Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 3 (14.1.1910)
- Date
- 1910-01-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3062972-3063520-3063523--06465-3073470- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 4. Die Wahrheit Nr. 3 dringlich verloren ist und w o d e r V e r l u st e i n e Lücke klaffen läßt, die Heilung erheischt. „Tnschijjah" in anderem Sinne. Das führt uns wieder zum Verlag „Tnschijjah" zurück. _ Vor mir liegt ein <stoß hebräischer Jugendschriften, die daselbst erschienen sind, Bilderbücher mit hebräischen Erklärungen und Sprüchlein, Fibeln, reich illustriert und ausgezeichnet eingerichtet, Grammatiken verschiedenster Art, Schreib- Lese-Fibeln, reizende Sammlungen kleiner Fabeln, Märchen, Gedichtchen, Sinnsprüche und lehrreicher Erzählungen, Beschreibungen, Schilderungen; alles hübsch und reichlich illustriert. Freilich liegt diesen Behelfen das Prinzip zugrunde. Hebräisch in hebräischer Sprache zu lehren. Es geschieht aber in so geschickter, erprobter und bewährter Weise, daß ein Versuch iu gut geführten Bibelschulen. insbesondere in Talmud-Thorah-Schulen lohnend und wahrscheinlich auch erfolgreich wäre. Da wären besonders hervorzuhebeu das reizend ausgestattete, schmucke Büchlein: „Haqriok wekakethibok“, das den modernsten Forderungen entspricht und: „Tal sckackarutk“ für Vorgeschrittene. eine lieblich illustrierte Chrestomathie; „8sisr hakatckalak“, ein kleines Heftchen, das nach Berlitz-Methode eingerichtet ist; die beiden ausgezeichneten Hefte: „lepi hattof“; die „Targile kaddiqduq“; das ganz treffliche Büchlein'Kaplans „Miqra welimmud lejalde Jisroel“, eines der besten Jugendbücher des Verlages, das Fabeln und Legenden ans Midrasch und Talmud, kleine Histörchen und Gedichtchen, kurze Belehrungen über religiöse Vorschriften, die Feste und Gebräuche enthält und nicht versäumt, gleich wie „Tal sckacliarufck“, alles, was das Leben bietet und fordert, weise zu berücksichtigen. Ganz besonders geeignet für die Bibelschnle sind die „Sippurim“, welche in verkürzter Form die Erzählungen der ganzen heiligen Schrift, die Biographien der Propheten mit den Worten der Bibel darstellen und die Möglichkeit schaffen, in kurzer Zeit den ganzen biblischen Stoff zu bewältigen. Dieses Buch ist besonders empfehlenswert und ich habe mich selbst davon überzeugt, wie rasch man mit einigermaßen vorbereiteten Kindern znm Ziele gelangt. — Aber auch für Gereiftere sorgt j „Tuschijja" ausgiebig. Da wird .in einem „Qizzur dibre kajomim leam Jisroel“ die ganze jüdische Geschichte von der Schöpfung bis in die Gegenwart auf 180 Seiten in klassischem Hebräisch erzählt. Die „Ckrestomatkia kistoritk“ schildert das Leben der Väter, Helden und Heldinnen, Propheten und Prophetinnen und flicht die aggadischen Ueberliefernngen des Talmud und Midrasch geschmackvoll ein. Die hundert Nummern der „Nizzonim“, der „Bikkurim“ und „Perockim“ spenden Erzählungen aus dem alten und jungen jüdischen Leben, auserlesene Erzählungen und Märchen auch nichtjüdischer Dichter und Schriftsteller. Ein ,.En Jaqob libne kaneurim“ sammelt aus dem bekannten, großen Werke das Schönste und Beste in glücklicher Auswahl für Jünglinge und Männer. Dieses letztere Werk, wundervoll ansgestattet und mit kritischen Noten versehen, sei besonders hervorgehoben und empfohlen. Die jüdischen Lehrer, die hoffentlich vorgebildet genug sind, um alle diese Werke gebrauchen zu können, sollten es nicht versäinnen, sie zur Hand zu nehmen; sie werden viel Belehrung und hohen Genuß gewinnen. Es ist nicht Liebhaberei oder Spielerei, die „Tnschijja" befriedigt. Ernste, zielbewußte Arbeit liegt hier vor; jüdische Kulturarbeit. Man braucht wahrlich kein Fanatiker für die hebräische Sprache zu sein, um sich für diese Dinge zu begeistern und ihr warmer Fürsprecher zu sein; es bedarf nur der Erkenntnis des vitalen Interesses des Judentums der Gegenwart, das zu verflachen und zit versanden droht. Da helfen nur zwei Mittel. Lehren und Lernen. Unsere Lehrer sagen allerdings : Nicht die Theorie ist das Wichtige, sondern die Praxis. Und Judentum ist Leben im eminentesten Wortsinne. Wir können undwerben auf jüdisches Leben nicht Verzicht leisten, wenn wir uns auch dazu verstehen und gerne verstehen, in den Grenzen