sei die Errichtung von Musterschulen in allen bevölkerten Orten, und insbesondere in den von zahlreichen Juden bewohnten Bezirken Innere Stadt und Leopoldstadt erforderlich. Diese Mnsterschule müsse eine mit dem Oeffentlichkeitsrecht atlsgestattete Volksschule modernsten Stiles nicht nur für die Kinder der armen, sondern auch für die der reichsten und begütertsten Familien sein. Sie sei mit allen der Schulhygiene und dem Schönheitssinne entiprechenden Einrichtungen, mit dem erprobtesten Lehr- und Lernunterricht für den Anschauungsunterricht ansznstatten und die getviegtesten Pädagogen müssen daselbst dem Unterrichte und der Erziehung vorstehen, Männer, die nicht bloß allgemeine, moderne und Berufsbildung, sondern auch sehr bedeutendes und gründliches jüdisches Wissen und ein jüdisches Herz besitzen. Der Lehrstoff habe in erster Reihe all das zu enthalten, was ein jüdisches Kind zum Leben in seinem Glauben einst nötig haben wird. Eine solche Schule würde uns die Beruhigung geben, daß Kinder mit dieser sittlich-religiösen Unterlage den Daseins-! kamps auch ohne Taufe werden bestehen können. Die ersorder- . liehen Mittel für diese Schulen können und müssen aufgebracht! werden, wenn die verantwortlichen Führer der Gemeinde die i Ueberzeugung gewinnen, daß dieses erste Mittel zur Verhütung! des Abfalles das richtige fei.! Als zweites Mittel bezeichnet Redner die S ch a f f n n g! einer einheitlichen Organisation mit) einer | G e s a m t v e r t r e t u n g des ö st errei ch i s ch eil Jude n- | t u m s. Nur wer sich selbst achtel und schätzt, den achten und! schützen mit der Zeit auch Andere. Die jüdische Religions-; genoffenichast mußte in der Zerstreuung über den ganzen Erdball auch ans politische Selbstständigkeit verzichten. Allein nnverwehrl! ist es den österreichischen Inden, eine gesetzliche Vertretung! ihrer Gemeinschaft zu verlangen, eine frei gewählte Vertretung, ' eine selbstständige Repräsentation, wie sie jede größere Körper-; schast im Lande besitzt. Auch die Staatsgewalt würde es mit; Freude begrüßen, in einer solchen Zentralstelle einen laiigenl-! behrten Bebels zu finden, um die Wünsche und Bedürfnisse der österreichischen Jndenschaft ans kürzestem Wege kennen zu lernen,; vorhandene Uebelstände heransznfinden und dieselben rasch zu! beseitigen. Eine solche einheitliche Gesamlverlrelnng an maß- : gebender Stelle würde aber auch unseren .Neligionsgenossen : innere Beruhigung gewähren. Sie wüßten, wohin sie sich zu; wenden haben, wenn ihnen ob ihrer Konfession ein Unrecht! widerführt. Das seit vielen Jahren bestehende Rechtsschntzburean! der „Oesierreichisch-Jsraelitischen Union", welches seine freiwilligen! Dienste in ganz vorzüglicher Weise leiste, würde mit diesem j offiziellen Vertretnngskolleginm gewiß gerne in innigste Fühlung i treten. Zur Verwirklichung einer solchen Institution sei aber vor allem Einigkeit in den Reihen der Inden selbst erforderlich. Die Schwierigkeit bestünde weniger in dem Widerstande der Regierung als in der bisherigen mangelnden Eintracht in unserer! eigenen Mitte. Leider überwuchern die Svnderinteressen und ' Parteischattierungen unter uns das Gefühl der Znsammenj gehörigkeit. Die Solidarität, welche unsere Gegner uns zum! Vorwürfe machen, bestehe in Wahrheit nicht oder in einem viel! zu geringem Maße. j Redner gelangt nun zu dem dritten seiner Vorschläge.! Man dürfe wohl mit Recht behaupten, daß es kaum einen! einzigen Fall gäbe, in welchem der Glanbenswechsel auf Grund! innerer Ueberzeugung erfolge. Aus egoistischen Gründen werden j Taufen immer Vorkommen, solange die Charakterfestigkeit nicht! nationales Gemeingut geworden sei. Aber die Taufen sehr! wesentlich einznschränken, sei möglich, wenn wir Erziehung und Schule nach innen und Repräsentation nach außen ernstlich in dem angedeuteten Sinne anstreben. Zur Schule gehöre jedoch auch das allgemeine Lehrbuch, in unserem Falle das Religionsbuch für diese Schule. Dieses Lehrbuch müsse der heutigen Jugend vollständig angepaßt werden. Der Bibelunterricht dürfe nur jene Gesetze und Vorschriften enthalten, welche aus unserem gegebenen 'Territorium eiugehalteu werden können, damit durch überflüssigen Ballast nicht die Autorität des Heiligtums Schaden leide. Redner glaubt daher die Einberufung einer Synode aller Rabbiner, Religionslehrer und Schriftgelehrter v o r s ch l a g e n zu sollen, die zu beraten und z u beschließen hätten, wie dieses erschöpfende und zeitgemäße R e l i g i o n s b u ch für die Jugend e inzurichten sei. Mil aller Entschiedenheit nimmt jedoch der Vortragende gegen diejenigen Stellung, welche die Eliminierung des Urtextes unserer heiligen Bibel beantragen und die hebräische Sprache ans dem Jugendunierrichte oder gar aus dem Gottesdienste verbannen wollen. So wenig man einer kostbaren Frucht ihre ursprüngliche Frische für die Dauer erhalten kann, wenn man sie ihrer Schale entkleidet, so wenig könne unser Gottesdienst seine ursprüngliche Frische, seine Urheiligkeit beibehalten, wenn er nur in einer eigenmächtigen Ueberfetzung und nicht in der Ursprache der Jugend geboten wird. Die hebräische Sprache ivar bis heule der einzige Kitt, der alle ans Erden zerstreuten Glaubensgenossen znsammengehalten hat, und sie soll es auch in Zukunft bleiben. Redner schließt mit den Worten: „Aus dem Herzen der Bevölkerung wollen wir dem Judeutnm neues Leben znsühren.

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