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Die Wahrheit · 1910-01-01 · Heft 1 (1.1.1910) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 1 (1.1.1910)
Date
1910-01-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Bäte 6. Die Wahrheit Nr. 1. von besonderer Bedeutung geworden sind, der Umwälzung in der Türkei. Der zweite organisatorische Teil behandelt die einzelnen Institutionen der Bewegung. Ueberall ist ein Fortschritt zu verzeichnen. Sodann folgt eine Finanzübersicht, der mir u. a. folgende Zählen entnehmen. Das Aktionskomitee, d. h. die Leitung hätte in den beiden Jahren der Berichtsperiode Einnahmen in der Höhe von 300.000 Sftarf, der jüdische Nationalfond vermehrte sich um eine halbe Million, die Banken weisen insgesamt Einnahmen von 600.000 Mark aus, die „Oelbaumspende", aus deren Erträgnissen auf dem Bodenbesitz des Nationalfonds Oelbäume gepflanzt werden, 100.000 Mark, die Gesamteinnahmen der zionistischen Organisation in der Berichtsperiode betragen 1,644.600-04 Mark. Das Gesamtvermögen der Organisation und der verschiedenen ihr gehörigen Institutionen rc. beträgt 7V2 Millionen. Der Kongreß, für den am Freitag abends und Sonnabend morgens Festgottesdienste in der großen Synagoge stattfanden, wurde eröffnet am Sonntag morgens um 10 Uhr. Unter stürmischem Beifall hielt das Aktionskomitee seinen Einzug in den Saal, an seiner Spitze lebhaft akklamiert der Präsident, David W o l f s s o h n und Dr. Max N o r d a u, der Altmeister der Bewegung. Unter lautloser Stille verlas sodann Präsident Wolffsohn die Eröffnungsrede. Er erwähnt mit Genngtnnng den starken Besuch des Kongresses und findet warme Worte für die Stadt Hamburg und ihre Inden, deren Gäste der Kongreß und seine Besucher sind. Die traurige Lage des jüdischen Volkes hat sich seil dem letzten Kongreß nicht geändert, der gehässige Druck und die unversöhnliche Verfolgung sind die gleichen geblieben. Umso mehr bleiben die Blicke aller Einsichtigen au dem zionistischen Ideal hängen, das allein Hilfe und Lösung verheißt. Eingehend gedenkt die Rede sodann der Umwälzung in der Türkei, die sie warm begrüßt. Von ihr aus datiert eine neue Epoche der zionistischen, der jüdischen Geschichte. Es ist ein erfreuliches Zeichen für den klaren Blick der neuen türkischen Männer, daß sie von Anfang an den Nutzen einer starken jüdischen Einwanderung in die weiten Räume des türkischen. Reiches erkannt haben. Die Türkei braucht Steuerzahler und wir können ihr solche geben. Sie braucht loyale Bürger, die keine fremdstaatlichen Interessen vertreten, und kann es loyalere Bürger geben, als die Juden, die ein staatserhaltendes Element im besten Sinne des Wortes sein können? Es gibt keinen Gegensatz zwischen ottomanischen Interessen und zionistischen Bestrebungen. Gegenüber gehässigen Angriffen, die in dieser Hinsicht, insbesondere von jüdischer Seite verbreitet wurden, erklärt die Rede feierlichst: .Die ottomanische Staatseinheit. die Weltmachtstellung und die innere Wohlfahrt der türkischen Monarchie, ihr Schutz und die gedeihliche Entwicklung ihrer Gesamteiurichtungen sind die selbstverständliche Voraussetzung der zionistischen Arbeiten. Die ottomanischen Gesetze werden die Richtschnur sein für alle zionistischen Unternehmungen, und auf der freiheitlichen türkischen Verfassung werden sich alle zionistischen Pläne aufbauen. In der nunmehrigen Rechtsstellung, in den staatsgrnndgesetzlich gewährleisteteten und in einer fortschrittlichen Entwicklnng begriffenen Einrichtungen erblicken die Zionisten die Garantien ihrer persönlichen und nationalen Sicherheit." Die Rede wurde mit stürmischem Beifall ausgenommen, insbesondere die politische Erklärung wurde lebhaft begrüßt. Besonders gefeiert wurden auch die türkischen Delegierten und Dr. Nordau, der vor kurzem seinen 60. Geburtstag begangen hat. Es folgte eine Reihe von Begrüßungen seltens des Vorstandes des Deutsch-Israelitischen Synagogenverbandes, der jüdischen Gemeinden Altona, Wandsbeck, Kiel und Lübeck nsw., die erklärten, der zionistischen Bewegung ihre volle Sympathie entgegenzubringen und die sich freitdig zur Mitarbeit bereit erklärten. Der Vorsitzende der zionistischen Ortsgruppe Hamburg überreichte eine Krongreßspende in der Höhe von 3000 Mark als Grundstock einer Stipendienstiftung für jüdische höhere Schulen in Palästina. Sodann hielt, stürmisch gefeiert, Dr. Nordau die traditionelle Kongreßrede. Der