Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 1 (1.1.1910)
- Date
- 1910-01-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10. Die Wahrheit Nr. 1. Wien. (Bet-Hamidrasch Talmud-Thora, Malzgasse 16.) Vortragszyklus über jüdische Geschichte und Literatur. Samstag, den 1. Jänner 1910, nachmittags 3/43 Uhr, Vortrag IV: „Der Bann in Bibel und Talmud." Herr Rabbmatskandidat Bsla Fischer. Wien. Der Vorstand des Kranken-Unterstützungs-Vereines „Liwias Chen" gibt hiermit bekannt, daß in seinem Bethause (Stefaniehof) an jedem Freitag nach dem Abendgebete biblische und talmudische Vorträge durch den bekannten Maggid Abraham L a n d m a n n abgehalten werden. Wien. (Verein „O e st. S e e h o s p i z", Oest. Kaiser Franz Josefs-Jubiläums-Seehospiz. Vereinsbureau: IX., Porzellangasse 4.) Montag, den 3. Jänner 1910, präzise 6 Uhr abends, findet im Sitzungs-Saale der israel. Kullusgemeinde, Wien, I.. Seitenstettengasse 4, II. Stock, die ordentl. Generalversammlung des Vereines „Oest. Seehospiz" statt. Tages- Ordnung: 1. Bericht des Kuratoriums und des Zentralausschusses. 2. Wahl von Mitgliedern für den Zentralausschuß. 3. Wahl von Revisoren und Ersatzrevisoren. Wien. (SozialeFürsorge für jüdischePfleglinge.) Unter höflichster Bezugnahme auf den in Ihrem geschätzten Blatte veröffentlichten Bericht des löblichen Wohltärigkeitsamtes der isr. Kultnsgemeinde bezüglich der Fürsorge für jüdische Pfleglinge, sei die Bemerkung gestattet, daß bereits seit fast 12 Jahren der i s r. F l o r i d s d o r f e r Frauenverein diesem modernen Zweige der jüdischen Humanität m ebenso zweckentsprechender wie erfolgreicher Weise seine Tätigkeit zuwendet. Der isr. Floridsdorfer Frauenverein, der unter der Leitung der überaus verdienstvollen Frau Henriette G r ü n w a l d als Präsidentin, Frau Rabbiner Dr. R o s e n m a n n als Vizepräsidentin, Frau Dr. I. König als Schriftführerin. Frau Ernestine Dukes als Kassierin, sowie anderer angesehenen Damen steht, hat diese Fürsorge über Anregung des Herrn Rabbiners Dr. Rosenmann übernommen und in der Weise durchgeführt, daß sämtliche Pfleglinge, und namentlich solche, die bei christlichen Zieheltern sind, sowohl hinsichtlich ihres körperlichen Gedeihens als auch hinsichtlich ihrer religiösen Erziehung überwacht, alljährlich zur Chanukafeier vollständig mit Kleidung und Beschuhung versehen und bei Erreichung des 14. Lebensjahres in einer Lehre untergebracht werden. Um die Zieheltern zur liebevollen Wartung anzneifern, erhalten dieselben seitens des überwachenden isr. Frauenvereines monatliche Zuschüsse von mehreren Kronen. Ohne die mit Recht belobten Verdienste des Hietzinger Frauenvereines irgendwie hiedurch hintansetzen zu wollen, sei doch in aller Höflichkeit hervorgehoben, daß derselbe einen bereits länger auf diesen! edlen Gebiete wirkenden Konkurrenten habe — den isr. Floridsdorfer Fra neu verein! Wien. Sonntag, den 2. Jänner 1910, 3 Uhr nachmittags, findet in Kohn's Restauration, XX., Heinzelmaungaffe 1, die ordentliche Generalversammlung des „B r i g i t t e n a u e r isr. Frauen-Wohltätigkeits-Vereines" mit folgender Tagesordnung statt: 1. Vortrag und Genehmigung des Rechenschaftsberichtes. 2. Eventuelle Anträge. — Am 16. Jänner 1910 veranstaltet der Verein im Hotel- Continental ein Wohltätigkeits-Kränzchen, zu welchem Karten bei allen Vorstands-Damen zn haben sind. Wien. Freitag, den 31. Dezember, seiert Herr Jonas Beck mit seiner Gattin F a n n i, geborene Eibuschütz, das Fest der silbernen Hochzeit. Czernowitz. (Aktion zur Sanierung der wirtschaftlichen Lage der in der Bukowina.) In der am 22. d. stattgefundenen Kammersitzung wies kais Rat Hecht auf die t r i st e L a g e der Juden im Süden der Bukowina hin, die durch eine gewissenlose Agitation um ihren Erwerb gebracht worden seien. Kais. Rat Hecht verwies auf die in der Artikelserie des „Czernowitzer Tagblatt" unter dem Titel „Aus einem kleinen Tribunal", gemachten Enthüllungen über die Justizverhältniffe im Suczawaer Gerichtssprengel und forderte die Einsetzung einer Äommiffion, die an Ort und Stelle Erhebungen pflegen und das gesammelte Material dem Kammerpräsidium zwecks Einleitung einer energischen Aktion übermitteln solle. Kais. Rat K i n d l e r unterstützte die Ausführungen aufs wärmste und erklärte, daß sogenannte Volksbeglücker den Ruin der einst blühenden Holzindustrie, dieser Lebenscsuelle der südlichen Bukowina, herbeigeführt hätten. Es wird sodann eine Kommission