Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 1 (1.1.1910)
- Date
- 1910-01-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 1. hat, so nannte man die drei Gemeinden B i t t s ch, H l i n i k, K o 1 t e s o: B o lo k, ihr Rabbiner war Rabbi Moses Neubauer, wohnhaft in Kotteso, kurzweg „Kotteschower Ruw" genannt. Der frühere Bittscher Rabbi, der selbst in der Christenheit wie ein Heiliger verehrt wurde, hat vor etwa 55 Jahren das Zeitliche gesegnet, und der Kotteschower übernahm auch sein geistliches Amt, wozu auch andere Kleingemeinden gehörten, so daß er abwechselnd in 9 Synagogen alljährlich predigte. Freilich war er so wenig von dieser pythagoräischen Neunzahl, die er oft erbaut hatte, erbaut, daß er, ein weithin gekanntes Muster des Witzes, im Hinblick auf diese Zahl das talmndische Wort übertreibend anwandte: „tescha zibburin schel chomez“ es seien nicht Gemeinden (Zibbur Volk), sondern 9 Haufen Cbomez, von denen ich, so eine arme Kirchenmaus, nur selten satt werde". Er ist eine merkwürdige Persönlichkeit gewesen. Von Haus aus Brannlweinfabrikant, lernte er Tag und Nacht und brachte es in Hebraicis so weil, daß er ein klassisches Hebräisch schrieb, wovon er Proben gab in Sterns Schriften „Xoobbe Jizcbak“ „Jsaksterne", daß er ferner die biblischen Bücher und ihre Kapitel und Verse so beherrschte, daß er bei Zitaten genau die Verszahl und die Worte vorher imb nachher sofort anzugeben wußte, mochte es sich um Daniel oder Ezechiel oder Proverbien usw. handeln. Dazu befaßte er sich außer mit dem Talmud, ganz besonders mit dem Studium deutscher Predigten, er lernte die Reden seines Vorgängers Dr. Gotthold Salomon auswendig, ebenso die des sel. I. N. Manheimer in Wien und A. Meisel in Pest, und alle jüdischen Geistlichen der Umgebung beneideten ihn um seinen gewandten deutschen Stil und die schöne Diktion seiner Reden, obgleich man wußte, er habe keine öffentliche Schule je besucht. Dazu kam seine große Lebensklngheit und sein kaustischer Witz, die ihn bei Juden und Christen höchst beliebt machten und ihm in die höchsten Kreise Zugang verschafften. Alt und Jung liebte und bewunderte ihn, von der Ferne liefen die Kinder ans ihn zu, um ihm, elegant gekleidet wie ein Domherr, die Hand zu küssen. Niemand ahnte, wie armselig es daheim bei ihm znging, daß er dreimal verheiratet, Vater von 24 lebenden Kindern war, die nach Brot schrien, das alle „Nenne" (siehe oben) ihm .nicht einbringen konnten. Nur seine Klugheit, seine große Beredsamkeit, insbesondere aber seine Schlagfertigkeit, bei überwältigendem Humor, die ihn befähigt hatten, von Sonntag bis Freitag zu Hause wie auswärts vielen mit Rat und Tat beizustehen, Geschäftsleuten Richtlinien anzugeben, Prozeßführern Handhaben zu reichen, und was Hauptsache war, Ehen zu vermitteln u. dgl. ließen ihn wohlhabend erscheinen, seine Not wirklich überwinden, und setzten ihn in den Stand, die Kinder gut zu erziehen und zu versorgen, ein Haus und Felder zu kaufen, ja selbst Wagen und Pferde anzuschaffen, die er öfters zur Arbeit vermietete, meist aber selber nötig hatte, um seine zahlreichen Funktionen weit und breit wie ein würdiger Prälat zu vollziehen. Ihm wacker zur Seite stand seine jugendsrische, anspruchslose Frau, die er jedem — nachdrücklich betonend — als seine Kreisrabbinerin vorstellte; sie war die Tochter des Rabbi Meyer Bist ritz, den ich seine letzten Jahre im Hause des Schwiegersohnes lernend verleben sah. So oft ich zu unserem Rabbi kam und ihn da mit Rabbi Meyer, der altehrwürdigen Patriachengestalt, vor den großen Folianten im Pilpuldisput fand, empfand ich den Vorgeschmack der Jeschiba, die ich später zu Waitzen und Preßburg besuchte. Ich kam 2—3mal die Woche nach Kotteso, später während der Ferien täglich und lernte von dem dritten Moses meist Bibelkommentare, wie Nambam, Jbn Esra und hebräische Stylistik, alles aber unregelmäßig durcheinander; doch fehlte ich, so oft ich in Hlinik war, am Sabbat nie und auch an Feiertagen, au denen er mich exegetisch meisterte. Um zu seiner Wohnung zu gelangen, mußte man bis über die Knie in Lacken und Pfützen und meterhohem Schlamm waten, und dennoch zog es uns magnetisch hin, zu dem Tische mit den großen Traktaten und dem kleinen Gläschen Borowitschka (Zwetschkenextrakt). das immer auf dem Tische stand mld worüber wir zuerst die Beuediktion sprechen mußten, noch mehr aber zu dem lustigen, unermüdlich