Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 3 (14.1.1910)
- Date
- 1910-01-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3062972-3063520-3063523--06464-3073469- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
aßrßeit Redaktion und 2lfaxititiiftvatiou: Wien, ll/i 3coöaraija|ie 27 Telephon: Redaktion 5107/VIII. Administration 493S/II. K. k. öftere. Postsparkasia- Scheck-Koiito Sir. 1000.918., Inserate: Tie viermal gespaltene Ronpareille-Zeiie 25 Heüer.i Abonneinenlsnnd Jnsertionsberräge stnd in 29ien zahlbar nnd klagbar. Möhängtge Aelischnfi für jüöische Interessen. s Gezugspreis: n Ganzjährig.K 14.— |j Halbjährig.K 7.— || ji Für Jlnlta* beamte: |i Ganzjährig.K 10. — Erscheint jeden Ireilag. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit! Für Ausland: Ganzjährig.8 Mark 6 Rubel oder 16 FrcS. Wien. 14. Iinnrer 11)10. Inhalt: Tnschijjah. — Zur Einschränkung der Abfallsbewegung. — Aus der Wiener Kultusgemeinde. — Emil Horner.—Generalversammlung des öfterr. Seehosviz. — Josef der zweite, Moses der dritte, Friedrich der vierte. — Verschiedene Nachrichten. — Fenilleron: Ein neues Licht. — Das religiöse Volkslied. — Austritte ans dem Judentum. Aie geehrten Kerren Aöonnenten werden nur freundliche Einsendung des Aöonnementsöetrages für das laufende Quartal ersucht. Tnlchijjaft. Von Dr. D. Feuchtwang. „Tnschijjah" heißt ein großer Bücherverlag in Warschau; ein schöner, verheißungsvoller Name. Denn er bedeutet: Hilfe, Rettung, Einsicht, Verstand. Der rührige Verlag hat sich die Aufgabe gestellt, Bücher für Groß nnd Klein, Jung nnd Alt ans den Markt zu bringen, welche geeignet sind, die hebräische Sprache dort wiederzubeleben, wo noch Keime und Reste vorhanden sind; in das verkalkende Geäder frisches Blut zu bringen. Ein Stab tüchtiger Jugendbildner, Hebraisten, Gelehrter steht dem Verlag zur Verfügung, der seine geläufige Feder in den Dienst dieser schönen Sache stellt. Und es ist erstaunlich, was da bisher geleistet worden ist. Für uns hier zu Lande ist es ganz unbegreiflich, unverständlich, wie dieser gänzlich verlassene, verödete Weg wieder gangbar und jedem Bereitwilligen und Marschbereiten eröffnet werden könne. Die „Hebräische Sprache" eine lebendige Sprache! Wenn man in Wien beispielsweise Umfrage hielte, ob Hebräisch eine lebendige Sprache sei, die Antwort wird ungefähr so ausfallen: Die einen würden sagen: nein, sie ist tot, gänzlich tot; andere: leider nicht, man sollte sie baldigst totschlagen; die dritten: scheintot ist sie oder scheinlebend; sie führt im Gottesdienste der Frommen ein Scheinleben, lebt kläglich und erbärmlich im Ritus der Liberalen, fristet im Religionsunterricht ein kümmerliches Dasein nnd ist dem Verhungern und Verdursten nahe. Unverstandene Gebete, unverstandene Lesung der heiligen Schrift, selbst Kaddisch und Maskir, diese „Rettungsanker" zahlloser Schiffbrüchiger, unverstanden, unümpfunden! Trägheit und Gewohnheit erhalten die „Heilige Sprache!" im Gottesdienste der innerlich Erkalteten und Erstarrten künstlich. Ein lebendiger Wert kommt ihr nicht zu. Und die fadendünne Energie, welche in den Schulen das Hebräische als unvermeidlich festhält, vermag nur eine magere Bettelsuppe zu verabreichen. So sprechen Tausende und nicht die Schlimmsten. Sprechen hunderte Jntelligenzvertreter, von denen mancher selbst ein armes Restcheu Hebräisch aus der Jugendzeit gerettet, viele aber keinen Hauch davon verspürt haben. Jeder Einsichtige wird aber rückhaltlos zugestehen, daß die Vernachlässigung und Unkenntnis der hebräischen Sprache und Literatur an dem Niederbruch 1 des Judentums mitschuldig ist. Zu diesem Zugeständnis gehört I allerdings ehrliche Kenntnis der Geschichte des Judentums, ins- > besondere der letzten fünf Jahrzehnte, und ansrichnge Beurteilung! der inneren Entwicklttug der jüdischen Gemeinden im neunzehnten! Jahrhundert. Nicht als ob das moderne Judentum unvereinbar > wäre mit der in hebräischer Sprache sortlebendeu Tradition! und dem in hebräischer Sprache sich offenbarenden national-! religiösen Geiste! nein. Jene Gemeinden beweisen das Gegenteil,! die, so konservativ sie sind, doch den Forderttngeu der Zeit im? weitesten Maße gerecht werden, die jüngste Jugend aber bis > hinauf zu den gereisten Jünglingen nnd Jungfrauen gründlich! einweihen in die uns heilige Sprache nnd in die nationalste j Schöpfung des jüdischen Genius, in die klassische und nachi klassische hebräische Literatur, welche in erster Reihe der Religion j und der religiösen Erziehung als Ausdrucksmittel gedient hat. j Damit will ich gesagt haben — was ja alte Meister und Lehrer i gegenüber lockeren hebräischen Gedichten Immanuels sagten — | daß nicht alles, was hebräisch geschrieben oder gesprochen ist,! unbedingten Beifall und sichere Zustimmung findet. Wenn es! auch wahr ist, daß eine lebendige Sprache höchste Poesie und j laszive Gassenhauer erzeugt, das Hebräische hat immer seinen I Stolz darin gesehen, eme „reine Sprache" zu sein; es war und ist I die Sprache der Religion kat exochen; mehr als die Sprache j der Nation. Die Sprache unserer Religion ist sie j immer geblieben, b e i allen Wechsels allen der j Geschichte in allen Zeiten nnd Ländern; mitten! im Schüttelfrost und in der Fieberhitze aller K r a n! h e i t e n und Gefahren; die Sprache der N a t i o n a b e r n i ch t. D a s k ö n n e n u n d s o l l e n w i r bedauern und beklagen, müssen es aber z n g e b e n. Ich vermeide es absichtlich, zu sagen, das Hebräische sei die in der ganzen Welt gebräuchliche lind verstandene Sprache unserer Gebete, das Sch’ma Jisroel klinge in tausendfachem Echo über die ganze Erde. Ich will nicht sentimental werden; das überlasse ich denjenigen, die nichts anderes' übrig haben vom ganzen Judentum als das andächtige Schwärmen und das schließlich doch schon fade Humanitätssüpplein, das aus der würzigen Kraftbrühe verdünnt ist. Ich behaupte, daß in unseren Verhältnissen die hebräische Sprache nicht vernachlässigt weden darf; sie sind, Gott sei Dank, noch nicht reif für diesen Abfall und Bruch. Ich will aber gleich gestehen, daß ich aus die Gefahr hin, als Ketzer verschrieen zu werden, die Forderung nach Ersatz des Hebräischen durch die Muttersp rache, dortfür berechtigt halte, wo esu n wieder-