bestehend aus den Kammerräten Harth und Hecht gewählt, der ein Kammerbeamter vom Präsidium beigegeben werden wird. Die Kommission wird sich ehestens nach Gnrahumora, Kimpolung und Dorna-Watra begeben. (Alle Rechte Vorbehalten.) Gin neues Eicht. Bon Adolf Heinrich Landau (Wiener-Neustadt). (Fortsetzung.) Als Dr. Fuchs am nächsten Tag vom Gymnasium ging, traf er mit Kultnsrat Heller zusammen. „Sehen Sie, Herr Doktor, ich habe Wort gehalten und bei der Konferenz meine Ruhe bewahrt." „Ich danke Ihnen herzlich, Herr Rat. Nur dadurch, daß alle den Frieden wünschten, konnte er zustande kommen. Ich habe bloß den einen Wunsch, daß er uns auch erhalten bleibe." „Wissen Sie, was manche sagen? Nun wird man wieder grunze n". „Lassen Sie diese Leute reden. Die das sagen kommen ja ohnehin sehr selten ins Gotteshaus und diejenigen, die stets hingehen, wird das laute Mitbeten nicht genieren." „Welchen Weg wollen Herr Doktor einschlagen?" „Wenn Herr Rat gestatten, begleite ich Sie nach Hanse."'. „Das wird mich unendlich freuen." „Ich habe dem Fräulein Tochter ein Buch von Schnitzler' geliehen und möchte gerne fragen, wie es dem Fräulein gefallen"^ „Meine Erna ist ganz entzückt von Ihnen, Herr Doktor- Immer wieder erzählt sie, wie angenehm Sie unterhalten können "- „Ihr Fräulein Tochter ist sehr liebenswürdig. Ich nnw stets der Meinung, ein sehr schlechter Gesellschafter zu sein." „Das glaube ich gar nicht. Meine Tochter hat das eine voi7 den hiesigen Mädchen voraus, daß sie mit 15 Jahren in die Fremde kam. Sie wißen gar nicht, welchen Einfluß das auf ein Kind hat, wenn es in einen anderen Gedankenkreis hineingerät. In dem Institut, wo die Erna war, konnte sie mit den Töchtern ans den vornehmsten Häusern verkehren und da kann man immerhin viel lernen." „Ganz recht, Herr Rat. Nichts kann ans die Bildung des Charakters und die Erziehung mehr wirken als die Umgebung." „Ich habe kein Geld gescheut. Sie hat allgemeine Bildung, genossen, aber auch die Hauswirtschaft gründlich gelernt. Wir haben das Mädel gar nicht wieder erkannt, als es im vorigen Jahr zurückkam." „Es kann sich jeder glücklich schätzen, der das Fräulein zur Frau bekommen wird." „Ich habe für das Mädel 30.000 Kronen angelegt", sagte Herr Heller, als sie gerade das Vorzimmer betreten hatten- Erna wollte ans dem Speisezimmer enteilen, aber Dr. Fuchs war schon eingetreten. „Jetzt gibt es kein Entrinnen mehr, liebes Fräulein. —" „Aber, Herr Doktor, ich bin ja gar nicht gekleidet." „Für mich, gnädiges Fräulein, immer noch zu schön."' „Nein, nein, Herr Doktor, noch lange nicht!" Die Mama entschuldigte sich, sie mußte die Jause bereiten, Herr Heller mußte ins Geschäft zurück, so blieben die beiden „znfällig" allein. „Darf ich fragen, gnädiges Fräulein, wie Ihnen mein Buch gefallen?" „Wenn Herr Doktor nur mit diesem gnädigen Fräulein aufhören wollten. Das ertrage ich nicht." „Wirklich? Und ich dachte, das wäre Musik in Ihren Ohren. Oder würden Sie sich lieber „gnädige Fra u" nennen hören?" „O, Sie Spötter. Ist vielleicht Schnitzler Ihr Ideal?' Der spöttelt auch gerne." „Ich bin weit davon entfernt, zu spotten. Aber wenn Fräulein keinen Gefallen an Schnitzler finden, dann sollte es mich wundern. Er ist ein großes Genie und entschieden ein Original. Sein „Weg ins Freie" ist ein Meisterwerk, das in alle Kultursprachen und auch ins Hebräische übersetzt wurde.. „Er ist Jude?" „Auch das und den Grillparzerpreis erhielt er. Trotzdem. gefällt er Ihnen nicht, gnädiges Fräulein?" „Schon wieder?" sagte Erna scheinbar pikiert. „Also bitte, Fräulein." „Er ist — wie soll ich sagen? — ein Realist-"' „Fräulein müssen bedenken, daß wir bereits im zwanzigsten- Jahrhundert leben. Was man da in früheren Büchern las, das war mehr Dichtung als Wahrheit. Schnitzler aber schreibt. Leben, wirkliches nacktes Leben. — —" „Ein wenig zn nackt", sagte Erna lachend. „Nein, Fräulein; gerade das ist es, was mir ihn so lieb macht. Er bricht mit allem herkömmlichen Unsinn, er ftreift allen äußerlichen Zwang ab und was da h e r a u s kommt, i st gediegenes, reines Gold, keine L e g i e»r n n g." „Herr Doktor sprechen von einem äußeren Zwangs gibt es denn auch einen i n n e r n?" „Gewiß gibt es den. Wer in Gesellschaft verkehrt, kennt, diesen inneren Zwang, diese große Lüge. Da muß man sich hundertmal verwandeln und jedem anpassen und anschmiegen können. Lächeln, wo man gerne zornig wäre, und die Hand küssen^ wo man gerne die Faust ballen möchte." (Fortsetzung folgt.)