von Witz übersprudelnden Meister. Am Rüsttage zu Pesach kamen mit mir schon gegen 6 Uhr früh etwa 80 Bechorim, Erstgeborene, die nicht fasten wollten, zum auslernen „Simn" ein es Ta lmu dtraktats, in die baufällige Kotteschower Hölzsynagoge. Nach dem Gebet und dem Lehrschlusse gabs ein Frühstück: Brot mit Likör beim Schames, Chone Putzes, das aber Raketeu von humoristischen Einfällen durchleuchteten, wofür jeder mehr als für die „Auslösung der Erstgeborenen vom Fasten" seinen, reichen Obolus spendete; ich beneidete die Guldenspender, denn ich gab nicht mehr als 4 Kreuzer, die mir vorigen Abend beim „Chomezbattlen" für Räumen des Geschirrs mein Vater abgezahlt in Papier in die Weste steckte. Das Passahessen kostete viel Geld und der Rabbi seufzte: Mein teurer Pesach! Von den vielen Gedankenblitzen seines Geistes möchte ichhier folgende, mir im Gedächtnis haftende zum besten geben. Jedem Rabbinatskandidaten ans unserer Gegend, den er wohl^ wollend prüfte und liebevoll verabschiedete, legte er scherzhaft: den Titel: Erev raw — Vorrabbi oder „Rüstling zum Theologen" mit Beziehung ans Exodus, Kap. 12, 38, wo dies Wort Mischvolk bedeutet, bei. Gefragt, warum er so boshaft anspiele, entgegnete er: „Ich bin durch harte Erfahrung kein Freund des Theologenstandes geworden. Ihr seht in meinem Hause keinen Spiegel, denn — ich sehe nicht gern einen Rabbi vor mir." Ans seinen Inspektionsreisen in seine neun Gemeinden kam er einst in die Stadt mit den drei Namen, ungarisch:: Kisutcza-Ujhely, deutsch: Ober-Nenstadtl und slavisch: Hor- Nowemesto, wo er über Sabbat blieb und beim Vorsteher abstieg, wohnte und aß. Die Vorstehersfran bedauerte, daß ihr Mann zum Freitagabend von seinen Markttonren nicht rechtzeitig, zurückkehrte; schon ward es Sabbat, die Schul beendet, der erleuchtete Tisch mit Wein und Weißbroden festlich vorbereitet, der Rabbi sprach den Weihespruch, es wurde die dampfende- Fischschüssel aufgetragen — der Hausherr aber fehlte. Mißmutig, verdrossen blickte alles zum Fenster, zur Türe — es kam keiner^ Das Essen mundete nicht, das Gespräch geriet ins Stocken.. Anverwandt blickte R. Moses ans die Misrachtafel, das ist ein mit Bildern linb Buchstaben gezeichnetes, gut eingerahmtes Blatt, das die S o nn en a n fg a n g ssei t e anzeigt, gegen die gerichtet, man das Gebet verrichtet. „Das Essen wird doch kalt, Rabbi," rief die Frau in der „goldenen Hanbe." Er gab keine Autwort, aber wie in sich gekehrt, sprach er laut vor sich die einzelnen Buchstaben M i S B a Ch musternd: „M Mem — ist gut, S — Sojin — ist gut, R Resch — gut, nur nur 0b — Cbes Ich — esse nicht gut." Kurz vor dem Tischgebet erschien mit Stecken und langer Pfeife polternd ber eben vom Wagen abgestiegene Hausherr und nach Begrüßung der Seinigen gewahrt er zum Schreck den frommen Mann, der, anstatt den Entweiher des Sabbats zur Rede zu stellen, auf ihn zuging und es zuließ, daß der Gesetzesübertreter mit der Pfeife in der Hand, ihn auf den Mund küßte. Er aber seufzte,, schüttelte das Haupt und sprach: „Ihr habt Recht — ein Row muß — kusch e n." In Kotteso hatte der bekannte Magnat Popper ein Kastell mit herrlichem Garten und einer großen Laubhütte; oft fand bei ihm Gottesdienst statt. Wenn er von Wien, wo er an der Ringstraße ein großes Palais bewohnte,, in dem sich auch seine Komptoirs befanden, zu den hohen Feiertagep kam, ging er am ersten Tage und auch am Versöhnnngstage nach Hlinik in den Tempel, um im Kittel und Gebetmantek in tiefster Andacht die -große Gesangsmeisterschaft des Altmeisters- Srole Chasen zu bewundern und „seinen" Rabbi Moses zu hören. Dieser hatte außer Geld, sehr viel vom Hanse des Barons und alle nannten ihn öfters den „Popperschen" Rabbinern Einmal besuchte ihn der alte Baron, es war im Winter, die Stube war kalt. „Wie gehts, mein Rabbi?" fragte leutselig der Holzkönig von Ungarn. Schlagfertig erwiderte jener: „Wie solls gehen? Poppers Holz hat einen Ruf, aber Poppers Ruw hat: kein Holz!" — Bald füllten sich die Holzschuppen des Rabbi mit dem -besten Klafterholz ans der Popperschen Dampfsäge zu Bittsche. . " Ein ähnliches Vorkommnis: Auf einer Schidduchreise, wo er als Ehestifter zu einem Getreide- -und Strohhändler gekommen war, gewahrte er, daß seine Pferde kein Futter haben. Er ging in die Gaststube, ließ sich bewirten, machte seine Honneurs wie Elieser aus Damaskus und nachdem er der Tochter des Hauses-