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Die Wahrheit · 1910-01-01 · Heft 1 (1.1.1910) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 1 (1.1.1910)
Date
1910-01-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 1. Die Wahrheit Seite 9. -feierlich verkündet, sie hätte einen stillen Liebhaber und es gäbe bald etwas Lnstiges in diesem Hause, verabschiedete er sich mit -einem stummen Hinweis aus seine Pserde. „Was heißt das?" versetzte der Vater des angehenden Bräutchens. „Meine Pserde sind auch „Lieb-Haber." Jener verstand und füllte die Futtersäcke mit „Hafer." Mein Bruder, Oberoffizial der Nordbahn, bot ihm einst .eine Knbazigarre an, er fragte ihn: „Was für welche rauchst du, Moritz?" „Vierer." — „Vierer?" „Fünfer (Fünfguldennoten) sind mir lieber!" — „Von der ungarischen .Sprache kenne ich nur ein Wort." pflegte er zu sagen: nem (n e m i n) im Sinne: nimm! Bald darauf kommentiert er das Sabbatgebet „Jismach Mosche bematnas chelko ki ewed ■nemon Korosso Io." „Moses freut sich, wenn man mit Gaben oder Geschenken ihn beteilt, denn er hnldigt dem Nehmen .(nemon) gar sehr." Obgleich man dies wußte, war er doch bei seinen Mäcenen geachtet und geliebt, und es gab kein Fest in der ganzen Gegend, au dem er nicht obenan teilgenommen und als Mittelpunkt gefeiert worden wäre. Die hervorragenden Frauen, wie die schöne Allerweltsdoktorin Rachele Singer, die Mutter des Wiener Oberkantors, die Töchter des Popperst'chen .Hauses, besonders Baronin Adele L ö w e n st e i n - P o p P e r» bei der ich Hofrat Prof. Nothnagel kennen und lieben gelernt hatte, meine frommen Großmutter F r a d l und Muhme S a r l, erstere berühmt als Kochkünstlerin, letztere durch ihr Gedächtnis, sie konnte nicht nur alle „Techinos", deutsche Gebete, und das „Teitsch-Chnmesch", Bibel im Jargon, auswendig, sondern anch :bie Jahrzeitstage aller Großen und Kleinen im Komitat, die wohltätigen Frauen Channe Nowak, Mirl Holzmann. Mirl Horn, Tscharn Maneles in Bitsch und die Milchifchen und Flaxischen und Nenmannschen, alle, alle, über die ich viel zu sagen hätte, liebten ltnb verehrten den weisen Rabbi über die Maßen. Doch hat er auch als Seelsorger viel Trübsal erlebt. Denn B o l o k und seine neun Gemeinden hörten bald auf, auf der Höhe der .Religiosität zu stehen. Es mußte ihn tief kränken, zu erleben, wie seine Zöglinge und Verehrer nach und nach seine frommen Saaten zertraten. Das hatten zwei jüdische Lehrer auf dem Gewissen: der Mädchenlehrer, der kurze Gold s ch m i d t genannt, der sich über alles Religiöse spöttisch äußerte und den ein fürchterliches Ende — er starb an Zungenkrebs — ereilt hat, und der 'Elementarlehrer ans Unternngarn, Grünwald, der in den Familien mit seiner Scheinphilosophie und Scholastik alles anszurotten anfing, was an Ehrwürdigem vorhanden war. Der .Rabbi war so verbittert, daß er das edle, fromme Kleinwien von einst S o d o m nannte, seitdem er hörte, daß man bei geschlossenen 'Türen den Sabbath entweihte, und da der Vorsteher Lord -am Eingang von Hlinik sein großes Gewölbe hatte, witzelte er oft „We-Lofc josckew besckaar Sedomu, Genesis, Cap. 19, 1, Lort wohnt am E.ingaugstore Sodoms" und kam nur selten, nur