erste Teil seiner Rede war hauptsächlich kritischer Natur. Er ivandte sich gegen den Uebereifer zionistischer Kreise, die im ersten Ueberschwang der Begeisterung nach der türkischen Umwälzung eine vollständige Aendernng, des zionistischen Programms verlangten.' Ebenso in der Eröffnungsrede betonte er scharf die absolute Vereinbarkeit des zionistischen Programms mit den neuen türkischen Verhältnissen und die vollständige Unmöglichkeit einer Aenderung des Programms. Die Zionisten wünschten nichts sehnlicher, als treue und loyale Bürger des gastfreundlichen türkischen Staates werden zu können, andererseits wollten sie keineswegs ans ihre national-kulturelle Entwicklung verzichten. Zur Assimilation brauchten sie nicht nach der Türkei auszuwaltdern, das könnten sie hier einfacher haben. Aber sie wollen sich ja nicht assimilieren, sie wollen ihr jüdisches Volkstum ausbauen, entwickeln, sicherstellen. Daß das alles andere bedeutet als irgendwelche Separationsgelüste gegenüber dem ottomanischen Reiche ist klar und nur ganz Böswillige und Dumme können das Gegenteil behaupten. Die glänzende Rede Nordaus wurde immer und immer wieder unterbrochen durch Stürme der Begeisterung und Zustimmung. Es folgte sodann die Wahl des Kongreßpräsidiums. Abweichend von der früher üblichen Art wurde diesmal die engere Leitung nicht in das Kongreßpräsidium gewählt, um die Legislative und Exekutive der Behörde auch äußerlich sichtbar zu trennen. Natürlich hat die engere Leitung die. Möglichkeit in jedem Stadium der Verhandlungen in den Kongreß einzngreifen. Die Nachmittagssitznng wurde mit der Totenfeier eingeleitet. In warmen, rührenden Worten gedachte Dr. Nordau der großen Schar von Freunden und Anhängern, die der Bewegung durch den Toi) entrissen wurden. Der Großherzog von Baden, dieser warme Förderer zionistischer Bestrebungen ist dahingegangen, eine Reihe leitender Männer innerhalb der Organisation sind ihr durch den Tod entrissen worden, zahlreiche Gesinnungsgenossen und Freunde sind ihr weggestorben. Die Rede war in ihrer Schlichtheit und von Herzen kommenden Ergriffenheit ein kleines Meisterstück rhethorischer Improvisation. Sodann erstattet der Generalsekretär der Organisation in hebräischer und deutscher Sprache den Bericht der Leitung, von dem wir bereits oben sprachen. Es folgt die Generaldebatte, die gleich am ersten Nachmittage einen ziemlich lebhaften Charakter zeigt. Der erste Redner, Prof. Leon Kellner, Czernowitz, beschränkt sich allerdings auf rein geschäftsordnnngsmäßige Vorschläge zur Ausgestaltung des Kongresses. Ihm folgt Dr. P a sm a n i k-Genf, der sich sehr scharf gegen die Leitung wendet. Er wirft ihr absolute Untätigkeit und Unverständnis gegenüber den Forderungen des Tages vor. Sie habe sich ihrer Aufgabe keineswegs gewachsen gezeigt. Unter lebhafter Bewegnng des Kongresses, die sich ebenso in Zustimmung wie in stümischer Ablehnung der Rede äußert, verlangt er eine vollständige Reorganisation der Leitung, Verlegung der Zentrale von Köln nach einem jüdischen Zentrum, etwa Berlin und eine viel umfassendere und mehr dnrchgebildete Arbeit, als bisher geleistet worden sei. Ec richtet scharfe Angriffe gegen einzelne bestimmte Vorsteher der Organisation und kommt zu dem Schluffe, daß dieser Leitung das Absolutorium nicht zu erteilen sei. Die Rede fand stürmischen Widerspruch, teilweise allerdings auch lebhaften Beifall. Als zweiter Redner schlägt Dr. T h o n-Krakan einen viel milderen Ton an, wenn auch der Grundton seiner Aussührnngen gleichfalls oppositionell gefärbt ist. Die Leitung habe wohl manches Beachtenswerte geleistet. Andererseits fehle ihr der enge Zusammenhang mit den jüdischen Massen, es gehe von ihr keine Resonanzwirkung auf die Bewegung selbst aus. Man fühle die Leitung nicht genug, sie müsse viel stärker zum Ausdruck kommen. P o o!-Hengelo richtet Angriffe gegen den Direktor der Jüdischen Kolonialbank, Herrn Cowen, und gegen die Geschäftsführung des Jüdischen Nationalfonds. D a i ch e s-Londou spricht ebenfalls als Oppositionsredner. Er bedauert, daßdie heutige Eröffnungsrede Wolffsohns mit ihrer starken Betonung der Wirkung der türkischen Umwälzung auf die zionistischen Verhältnisse nicht schon vor einem Jabre gehalten worden sei. Damals seien die Zionisten verschmachtet nach einem befreienden Worte, aber die Leitung habe geschwiegen. Was heute erklärt

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