der Möglichkeit, des Erlaubten und der historischen Ehrlichkeit nachsichtig, nachgiebig, entgegenkommend zu sein. Der Verlag „Tnschijjah" versendet soeben einen Prospekt seiner „Bibliotheka gedolak“. Wenn alles gehalten wird, was da versprochen ist, dann gebührt ihm höchste Anerkennung. Altklaffische Werke ans der hebräischen Literatur sollen von ersten Kräften neu ediert und zu volkstümlichen Preisen verkauft werden; kostbare Handschriften noch nnedierter Werke ans der Verborgenheit heransgeholt und der jüdischen Welt zugänglich gemacht werden. Ein ganzes Füllhorn Literatur und Geschichte soll ausgegossen, eine unversiegliche Quelle der Belehrung und des höchsten geistigen Genießens soll geöffnet werden. Wir warten hoffnnngsvoll. Was bis nun geboten worden ist, berechtigt zu hohen Erwartungen. Die Jugendbücher,^ welche mir Anlaß zu meinen Worten geben, mögen auch bei uns Eingang finden und zu dem Versuch ausmuntern, das eine oderandere in die Hand zu nehmen und es in geeigneten Schulen zu erproben. Wir zerbrechen uns die Köpfe, wie wir in die „trockenen Gebeine" Leben bringen. Geist muß hinein; jüdischer Geist, göttlicher Geist. Das fürchterliche „Amrazutk“ muß anfhören, das selbst dort zu finden ist, wo man es am wenigsten erwarten dürfte. Es darf nicht möglich sein, daß man sich mit stümperhaftem, dilettantischem Herumstochern im jüdischen Leib begnügt; daß man die virtuoseste Unkenntnis, die gespreizt und übermütig über Inden und Judentum schwätzt, für Offenbarung hält; darf nicht möglich sein, daß man Afteriveisheit und Küchenkennrnisse als Wissenschaft anpreist; daß Menschen ohne ehrliche und gründliche Erfassung des Judentums und seines Geistes, es beurteilen, bewerten und bestimmen. Darf am allerwenigsten geschehen, daß Hohlheit und Leere sich da und dort auf Predigtstühlen, Lehrkathederu und an Beratungstischen breit machen. Inr Einschränkung der Abfallkemegnng. (Vortragsabend der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union".) Vor einem überaus zahlreichen Auditorium eröffnete am 8. d. M. die „Oesterreichisch-Jsraelitische Union" ihren diesjährigen Vortragszyklus mit einem ebenso interessanten als aktuellen Vorträge ihres Vereinsmitgliedes, Herrn S. B r o d, über das Thema: „Drei Mittel zur Einschränkung der Abfallbewegung." Unter den Anwesenden befanden sich die Herren kaiserl. Nat K a u d e r s, Gemeinderat Dr. Hein, die Rabbiner Dr. Fenchtwang, Dr. David und Dr. Rose n m a n n, die Professoren Dr. Weiß und A n t s ch e r l, Bezirksrat Melcher, Bürgerschitldirektor Mantner u. v. a. Der Vizepräsident, Herr kaiserl. Rat A n n i u g e r eröffnete die Versammlung mit der Mitteilung, daß die „Oesterreichische Israelitische Union" im heurigen Frühjahre das 25. Jahr ihres Bestandes vollende und daß dieses Jubiläum durch eine festliche Veranstaltung begangen werde. Mit lebhaftem Beifalle begrüßt, verwies der Vortragende zu Beginn seiner Ausführungen darauf, daß alle monotheistischen Glaubensideen dem Judentum ihre Entstehung zn verdanken haben. In allen Kirchen und Gotteshäusern der verschiedensten Kulte ertönen unsere Psalmen, die Worte unserer Propheten; fast sämtliche Gebote und Satzungen sind unserem Gesetzbuche entnommen. Niemals aber habe die Welt eine solche Fülle von Rücksichtslosigkeit und Undank gesehen, als sie zn allen Zeiten dem Judentum erwiesen wurden. Neid, Eigennutz und Bosheit waren der Lohn, welchen die Tochterreligionen der Mntterreligion zollte. Gegenüber diesem tausendjährigen Kampfe, den die Inden zu führen hatten, muß nur mit Bedauern konstatiert werden, daß wir seit Jahrzehnten in eine gewisse Lethargie verfallen sind. Statt mit berechtigtem Ahnenstölze kraftvoll die Grundfesten unseres Glaubens zn verteidigen, bieten wir das Bild der Gleichgiltigkeit gegen alte Sitten und Gebräuche. Von Tag zn Tag häuft sich der Abfall vom Judentum. Während in weit schlimmeren Tagen die Taufe bei uns Juden eine Seltenheit gewesen ist, ist heute die Taufe zu einer Massenerscheinung ge» worden. Redner stellt den diesbezüglichen statistischen Daten der Wiener Gemeinde die vergleichenden Daten von Berlin, Budapest, Prag, Frankfurt a. M. und Brünn gegenüber und beklagt mehr noch als die Taufen selbst die Teilnahmslosigkeit, mit welcher