wenn er offiziell mußte, in seine Diözese zur rechten Seite. Mau muß es dem armen Familienvater von 24 Kindern hochaufnehmeu, daß er, der -Geschenken sonst nicht unzugänglich gewesen, solche abgelehnt hat, wenn sie ihm von Abtrünnigen und böswillig Unreligiöseu zngegangen waren. So erinnere ich mich eines gewissen Ehrenzweig, .der von einem Nachbardorfe am heil. Rosch-Haschono am Tempel vorgefahren kam, daun sich mit Totenhemd und weißem Barett -bekleidete und einen schlechten Roman las, während die An- > dächtigen um ihn die Fäuste ballten, um ihn zu lynchen. Dieser! hatte die Stirne, R. Moses znm Versöhnungsfeste einige Geld- > scheine zu schicken. Moses schickte sie mit einem bitteren schreiben! zurück und meinte, es wäre eine unsühnbare Sünde, von solcher! Hand etwas anznnehmen. Gemieden selbst von den Nichtbigotten, I endete der reiche Ehrenzweig bei Annahme von Gnadenbrot, .umgeben von trunkenen Bauern, siech und verkommen in Elend chld Schmach, wie es der Rabbi vorhergesagt hatte. Mit der katholischen Geistlichkeit aller seiner Gemeinden lebte der Rabbi in inniger Freundschaft, und die Sage ging, daß er am Weihnachtsabend, an dem das Talmudlernen verboten war, mit dem Kaplan von Koteso Karten gespielt haben soll, was gewiß nur erfunden worden, um feine Toleranz gegen "Andersgläubige zu erhärten. Bei Prozessionen lüstete er feinen! Hut und lehrte Ehrerbietung vor jedem Bekenntnis; dies machte ihn allgemein und auch bei den Behörden sehr beliebt. Als auf meine Veranlassung dem Philanthropen L. Popper ein Denkstein m meinem Heimatstempel errichtet wurde, zu dessen Enthüllung mich die Familie aus Deutschland berief und dem seine und meine Rede die Weihe gab, staunte ich über die Anwesenheit des Obergespans, zahlreicher hoher Richter, der meisten Komitatsgeistlichen und dichter Scharen von Christen, deren Judensrenndlichkeit nicht Popper allein, sondern ebenso dem Wirken Nenbauers zu verdanken gewesen. Der Liebe meines dritten Lehrers erfreute ich mich bis zn seinem Tode. Noch auf seinem Sterbebette durfte ich sie fühlen. Er verlangte nach mir, ich kam und fragte, ob er Appetit und Schlaf hätte, er antwortete: „Ich rverde genug schlafen." Ich zitierte das Bibelwort „Dom 1a Adonai wehisckolel lo“ ..Hoffe ans Gott und vertraue ihm." Er hatte noch die Geistesgegenwart schlagfertig die talmndische Erklärung zn erwidern: „af al pi schehu mappil loch chalolim“, „selbst dann vertraue, wenn er die dem Tode Geweihten vor dir fällt". Sodann segnete er mich mir lauter Stimme und wenige Stunden nachher starb er in den Armen seiner guten Frau zur tiefsten Trauer von vielen Tausenden. Er ruht auf dem neuen jüd. Gottesacker in Groß-Bittsche. und sein Leichenstein trägt die von ihm gewünschte geistretche Schrift (Reggios): „Ohawaj jehallelüni, w’Ojwaj jekalleluni-umah jisron benerno? ELu schogu bekallel, weele sodu bekallel waani esmaeh al knllomo.“ „Meine Freunde werden mich loben, meine Feinde verfluchen — welcher Gewinn bei Beiden? Jene fehlen im (Hallel) Loben, diese frevlen mit Fluchen — ich aber lache über Alle!" _(Schluß folgt.) Uerschiedene Uachrichte». Wien. Freitag-Abend, den 31. Dezember, Predigt im Leopoldstädtter Tempel. Wien. Freitag-Abend, den 31. Dezember, Predigr im Tempel XXI., Holzmeistergasse 12. Wien. Im allen Tempelgebäude deisrael. Tempelvereines für die Bezirke Wieden-Margareten, V. Margaretenstraße 73, finden in den folgenden Wochen jeden Freitag abends um 1jio Uhr und Samstag vormittags um 11 «9 Uhr Gastvorträge von Kanroren statt. Wien.' (T e m p e l b a n v e r e i n des VIII. Bezirkes der Stadt Wie n.) Im Josefstädter Tempel, VIII., Nendeggergasse 12, werden vom 31. Dezember d. I. angefangen, sters Freirag abends und Samstag vormittags znm jeweiligen Gottesdienste Probevorträge von Kantoren abgehalten. Wien. (E l n neues jüdisches H e r r e n h a u s m i t g l i e d.) Beim letzten Pairsschub wurde ein jüdischer Gelehrter, Hofrat Professor Dr. Adolf Lieben, als lebenslängliches Mitglied ins österreichische Herrenhaus berufen. Dr. Adolf Lieben wurde im Jahre 1836 geboren. Nach absolvierten Studien habilitierte er sich im Jahre 1861 au der Wiener Universitär für das Fach der Chemie, wurde 1865 zum Universiläts Professor in Palermo ernannt, sodann 1867 in der gleichen Eigenschaft nach Turnt, 1871 als ordentlicher Professor an die Prager Uiliversität und vier Jahre später nach Wien berufen. Nach einer jahrzehntelangen Lehrrätigkeir an der Wiener Uiliversität wurde er bei Ablauf des akademischen Ehrenjahres in den Ruhestand übernommen. Dr. Lieben, der wirkliches Mitglied der Akademie der Wisfenschaflen und Mitglied der Leovoldinisch-Karolinischen Akademie ist. wurde durch die Verleihung des Hofratstliels und im Jahre 1906 durch das Komturkreuz des Franz Josefs-Ordens mit dem Sterne ausgezeichnet. Wien. (Jüdische T o y n b e e - H a l l e. XX., Orhmargasse 46.) Das nächstwöchentliche Bortragsprogramm wurde wie folgt festgesetzt: Freitag, den 31. Dezember 1909, Bibelvorrrag, Herr M. P a l l e n b e r g. Samstag, den 1. Jänner 1910. Konzert, Quarten Frank e n sie i n. Sonntag, den 2. Jänner, Redakteur Siegfried Fleischer: „Jüdisches in alter und neuer Zeit." Montag. den 3. Jäuuer, Dr. M. Reiß: Rechtswisseuschaftlicher Zyklus (III). Dienstag. 4. Jänner. Rudolf Beck: „Das Judentum im Lichte der Moderne." Mittwoch. 5. Jäuuer. Dr. Alois schwarz: „Die Entwicklung des Parlamentarismus in Oesterreich." Donnerstag, den 6. Jänner, Dr. Bernhard M ü n z: „Ibsen als Erzieher" (I.) Zyklus. Freitag, den 7. Jänner, Bibelvortrag. Anmeldungen von Vorträgen und Mitwirkungen bei Konzerten ivolle man an den Obmann Herrn Dr. I. Samuel y, I., Fischerstiege 6, gelangen lassen. Wien. Wie wir erfahren, sind für die zn Gunsten des Tempelbausondes für den neuen Tempel der Bezirke Wieden und Margareteil veranstaltete große Akademie in den Sofiensälen am 5. Jänner 1010 nur mehr eine beschränkte Anzahl Sitze vorrätig und bei nachstehenden Berkaufsstellen erhältlich : Konzerrbureau G u t t m a n n, I.. Hofoper, Konzertbureau Karl K e h l e u d o r f e r, I.. K r u g e r st r a ß.e 3, Kartenbnreau Spitzer. I., Morzinplatz, Frau Karoline H o f m a n n, VI.. Worellstraße 3. Frau Alice Fischer. V.. Strobachgasse 8 (Telefon 833/VIII), Herrn Alfred Meißner, IX., Porzellaugaffe 24 (Telefon 21173).

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